11.05.2016

Linux: Integration von Linux in Windows 10 - Revolution oder Evolution?

Die neuesten Meldungen aus dem Hause Microsoft kommen beinahe einer Revolution gleich - zukünftig wird es wohl eine Integration von Linux in Windows 10 geben. Ist dies als eine Annäherung von Microsoft an den ehemaligen «Erzfeind» zu verstehen?

Von: Lars Behrens   Drucken Teilen   Kommentieren  

Lars Behrens, Dipl.-Paed

Lars Behrens ist Geschäftsführer der Firma MaLiWi IT. Staatlich geprüfter Netzwerkadministrator, Microsoft MCP/Linux LCP. Er hat langjährige Erfahrung in der Beratung bei Planung und Einrichtung von IT-Systemen und Netzwerken und dem Support heterogener Systeme (Apple Macintosh, Microsoft Windows, Linux). Universitätsstudium der Pädagogik, mehrere Jahre Tätigkeit im Ausland. Seminar- und Kursleiter, Referent und Fachbuchautor. Weiterhin ist er Herausgeber von dem Online-Fachportal «InformatikPraxis» bei der WEKA Business Media AG.

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Linux

Tatsächlich ist es inzwischen zwar eine ganze Reihe an Jahren her, dass Microsoft in bösen Zeitungsanzeigen Stimmung gegen den Betriebssystemkontrahenten Linux gemacht hat. Seinerzeit wurde mit Bildern eines mutierten Pinguins vor einer ebensolchen Mutation des freien Betriebssystems gewarnt. Bei Linux könne man, so der Tenor, aufgrund von dessen Quelloffenheit, der regen Community und der grundsätzlichen Unbeherrschbarkeit dieses offenen Systems ja nie sicher sein, in welche Richtung es sich entwickele. Zudem sei die so genannte TCPO bei Linux-Systemen höher als diejenige von Windows-Servern. Diese Total Cost of Ownership umfasst sämtliche Kosten eines Servers von der Anschaffung der Lizenzen über die Wartung bis zu Kostenfür die Schulung der Administratoren, Backup und Disaster Recovery. Da sei man mit den berechenbaren Systemen aus dem Hause Microsoft besser aufgehoben - so in etwa (aus der Erinnerung des Autors) die damalige, recht polemische Kampagne. Dahinter standen natürlich handfeste pekuniäre Interessen des US-Konzerns:

«Die Existenz der Kampagne lässt jedoch darauf schließen, dass Linux eine immer weiterwachsende Bedrohung für Microsoft im Server-Markt ist.»

Das ist aber, wie gesagt, alles schon eine ganze Weile her - genauer gesagt etwa 10 Jahre und mehr. Inzwischen hat - relativ still und leise - eine Wandlung quasi im Hintergrund stattgefunden. Microsoft öffnet sich mehr und mehr «anderen» Welten - mithin den beiden verbliebenen bedeutenden Betriebssystem-Alternativen MacOS von Apple und Linux mit seinen zahllosen Derivaten. Unix / BSD muss in diesem Zusammenhang noch genannt werden, weil es quasi der Urahn von Linux und MacOS X ist und im Serverbereich immer noch eine bedeutende Rolle spielt.

Was ist das Spannendste an der neuen Offenheit Microsofts den «Mitbewerbern» gegenüber? Zwei interessante aktuelle Entwicklungen sind es vor allem, die hier aufhorchen lassen:

  • Das neue Windows-Serverbetriebssystem Windows 2016 Server wird erstmals die Container-Virtualisierung Docker enthalten, die bisher ausschliesslich unter Linux-Servern verfügbar war - wir berichteten bereits an anderer Stelle in diesem Portal. Dafür haben sich Microsofts Entwickler sogar mit den Entwicklern der Linux-Lösung Docker zusammengetan.
  • Und das nächste grössere Update von Windows 10 wird - man mag es kaum glauben - Linux enthalten.

Dabei handelt es sich aber weniger um eine Virtualisierung für Nutzerzwecke, die damit Anwendungen eines fremden Betriebssystems auf ihrem originären PC-System betreiben können. Solche «PCs im PC» sind uns allen ja schon lange bekannt, die bekanntesten Vertreter kommen von Parallels, VMWare und Oracle (VirtualBox). Mit ihnen lassen sich beispielsweise Windows- Applikationen auf einem Mac betreiben. Einen ähnlichen Ansatz, aber mit einem anderen technischen Prinzip verfolgt Wine, mit dem sich unter Linux Windows-Software installieren lässt.

Das zukünftige «Linux im Windows», welches wohl Mitte dieses Jahres mit dem dann aktuellen Windows 10 erscheinen wird, ist ein bisschen von allem und doch wieder etwas ganz Eigenständiges. Es ist ein so genanntes Subsystem, basierend auf dem Linux-Derivat Ubuntu. Dass Microsoft gerade diese Linux-Variante gewählt hat, dürfte an einer ganzen Reihe von Gründen liegen. Ubuntu ist in der Linux-Welt recht beliebt und erfreut sich nicht nur weiter Verbreitung, sondern auch hoher Aktualität. Den Meisten dürfte bekannt sein, dass hinter Ubuntu nicht nur eine Handvoll enthusiastischer Entwickler steckt, sondern ein Unternehmen namens Canonical - und das wiederum sorgt für eine hohe Kontinuität und Zukunftssicherheit.

Wenn Mitte 2016 Windows 10 Version 1607 erscheint, wird das System also ein Ubuntu-Linux enthalten. Bisher gab es erst grobe Ankündigungen und nur allmählich weitere Details dazu. Die Ankündigung hat auf jeden Fall für Aufregung gesorgt - nicht nur in Kreisen von IT-Entwicklern; diese wiederum dürften an einer der wichtigsten Komponenten interessiert sein, der mitgelieferten Shell. Diese stellt quasi die Kommandozentrale eines Linux-Systems dar. Gewiefte Administratoren erledigen auf dieser «Kommandozeile» einen Grossteil der Routinen, Kommandos und Systembefehle. Microsoft hatte der Linux-Shell lange nichts Adäquates entgegenzusetzen. Im Client-Bereich - also bei den PCs der User, ob diese nun mit Windows XP, Vista, 8, 8.1 oder 10 laufen oder liefen - ist dies weniger ein Thema. Aber Linux hat inzwischen einen gewaltigen Anteil am Servermarkt erobert - es ist also das eingetreten, wovor die Werbestrategen von Microsoft in den oben erwähnten Kampagnen immer gewarnt haben. Zu offenkundig sind aber die Vorteile von Linuxsystemen im Serverbereich - freie Verfügbarkeit, das Wegfallen von Lizenzgebühren, hohe Stabilität und immense Flexibiltät und sehr hohe Sicherheit - wenn man immer alle Updates einspielt und sein System im Blick und Griff hat. Gerade dabei helfen aber eben die vielfältigen Tools und Helferlein, die wiederum eine der diversen Kommando-Systeme namens «Shell» als Grundlage haben. Es gibt deren mehrere, bekannt sind vor allem sh, bash, csh, tcsh und zsh.

Microsoft hat inzwischen mit der PowerShell längst ein Pendant zu den Linux-Shells zu bieten - aber vor allem Entwickler werden sich begierig auf die vielen Möglichkeiten stürzen, die die Ubuntu-Umgebung ihnen bieten könnte. So waren interessanter Weise die entsprechenden Vorträge auf den Microsoft-Entwicklerkonferenzen «teils so gut besucht, dass es keine Sitzplätze mehr gab» (zit. n. www.golem.de).

Leitet Microsoft also gar einen Schwenk vom bisher monolithisch geprägten Betriebssystem-Block ein?

Nun, auch in der Vergangenheit hat Microsoft sich bereits anderen «Welten» geöffnet - ob dies eher aufgrund des Drucks durch die Wünsche der Anwender geschah oder freiwillig, mag dahingestellt bleiben. Sicher spielt es eine Rolle, dass Linux immer weiter Anteile auf dem Servermarkt gewinnt, Apple mit seinen MacBooks im Clientbereich zunehmend beliebter wird - und dass der gesamte Mobile-Bereich praktisch unter Ausschluss von Microsoft stattfindet:

«Während die Windows-Vorherrschaft mit rund 80 Prozent Marktanteil auf dem Desktop zementiert ist, erfreut sich auf dem Smartphone Android größter Beliebtheit. Drei von vier neu verkauften Smartphones nutzen das Linux-Derivat. Auch bei den zahlenmäßig immer relevanter werdenden Tablets, hat Android die Dominanz von Apples iOS im letzten Jahr gebrochen. Sechs von zehn neuen Tablets haben Android an Bord. Den Rest vom Kuchen teilen sich iOS mit 36 und Windows mit 2 Prozent Marktanteil» (Quelle: www.computerwoche.de).

Möglich also, dass sich die Strategen bei Microsoft inzwischen gleichsam gezwungen sehen, sich anderen Welten zu öffnen. Auf jeden Fall gab es mit den Services for Macintosh (SFM) in Windows- Servern ja schon einmal eine Öffnung hin zu dem Netzwerkprotokoll des vormaligen Mac-Betriebssystems MacOS 7/8/9x. Inzwischen ist dieses aber Geschichte - eben so wie die SFM. Das ganze ist vor allem deswegen obsolet geworden, weil die drei grossen Betriebssysteme Windows, Linux und MacOS mittler- und lobenswerterweise einheitliche und standardisierte Protokolle nutzen. Fällt es Ihnen vielleicht auch auf? Heute beruht das Gros der Anwendungen, Infrastrukturen und Systeme in der weltweiten Betrachtung gesehen auf IP. IPv4 und IPv6 für den Austausch von Daten und die Übertragungswege im weltweiten Netz ebenso wie in Ihrem lokalen Unternehmensnetzwerk oder zuhause; VOIP (Voice Over IP) für die Telefonsysteme, und auch Ihr Fernseher ist vermutlich IP-fähig.

Microsofts Hereinnahme von Linux in Windows 10 ist also nur auf den ersten Blick etwas, das man je nach Gusto und eigenem Standpunkt wahlweise als Annäherung, Verschmelzung, Aufweichung oder gar revolutionäre Entwicklung bezeichnen kann. In Wirklichkeit geht es um mehr - nämlich eine zunehmende Verschmelzung und Standardisierung der IT-Welten. Ihnen und uns als Nutzer und Verbraucher wird es recht und billig sein. Warten wir es ab, was die nächsten Schritte uns bringen werden.

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