28.06.2017

Arbeitszeiterfassung Schweiz: Zeit ist relativ, Arbeitszeit nicht

Die gesetzlichen Bestimmungen zur Arbeitszeiterfassung befreien bestimmte Arbeitnehmende von der Dokumentationspflicht und sehen bei anderen Personengruppen eine vereinfachte Erfassung vor. Wie praxistauglich sind diese Ausnahmebestimmungen?

Von: Ivo Muri   Drucken Teilen   Kommentieren  

Ivo Muri

Herr Muri ist Zeitforscher und Geschäftsführer der Zeit AG.

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Arbeitszeiterfassung Schweiz

Neue Bestimmungen

Der Bundesrat hat Ende 2015 den SECO-Entwurf zur Änderung der Arbeitszeitverordnung definitiv verabschiedet. Seit dem 1. Januar 2016 ist die Verordnungsrevision in Kraft. Die neuen Bestimmungen beinhalten zum einen den gänzlichen Verzicht auf die Erfassung der Arbeitszeit für gewisse Personenkreise (Art. 73a ArGV 1) und zum anderen eine stark vereinfachte Erfassung für bestimmte Arbeitnehmende (Art. 73b ArGV 1). Beide Ausnahmebestimmungen scheinen jedoch fragwürdig – nicht nur, weil die vom Bund beabsichtigte Vereinfachung der gesetzlichen Grundlagen durch die komplizierten neuen Verordnungstexte nicht eintreten dürfte.

Eine praxisfremde Idee

Arbeitnehmende, die ihre Arbeitszeiten zu einem namhaften Teil selber festlegen können, müssen gemäss Art. 73b ArGV 1 künftig einzig die geleistete tägliche Arbeitszeit erfassen. Diese vereinfachte Dokumentationspflicht ist jedoch schlicht nicht durchführbar, denn kein Mensch kann nach Gefühl wissen, ob er sieben oder acht Stunden gearbeitet hat. Um zu wissen, wie lange ich gearbeitet habe, muss ich aufschreiben oder mit einem Zeiterfassungssystem erfassen, wann ich begonnen habe und wann ich aufgehört habe zu arbeiten. Nur dann kann ich eine Anzahl Stunden ermitteln und im Sinne einer vereinfachten Dokumentationspflicht korrekt aufschreiben.

Wenn wir eine vertraglich vereinbarte Arbeitszeit – egal ob Vollzeit oder Teilzeit – einhalten sollen, dann kann uns unser Zeitgefühl sehr täuschen. Ein Arbeitstag kann im Flug vergehen, ein anderer erscheint uns unverhältnismässig lang. Diese nicht enden wollenden Arbeitstage erleben Menschen beispielsweise dann, wenn am Vortag Fasnacht war oder aber, wenn am Abend ein lang ersehntes Konzert auf uns wartet. Diese Beispiele sollen illustrieren, dass Zeit für den Menschen tatsächlich relativ ist. Albert Einstein hat dies treffend formuliert: «Wenn man zwei Stunden lang mit einem netten Mädchen zusammensitzt, meint man, es wäre eine Minute. Sitzt man jedoch eine Minute auf einem heissen Ofen, meint man, es wären zwei Stunden.»

Diese Relativität im Zeitgefühl kennen alle Menschen. Wie schnell oder eben langsam die Zeit vergeht, empfindet jeder Mensch anders, und zwar je nach persönlichem Wohlbefinden, der Tätigkeit, der er sich gerade widmet, oder anderen Umwelteinflüssen. Dies hat zur Folge, dass niemand nach Gefühl wissen kann, ob er die vertraglich vereinbarte Arbeitszeit erreicht hat. Dies gilt erst recht dann, wenn jemand sehr flexibel und Teilzeit arbeitet. Damit ist also klar, dass es in Bezug auf Zeiterfassung keine halben Lösungen gibt: Entweder man registriert die Arbeitszeit oder man registriert sie nicht.

Eine Zweiklassengesellschaft?

Art. 73a ArGV 1 befreit Arbeitnehmende, die bei der Gestaltung ihrer Tätigkeit über eine grosse Freiheit verfügen und ihre Arbeitszeit mehrheitlich selber bestimmen können, gänzlich von der Zeiterfassung. Zudem muss ihr Bruttogehalt mindestens 120 000 Franken (inkl. Boni usw.) pro Jahr betragen und es muss ein GAV vorliegen. Wenn jedoch gewisse Kategorien von Mitarbeitenden auf die Erfassung der Arbeitszeiten verzichten dürfen, dann stellt sich die Frage, nach welchen logischen und eindeutigen Kriterien man diese Kategorie von Mitarbeitenden definiert. Die Verordnungsrevision geht davon aus, man könne die Lohnbemessung als Grundlage dafür nehmen: Mitarbeitenden mit einem Lohn von über 120 000 Franken darf man zutrauen, nach Gefühl zu arbeiten – Mitarbeitenden mit weniger Lohn nicht. Auch diese Idee ist problematisch.

Menschen sind unterschiedlich leistungsfähig und unterschiedlich leistungsbereit. Kann man diese Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit objektiv an einer Lohngrenze festmachen und daraus Mitarbeiterkategorien definieren? Wäre es nicht ein Affront gegenüber der Belegschaft, wenn man in gewissen Branchen die Chefetagen von der Arbeitszeiterfassung befreit – für die Mitarbeitenden jedoch Zeiterfassungsgeräte mit biometrischen Lesegeräten einrichtet, aus Angst, diese könnten die Arbeitszeiten manipulieren? Viele Manager, die viel arbeiten, sind auch bereit, dies zu zeigen und zu registrieren. Vermutlich kommen wir nicht darum herum, gut verdienenden Mitarbeitenden auch längere Arbeitszeiten zuzumuten, die sie jedoch wie alle anderen auch registrieren dürfen – nicht müssen.

Alle haben gleich viel Zeit

In der Arbeitswelt geht es wie im übrigen Leben darum, dass alle Menschen in der Gesellschaft integriert sind: Die Hochmotivierten und die Minimalisten, die Hochbegabten und die weniger Begabten, die Hocheffizienten und die weniger Effizienten, die Superkreativen und die weniger Kreativen. Die Uhr ist unter diesen Umständen das objektivste Messinstrument überhaupt, um zu messen, ob alle ihren Teil zum Gesamtergebnis beitragen.

Die Zeit ist das am gerechtesten verteilte Gut der Erde. Alle Menschen erhalten von der Natur täglich gleich viel davon. Nicht alle Menschen haben jedoch intellektuell oder vom Körperbau her die gleichen Voraussetzungen zur Arbeit. Wenn es um eine gerechte Arbeitsteilung und um vertrauensvolle Arbeitsbeziehungen geht, dann ist die Zeit die wichtigste Grundlage – und zwar nicht die gefühlte oder die vereinbarte, sondern die tatsächlich gemessene Arbeitszeit.

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