04.11.2020

Architekturwettbewerbe: Architektenvertrag und -wettbewerb

Lösungsorientierte Planerwahlverfahren und damit insbesondere der Architekturwettbewerb haben in der Schweiz eine grosse Tradition und werden von verschiedener Seite als Grundlage und Quelle einer guten und spannenden Baukultur verstanden. Zu Recht: Denn wohl kein anderer Berufs- oder Wirtschaftszweig kennt solche direkten lösungsorientierten Konkurrenzverfahren wie der Wettbewerb oder der Studienauftrag, mit welchen die Auftraggeber nicht nur den späteren Vertragspartner, sondern gleich auch noch die beste Lösung für ihre Bedürfnisse ermitteln können.

Von: Christoph Schärli  DruckenTeilen 

Christoph Schärli, lic. iur.

Christoph Schärli, lic. iur., ist als Rechtsanwalt bei Geissmann Rechtsanwälte in Baden und Zürich tätig. Er berät und vertritt Unternehmen, Gemeinwesen sowie Privatpersonen in allen Belangen des öffentlichen und privaten Baurechts sowie des Submissions- und Verwaltungsrechts.

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Architekturwettbewerbe

Einleitung

Über die Ziele und die entsprechenden formellen Anforderungen eines solchen lösungsorientierten Konkurrenzverfahrens wurde schon viel geschrieben. Die nachfolgenden Zeilen sollen sich einer spezifischen Schnittstelle widmen, welche immer wieder zu Problemen und Fragen führt und die ein Denkanstoss sein kann, allenfalls das Planerwahlverfahren des Wettbewerbs und des entsprechend damit in Aussicht gestellten Anspruchs des Gewinners auf einen Folgeauftrag zu modifizieren.

Lösungs- und leistungsorientierte  Beschaffungsverfahren 

Das lösungsorientierte Beschaffungsverfahren eignet sich sowohl bei privaten wie auch öffentlichen Beschaffungen von Architekturleistungen für die Evaluation der besten architektonischen Lösungen für das geplante Vorhaben.

Das Wettbewerbs- und das Studienauftragsverfahren

Der Wettbewerb und auch ein Studienauftragsverfahren grenzen sich als lösungsorientierte Beschaffungsformen von der leistungsorientierten Beschaffungsform stark ab. So hat etwa der Projektwettbewerb das Ziel, den besten Lösungsvorschlag zu ermitteln und nicht den Planer mit dem besten PreisLeistungs-Verhältnis zu finden.

Entsprechend sieht auch die SIA-Ordnung 142 für Planungswettbewerbe keinen Preiswettbewerb vor. Beim Wettbewerbsverfahren werden die besten Lösungen gekürt. Allfällige Vergütungsmodalitäten des in Aussicht gestellten Folgeauftrags sind nicht Teil der Jurierung und fliessen nicht ins Ergebnis bzw. die Beurteilung ein.

Ziel ist der Folgeauftrag 

Da die Planer für Wettbewerbsbeiträge jedoch stark in Vorleistungen gehen und die Preisgelder (welche ohnehin nur an die bestplatzierten Teilnehmer überhaupt ausgerichtet werden) die Aufwände eines Wettbewerbsentwurfs meist nicht annähernd decken können, ist der entsprechende Folgeauftrag das eigentliche Ziel der Wettbewerbsteilnahme. Somit ist der Architektenwettbewerb zu einem grossen Teil ein – wenn auch sehr aufwendiges – Akquise-Instrument der Architekten. 

«The winner takes it all» – eine Wettbewerbsteilnahme lohnt sich (zumindest finanziell) für den Planer meist überhaupt nur dann, wenn eine Beauftragung für das Vorhaben folgt. Es ist Teil des Konzepts, dass die Vorleistungen und Aufwendungen für den Wettbewerbsbeitrag durch den Auftrag der Projektierung und Ausführung des Projekts sozusagen «quersubventioniert» werden.

Entsprechend ist bei einem Projektwettbewerb nach SIA 142 vorgesehen, dass die Wettbewerbsgewinner im Normalfall einen Anspruch auf einen vollen Folgeauftrag, d.h. einen Architektenvertrag für 100% Teilleistungen nach SIA für die Planung und Realisierung des Vorhabens, erhalten.

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Regelungen zum Folgeauftrag fehlen 

Der Wettbewerbsordnung der SIA 142 regelt aber nur das Verfahren des Wettbewerbs bis hin zur Jurierung und den Ansprüchen des Wettbewerbsgewinners. Die Konditionen des Folgeauftrags, d.h. des eigentlichen Architektenvertrags, werden mit dem Wettbewerb nicht ermittelt oder bereits verhandelt. Dies betrifft nicht nur die Vergütungshöhe, sondern auch andere grundsätzlich der Vertragsfreiheit der Parteien überlassene Parameter eines Architektenvertrags wie Vergütungsmodalitäten, Verantwortlichkeiten, Pflichtenheft, Haftungsklauseln, aber auch die Fragen betreffend den Beizug von Subplanern. 

Diese Lücke führt immer wieder zu Diskussionen und teilweise auch zu Streitigkeiten.

Zur Frage der Honorierung

Es wäre in anderen Branchen kaum vorstellbar, bei der Auswahl des zukünftigen Vertragspartners die Vergütungs- und Vertragsfrage offenzulassen und erst dann, wenn die Auswahl erfolgt ist, sich darum zu kümmern und die Konditionen der Zusammenarbeit zu regeln. Auch im Bereich der Architekturwettbewerbe hat diese Praxis bislang vereinzelt zu Unklarheiten geführt.

Entsprechend empfi ehlt auch die KBOB (Koordinationskonferenz der Bau- und Liegenschaftsorgane der öffentlichen Bauherren) aus Gründen der Transparenz und zur Vereinfachung der Vertragsverhandlungen die objektspezifi schen Kennwerte bereits im Wettbewerbsprogramm festzulegen und die Teilnehmer zum Akzept der Bedingungen zu verpflichten.

Diese Praxis birgt aber ebenfalls Probleme und kann zu einseitig diktierten Verträgen führen, welche auch unter dem Aspekt der Marktmacht der öffentlichen Auftraggeber kritisch zu betrachten ist.

Bisher wenig Wettbewerb 

Dass Diskussionen über die Höhe und das Modell der Vergütung im Nachgang zu Wettbewerbsverfahren bei den Vertragsverhandlungen doch noch eher selten vorkommen, liegt daran, dass bisher im Bereich von Architektenverträgen bei der Vergütung und auch den Vertragsmodellen der Planer nur sehr wenig Wettbewerb bestand. Auch wenn die langjährig verwendeten SIA-Verbandtarife seit Jahren nicht mehr publiziert werden, lässt auch das aktuell am meisten verwendete Preismodell mit der Kalkulationshilfe der Berechnung des Honorars nach aufwandbestimmender Bausumme faktisch keinen Wettbewerb bei den Vergütungsmodellen zu. 

Wichtiger Hinweis: Es ist somit zumindest nicht auszuschliessen, dass zukünftig das Vergütungsmodell nicht einfach mehr als Standardformel über die Baukosten festgelegt werden kann und damit die Vertragsverhandlungen mit dem Wettbewerbsgewinner betreffend die Vergütung und das dafür anzuwendende Modell einige Fragen mehr aufwerfen.

Der SIA hat auf Druck der WEKO die neue Leistungs- und Honorarordnungen, Ausgabe 2020 angepasst und das Modell der Honorarberechnung nach den Baukosten entfernt (Art. 5.3 SIA LHO 2020) und empfi ehlt nur noch die Honorierung nach effektivem Zeitaufwand, die Pauschale und die Globale.

Entsprechend ist zumindest nicht auszuschliessen, dass zukünftig das Vergütungsmodell nicht einfach mehr als Standardformel über die Baukosten festgelegt werden kann und damit die Vertragsverhandlungen mit einem Wettbewerbsgewinner über die Vergütung und das dafür anzuwendende Modell einige Fragen mehr aufwerfen. Dies wird die entsprechende Problematik sicher nicht entschärfen.

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