23.01.2020

Angst: Ursprung und Formen

Angst ist der grösste Leistungskiller. Dass Menschen unter Druck geistige Grosstaten vollbringen, ist eine gefährliche Mär. Das Gegenteil ist nämlich der Fall. Dauerdruck und anhaltende Missstimmung sabotieren die Fähigkeit des Gehirns, sein Bestes zu geben, weil die im Angstzustand ausgeschütteten Botenstoffe Synapsen blockieren.

Von: Anne M. Schüller  DruckenTeilen 

Anne M. Schüller

Anne M. Schüller ist Managementdenker, Keynote-Speaker, mehrfach preisgekrönte Bestsellerautorin und Businesscoach. Die Diplom-Betriebswirtin gilt als führende Expertin für das Touchpoint Management und eine kundenfokussierte Unternehmensführung. Zu diesen Themen hält sie Impulsvorträge auf Veranstaltungen und Fachkongressen. 2015 wurde sie für ihr Lebenswerk in die Hall of Fame der German Speakers Association aufgenommen. Vom Business-Netzwerk LinkedIn wurde sie zur Top-Voice 2017/2018 und vom Business-Netzwerk Xing zum Xing-Spitzenwriter 2018 gekürt. Ihr aktuelles Buch „Die Orbit-Organisation“ wurde Finalist beim International Book Award 2019. Zudem wurde sie mit dem BestBusinessBook Award 2019 ausgezeichnet. Ihr Touchpoint Institut bildet zertifizierte Touchpoint Manager sowie zertifizierte Orbit-Organisationsentwickler aus.

Angst

Droht Gefahr, wird unser Denkhirn zurückgeschaltet und die Amygdala tritt in Aktion. Sie ist unser neuronales Gefahrenradar. Im Deutschen „Mandelkern“ genannt, ist sie eine paarweise vorhandene, kaum daumennagelgrosse Struktur im limbischen System. Sie erhält und verarbeitet vollautomatisch Impulse aus sämtlichen Sinnessystemen. So kommt es, dass wir Richtig und Falsch nicht nur erkennen, sondern auch spüren.

Bei allem, was dem Strom des Üblichen nicht entspricht, schaltet sie auf Alarm. Unsere Sinne gehen auf „Hab acht”: Ist das, was uns aus unserer Routine gerissen hat, gut - oder wird es uns schaden? Sie untersucht alles, was auf uns einwirkt, höchst wachsam auf emotional wichtige Faktoren, auf bedrohliche Situationen und potenzielle Gefahren. Sie registriert jede Bewegung und hört das schier unhörbare Rascheln im Gebüsch.

Unser neuronales Gefahrenradar in Aktion

Unser Überleben hängt von einem blitzschnellen Alarmsystem ab. So spürt die Amygdala Bedrohungen kommen und sorgt, ohne dass unser Denkhirn daran beteiligt ist, blitzschnell für die passende Reaktion: panikartige Flucht, dosierter Angriff oder atemloses Erstarren. All dies wird unterhalb der Wahrnehmungsschwelle unseres Bewusstseins mithilfe von Stresshormonen erledigt.

Ohne dass wir dies gross beeinflussen könnten, fängt unser Herz an zu rasen, Blutdruck und Atemfrequenz steigen, die Hände werden feucht, die Knie werden weich, die Augen werden aufgerissen, die Pupillen weiten sich. Die Muskulatur spannt sich an, wir bekommen eine Gänsehaut. Die Nebennieren entladen ihre Vorräte an Adrenalin in das vorbeifliessende Blut.

Parallel dazu wird in Sekundenbruchteilen unser zerebraler Erfahrungsspeicher nach einem passenden Programm durchforstet. Wird keine Lösung gefunden, schwemmt zusätzlich das Stresshormon Kortisol aus. Negative Gefühle von Hilflosigkeit, Ohnmacht und Verzweiflung machen sich breit. Wir beginnen zu stottern oder reden dummes Zeug. Erst viel später, wenn wieder klar Schiff ist, fallen uns die richtigen Worte ein. Das passiert zum Beispiel bei Lampenfieber und Prüfungsangst.

Wichtig zu wissen: Die zwei Gesichter der Angst

Angst kommt in vielen Schattierungen daher. Sie kann eine freundliche Warnerin sein, die uns schützt. Sie kann uns kurzzeitig aus der Reserve locken und zu Höchstleistungen führen. Doch sie paralysiert auch und zerstört. Dauerangst versetzt den Körper in permanente Alarmbereitschaft, sie mindert seine Leistungskraft und ruiniert unsere Gesundheit.

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Anhaltende Missstimmung sabotiert die Fähigkeit des Gehirns, sein Bestes zu geben. Der Neurobiologe Gerald Hüther unterscheidet in seinem hochinteressanten Büchlein „Biologie der Angst“ zwei Formen der Angst:

1. Die kontrollierbare Angst

Unter dem Einfluss von Adrenalin schaltet der Körper kurzfristig den Turbo ein und fährt auf volle Leistung hoch. Wir wachsen über uns selbst hinaus, entwickeln ungeahnte Kräfte, mobilisieren die letzten Reserven. Wenn sich eine Belastung als kontrollierbar erweist, wird aus einer Bedrohung eine Herausforderung. Beim Überwinden der Gefahr, also beim Bewältigen des Stressors verschwindet die Angst und es setzt ein Gefühl der Erleichterung, der Freude, des Stolzes oder gar des Triumpfes ein. Dies ist ein positiver, manchmal euphorischer Moment, ein Augenblick wonnigen Glücks. Das Vertrauen in das, was wir wissen und können, ist ein wenig grösser geworden. Deshalb lieben Menschen Anreize, die sie kontrollieren und bewältigen können. Wir sind geradezu süchtig danach.

Führungskräfte haben demnach die Verpflichtung, realisierbare Ziele individuell so zu gestalten, dass die Mitarbeitenden an ihren Aufgaben wachsen können. Wir lernen am besten, wenn Herausforderungen unser Oberstübchen im wahrsten Sinne des Wortes wachrütteln. Das Verschwinden der Angst und die Erfahrung, ein aufgetretenes Problem erfolgreich gemeistert zu haben, ist uns die grösste Belohnung. "Die Verschaltungen des Belohnungssystems werden immer dann aktiviert, wenn wir eine kontrollierbare Belastung erfolgreich bewältigt haben“, meint Hüther. Siege schmecken süss, sagt der Volksmund. Und das heisst auch: Für das, das uns einfach so in den Schoss fällt, gibt es keine Glückshormone.

2. Die nicht kontrollierbare Angst

Bei Gefahren von aussen, die uns beherrschen, die andauern und denen wir uns nicht entziehen können – wie etwa unerfüllbar hochgesteckte Vorgaben, unberechenbare Vorgesetzte, permanente latente Unsicherheit - werden unter dem Einfluss von Kortisol die letzten Energiereserven aufgezehrt. Wir fühlen uns kraft- und mutlos, unnütz und minderwertig, unruhig und wie gelähmt. Wir werden von Selbstzweifeln geplagt. Ratlosigkeit und Resignation machen sich breit. Wenn uns eine Bedrohung als unkontrollierbar erscheint, verfallen wir in Hilflosigkeit und Apathie. Unser Hirn schaltet auf Sparflamme. Uns fällt nichts mehr ein. Wir sind planlos, verwirrt, irgendwie „durch den Wind“. Die Denkleistung fällt massiv zurück.

In einer solchen Situation den Druck weiter zu erhöhen, kann nur zu einem führen: dem zerebralen (und körperlichen) Zusammenbruch. Dabei werden veraltete und für die Lösungssuche unbrauchbar gewordene Hirnstrukturen zerstört, um einen Neubeginn möglich zu machen. "Wenn es in eine bestimmte Richtung nicht mehr weiterzugehen scheint, wird ganz einfach all das aufgelöst und weggespült, was uns so hartnäckig daran hindert, eine andere Richtung einzuschlagen, neue Wege des Denkens und Fühlens auszuprobieren", sagt Hüther. Verständnis und Beistand sind das wichtigste, das ein Mensch in einer solchen Situation braucht, um Sicherheit zurückzugewinnen und neuen Mut zu schöpfen. Kleine Schritte der Annäherung und erste Erfolgserlebnisse machen langsam dem Selbstbewusstsein wieder Platz. Das geht bei manchen sehr schnell - und bei anderen eher langsam vonstatten.

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