19.07.2017

Rechnungslegung von Versicherungsunternehmen: Versicherungsunternehmen, Versicherung, Risikoschutz

Die Produkte einer Versicherung weisen eine Reihe besonderer Merkmale auf, weil sie stets immateriell sind, jedoch einen materiellen Inhalt zum Gegenstand haben. Ein Versicherungsnehmer erhält einen immateriellen Nutzen, weil er während einer bestimmter Zeitdauer einen vertraglich festgelegten Risikoschutz erhält und weiss, dass er im Versicherungsfall den ihm entstandenen Schaden teilweise oder vollumfänglich vergütet bekommt. Als Gegenleistung für diesen Schutz entrichtet der Versicherte dem Versicherer eine Zahlung in Form einer Prämie, welche somit den materiellen Inhalt eines Versicherungsproduktes darstellt.

Von: Prof. Dr. Thomas Rautenstrauch   Drucken Teilen   Kommentieren  

Prof. Dr. Thomas Rautenstrauch

Thomas Rautenstrauch ist Professor für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Accounting und Controlling sowie Leiter des Center for Accounting & Controlling an der HWZ Hochschule für Wirtschaft Zürich. Weiterhin ist er als Gastprofessor für Management Accounting im Executive MBA des Institute for Management in Technology (iimt) an der Universität Fribourg tätig. Thomas Rautenstrauch ist Autor von mehreren Fachbüchern und zahlreichen Artikeln in Fachzeitschriften und in der Wirtschaftspresse.

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Rechnungslegung von Versicherungsunternehmen

Ein solcher Versicherungsschutz ist durchaus komplex und kann neben einem Risikogeschäft als Grundlage des Versicherungsgeschäfts (das Risiko wird vom Versicherungsnehmer auf den Versicherer übertragen) auch noch ein Spar- und Entspargeschäft (ein über die Jahre angespartes Kapital wird in der Lebensversicherung z.B. bei Pension entweder einmalig oder mit Rentenzahlungen wieder ausbezahlt) sowie ein Dienstleistungs- und Abwicklungsgeschäft (beinhaltet die Dienstleistungen des Versicherers, wie z.B. die Kundenberatung oder die Abwicklung von Schadenfällen) umfassen.

Durch die Verdichtung einer Vielzahl von homogenen und voneinander unabhängigen Risiken im Versicherungsbestand kann der Versicherer einen Risikoausgleich im Kollektiv erreichen.

Die vorgenannten Besonderheiten der Produkte von Versicherungen führen dazu, dass auch die Rechnungslegung von Versicherungsunternehmen zahlreiche Besonderheiten aufweist. So sind die Bilanz und Erfolgsrechnung eines Versicherungsunternehmens seit je geprägt von versicherungsspezifischen Eigenheiten, die es dem Leser des Geschäftsberichts eines Versicherungsunternehmens erschweren können, die Zusammenhänge und essenzielle Informationen daraus zu verstehen. Zudem fehlt es nicht selten an Transparenz, die erforderlich ist, um den tatsächlichen wirtschaftlichen Zustand des Unternehmens erkennen zu können.

Eine wesentliche Besonderheit der Rechnungslegung von Versicherungen beruht allerdings auf der Notwendigkeit, die Abwicklung von häufig sehr langfristig dauernden Geschäften auf einen Stichtag hin darstellen zu müssen. Hieraus folgt, dass der Versicherer ein mutmassliches Ergebnis präsentiert, bevor ihm die von ihm zu erbringende Leistung im Sinne einer Risikoübernahme bekannt ist.

Wesentliche Charakteristika der Rechnungslegung von Versicherungsunternehmen

Die folgenden Begriffe werden im Zusammenhang mit der Rechnungslegung einer Versicherung verwendet und haben einen wichtigen Einfluss auf die Darstellung in der Bilanz- resp. Erfolgsrechnung einer Versicherung:

Zeitraumbezogenheit

Unter dem Begriff Zeitraumbezogenheit werden die folgenden Aspekte diskutiert:                  

  • Zeitliches Auseinanderfallen von Prämienzahlung und Schadenzahlung:
    Das Risikogeschäft einer Versicherung zeichnet sich durch das zeitliche Auseinanderfallen von der Prämienzahlung des Versicherten und der Schadenzahlung des Versicherers aus. Die Prämie wird bereits bei Abschluss des Versicherungsvertrags, erstmalig oder einmalig je nach Versicherungsart fällig, während die Schadenzahlung im Laufe der Versicherungsperiode anfallen kann. Dies ermöglicht dem Versicherer eine Investition in Kapitalanlagen, was somit das Spargeschäft einer Versicherung darstellt.
  • Bilanz- und Versicherungsperiode sind nicht zwangsläufig deckungsgleich:
    Nachdem der Versicherungsnehmer die Prämie bezahlt hat (Bilanzperiode), erhält er Anspruch auf Versicherungsschutz in der Folgeperiode. Die periodengerechte Erfolgsermittlung erfordert auf der Bilanzseite die Bildung eines transitorischen Rechnungsabgrenzungspostens.
  • Zeitanspruch von Schadenzahlungen – Schadenrückstellungen
    Die Abwicklung eines Schadenfalls und dessen Auszahlung ist mit einer gewissen Zeitdauer verbunden. Dadurch entstehen bei Jahresabschluss Versicherungsfälle, die wirtschaftlich entstanden und rechtlich eingetreten, jedoch noch nicht reguliert worden sind. Daraus entstehen ungewisse Verbindlichkeiten, die in der Bilanz als Schadenrückstellungen bezeichnet werden.
  • Langfristigkeit
    Bei einigen Versicherungsarten, insbesondere der Lebensversicherung, stellt die Langfristigkeit ein zentrales Merkmal dar. Nebst der Deckung von Risiko erfolgt meist ein Ansparprozess über die Vertragslaufzeit, der parallel zur Bildung einer so genannten Deckungsrückstellung führt.
  • Schwankungen in der Versicherungsperiode
    Einzelne Versicherungsperioden können in einer Schaden- und Unfallversicherung stärker von Schadenzahlungen belastet werden als andere. Die Bildung einer Schwankungsrückstellung hilft dabei, diesem Ungleichgewicht entgegenzutreten und einen risikotheoretischen Ausgleich in der Zeit abzubilden.

Stochastizität

Die Stochastizität ist ein Teil der statistischen Methodenlehre und kann auch als induktive oder schliessende Statistik bezeichnet werden. Dabei werden bestimmte Grössen nur an einem Teil der Gesamtheit beobachtet, und man schliesst von dieser Teilmasse auf die Gesamtheit. Die vom Versicherer versprochenen finanziellen Leistungen hängen vom unsicheren Eintritt bestimmter versicherter Tatbestände ab. Bei der Kalkulation im Zusammenhang mit einem Rechnungsabschluss sind die Höhe und Anzahl der Schäden noch nicht abschätzbar. In der Lebensversicherung spricht man von einer einfachen Stochastizität, weil die Höhe des Schadens in der Versicherungssumme festgelegt wird, während der Schadenszeitpunkt unsicher ist. In der Schaden- und Unfallversicherung spricht man hingegen von einer doppelten Stochastizität, weil die Höhe und Anzahl der Schäden ungewiss sind. Aufgrund dieser statistischen Vorgehensweise wird die Bildung einer so genannten versicherungstechnischen Rückstellung für die zukünftige Leistungserbringung vorgenommen.

Kollektivbildung

Der Begriff der Kollektivbildung kann mit dem Gesetz der grossen Zahlen gleichgesetzt werden. Damit die Funktionsfähigkeit einer Versicherung gewähreistet ist, ist die Bildung eines geeigneten Kollektivs eine wesentliche Voraussetzung. Wie bereits vorgängig erwähnt, werden bei wachsendem Kollektiv die relativen Schwankungen geringer. Folglich werden auch die kalkulatorischen Sicherheitszuschläge und das Sicherheitskapital in geringerem Umfang benötigt, um dasselbe Sicherheitsniveau zu erreichen.

Immaterialität

Versicherungsschutz weist die Eigenschaft auf, dass er im Vergleich zum Industrie- oder Handelsbetrieb nicht gelagert werden kann. Folglich nimmt die Bewertung von Sachanlagen keine bedeutende Rolle ein. Vielmehr liegt die Aufmerksamkeit auf den Zahlungsströmen, insbesondere auf den Auszahlungen im Schadenfall. Die Immaterialität sowie auch die Annahmen aus dem stochastischen Versicherungsgeschäft erfordern ein erhöhtes Mass an Erklärungsbedürftigkeit gegenüber verschiedenen Anspruchsgruppen, wie Versicherungsnehmer, Investoren, Ratingagenturen und Steuerbehörde.

Versicherungsbilanz

Als Folge der Darstellung der noch unbekannten Risiken ist die Versicherungsbilanz somit kein Abbild der tatsächlichen momentanen Verhältnisse, sondern das per Stichtag diskontierte Bild der Zukunft. Insbesondere trifft dies auf der Passivseite der Bilanz zu, bei den versicherungstechnischen Rückstellungen. Auf der Aktivseite bilden die Kapitalanlagen die Hauptkomponente. Beide Positionen sind eng miteinander verbunden, denn dem Leistungsversprechen des Versicherers, das durch die Bildung von technischen Rückstellungen in entsprechender Höhe dargestellt wird, stehen Prämieneinnahmen gegenüber, die angelegt werden, um die zukünftigen Verpflichtungen liquiditätsmässig decken zu können.

Versicherungs-Erfolgsrechnung

Die Erfolgsrechnung bei der Rechnungslegung von Versicherungsunternehmen ist vor allem durch die beiden Positionen Prämienertrag und Schadenaufwand gekennzeichnet und wird oft als eine Mischung zwischen einer handelsrechtlichen Erfolgsrechnung und einer einfachen Einnahmen-Ausgaben-Rechnung dargestellt. Grund dafür ist die Ungleichbehandlung der Periodizität. Während die Prämieneinnahmen und Schadenaufwände zum Zeitpunkt des Eintreffens ausgewiesen werden, werden die Aufwände für die Verwaltungskosten im Jahr der effektiven Ausgabe gezeigt.

Verknüpfung von Bilanz und Erfolgsrechnung

Prämienzahlungen

Die Bezahlung der Prämien durch den Versicherungsnehmer erhöht die flüssigen Mittel. Für den Abschluss eines Versicherungsvertrags erhalten die Makler/Agenten im Gegenzug eine Provision, was einen Abgang von flüssigen Mitteln darstellt.

Fällt das Ende eines Versicherungsvertrages auf einen Zeitpunkt nach dem Abschluss der Rechnungslegungsperiode, muss der anteilsmässige Prämienertrag abgegrenzt werden. Dieses transitorische Passivum wird als Prämienübertrag bezeichnet und auf der Passivseite der Bilanz unter den technischen Rückstellungen ausgewiesen.

Die Veränderung der Prämienüberträge gegenüber dem Vorjahr wird in der Erfolgsrechnung unter den Änderungen des Prämienertrags verbucht. Der Versicherer geht die Verpflichtung ein, Leistungen, deren Höhe und Zusammensetzung durch den zugrunde liegenden Vertrag bestimmt wird, an den Versicherungsnehmer auszuzahlen. Substanziell gesehen, handelt es sich dabei um Sparanteile und/oder die Gewährung von Versicherungsschutz für ein bestimmtes Risiko. Beide Verpflichtungen werden zu Beginn der Vertragslaufzeit in der Schadenrückstellung erfasst und die Veränderung von einen zum nächsten Jahr in der Erfolgsrechnung erfasst.

Finanzgeschäft

Wie bereits oben beschrieben, fallen die Prämienzahlung und die Schadenzahlung zeitlich auseinander. Das ermöglicht dem Versicherer, das vereinnahmte Kapital während der Versicherungsperiode anzulegen. Die Gewinne aus der Anlage werden in der Erfolgsrechnung unter dem Finanzergebnis unter Ergebnis aus Kapitalanlagen verbucht. Diese Erträge sind sehr bedeutend, denn der Versicherer berücksichtigt in seiner Prämienkalkulation einen Abzug für den zukünftigen Finanzertrag.

Schadenzahlungen

Die Bezahlung einer Versicherungsleistung führt in der Bilanz zu einem Abgang von flüssigen Mitteln und auf der Seite der kalkulierten Schadenrückstellungen zu einer Reduktion im Umfang der ursprünglich eingeräumten Rückstellungsumme.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass der Wertefluss bei der Rechnungslegung von Versicherungsunternehmen vor allem durch die drei folgenden Punkte gekennzeichnet ist:

  • Prämien- und Leistungsfluss          
  • Abgrenzungsproblematik              
  • Zukünftige Verpflichtungen

Der Ertrag aus den Anlagen kann als reines Finanzgeschäft betrachtet werden und unterscheidet sich von anderen Branchen nur durch den relativ hohen Anteil an der Bilanzsumme.

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