06.07.2020

Verhaltenspsychologische Hilfsmittel: Mit Nudging das Wellbeing von Mitarbeitenden im Homeoffice fördern

Die Motivation der Mitarbeitenden aufrechtzuerhalten und deren Gesundheit im Homeoffice sicherzustellen, sind aktuelle Herausforderungen des HR. Nudging kann hier ein passender Lösungsansatz sein. Wir präsentieren einige, möglicherweise auch für Sie nützliche Nudging-Ideen.

Von: Gilles Chatelain, Nathalie Niederhauser  DruckenTeilen 

Gilles Chatelain

Gilles Chatelain ist promovierter Psychologe und Inhaber der Verhaltensarchitektur GmbH. Nudging ist für ihn legitim, wenn er selber in die angestrebte Richtung gestupst werden möchte.

Nathalie Niederhauser

Nathalie Niederhauser hat einen betriebswirtschaftlichen Hintergrund und ist seit 3 Jahren Senior SuccessFactors Consultant bei HR Campus. Sie möchte die HR-Welt von der Wirkung von Nudging überzeugen.

Portrait

Verhaltenspsychologische Hilfsmittel

Der abrupte Wechsel zum Homeoffice bedeutete für Arbeitgeber und Mitarbeitende eine Neuorientierung

Innerhalb kürzester Zeit mussten neue digitale Wege für die Zusammenarbeit gefunden und von den Mitarbeitenden konstruktiv zu nutzen gelernt werden. Dies stellt HR-Verantwortliche vor Herausforderungen, selbst wenn flexible Arbeitsmodelle wie Homeoffice nicht neu sind: Wie sichere ich die psychische und physische Gesundheit meiner Mitarbeitenden aus der Distanz? Wie schaffe ich es, dass die Arbeitsmotivation hoch bleibt? Wie kann ich den Teamgedanken weiter fördern?

Dies sind Hürden, welche in den meisten Fällen nicht mit einer einmaligen Intervention gemeistert werden können. Beispielsweise kann eine einmalige E-Mail mit dem Hinweis, «regelmässig an die frische Luft zu gehen», zwar kurzfristig die gewünschte Wirkung haben. Doch längerfristig wird diese Aufforderung immer stärker in den Hintergrund rücken und keine zufriedenstellende Wirkung mehr zeigen. Mehr Erfolg versprechen hier wiederkehrende Inputs in Richtung Mitarbeitende. In einem früheren Fachartikel, der in Ausgabe 10/19 von personalSCHWEIZ erschienen ist, haben wir das Potenzial von verhaltenspsychologischen Strategien, sogenannten Nudges, für das HR diskutiert. Nudges bauen darauf auf, dass wir alle von frühmorgens bis spätabends nicht vollkommen rationale Entscheidungen treffen, sondern durch «kognitive Abkürzungen» in eine wohlwollende Entscheidungsrichtung gestupst werden können. Veranschaulicht am vorherigen Beispiel würde dies bedeuten, dass kleine wiederkehrende Erinnerungen an die Mitarbeitenden, die «Frischluftzufuhr» im Vergleich zu einem einmaligen Hinweisen deutlich verbessern kann. Nudging-Strategien können gerade jetzt sehr wertvoll sein und sollten nicht zuletzt wegen dem geringen finanziellen und zeitlichen Aufwand in Betracht gezogen werden.

Nudging-Ideen zum Ausprobieren fürs Homeoffice

Aber wie kommt man zu wirksamen Nudging-Strategien? Erfahrene Verhaltenspsychologinnen und -psychologen damit zu beauftragen, ist sicherlich die einfachste Lösung. Diese kennen die wissenschaftliche Literatur und bringen ein breites Verständnis mit, welche Strategien bei welchen Herausforderungen am vielversprechendsten sind. Unter Umständen bringen aber bereits eine Stichwortsuche bei Google, oder das Nachfragen bei den HR-Kolleginnen und -kollegen oder der gesamten HR-Community die erhofften Ideen und Antworten.

Falls Ihnen momentan gerade die Zeit für ein Brainstorming fehlt, helfen wir gerne mit ersten Ideen aus:

  • Ein Walking-Meeting: Per Default (mit einer Opt-out Möglichkeit) wird jedes dritte Telefonat mit der jeweiligen Person automatisch als Walking-Meeting eingeplant. Die Gesprächspartner*innen sind beide spazierend unterwegs und ein Notizblock hilft dabei, die guten Ideen nicht zu vergessen.
  • Die gemeinsame Kaffeepause: Einmal täglich trifft man sich digital zur gemeinsamen Kaffeepause. Dabei werden sich auch unterhaltsame Ideen ergeben, wie z.B. eine virtuelle Wohnungsführung oder das Team lernt die Kinder kennen. Der Teamgedanke ist dadurch unter Umständen stärker als vor Beginn der Corona-Pandemie. Ein psychologischer Mechanismus, der hier hineinspielt, ist die Fear-of-missing-out: Man könnte etwas Spannendes verpassen und versucht möglichst bei der Kaffeepause dabei zu sein.
  • 5-Min-Vorsprung: Technik bringt auch Tücken mit sich und öfters als einem lieb ist, funktioniert bei mindestens einem Teilnehmenden das Mikrofon nicht sofort. Dies führt zu Frust und Anspannung bei den anderen Mitarbeitenden, bevor das Meeting überhaupt begonnen hat. Per Default wählen sich alle 5 Minuten früher ein. Dies hilft, technische Probleme zu beheben, und es bleibt ausserdem Zeit für einen informellen Austausch.
  • Gemeinsam durch die Woche: Schicken Sie Ihren Mitarbeitenden auf den Wochenbeginn ein Set mit verschlossenen Karten mit motivierenden Aufgaben zu. Jeden Tag können sie eine Karte aufreissen. Z.B. «Teile ein Foto von deinem Lieblingsort zum Kaffeetrinken zuhause mit deinem Team». Die Neugierde, was wohl auf der nächsten Karte steht, hilft dabei, die Mitarbeiten bei der Stange zu halten. Die gemeinsamen Aufgaben stärken den Teamgedanken.
  • Kurzfristige Gewinne sind attraktiver als zeitlich entfernte: Schicken Sie Ihren Mitarbeitenden direkt nach dem Mittag eine E-Mail mit einer gemeinsamen Meditationsübung und heben Sie den unmittelbaren positiven Effekt hervor.
  • Zu viele und lange Video-Meetings belasten: Kürzen Sie die voreingestellte Meetingzeit in Ihrem Kalendersystem, z.B. von 45 auf 30 Minuten. Die voreingestellte Zeit wird oftmals beibehalten und dementsprechend fallen die einzelnen Meetings kürzer und konzentrierter aus. Übrigens, eine per Default aktivierte Videokamera erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Teilnehmenden sehen und stärkt ebenfalls den Teamgedanken: Alle sitzen zuhause und im selben Boot.
  • Ein wiederkehrendes, kurzes Pulse-Survey: Der/die Vorgesetzte schickt den Mitarbeitenden einmal wöchentlich eine kurze Umfrage zu ihrem Befinden. Zeigen sich bei jemandem Defizite, geht er/sie dem selbstverständlich weiter nach.
  • Nudging-konforme Kommunikation: Bekannte Nudging-Formulierungen können in der Kommunikation integriert werden. Z.B. fehlt den Mitarbeitenden zuhause das Gefühl, wie sich die Arbeitskolleginnen und -kollegen verhalten. Kommunizieren Sie vermehrt eine soziale Norm, z.B. «Das letzte Pulse-Survey hat gezeigt, dass 80% der Mitarbeitenden am Nachmittag eine Pause an der frischen Luft machen». So schaffen Sie es, die restliche 20% auch zu einer gesunden Pause zu motivieren.
  • Meeting-Struktur: Durch eine fixe vorgegebene Struktur können einfache Entspannungs-Übungen oder kurzes Aufstehen direkt in Meetings integriert werden. Dies kann durch regelmässige Check-in-Termine des Vorgesetzten oder durchs HR bestens vorgelebt werden. Durch die damit verbundenen zeitnahen positiven Erfahrungen ist die Wahrscheinlichkeit grösser, dass Mitarbeitende dies in ihrem Arbeitsalltag anwenden.
  • Challenges: Wie uns Social Media täglich lehrt, können Challenges dazu beitragen, den sozialen Austausch zu fördern. Durch den Anstoss einer solchen Challenge z.B. «Wer macht die meisten Schritte», «Wer zaubert das leckerste Mittagessen» und einer geeigneten Plattform (z.B. Intranet, Strava-Clubs) ist dies praktisch ein Selbstläufer.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Homeoffice das HR zwar vor neue Herausforderungen stellt, die jedoch auch als Chance gesehen werden können. Nudging hat das Potenzial, die Moral Ihrer Mitarbeitenden auch in schwierigen Zeiten zu stärken und bietet zahlreiche Lösungsansätze – hoffentlich auch sehr bald ausserhalb von Pandemiezeiten.

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