06.08.2015

Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz: Versteckte Gefahren aufdecken

Das Risiko, in einem Dienstleistungsbetrieb zu verunfallen, wird stark unterschätzt. Mehr als die Hälfte aller Berufsunfälle ereignen sich in Dienstleistungsbetrieben. Wo lauern die versteckten Gefahren und wie lassen sich gesundheitliche Risiken entschärfen?

Von: Serge Pürro   Drucken Teilen   Kommentieren  

Dr. Serge Pürro

Dr. Serge Pürro ist Geschäftsführer der Eidgenössischen Koordinationskommission für Arbeitssicherheit EKAS.

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Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz

55% aller Berufsunfälle ereignen sich in Dienstleistungsbetrieben

Helme, Schutzbrillen und schwere Stiefel mit Stahlkappen – so schützen sich Bauarbeiter vor Verletzungen durch Geräte, herabfallende Gegenstände und Funken. Vorschriftsgemäss, denn auf Baustellen sind die Gefahren offensichtlich. In Dienstleistungsbetrieben sind die Gefahren hingegen oft weniger augenscheinlich und werden daher auch oft unterschätzt. Dabei ist das Büro keineswegs eine unfallfreie Zone – im Gegenteil: Rund 55 Prozent aller Berufsunfälle ereignen sich in Dienstleistungsbetrieben.

Am Büroarbeitsplatz selber kommen zudem Beschwerden hinzu, die spezifisch mit der sitzenden Tätigkeit zu tun haben, so etwa Rückenbeschwerden, Verspannungen sowie Sehnen- und Muskelleiden. In der Schweiz gehen rund 1,6 Millionen Arbeitstage pro Jahr allein durch Muskel-Skelett-Leiden verloren. Und Ausfälle von Mitarbeitenden wiegen vor allem für KMU schwer, denn vielfach bleibt die Arbeit liegen, es muss ein Ersatz eingestellt oder von anderen Mitarbeitenden Überzeit geleistet werden. Diese Ausfalltage belasten Betriebe und Volkswirtschaft jährlich mit geschätzten 2,5 bis 3 Milliarden Franken. Den Arbeitgeber selbst kostet ein Ausfalltag rund 600 Franken.

Unfälle zu Unrecht bagatellisiert

Der Dienstleistungssektor ist mit 2,8 Millionen Vollbeschäftigten mit Abstand der grösste Wirtschaftszweig. Dennoch werden Unfälle in Bürobetrieben – im Vergleich zu Branchen wie Bau oder Landwirtschaft – häufig bagatellisiert. Zu Unrecht, denn oft lauern Gefahren da, wo man sie nicht erwartet. Ein Drittel aller Verletzungen in Bürobetrieben entsteht durch Stolper- und Sturzunfälle. Die Gründe dafür sind vielfältig: So können lose Kabel, offene Schubladenund Schranktüren, glatte oder nasse Böden, defekte Bodenbeläge, unerwartete Schwellen oder Stufen, abgestelltes Material auf Treppen, fehlende Handläufe, schlechte Beleuchtung oder unachtsam abgestellte Aktenkoffer zu tückischen Stolperfallen werden.

Auch fahrlässiges Verhalten der Mitarbeitenden führt immer wieder zu Unfällen: Wer etwa auf einen Bürostuhl mit Rollen steigt, um im obersten Fach einen Ordner zu greifen, riskiert sprichwörtlich Kopf und Kragen. Auch Fluchtwege oderNotausgänge müssen stets unbehindert begehbar sein – sie können sonst unter Umständen zu tödlichen Fallen werden. Mangelnde Bewegung, schlecht eingestellte Bürostühle und Pulte, falsch platzierte Bildschirme und eine nicht den Verhältnissen angepasste Organisation der Arbeit führen zu muskuloskelettalen Beschwerden, zu Stress oder gar zum Burn-out.

Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz ist Chefsache

In der Schweiz ist der Arbeitgeber gesetzlich verpflichtet, die Verantwortung für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz zu übernehmen. Der Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz wird im Arbeitsgesetz in Artikel 6 geregelt. Die Verordnung 3 zum Arbeitsgesetz konkretisiert diese Anforderungen und umschreibt im Grundsatz in Art. 2: «Der Arbeitgeber muss alle Massnahmen treffen, die nötig sind, um den Gesundheitsschutz zu wahren und zu verbessern und die physische und psychische Gesundheit der Arbeitnehmer zu gewährleisten.» Der Gesundheitsschutz ist dabei ein weitreichendes Thema und umfasst verschiedenste Themen wie Luftqualität, Raumklima, belästigenden Lärm, muskuloskelettale Beschwerden, psychische Belastungen sowie Arbeitsorganisation.

Risiken erkennen und entschärfen

Eine wichtige Basis für Sicherheit und Gesundheit am Büroarbeitsplatz sind das Erkennen von möglichen Gefahren im Betrieb sowie das Vorbeugen gegen diese Risiken. In Bürobetrieben gibt es beispielsweise die folgenden Gefahrenquellen:

  • Stolperstellen: Verletzungen durch Stolpern und Stürze, verursacht durch Kabelsalat, schlechte Beleuchtung, verstellte Gänge, nasse oder feuchte Böden.
  • Böden: Verletzungen durch Ausrutschen und Stürze wegen rutschiger Bodenbeläge aufgrund von Reinigung, Nässe oder Glatteis.
  • Glastüren und Türen mit Glaseinsatz: Prellungen, Gehirnerschütterung oder gar Kopf- und Schnittverletzungen durch Hineinlaufen in Glastüren wegen schlechter Erkennbarkeit.
  • Fluchtwege und Notausgänge: Verstellte, verriegelte oder nicht als solche zu erkennende Fluchtwege und Notausgänge können zu Sackgassen und tödlichen Fallen werden.
  • Treppen: Verletzungen durch Stürzen, Ausrutschen und Stolpern.
  • Bildschirmarbeitsplätze: Vorzeitige Ermüdung der Augen durch Blendung oder Reflexion, Rücken-, Nacken- und Schulterbeschwerden durch Abdrehhaltung zum Bildschirm, einseitige Sitzgewohnheit, zu hoch aufgestellte Bildschirme oder durch schlecht eingestellte oder nicht einstellbare Stühle und Tische.

Eine umfassende Liste zur Gefährdungsermittlung sowie Massnahmen, um den Gefährdungen vorzubeugen, bietet die Eidgenössische Koordinationskommission für Arbeitssicherheit EKAS in ihren Broschüren «Gefährdungsermittlung» und «Unfall – kein Zufall», die auch online abrufbar sind.

Geringer Aufwand, grosser Nutzen

Die Eidgenössische Koordinationskommission für Arbeitssicherheit EKAS ist die zentrale Informations- und Koordinationsstelle für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz. Sie setzt sich aus Vertretern der Versicherer, der Durchführungsorgane, Delegierten der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer sowie einem Vertreter des Bundesamtes für Gesundheit zusammen. Als Drehscheibe koordiniert die EKAS die Aufgabenbereiche der Durchführungsorgane im Vollzug, die einheitliche Anwendung der Vorschriften in den Betrieben und die Präventionstätigkeit. Sie stellt die Finanzierung für die Massnahmen zur Verhütung von Berufsunfällen und Berufskrankheiten sicher und nimmt wichtige Aufgaben in der Ausbildung, der Prävention, der Information sowie in der Erarbeitung von Richtlinien wahr.

Mit der Aktion «Prävention im Büro» macht die EKAS auf die oft unterschätzten Risiken in Unternehmen des Dienstleistungssektors mit Büroarbeitsplätzen aufmerksam. Sie unterstützt die Arbeitgeber dabei, ihre Verantwortung für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz wahrzunehmen. Denn meist reicht ein kleiner Aufwand, um viel Nutzen zu schaffen.

Die EKAS stellt dafür die notwendigen Präventionsinstrumente bereit, wie beispielsweise das interaktive Online-Präventionsinstrument EKAS-Box. In zahlreichen KMU, Grossunternehmen und öffentlichen Verwaltungen wird dieses Tool den Mitarbeitenden bereits als Präventionsinstrument zur Verfügung gestellt oder für interne Schulungen verwendet. Und dieser Einsatz für mehr Sicherheit und Gesundheit im Büro wird auch belohnt: mit leistungsfähigen Mitarbeitenden und weniger Absenzen.

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