06.06.2018

Working Capital: Eine gesicherte Liquidität erreichen

Unter dem Begriff Working Capital Management wird die Optimierung des Nettoumlaufvermögens (engl. Net Working Capital), durch Reduktion der Kapitalbindungsdauer verstanden. Ein optimales Working Capital Management strebt dabei eine Freisetzung liquider Mittel durch Ausweitung der Lieferantenverbindlichkeiten durch höhere Zahlungskonditionen und einer Reduktion der Durchlaufzeiten bei Lager und Forderungen an.

Von: Prof. Dr. Thomas Rautenstrauch   Drucken Teilen   Kommentieren  

Prof. Dr. Thomas Rautenstrauch

Thomas Rautenstrauch ist Professor für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Accounting und Controlling sowie Leiter des Center for Accounting & Controlling an der HWZ Hochschule für Wirtschaft Zürich. Weiterhin ist er als Gastprofessor für Management Accounting im Executive MBA des Institute for Management in Technology (iimt) an der Universität Fribourg tätig. Thomas Rautenstrauch ist Autor von mehreren Fachbüchern und zahlreichen Artikeln in Fachzeitschriften und in der Wirtschaftspresse.

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Working Capital

Die Innenfinanzierungskraft

Die auf globalen Märkten agierenden Unternehmen sehen sich einem hohen Kostendruck durch Konkurrenten aus Niedriglohnländern ausgesetzt, der von Margenverlusten auf den angestammten Märkten begleitet wird. Eine zu höherer Effizienz und weiteren Kostenvorteilen führende Automatisierung bedingt jedoch Investitions- und zugleich Finanzmittelbedarf für die betroffenen Unternehmen. Das Dilemma hierbei zeigt sich häufig darin, dass eine schwache Ertragslage zugleich zu einem Absinken der Innenfinanzierungskraft der Unternehmen und damit zu Finanzierungsengpässen führt, welche sowohl Wachstums- als auch Restrukturierungsbemühungen erschweren. Nicht zuletzt haben die Finanzkrise und die mit der Einführung von Basel II/III verbundenen Mindestkapitalanforderungen bei den Banken vor allem für KMU den Zugang zu Finanzmitteln erschwert. Der Freisetzung liquider Mittel und damit der Stärkung der Innenfinanzierungskraft wird deshalb durch die Finanzchefs vermehrt Beachtung geschenkt.

Gründe für die Bedeutung des Working Capital

Das Working Capital hat nicht nur aus Unternehmenssicht, sondern auch aus Sicht kreditgebender Banken eine grosse Bedeutung. So hat sich bei der Vergabe von kurzfristigen Krediten beispielsweise seit Jahren der Begriff Bankers Rule etabliert, wonach das Umlaufvermögen einer Unternehmung wenigstens doppelt so hoch wie das kurzfristige Fremdkapital sein sollte. Dieser Zusammenhang wird auch durch die Kennzahl Liquidität dritten Grades beschrieben und bringt dabei zum Ausdruck, dass die Forderungen eines Kreditgebers bei einer Zwangsliquidation eines Unternehmens ausreichend gedeckt sind.  

Bei der Finanzierung von Investitionen stellt sich bei Unternehmen zudem die Frage nach der optimalen Finanzierungs- und Kapitalstruktur. Einem Unternehmen steht grundsätzlich eine Vielzahl an Finanzierungsarten zur Verfügung, wobei zwischen der Aussenfinanzierung (verstanden als Zuführung von externem Kapital) und der Innenfinanzierung (verstanden als Freisetzung liquider Mittel aus dem Unternehmensprozess selbst) unterschieden werden kann. Vor allem die Innenfinanzierung hat in den letzten Jahren vermehrt an Bedeutung gewonnen, wobei die Freisetzung gebundener liquider Mittel durch ein zielgerichtetes Working Capital Management in besonderer Weise gefördert wird. Nicht selten ist ein Grossteil des notwendigen Kapitals im Netto-Umlaufvermögen bzw. Working Capital gebunden. Dies betrifft insbesondere Kundenguthaben (Debitoren), Material-, Teile-, Produkte- und Warenvorräte (Lager). Mit der Bewirtschaftung des Working Capital kann daher entscheidend Einfluss auf die Kapitalbedarfsentstehung genommen werden.  

Das Working Capital stellt eine absolute Kennzahl dar und unterscheidet sich so von den häufig anzutreffenden relativen Kennzahlen, wie z.B. Renditegrössen. Sie wird zur Liquiditätsanalyse herangezogen und gibt Auskunft über die kurzfristige Finanzkraft eines Unternehmens, indem es das frei zur Verfügung stehende Umlaufvermögen nach Erfüllung aller laufenden Verpflichtungen darstellt.  

Es finden sich für den Begriff des Working Capital zahlreiche unterschiedliche Begriffsdefinitionen, wobei zwischen (Gross) Working Capital (entspricht dem deutschen Begriff Umlaufvermögen) und Net Working Capital (entspricht dem deutschen Begriff Nettoumlaufvermögen) unterschieden wird. Im deutschen Sprachraum finden sich darüber hinaus auch die Begriffe arbeitendes Kapital oder arbeitendes Umlaufvermögen.  

Umfasst das Gross Working Capital das Gesamte, für das operative Geschäft notwendige Umlaufvermögen, so wird beim Net Working Capital der Überschuss aus der Differenz aus diesem und den kurzfristigen Verbindlichkeiten betrachtet. Dabei umfasst das für das operative Geschäft notwendige Umlaufvermögen im Wesentlichen die Bilanzpositionen Liquide Mittel, Debitoren, Vorräte und Transitorische Aktiven. In der Literatur finden sich daneben noch weitere Varianten, welche unternehmens- oder branchenspezifische Merkmale berücksichtigen. So bilden beispielsweise Anzahlungen von Kunden sowie Anzahlungen an Lieferanten bei Auftragsfertigung bzw. in Branchen wie dem Bau, dem Maschinen- oder Anlagenbau einen wesentlichen Bestandteil des Net Working Capital.  

Gegensätzlich verhält es sich stattdessen im Detailhandel, denn hier gibt ein positives Working Capital Auskunft über die Fähigkeit, Schwankungen des Finanzbedarfs aus eigenen Mitteln ausgleichen zu können, und gibt darüber hinaus Aufschluss darüber, welcher Teil des Umlaufvermögens durch langfristiges Fremdkapital gedeckt werden muss.  

Das Working Capital muss nicht zwangsläufig positiv sein. Besonders Unternehmen der Baubranche weisen wegen hoher erhaltener Anzahlungen vor Baubeginn ein negatives Working Capital aus. Der Vorteil der Working Capital Betrachtung liegt in der Unbeeinflussbarkeit durch bilanzverlängerte Massnahmen. Eine gleichmässige Zunahme des Umlaufvermögens und des kurzfristigen Fremdkapitals führt absolut zu keiner Veränderung des Working Capital. Kritisch zu betrachten sind bewertungstechnische Aspekte besonders im Bereich der Forderungen und Vorräte.

Kennzahlen zur Beurteilung des Working Capital Management

Die am weitesten verbreiteten Kennzahlen zur Untersuchung des Working Capital sind:           

  • Cash-to-Cash-Cycle        
  • Days Inventory Outstanding (DIO)                 
  • Days Sales Outstanding (DSO)                 
  • Days Payable Outstanding (DPO)  

Der Cash-to-Cash-Cycle dient als Kennzahl zur Messung der Performance des Working Capital. Sie beschreibt die Zeitdauer im Wertschöpfungsprozess, von der Bestellung des Rohmaterials, dessen Lagerung, Verarbeitung und Verkauf bis zum Zahlungseingang durch Kundenzahlungen, welche finanziert werden muss und in welcher somit Kapital gebunden wird. Ein tieferer Cash-to-Cash-Cycle ermöglicht eine schnellere Freisetzung von flüssigen Mitteln und wirkt sich hinsichtlich niedrigerer Finanzierungskosten positiv auf das Unternehmensergebnis aus. Der Cash-to-Cash-Cycle ergibt sich aus der Addition der Durchlaufzeit des Lagers (Days Inventory Outstanding) und der Lieferantenforderungen (Days Sales Outstanding) und davon die Durchlaufzeit der Lieferantenforderungen (Days Payable Outstanding) subtrahiert. Durch aktives Management der Lager, Forderungen und Verbindlichkeiten lässt sich der Cash-to-Cash-Cycle positiv beeinflussen. Diese drei Managementprozesse bilden somit einen integralen Bestandteil eines wirksamen Working Capital Managements.  

Unter dem Aspekt einer schnellen Freisetzung liquider Mittel ist es wichtig, dass Unternehmen sich um kurze Lagerdurchlaufzeiten durch Prozessoptimierungen in der Supply Chain, um kurze Debitorenfristen durch aktives Forderungsmanagement (mit dem Ziel der Reduktion von Zahlungsausfällen und Zahlungszielen) sowie um eine Ausweitung der eigenen Kreditorenfristen bemühen.

Fazit

Bis im Jahr 2007 waren viele CFOs damit beschäftigt die Verkäufe während der starken Wirtschaftsphase voranzutreiben, anstatt sich mit Working Capital Management auseinanderzusetzen. Erst als die Margen unter Druck kamen und die Erträge schrumpften, erwies sich ein unzureichendes Working Capital Management als ein existenzielles Problem. Darüber hinaus lässt sich festhalten, dass es auch integraler Bestandteil einer wertorientierten Unternehmensführung ist, denn Optimierungen im Working Capital durch Verringerung der Kapitalbindung mittels tieferen Durchlaufzeiten in Lager und Kundenzahlungen, sowie durch Erhöhung der Lieferantenverbindlichkeiten erhöhen den Free-Cashflow. Dieser wiederum wird zur Berechnung des Unternehmenswertes nach der weit verbreiteten DCF-Methode herangezogen. Somit wirken sich höhere Free-Cashflows und tiefere Kapitalkosten positiv auf den Unternehmenswert aus, so dass der Unternehmenswert folglich durch die Optimierung des Working Capital gesteigert werden kann. Die Steigerung des Unternehmenswertes gilt dabei als wichtiger Erfolgsfaktor für Unternehmen, welche in internationalen Kapitalmärkten nach Finanzierung streben.

Literaturhinweise: Meyer, Christian: Working Capital und Unternehmenswert; Myers, Randy: Growing Problems: The 2007 Working Capital; Volkart, Rudolf: Corporate Finance.

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