01.04.2019

Selbstoptimierung: Lebst du schon oder perfektionierst du noch?

An jeder (virtuellen) Ecke ermuntern uns Coaches und Gadgets dazu, unser Aussehen, unsere Fähigkeiten und unsere Gesundheit zu optimieren. Unser Leben soll glücklicher, besser und produktiver werden. „Gut“ ist schon lange nicht mehr gut genug. Perfekt muss es sein. Dabei gerät eins leicht in Vergessenheit: Das Leben selbst. Wieso Selbstoptimierung nicht immer zu mehr Lebensqualität, Glück und Zufriedenheit verhilft, verrät dieser Artikel.

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Selbstoptimierung

Die 22-jährige Jana steht jeden Morgen um fünf Uhr auf und geht eine Runde Joggen. Fünf Kilometer ist ihr persönliches Minimum. Das Fitness-Armband misst Zeit, Kalorien und Herzfrequenz. Gefrühstückt wird gesund mit Obst und Mineralwasser. Nebenbei prüft die Studentin ihre To-Do-Liste für den Tag. Sie ist schlank, durchtrainiert und wenn sie lächelt, zeigt sie ihr perfektes Gebiss. Ihre Studienarbeiten erledigt sie mit Produktivitätstools: Sie erfasst, misst und bewertet ihre Leistung. Selbst ihre Freizeit ist streng durchgeplant: Täglich 15 Minuten Spanisch lernen, mindestens 10 Minuten meditieren, einmal pro Woche ein literarisches Buch lesen. Janas Ziel: ein besserer Mensch sein. „Endlich weiß ich genau, wo meine Zeit bleibt. Ich habe es geschafft, meinen Schlafkonsum um eine Stunde zu senken. Dadurch bleibt mir eine Stunde mehr produktive Zeit.“

Mit diesem rundherum durchgeplanten Leben ist Jana keine Ausnahme. Eine aktuelle repräsentative Umfrage von PARSHIP.ch unter 1.510 Deutsch- und Westschweizerinnen und Westschweizern im Alter von 18 bis 69 Jahren zeigt: 85 % der Befragten wollen durch Selbstoptimierung das Maximum aus ihrem Ich herausholen. Ihre Ziele: Glück und Zufriedenheit, eine bessere Gesundheit und mehr Fitness.

Arten / Bereiche der Selbstoptimierung

„Träume nicht dein Leben, sondern lebe deine Träume“ ist das Credo unserer Zeit. Alles scheint machbar, vorausgesetzt, die Selbstoptimierung stimmt. Ratgeber-Literatur und Coaching-Markt boomen.

Es gibt kaum etwas, an dem sich nicht arbeiten lässt:

  • Gesundheit und Fitness,
  • Ernährungsgewohnheiten,
  • Beziehungen und Partnerschaft,
  • die eigene Schönheit,
  • Beruf und Karriere

Der Trend zur Selbstoptimierung hat inzwischen jeden Lebensbereich erfasst. Prinzipiell ist es löblich, an deinen Defiziten zu arbeiten – wenn du es nicht übertreibst und nicht in eine Spirale aus Schuldgefühlen, Selbstquälerei und Scheitern an den eigenen Erwartungen gerätst.

Gesundheit und Fitness

Zur Selbstoptimierung gehören in der Regel drei Schritte:

  1. Planung
  2. Ausführung
  3. Erfolgsmessung / Kontrolle

Das Smartphone ist Unterstützung und Kontrollinstanz in einem, wenn es um eine gesunde Lebensführung geht. Die meisten Menschen haben es immer und überall mit dabei. Da liegt der Einsatz von Apps zur Optimierung der eigenen Gesundheit und Fitness nahe. Im Dezember 2016 gab es um 1,2 Millionen downloadbare Health Apps im iTunes Store:

  • Schrittzähler messen, ob wir genug zu Fuß gegangen sind.
  • Kalorienzähler verhindern, dass wir beim Essen über die Stränge schlagen.
  • Beim Zähneputzen warnt uns die App, wenn wir in einer Zone nicht lange genug mit der Bürste verweilt haben.
  • In der Nacht überwacht eine Anwendung die Dauer und Qualität unseres Schlafs.
  • Trink-Apps erinnern uns daran, genug Wasser zu trinken.

Noch ist die Selbstoptimierung freiwillig. Krankenkassen unterstützen das Tracking durch Wearables und Apps. Der Gedanke steht im Raum, Versicherten Rabatte für eine besonders „gesunde“ Lebensführung einzuräumen. Langfristig wird es vermutlich darauf hinauslaufen, dass Menschen, die sich selbst optimieren und um gesunde Ernährung, Sport und Fitness bemüht sind, weniger Beiträge zahlen als andere.

Schönheit

Bei der Partnerwahl steht suchenden Singles dank Online Dating praktisch die gesamte Welt zur Auswahl. Dem gängigen Schönheitsideal zu entsprechen, ist eine Lebensaufgabe. Das bedeutet, auf die Ernährung zu achten, ein regelmäßiges Fitnessprogramm einzuhalten und Disziplin. Die Konkurrenz schläft nicht.

Lippen aufspritzen, Nasenkorrekturen, Fettabsaugung, Brustvergrößerungen: Vor allem Frauen scheuen bei der Optimierung ihres Körpers nicht vor chirurgischen Eingriffen zurück. Es ist ein Kampf gegen das Altern und das Verblassen der Schönheit. Natürlich aussehende Frauen über 40 sind in der Gesellschaft unsichtbar. Also wird nachgeholfen. Botox zaubert die Falten weg. Die Gesichtslähmung wird akzeptiert, auch wenn die Mimik verlorengeht.

Selfies auf Facebook und Postings auf Instagram zeigen, wie der optimierte, erfolgreiche Mensch auszusehen hat: jung, schön, schlank, durchtrainiert. Wer auf Likes und Shares aus ist, präsentiert sich als attraktiver Überflieger ohne Sorgen. Das erhöht den Druck auf alle, die vielleicht nicht mit makelloser Schönheit, Schlankheit und Erfolg punkten.

Karriere

Wer vorankommen will, muss mehr leisten als die anderen. Die Beschäftigungsverhältnisse sind unsicherer geworden: Neben Gesundheit, Fitness und Schönheit sind Wissen und Erfahrung gefragt, um einen gut bezahlten Vollzeitjob zu ergattern. Ein Studium mit einer guten Note abzuschließen, reicht schon lange nicht mehr. Gute Abschlüsse haben alle. Wenigstens aussagekräftige Praktika, Auslandsaufenthalte, Fremdsprachenkenntnisse und erste Berufserfahrungen gehören dazu, um sich nach vorn zu bringen.

Grenzen der Selbstoptimierung

Die unaufhörliche Selbstoptimierung führt trotzdem nicht, wie gehofft, zu einem besseren Leben und mehr Zufriedenheit. Sie bewirkt das Gegenteil. Unsere Messbarkeit macht uns mit anderen vergleichbar. Niemand will schlecht dabei abschneiden und womöglich zu den Versagern der Gesellschaft gehören. Das erhöht den Druck, aus der Masse hervorzustechen.

  • Die Erkenntnis, dass wir nicht überall mit den besten mithalten können, frustriert.
  • Körperlich erreichen wir irgendwann unsere persönliche Leistungsgrenze.
  • Irgendwann lassen sich Alterserscheinungen auch durch Operationen nicht mehr verhüllen.

Selbst wenn Wirtschaft und Politik uns etwas anderes vorgaukeln wollen: Wachstum ist nicht grenzenlos. Besonders unser eigenes nicht. Trotz Sprach-App gelingt es nicht jedem, mit nur 15 Minuten Übung täglich, eine Fremdsprache fließend sprechen zu lernen. Coachings zum Thema „Erfolgreiches Verkaufen“ machen nicht jeden zum Top-Vertriebler, und Programmieren kann – selbst mit den allerbesten Kursen – auch nicht jeder lernen. Irgendwann sind wir am Ende unserer Leistungsgrenze angekommen.

Anders gesagt: Wenn du ständig mehr von dir verlangst, als du leisten kannst, überforderst du dich. Daraus entstehen Enttäuschung und Frustration. Die Erkenntnis, nicht gut genug zu sein, nicht mithalten zu können, führt zu Selbstzweifeln und mündet aller Wahrscheinlichkeit nach irgendwann in einem Burnout.

Wenn die Selbstoptimierung zur Sucht wird

Wenn du an deinen Schwächen arbeiten möchtest, ist das ehrenwert. Aber überfordere dich damit nicht. Setz dir realistische Ziele und erlaube dir Zeiten, die du bewusst nicht mit Selbstoptimierung, Aktivitäten und Messungen füllst. Sonst orientierst du dich zwar ununterbrochen an (selbstauferlegten) Normen und Regeln. Aber am echten Leben lebst du vollkommen vorbei.

Es klingt im ersten Moment paradox. Aber zu viel Selbstaufmerksamkeit ist nicht gut. Wenn du dich ständig auf dich selbst, Effizienz und Kontrolle fokussierst, kommst du nicht in den Flow, der dich Zeit und Raum vergessen lässt und dich wirklich glücklich macht.

Du kannst es mit einem störenden Geräusch vergleichen: Je mehr du dich darauf konzentrierst, desto nerviger wird es. Deine Aufmerksamkeit macht den Lärm nicht besser, sondern schlimmer.

Beschäftigst du dich nur mit deinen Problemen, wird permanente Unzufriedenheit dein Dauerbegleiter. Statt dich einfach so anzunehmen, wie du bist, quält dich der Gedanke an alles, was du noch optimieren musst. Das führt zu einem Gefühl der Unfreiheit.

Gefährlich wird es, wenn du nicht erkennst, wann es Zeit wird, mit der Selbstoptimierung aufzuhören:

  • Wer sich beispielsweise permanent das Essen versagt, schafft es möglicherweise mit einer rigiden Ernährung und einem straffen Sportprogramm, unliebsame Pfunde zu verlieren. Allerdings steigt die Gefahr, an einer Essstörung zu erkranken und vom Übergewicht in eine Magersucht zu rutschen.
  • Eine Schönheits-Korrektur macht dich möglicherweise wirklich glücklich. Aber genug bis zur Unkenntlichkeit operierte Hollywood-Stars zeigen, wie schwer es ist, rechtzeitig mit der körperlichen Selbstoptimierung aufzuhören.
  • Sport zu treiben, ist gesund. Wenn sich allerdings Entzugserscheinungen zeigen wie Magenschmerzen und Nervosität, ist die Grenze zur Sucht überschritten.

Selbstoptimierung als neue Religion

Selbstoptimierung ist zu einem Kampf gegen Krankheiten, Alterungsprozesse und Missstände geworden, der teilweise religiöse Züge annimmt. Das „Projekt Ich“ entwickelt sich zum einzigen Dreh- und Angelpunkt des Lebens. Große Utopien? Visionen für eine bessere Zukunft der Menschheit? Für ein faires Miteinander in der Gesellschaft? Die Mehrheit steckt fest in endloser Selbstoptimierung und hat keine Zeit für den Blick nach draußen.

Kontrolle bedeutet Macht. Macht über den eigenen Körper, das Altern, Krankheit und Tod. Die Menschen fühlen sich für ihre Gesundheit zunehmend allein verantwortlich. Ihr Glaubenssatz: Wenn ich vernünftig esse, mich regelmäßig bewege und genug schlafe, bleibe ich gesund.

Das bedeutet im Umkehrschluss: Für Krankheiten, gesundheitliche Probleme und Befindlichkeitsstörungen geben sich Betroffene selbst die Schuld.

Erkrankt ein Selbstoptimierer an Krebs, stehen Schuldgefühle im Raum. Das selbst gezogene Fazit: „Es hat nicht gereicht. Ich war nicht gut genug.“ Dann kommen Gedanken an die kleinen Verfehlungen hoch: die heimliche Portion Pommes, der Eisbecher an heißen Sommertagen, die Sport-Abstinenz.

„Essen, Sport und Gesundheit sind zur Ersatzreligion geworden. Es geht […] nicht mehr um ein Leben nach dem Tod, aber immerhin um die Hoffnung auf ein längeres Leben.“ - Dieter Frey, Sozialpsychologe (Ludwig-Maximilians-Universität München)

Was dabei in Vergessenheit gerät: Menschen haben ihr Schicksal eben nicht komplett in der Hand. Trotz einer gesunden Lebensführung kann es zu Krankheiten und Unfällen kommen. Die Ursache? Pech. Gene. Zufall. Schicksal.

Die drei Säulen des Selbstwertgefühls

Laut dem Psychologen Nils Spitze basiert der Selbstwert auf drei Säulen:

  1. Selbstakzeptanz
  2. Selbstvertrauen
  3. Erfolg

Erfolg steht erst an dritter Stelle. Das Wichtigste ist die Selbstakzeptanz. Das heißt, dass du dich so annimmst, wie du bist. Mit all deinen Stärken und Schwächen. Daraus entsteht Selbstvertrauen beziehungsweise das ruhige Gefühl, dass du dein Leben meistern kannst. Beides ist der Grundstock für Erfolg.

Bewusst zu leben, heißt auch, bestimmte Dinge zu akzeptieren, wie sie sind. Wir müssen nicht alles optimieren. Es kann entlastend sein, sich kleine Schwächen und Fehler zu erlauben, statt alles daranzusetzen, sie auszumerzen – und bei dem Versuch zu scheitern. Schließlich sind wir Menschen und keine Maschinen.

Also, optimierst du noch oder lebst du schon?

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