27.02.2015

Arztzeugnis: Ferndiagnosen sind umstritten

Gemäss Berichten in der Basler Zeitung und im St. Galler Tagblatt zeichnet sich in der Ausfertigung von ärztlichen Zeugnissen, welche die Arbeitsunfähigkeit bescheinigen, möglicherweise eine neue Tendenz ab, die noch bei allen Beteiligten – potenziellen Patienten, Ärzten, dem Schweizerischen Gewerbeverband/SGV, dem Verband Schweizer Krankenversicherer/Santésuisse und auch der Schweizerischen Gesellschaft für Arbeitsmedizin – zu reden gibt und noch weitere Diskussionen auslösen wird: Das Arztzeugnis durch Ferndiagnose!

Von: Alex Müller   Drucken Teilen   Kommentieren  

Alex Müller

Alex Müller war nach längeren Auslandaufenthalten als Personalverantwortlicher bei einer grösseren Bank und später als HR-Leiter einer psychiatrischen Universitätsklinik tätig, wo er reiche Erfahrungen in allen Sparten des Personalmanagements sammeln konnte. Heute arbeitet er als freier Fachautor und Publizist sowie als selbstständiger Berater von Führungskräften, mit Schwerpunkt Out-/Newplacement.

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Arztzeugnis

«Husten und Fieber? Anruf bei Medgate genügt»

So oder ähnlich lauteten kürzlich die Schlagzeilen in einigen Tageszeitungen, die aufhorchen lassen. Oder ist das Ganze ein Sturm im Wasserglas? Hat das St. Galler Tagblatt übertrieben, wenn es schreibt: «Wer sich krank fühlt und nicht arbeiten will, ruft die Basler Ärzte-Firma Medgate an, hustet etwas ins Telefon, redet von Fieber und Halsweh und schon flattert das Arztzeugnis, das eine Arbeitsunfähigkeit attestiert, per Post nach Hause». Diese Aussage wurde von der Basler Zeitung bestätigt.

Doch der Marketingdirektor von Medgate in Basel wiegelte ab; er weiss natürlich, dass ein allfälliger Missbrauch bei einem Arztzeugnis per Telefon im Raum steht, also nicht ausgeschlossen werden kann. Deshalb will er das Gespräch mit den Arbeitgeber-Verbänden suchen, um eine möglichst grosse Akzeptanz zu erreichen.

Medgate sieht sich als ergänzende, unkomplizierte Hilfe

Gemäss Aussage des Medgate-Verantwortlichen können Fälle eintreten, welche die telefonische Bestellung eines ärztlichen Zeugnisses rechtfertigen würden. Dabei denkt er zum Beispiel an eine berufstätige Mutter, deren Kleinkind mit Verdacht auf Masern und/oder hohem Fieber im Bett liegt und auf die mütterliche Pflege und Betreuung angewiesen ist – aber auch an die kommende Grippesaison. Erfahrungsgemäss würde ein grippaler Infekt einige Tage dauern. In solchen Situationen wäre es laut Medgate für viele einfacher, sich das benötigte Arztzeugnis per Telefon zu beschaffen. Bedingung dazu sei jeweils eine vorherige telefonische Arztkonsultation bei Medgate, präzisierte der Marketingchef gegenüber der Basler Zeitung. Dabei würden die gesundheitlichen Probleme so genau wie möglich und nötig besprochen und diagnostiziert sowie eine Behandlungsempfehlung abgegeben. Aus dem Zeugnis würde eindeutig hervorgehen, dass es aufgrund einer Telefondiagnose erstellt wurde!

Kritische Stimmen aus verschiedenen Kreisen

Es liegt auf der Hand, dass dieses Vorhaben des Tele-Medizin-Unternehmens nicht auf überwältigende Begeisterung stösst, um es etwas salopp auszudrücken. Die Hauptkritikpunkte habe ich ebenfalls der Basler Zeitung und dem St. Galler Tagblatt entnommen; sie lassen sich etwa wie folgt zusammenfassen:

  • Ein Fragezeichen kommt aus dem Vorstand des Verbands Hausärzte beider Basel: Wie will Medgate das Kriterium der Sorgfaltspflicht und das damit verbundene Missbrauchspotenzial lösen? Das Thema Arbeitszeugnis sei ohnehin oft ein Reizthema bei einigen Arbeitgebern, die nicht jedes Dokument akzeptieren würden, das eine Arbeitsunfähigkeit bescheinige. Ein wahrheitsgemässes Zeugnis basiere immer auf einem Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient. Wörtlich sagt der Verbandsvertreter: «Ich sehe mir den Patienten an, höre ihm zu, von welchen Beschwerden er mir berichtet. Danach überprüfe ich, ob das zutrifft, das mir der Patient berichtet.»
  • Der Direktor des Schweiz. Gewerbeverbands/SGV ist «not amused» vom Vorhaben. Er hat die Befürchtung, dass dadurch in stärkerem Ausmass überflüssige Arztzeugnisse ausgefertigt würden. Im Weiteren sei er erstaunt, dass Medgate mit dem SGV vorgängig nicht darüber gesprochen habe.
  • Santésuisse steht dem Vorhaben ebenfalls skeptisch gegenüber: Zwar würden sich einige Arztbesuche vermeiden lassen; vielleicht um den Preis einer Verwässerung des Stellenwerts der Arztzeugnisse, zu welchen man allenfalls leichter Zugang habe – möglicherweise eine problematische Sache.
  • Kritik äussert auch die Schweizerische Gesellschaft für Arbeitsmedizin; dabei wird bezweifelt, ob Medgate beide Seiten – sowohl die Patienten als auch die Ärzte so zufriedenstellen kann, dass daraus Attests resultieren, welche die Arbeitsunfähigkeit korrekt bescheinigen. Dies wäre dann das Ende dieser Dienstleistungsidee, bevor sie geboren wird.

Klare Richtlinien sind erforderlich

Die Verantwortlichen von Medgate sind sich der Brisanz des Themas Fern- oder Telefondiagnose durchaus bewusst; deshalb befürworten sie klare Richtlinien, um das Risiko von Missbrauch nach Möglichkeit auszuschliessen. Offenbar gibt es in rechtlicher Hinsicht keine Hindernisse für die Einführung des telefonischen Arztzeugnisses, wie dem St. Galler Tagblatt ebenfalls zu entnehmen ist.

Das genaue Startdatum im kommenden Jahr steht noch nicht fest. Das Telemedizin-Unternehmen will darüber in den nächsten Tagen informieren.

Wie ist Ihre Haltung zur ärztlichen Fern- oder Telefondiagnose?

Es liegt in der Natur der Sache, dass das Thema Arztzeugnis bei vielen Personalverantwortlichen auf  reges Interesse stossen und zahlreiche Echos ausgelöst werden. Deshalb ist es naheliegend, wenn Sie sich als Personalverantwortliche zur geplanten ärztlichen Fern- oder Telefondiagnose Gedanken machen. Ist diese mögliche neue Art von Arztzeugnissen in Ihrem Unternehmen denkbar bzw. würde sie überhaupt akzeptiert?

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