15.05.2019

XCP-NG: Frischer Wind auf dem Virtualisierungsmarkt

Wer an Virtualisierung denkt, wird an VMWare vSphere und Microsoft Hyper-V denken. Es gibt aber Lösungen wie Xen und KVM, für die es durchaus lohnt, einmal über den Tellerrand zu schauen. Und mit XCP-NG tritt ein Newcomer an, dem altehrwürdigen Xen zu neuem Glanz zu verhelfen.

Von: Lars Behrens  DruckenTeilen 

Lars Behrens, Dipl.-Paed

Lars Behrens ist Geschäftsführer der Firma MaLiWi IT. Staatlich geprüfter Netzwerkadministrator, Microsoft MCP/Linux LCP. Er hat langjährige Erfahrung in der Beratung bei Planung und Einrichtung von IT-Systemen und Netzwerken und dem Support heterogener Systeme (Apple Macintosh, Microsoft Windows, Linux). Universitätsstudium der Pädagogik, mehrere Jahre Tätigkeit im Ausland. Seminar- und Kursleiter, Referent und Fachbuchautor. Weiterhin ist er Herausgeber von dem Online-Fachportal «InformatikPraxis» bei der WEKA Business Media AG.

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XCP-NG

Virtualisierung ist allgegenwärtig

Allen voran natürlich die Virtualisierung von Servern per VMWare, Hyper-V, KVM, Xen oder anderen Lösungen. Neben Servern lassen sich dabei auch Workstations, Desktops, ja sogar ganze Netzwerke virtualisieren - also von der «echten» Hardware losgelöst betreiben. Kaum ein Unternehmen, in dem nicht mindestens ein Virtualisierungsserver betrieben wird - zumeist wird und werden damit der oder die Windows-Server betrieben. Domänencontroller in einer Active Directory-Domäne, Mailserver, File und Print - neben Microsofts Windows laufen vor allem Linuxserver als virtualisierte Maschinen (VMs). Eine spezielle Form der Virtualisierung stellen Container dar, die sich vor allem in Entwicklungs- und Cloudumgebungen durchgesetzt haben.

Der «klassische» KMU-Admin wiederum wird Container nicht unbedingt benötigen - ihm genügt es schon, den kleinen Zoo in seinem Rechenzentrum zu bändigen. Dieser besteht zumeist aus nur einem oder zwei Virtualisierungs-Servern (den Wirten oder Hosts) und darauf eine überschaubare Anzahl virtualisierter Maschinen - das oben bereits erwähnte Quartett aus Anmelde-, Mail-, File- und Printserver, vielleicht noch ergänzt durch Pendants für den Betrieb etwa einer Datenbank oder der Unternehmens- oder Intranet-Webseite.

Xen - eine OpenSource-Entwicklung

Lange war Xen - eine OpenSource-Entwicklung - führend auf dem Markt der Virtualisierungen, vor allem, nachdem sich Citrix des Quellcodes und gleich eines Teils der Entwicklergemeinde angenommen hatte. Citrix dürfte die ab da XenServer genannte Virtualisierungslösung für seine Desktop-Virtualisierung gebraucht haben - in der Folge bot das US-Unternehmen den XenServer in seinen Grundfunktionen als kostenlos nutzbare Lösung an. Als attraktive Dreingabe gab es dann noch eine GUI für die komfortablere Verwaltung des XenServers, das XenCenter (welches allerdings nur unter Windows lief und läuft). Der «freie» Zweig von Xen wurde einfach unter dem Namen des Hypervisors von der Entwicklergemeinde weiterentwickelt, XenSource wurde zu Citrix XenServer, das quelloffene Xen blieb Xen. Dabei gab und gibt es immer wieder einen Austausch zwischen den beiden Zweigen («Forks»), sowohl Citrix als auch die Community profitierten teilweise voneinander.

Dennoch geriet Xen im Laufe der Jahre immer mehr ins Hintertreffen. Die Rolle von VMWare als Platzhirsch war ohnehin nie ernsthaft gefährdet, daneben holte aber auch Microsofts Virtualisierungslösung Hyper-V auf. Aus der OpenSource-Gemeinde kam mit KVM eine viel versprechende Entwicklung, die - im Gegensatz zu Xen - sogar den Segen des Linux-Begründers Linus Thorvalds und dadurch Einzug in den offiziellen Linuxkernel fand. Xen hingegen musste immer irgendwie «geflickt» werden beziehungsweise (so etwa bei der Virtualisierung von Linuxservern) lange Zeit auf einen veralteten Betriebssystemkern zurückgreifen.

In der IT ist nichts für die Ewigkeit

Natürlich ist in der IT nichts für die Ewigkeit in Stein gemeisselt, und Gründe für das Aufkommen oder Verschwinden von Soft- und Hardwarelösungen gibt es meistens viele. Beim XenServer war es aber auf jeden Fall die etwas undurchschaubare und nicht unbedingt als nachhaltig und verlässlich zu bezeichnende Marktpolitik von Citrix selbst, die viele Anwender abschreckte und eine weitere Verbreitung dieses Hypervisors verhinderte. Neben kostenpflichtigen Version gab es XenServer immer auch in einer kostenlosen Version. Man musste, um diese nutzen zu können, sich zwar bei Citrix registrieren und eine Lizenz «bestellen», die zu allem Überfluss auch noch regelmässig verfiel und dann gegen eine neue (wiederum kostenlos erhältliche) Lizenzdatei ausgetauscht werden musste. Und die ganz frühen Versionen des XenServers wie etwa 5.6 werden nicht nur nicht mehr unterstützt - seit April 2019 sind solcherart installierte Virtualisierungsumgebungen im Zweifelsfall nicht einmal mehr lauffähig. Solche Praktiken sind aber auch bei anderen Anbietern in der IT-Branche nicht unüblich, die jeweiligen Unternehmen möchten sich natürlich eine Hintertür für eine eventuelle Kommerzialisierung offen lassen. 

Der «freie» (d.h. kostenlos von Citrix verfügbare) Hypervisor XenServer wies jedenfalls bisher nur wenige Einschränkungen auf, in früheren Versionen fügte Citrix mitunter sogar Features der Enterpriseversionen dem Standard-XenServer hinzu - was die Administratoren natürlich erfreute. Andererseits war XenServer dadurch in der kostenlosen Version auch in grösseren Umgebungen nutzbar, es gab eigentlich nur wenige Szenarien, für die die kostenpflichtigen Editionen notwendig waren; das betraf vor allem Serverumgebungen, die auf Hochverfügbarkeit angewiesen waren.

Von der etwas unglücklichen Marktpolitik einmal abgesehen, ist es ansonsten unverständlich, dass dem XenServer keine grössere Verbreitung beschieden war. Er ist vor allem mit dem XenCenter relativ einfach administrierbar und unterstützte sowohl auf Wirts- als auch auf Gastebene so ziemlich alles, was im professionellen Umfeld benötigt wurde und verfügbar war. So setzt beispielsweise Amazon in seiner Cloud-Umgebung AWS lange Zeit auf Xen als Hypervisor.

Citrix

Um eine lange Geschichte abzukürzen: Citrix wechselte in den vergangenen Jahren die Politik seiner Editionen, der darin enthaltenen Features und vor allem diejenige der zugehörigen Lizenzen (frei nutzbar, kostenpflichtig, Editionen mit erweitertem Support seitens Citrix und so weiter) gefühlt öfter als der Durchschnitts-Schweizer seine Unterwäsche. Dies nervte und verunsicherte nicht nur die bereits erwähnte Entwicklergemeinde, sondern vor allem die (zahlenden oder nicht zahlenden) Kunden. Denn eines war und ist klar: Citrix muss mit seinen Produkten natürlich Geld verdienen. Man bekam aber immer mehr den Eindruck, dass es dem US-Konzern mehr um seine (offenbar einträchtigen) VirtualDesktop-Produkte der XenDesktop-Familie ging, die für den Betrieb auf eine Virtualisierungslösung angewiesen sind. Der XenServer erschien da mitunter mehr als lästiges Beiwerk, mit dem Citrix nie so recht warm wurde.

Das Fass zum Überlaufen brachte Citrix mit der im Dezember 2017 veröffentlichten Version 7.3 des XenServers. «Viele auch wichtige Funktionen wie High Availability, Storage Motion, Dynamic Memory Control und AD-Benutzerverwaltung wurden aus der freien Version entfernt und die Anzahl der Virtualisierungshosts in einem Pool auf maximal 3 begrenzt. Wer die Funktionen benötigt oder mehr als 3 Hosts in einem Verbund einsetzen möchte, muss eine Standard- oder Enterprise-Lizenz und Software Maintenance von Citrix erwerben. Nach der Ankündigung dieser Änderungen hat sich viel Frust der Anwender im Diskussionsbereich des Artikels gesammelt», heisst es dazu auf https://www.audeca.de/blog/xenserver-und-der-schuss-ins-knie/.

Vor allem wurde «als direkte Konsequenz aus der Lizenzänderung (...) das Projekt XCP-NG gegründet, welches weiterhin eine freie und 100%-kompatible XenServer-Version auf Basis des Original-Quellcodes bereitstellen will, was Dank Open-Source möglich ist».

XCP-NG

XCP-NG ist also ein Zweig des bisherigen Citrix XenServers, aber ohne dessen Ballast in Form diverser Restriktionen, beispielsweise dem Lizenzzwang auch in den kostenlos nutzbaren Versionen. Auf der eigenen Webseite xcp-ng.org heisst es dazu:

«Based on XenServer, XCP-ng is the result of massive cooperation between individuals and companies, to deliver a product without limits. No restrictions on features and every bit available on GitHub!»

XCP-NG soll zu 100 % kompatibel zu Citrix´ XenServer sein. Es gibt eigene Installationsmedien, die Sie - ebenso wie die Pendants von Citrix - auf einen USB-Stick laden und für die Upgradeinstallation nutzen können. Exportieren Sie bei älteren Versionen des XenServers vorher unbedingt die virtuellen Maschinen! Sowohl im XenServer von Citrix als auch im Pendant XCP-NG sind die Formate nicht mehr zueinander kompatibel. Ein einfaches «Drüber installieren» wird Ihre virtuellen Maschinen unbenutzar machen!

Die Installation von XCP-NG geht flott von der Hand, administrieren lässt der Server sich per XSConsole auf der Kommandozeile, die eine verblüffende Ähnlichkeit zum Citrix-Pendant aufweist. Sie können aber auch das XCP-NG-Center installieren, mit dem Sie dann eine grafische Oberfläche zur Installation, Wartung und Bedienung Ihrer VMs zur Verfügubng haben - ganz ähnlich dem Zwillingsbruder Citrix XenCenter. Diese erhalten Sie unter:

https://github.com/xcp-ng/xenadmin

Fazit

XCP-NG ist eine äusserst interessante Entwicklung auf dem Gebiet der Virtualisierung. Hinter dieser Alternative zum proprietären Citrix XenServer stehen zudem einige namhafte (kommerzielle) Unternehmen ebenso wie eine breite Community. Es ist zu erwarten, dass XCP-NG eine lange und stabile Zeit des Betriebs und der Weiterentwicklung bevorsteht. Gerade für Unternehmen aus dem KMU-Umfeld ist es zudem ein interessanter Aspekt, dass praktisch sämtliche Features ohne die Zahlung von Lizenzkosten nutzbar sind.

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