04.05.2017

Integrity Management: Unternehmensschädigende Handlungen verhindern

Fehlverhalten von Mitarbeitenden und Wirtschaftskriminalität stellen in der Schweiz in den meisten Unternehmen ein Risiko dar. Die Schadenssumme von Betrugs- und Missbrauchsfällen gehen in die Milliarden. Zudem sind allfällige Reputations- und Vertrauensverluste für das einzelne Unternehmen beträchtlich.

Von: Martin Bircher   Drucken Teilen   Kommentieren  

Martin Bircher

Martin Bircher ist Geschäftsführer der Movis AG, einem spezialisierten Beratungsunternehmen im Bereich der externen Mitarbeitendenberatung und des Gesundheitsmanagements.

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Integrity Management

Imageschaden

Schweizer Gerichte haben im 2015 mehr als 90 grosse Fälle von Wirtschaftskriminalität behandelt. Das sind so viele wie nie zuvor und nur die Spitze des Eisbergs – die betroffenen Firmen bringen lange nicht alle Fälle vor Gericht. Die Bezifferung der Schadenssumme ist deshalb mit erheblichen Unsicherheiten verbunden. Untersuchungen für die Schweiz schätzen sie auf etwa 9 bis 17 Milliarden CHF, was 2-4 Prozent des Bruttoinlandproduktes entspricht.

Neben den finanziellen Risiken kann der Imageschaden beträchtlich sein. Gelangen die Informationen über einen Betrugsfall an die Öffentlichkeit und werden sie beispielsweise über die Medien bekannt gemacht, ist der Schaden für die Reputation nicht mehr zu verhindern. Ein Reputationsverlust lässt sich oftmals nicht quantitativ ermitteln, da er zeitlich versetzt eintritt und die Reaktionen der Anspruchsgruppen unbekannt bleiben. Die Skandale haften den Firmen in der Regel aber noch jahrelang an. Die Unternehmen haben also grosses Interesse, von möglichen Missbrauchsfällen frühzeitig zu erfahren und zu verhindern, dass entsprechende Informationen an die Öffentlichkeit gelangen. Je schneller reagiert werden kann, desto geringer ist in der Regel der Schaden.

Integrity Management

Mit Integrity Management werden hier alle Massnahmen verstanden, welche die Kultur des Unternehmens systematisch beeinflussen, um unternehmensschädigende Handlungen durch Stakeholder, insbesondere aber durch Mitarbeitende oder Management zu verhindern. Ein ganzheitliches Integrity Management fördert die Einhaltung von Gesetzen und Unternehmensrichtlinien (Compliance) und stärkt zum anderen unternehmensspezifisch formulierte Regeln und Maxime, die den Mitarbeitenden eine Orientierung für richtiges Handeln vermitteln (Code of Conduct). Das Integrity Management beruht primär auf verhal-tens- und werteorientierten Präventionsmassnahmen. Gute Programme zeichnen sich dadurch aus, dass sie eine optimale Kombination aus Kontrolle und Eigenverantwortung erreichen.

Verhinderung von dolosen Handlungen

Wie eine Umfrage der «Association of Certified Fraud Examiners» (ACFE) aus dem Jahre 2016 ergab, wurden rund 40 Prozent der Betrugsfälle durch Tipps entdeckt. Auch die Ergebnisse des «Global Economic Crime Survey 2014» bestätigen, das in der Schweiz 36 Prozent der Delikte aufgrund von Hinweisen aufgedeckt wurden. Die Einrichtung eines unabhängigen, professionellen und anonymen Meldesystems erweist sich deshalb als zentrale und wirkungsvolle organisatorische Massnahme innerhalb des Integrity Managements, um doloses, also illegales und unmoralisches Verhalten, im Unternehmen frühzeitig zu erkennen. Viele international tätige Grossunternehmen haben in den letzten 15 Jahren Meldestellen eingerichtet. Laut einer Studie von 2011 kennen fast alle der 20 grössten börsenkotierten Firmen in der Schweiz ein internes Meldesystem; die meisten lassen auch anonyme Meldungen zu. Zahlen über eingegangene Hinweise publizieren hingegen nur wenige Firmen. Novartis z.B. hat im 2014 rund 1700 Meldungen erhalten, wovon in 930 Fällen Fehlverhalten nachgewiesen wurde. Gesamtschweizerisch wird davon ausgegangen, dass pro 1‘000 Mitarbeitende jährlich etwa 5 bis 10 Hinweise über interne Missstände gemeldet werden. 50 Prozent der firmeninternen Meldungen betreffen dabei Arbeitsbedingungen und die Verletzung der persönlichen Integrität und 50 Prozent sind Hinweise auf potenziell strafrechtliche Vergehen.

Weitere Gründe für ein Meldesystem

Neben der hohen Wirksamkeit bei der Aufdeckung von Betrugsfällen gibt es zahlreiche weitere Gründe, warum Firmen ein Meldeverfahren implementieren sollten. Das Unternehmen festigt beispielsweise seine positive Reputation, wenn kommuniziert wird, dass ethisch einwandfreies Verhalten im Unternehmen wirklich wichtig ist. Dem Engagement und Pflichtbewusstsein von Mitarbeitenden wird Rechnung getragen und das Meldesystem ist Teil des Kontrollsystems gemäss StGB, welches ausreichende interne Kontrollmechanismen verlangt, um strafbares Handeln zu verhindern.

Aufbau eines Meldesystems

Zentraler Ausgangspunkt für jedes gut funktionierende Meldeverfahren ist eine klar definierte, gut erreichbare und professionell agierende Anlaufstelle für Personen, die Meldungen über Missstände einreichen möchten. Eine solche Anlaufstelle muss Vertrauen ausstrahlen und mit hoch sensiblen Daten professionell umgehen können. Ein Meldesystem ist nur von Nutzen, wenn es auch benutzt wird, deshalb erfordert dies eine proaktive Kommunikation seitens der Unternehmensführung. Denn die in der Unternehmenskultur verankerten Werte haben einen entscheidenden Einfluss auf dessen Inanspruchnahme. Ein Meldesystem kann auf verschiedenen Kanälen aufgebaut werden. Vor allem die Möglichkeit der gesicherten Online-Übermittlung der Meldung steht im Zentrum.

Gesetzliche Bestimmungen

2013 unterbreitete der Bundesrat dem Parlament Vorschläge zur Teilrevision des Arbeitsrechts, welche den Schutz von Arbeitnehmenden, die auf Missstände hinweisen, verbessern sollen. Die Gesetzesvorlage basiert auf dem Prinzip der Meldungskaskade. Danach müssen Missstände zuerst intern gemeldet werden. Nur wenn der Arbeitgeber innerhalb von 60 Tagen keine oder offensichtlich ungenügende Massnahmen zur Klärung des Sachverhalts ergreift, ist eine Meldung an eine externe Behörde möglich. Wenn die zuständige Behörde den Hinweisgeber nicht innerhalb von 14 Tagen über das weitere Vorgehen informiert, ist als letzter Schritt der Gang an die Öffentlichkeit zulässig. Diese Kaskade entspricht im Wesentlichen der geltenden Rechtspraxis aufgrund des allgemeinen Prinzips der Verhältnismässigkeit. Das Parlament ist inhaltlich für die Vorlage des Bundesrats, doch es fordert einfachere Regeln. Aus diesem Grund wurde die Vorlage 2015 an den Bundesrat zurückgewiesen. Eine Rückmeldung, etwa in Form einer Zusatzbotschaft, dürfte wohl demnächst zu erwarten sein.

Fazit

Fehlverhalten von Mitarbeitenden und Wirtschaftskriminalität stellen für ein Unternehmen ein beachtliches Risiko dar und verursachen in der Schweiz jedes Jahr Kosten in Milliardenhöhe und beträchtliche Imageschäden. Ein Meldesystem ist ein wichtiges Instrument des Integrity Managements eines Unternehmens, welches unternehmensschädigende Handlungen durch Stakeholder verhindern möchte. Der neue Gesetzesentwurf vom BR schafft zusätzlichen Anreiz, eine Meldestelle zu implementieren, da eine direkte Meldung von Missständen an die Behörden oder gar an die Öffentlichkeit prinzipiell nicht möglich ist, wenn der Arbeitgeber über ein Meldesystem verfügt.

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