09.07.2014

Rechnungslegungsstandard: Ist die Wahl des richtigen Standards wirklich eine Kostenfrage?

Die Ende 2012 bekannt gewordene Entscheidung der Swatch Group, ab dem Geschäftsjahr 2013 Swiss GAAP FER anstelle IFRS als Rechnungslegungsstandard zu benutzen, stellte den vorläufigen Höhepunkt einer auffälligen Entwicklung dar: Die Abkehr börsenkotierter Schweizer Konzerne von der Internationalen Rechnungslegung und ihre gleichzeitige Rückkehr zur nationalen Rechnungslegung.

Von: Prof. Dr. Thomas Rautenstrauch   Drucken Teilen   Kommentieren  

Prof. Dr. Thomas Rautenstrauch

Thomas Rautenstrauch ist Professor für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Accounting und Controlling sowie Leiter des Center for Accounting & Controlling an der HWZ Hochschule für Wirtschaft Zürich. Weiterhin ist er als Gastprofessor für Management Accounting im Executive MBA des Institute for Management in Technology (iimt) an der Universität Fribourg tätig. Thomas Rautenstrauch ist Autor von mehreren Fachbüchern und zahlreichen Artikeln in Fachzeitschriften und in der Wirtschaftspresse.

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Rechnungslegungsstandard

Die Motivation der rund zwanzig kleineren Schweizer Konzerne, die seit 2008 einen Wechsel zurück zu den Swiss GAAP FER bereits vor der Swatch Group vollzogen hatten, waren überaus gleichgerichtet: Beklagt wurde vor allem die hohe Komplexität der IFRS, die zu vergleichsweise höheren Kosten für die Rechnungslegung führt. Ein allfälliger Reputations-Vorteil aus einer Kotierung im Hauptsegment der SIX Swiss Exchange wiegt für diese kleineren, börsenkotierten Unternehmen weniger als der mit der Anwendung internationaler Rechnungslegungsnormen verbundene Mehraufwand. Auch aus diesem Grund wurde ein bis anhin notwendiger Abschied aus dem Hauptsegment ins Nebensegment (domain segment) der SIX Swiss Exchange als Folge des Rechnungslegungs-Wechsels akzeptiert.  

Wechsel Rechnungslegungsstandard

Im Unterschied zu ihren Vorgängern hat mit der Swatch Group Anfang 2013 nun ein im Swiss Market Index (SMI) kotierter Konzern angekündigt, zukünftig – entgegen der Vorgabe der SIX – seine Finanzberichterstattung nicht mehr nach den IFRS sondern nach den Swiss GAAP FER vorzunehmen. Dies ist von Bedeutung, weil die Bestimmungen der SIX für die Kotierung im Hauptsegment eine Anwendung der IFRS oder der US GAAP voraussetzen, während die Rechnungslegung nach Swiss GAAP FER nur für die im Nebensegment kotierten Unternehmen als Alternative gestattet ist (siehe Tabelle 1):   

IFRSUS GAAPSwiss GAAP FER
Emittenten von Beteiligungsrechten:
Main Standard XX
Standard für Investmentgesellschaften XX
Standard für Immobiliengesellschaften XX
Domestic Standard XXX
Emittenten von ausschliesslich Forderungsrechten: XXX

Tabelle 1: Anforderungen an die Rechnungslegung börsenkotierter Unternehmen (Quelle: SIX)  

Umso mehr überraschte die SIX Swiss Exchange mit ihrer Reaktion auf die Ankündigung der Swatch, denn gemäss dem zuständigen Ausschuss des Regulatory Boards wurde kein regulatorischer Handlungsbedarf trotz Änderung des Rechnungslegungsstandard gesehen. Im Gegenteil wurden geradezu lobende Worte für die jüngste Weiterentwicklung der Swiss GAAP FER für kotierte Gesellschaften genannt und der Hinweis, dass der Schweizer Domestic Standard weiter an internationaler Vergleichbarkeit gewinnen könnte (SIX Swiss Exchange AG, SIX Exchange Regulation, Medienmitteilung vom 28. Februar 2013).  

So stellt sich zum einen die Frage, ob und welche im Main Standard kotierten Schweizer Konzerne dem Beispiel der Swatch Gruppe folgen werden. Zum anderen erscheint relevant, wie eine Kosten-Betrachtung in Bezug auf die Wahl eines Rechnungslegungsstandards aussehen kann. Letzteres soll im Folgenden kurz beleuchtet werden.

Rechnungslegung reduziert das Problem ungleich verteilter Informationen

Unternehmenspublizität bzw. Rechnungslegungspublizität stellt gemäss Art. 716a Abs. 1 Nr. 6 OR eine unübertragbare und entziehbare Aufgabe des Verwaltungsrats gegenüber den Anspruchsgruppen einer Unternehmung dar. So soll die Rechnungslegung dazu beitragen, dass die besser informierten Leitungsorgane der Unternehmung vor allem die risikotragenden Eigen- und Fremdkapitalgeber regelmässig mit entscheidungsnützlichen Informationen über den Zustand der Unternehmung versorgen, so dass die existierende asymmetrische Informationsverteilung reduziert wird. Einen Überblick über die Erwartungen der verschiedenen Anspruchsgruppen an die Rechnungslegungspublizität zeigt die nachfolgende Tabelle 2:  

Gruppen
von Abschlussadressaten

Interessen an der Rechnungslegung

Investoren
und ihre Berater
- Beurteilung, ob sie kaufen, halten oder veräussern sollen
- Beurteilung der Fähigkeit eines Unternehmens zur
  Dividendenausschüttung
Arbeitnehmer     - Beurteilung der Fähigkeit eines Unternehmens zur Zahlung von
  Löhnen und Gehältern sowie von Altersvorsorgeleistungen und
  zur Bereitstellung von Arbeitsplätzen
Kreditgeber - Beurteilung, ob ihre Darlehen und die damit verbundenen Zinsen
  bei Fälligkeit gezahlt werden
Lieferanten
und andere Gläubiger
- Beurteilung, ob die ihnen geschuldeten Beiträge bei Fälligkeit
  gezahlt werden
- Informationen über die Fortführung eines Unternehmens
Kunden - Informationen über die Fortführung eines Unternehmens
Regierungen
und ihre Institutionen
- Regulierung der Tätigkeiten eines Unternehmens
- Festlegung der Steuerpolitik
- Informationen als Grundlage für Statistiken
Öffentlichkeit - Informationen über die Tendenzen und jüngsten Entwicklungen
  der Prosperität eines Unternehmens sowie über seine
  Tätigkeitsbereiche

Quelle: Maier, A: Rahmenkonzept zur Abwägung von Kosten und Nutzen im Standardsetzungsprozess der internationalen Rechnungslegung

Kosten der Rechnungslegung

Durch die Wahl des Rechnungslegungsstandards wird immer auch ein gewisses Ausmass an Komplexität zur Regeleinhaltung abzubilden sein. Je nach Komplexität des gewählten Rechnungslegungsstandards resultieren für das publizierende Unternehmen direkte (Transaktions-)Kosten, die mit der Informationsbereitstellung und Kommunikation zusammenhängen (Maier):  

  • Kosten zur Erfassung und Aufbereitung von Informationen
  • Prüfungskosten
  • Verbreitungskosten  

Die Messung von Komplexität im Zusammenhang mit der Rechnungslegungspublizität ist allerdings nicht unmittelbar möglich. Als möglicher Indikator könnte die Entwicklung des seitenmässigen Umfangs der Geschäftsberichte über die Zeit sein.

Fazit

Wenn Unternehmen wie die Swatch Gruppe ihre Entscheidung für oder gegen einen Rechnungslegungsstandard unter Hinweis auf die damit verbundenen Kosten rechtfertigen, dann können als direkte Kosten vor allem die mit der Informationsaufbereitung verbundenen (Transaktions-)Kosten eine Rolle spielen. Dennoch finden sich diese Kosten nicht einfach im betrieblichen Rechnungswesen. Man müsste schon eine Prozesskostenrechnung zu Analysezwecken vornehmen, um die Kosten für den Prozess der Abschlusserstellung jeweils in Abhängigkeit von einem bestimmten Rechnungslegungsstandard zu ermitteln. Dieser Weg erscheint unverhältnismässig.  

Alternativ werden die mit der Wahl eines bestimmten Rechnungslegungsstandards verbundenen Kosten auch durch den Umfang und die Komplexität der Rechnungslegungspublizität deutlich. Wählt man den Seitenumfang des Geschäftsberichts als Indikator für Komplexität (und damit verbundene Kosten), so zeigt sich am Beispiel der hier gewählten Unternehmen tatsächlich ein Unterschied zwischen IFRS- und Swiss GAAP FER-Bilanzierern.

Referenzen: Kelterborn, K./Bachofen-Keller, S.: Swiss GAAP FER – Ein optimaler Rechnungslegungsstandard: Warum Conzzeta Swiss GAAP FER einsetzt und wie sie die Rechnungslegungsnormen umsetzt; Pfaff, D./Hermann, R.: Beweggründe für den Wechsel von IFRS auf Swiss GAAP FER; SIX: Richtlinie betr. Rechnungslegung, www.six-exchange-regulation.com

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