23.05.2018

Technischer Zinssatz: Einige Anmerkungen zur laufenden Debatte

Der Strukturbruch im Zinsbereich erzwingt eine Modifikation der «Goldenen Zinsformel». Der technische Zinssatz muss individuell in Abhängigkeit von der Anlagestrategie und den besonderen Umständen dezentral vom Stiftungsrat in einem ALM-Prozess festgelegt werden. Kompetenzentzüge in dieser Frage durch die Hintertür sind zurückzuweisen.

Von: Jürg Schiller   Drucken Teilen   Kommentieren  

Jürg Schiller

Jürg Schiller, Abschluss in Wirtschaftsgeschichte und Volkswirtschaftslehre an der Universität Zürich; Diplom als Chartered Financial Analyst CFA; Dozent in der Stiftungsratsausbildung; Gründer, VR-Präsident und Geschäftsleitungsmitglied VI VorsorgeInvest AG in Wetzikon.

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Technischer Zinssatz

Was versteht man unter dem technischen Zinssatz?

Es gibt zum technischen Zinssatz unzählige Definitionen. Es sei hier auf die Erläuterung des Bundesrates verwiesen: «Der technische Zinssatz dient als Rechnungsannahme. Wie hoch kann das für die lebenslangen Rentenzahlungen zurückgestellte Kapital während des Vermögensverzehrs (laufende Rentenzahlungen) verzinst werden? Diese Annahme hängt von der Erwartung der Entwicklung der Finanzmärkte ab. Eine tiefere Renditeerwartung und damit ein tieferer technischer Zins ermöglicht für dasselbe Kapital eine tiefere Rente (und umgekehrt).»1

Man bemerke, die korrekte Höhe des technischen Zinssatzes ist erst im Nachhinein bekannt.

Strukturbruch durch die Finanzkrise 2008

Um die Dimension des Strukturbruchs durch die Finanzkrise zu verstehen, muss ein Blick zurück zu den Annahmen des BVG in der Startphase mit ihrer Orientierung an der «Goldenen Zinsformel» gemacht werden. Der technische Zinssatz wurde mit einem Abschlag von rund 1,5% zum durchschnittlichen Zinsniveau (Basis: Durchschnitt 1970–1985) bei 4% festgelegt. Dies entsprach dem erwarteten Nominallohnwachstum (2% Anstieg der Arbeitsproduktivität plus 2% Teuerung) und dem BVG-Minimalzinssatz (rund 70% des damaligen Zinsniveaus). Vier Anliegen auf einen Schlag konnten dadurch erreicht werden:

  • Die Pensionskassen konnten risikolos anlegen und dennoch die BVG-Minimalanlageziele erreichen. Die damaligen Anlagestrategien hatten ein erwartetes Risiko von rund 1,5%. In der Realität waren die ausgewiesenen Anlagerisiken wegen der Rechnungslegungsvorschriften noch tiefer. Unterdeckungen durch ungünstige Börsenentwicklungen wurden so durch den Gesetzgeber faktisch ausgeschlossen.
  • Die Destinatäre partizipierten an einem Anlageerfolg, der über dem erwarteten Nominallohnwachstum lag. Das minimale Anlageziel für Destinatäre – die Kaufkrafterhaltung – konnte mit tiefen Anlagerisiken erreicht werden. Sparen lohnt sich, wenn die Verzinsung der Sparvermögen über dem Nominalwachstum liegt.
  • Die Pensionskassen konnten die Leistungen langfristig garantieren.
  • Die Sicherheitsabschläge (Anlageerfolg – technischer Zinssatz) waren im damaligen Zinsumfeld wirtschaftlich tragbar.

Das Zinsumfeld hat sich seit der Startphase des BVG grundlegend verändert:2

  • Die aktuellen Zinssätze liegen unter dem Nominallohnwachstum von rund 1%.
  • Die aktuellen Zinssätze liegen unter dem BVG-Minimalzins und den angewendeten technischen Zinssätzen.

Im Normalfall können die Pensionskassen nicht mehr risikolos die Minimalanlageziele erreichen.3

Unterschiedliche Vorsorgewelten als Realität anerkennen

Das tiefe Zinsniveau hat die Unterschiede in den Vorsorgewelten weiter akzentuiert. Auf der vorsorgepolitischen Ebene wird diese Differenzierung weitgehend tabuisiert. Es gibt versicherungsnahe Lösungen und Pensionskassen mit geringer Sanierungsfähigkeit (Teilliquidation, sehr hoher Rentneranteil), die sich am ökonomischen Deckungsgrad orientieren und das aktuelle Zinsniveau als technischen Zinssatz nehmen müssen. Es gibt Pensionskassen mit hoher Risikofähigkeit oder Vorsorgeeinrichtungen von börsenkotierten Unternehmen, welche die internationale Rechnungslegung im Blickwinkel haben. Eine einheitliche, zentrale Festlegung eines technischen Zinssatzes liegt zwar im Interesse der Aufsichtsbehörden für Allgemeinverbindlichkeitserklärungen oder Scheinvergleichbarkeitsstudien und den Beratern (Reduktion Haftungsrisiko), ist aber eigentlich systemwidrig. Im dezentralen Schweizer System ohne einseitige Arbeitgeberverpflichtung muss die Festlegung des technischen Zinssatzes in der alleinigen Kompetenz des Stiftungsrates liegen. So sieht es übrigens auch der Gesetzgeber (BVG Art. 51a Abs. 2 lit. e). Kompetenzentzüge in dieser Frage, die durch Allgemeinverbindlichkeitserklärungen durch die OAK oder konkrete, einheitliche Zinsvorgaben erfolgen könnten, sind grundsätzlich zurückzuweisen. Regulierungsbedarf besteht nur auf der Ebene der Grundsätze.

Entwicklungsdynamik des technischen Zinssatzes

Einigkeit besteht darüber, dass die Reduktion des technischen Zinssatzes im Vergleich mit den gesunkenen erwarteten Erträgen aus den ALM-Studien und den rückläufigen Zinsen besonders ab 2010 zu schwach ausfiel. Dazu beigetragen haben die Fachrichtlinien FRP4, die sich zu stark an den historischen Erträgen und dem aktuellen Zinsniveau orientieren (in der Finanzökonomie ein Tabu seit den 90er-Jahren), und die Risikomanagementvorstellungen, die die Entwicklung der Wertschwankungsreserven (Bilanzrisiken haben vor Finanzierungsrisiken Vorrang) in den Mittelpunkt rückten. Der technische Zinssatz muss mit einer langfristigen Marge unter den erwarteten Renditen liegen. Dies ist gegenwärtig nicht der Fall. In den aktuellen ALM-Studien wird eine Performance in der Regel um 2% erwartet. Die technischen Experten setzen basierend auf ihrem Modell den Referenzzinssatz – übrigens ein Maximalwert – bei 2% an. Ein Zustand, den die Experten thematisieren müssten.

Verteilungsgerechter technischer Zinssatz

Der verteilungsgerechte technische Zinssatz müsste mit dem BVG-Minimalzinssatz identisch sein. Im Schweizer System ist dies bei den vorherrschenden Kompetenzregelungen kein gangbarer Weg, weil der BVG-Minimalzinssatz vom Bundesrat als eine Kompromissgrösse nach politischen Kriterien (alle Player im Spiel halten) und aktuellen Performancedaten festgelegt wird. Die von der BVG-Kommission angewendeten Modelle, die auch auf Vergangenheitsgrössen abstellen, würden tiefere Minimalzinssätze anzeigen. Die Differenz zwischen dem technischen Zinssatz und dem BVG Minimalzinssatz ist momentan zu gross – mit entsprechenden Zementierungen der Umverteilungen zulasten der Jungen und Aktiven. Stossend ist auch, dass die BVG-Kommission mit anderen Modellen arbeitet als die SKPE. Wenn es Koordinationsbedarf gibt, dann in diesem Bereich. Die Untergrenze des technischen Zinssatzes nach FRP 4 müsste dem BVG-Minimalzinssatz entsprechen.

Abschlag zum erwarteten Ertrag

Einigkeit besteht darüber, dass der technische Zinssatz mit einer Marge unter dem erwarteten Anlageerfolg liegen sollte. Dies ist eine notwendige Bedingung für die Systemstabilität. Nach gängiger Ansicht dient der Abschlag zur Finanzierung der Langleberisiken und der Verwaltungskosten. Dies ist grundsätzlich ein falscher normativer-politischer Ansatz. Langleberisiken sollten vorgängig gerecht mit Generationentafeln zurückgestellt und nicht im Nachhinein über den Finanzerfolg finanziert werden. Die Pensionskassen müssen als Versicherung, die Leistungen garantiert, verstanden werden. Diese Garantie kann finanzmathematisch berechnet werden. Langfristig können rund 60% des erwarteten Anlageerfolges garantiert werden (Basis: ValueValue-at-Risk-Modelle mit mehrjährigen Ausfallperioden). Mit diesem Ansatz müsste der technische Zinssatz zwischen 1% und 1,5% liegen. Immer noch deutlich höher als das aktuelle Zinsniveau.

Wird der technische Zinssatz strukturell immer zu hoch festgelegt?

Die Antwort auf diese Frage finden Sie in unserem Beitrag «Technischer Zinssatz – einige Anmerkungen zur laufenden Debatte» aus dem Print Newsletter Finanz und Rechnungswesen.

FUSSNOTEN
1Vgl. www.newsd.admin.ch/newsd/message/ attachments/1775.pdf, abgerufen: 11.02.2018.
2 Vgl. BIS Working Paper Nr. 685 «Why so low for so long?», Dezember 2017.
3 Vgl. Peter Blum (2017): «Assuring Future Pensions: The Danger of Taking no Risk», Zürich 2017.

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