14.01.2020

Auftrittskompetenz: Einsame Wölfe haben es heute schwer

Auftrittskompetenz und Teamfähigkeit sind genauso wichtig wie Diplome und Doktortitel. Doch wie gewinne ich das nötige Selbstvertrauen und trete überzeugend auf?

Von: Beatrice Müller  DruckenTeilen 

Beatrice Müller

Beatrice Müller ist Kommunikationsexpertin mit reicher Erfahrung und Inhaberin der Kommunikationsagentur authentic communication in Zürich. Als Anchor Woman hat sie das Schweizer News-Flaggschiff «Tagesschau» jahrelang mitgeprägt.

Auftrittskompetenz

Die richtige Auftrittskompetenz

Vor einiger Zeit kam eine junge Frau in mein Büro: schlank, gross, gut aussehend. Sie hatte in Zürich, London und San Francisco studiert. Sie hat einen Doktortitel, ein riesiges Wissen, MBAs und Zusatzdiplome. Ich dachte mir: «Mon dieu, die Frau hat ja alles, der liegt die Welt zu Füssen.»

Doch genau das tat die Welt nicht. Die junge Frau, nennen wir sie Frau X, war aus Dutzenden Kandidaten ausgewählt worden. Keine und keiner konnten ein solches Curriculum vorweisen. Jetzt leitet sie im Unternehmen ein Team.

Und da liegt das Problem: «Ich fühle mich bei meinen Auftritten vor Leuten je länger, je mehr unsicher. Schon beim Gedanken daran gerate ich in Panik. Ich fühle mich ausgestellt, nicht akzeptiert. Die Leute hören mir nicht zu, sie gähnen, tuscheln miteinander und konsultieren ihre Handys, wenn ich spreche.» Intelligente, junge, attraktive Frau, mit Diplomen im Sack – und sie hat Panik vor Auftritten?

Die Zeiten haben sich geändert. Früher referierte der «grosse Chef», und die Untergebenen hörten zu. Doch die Arbeitsstrukturen sind nicht mehr dieselben. Immer mehr wird in kleineren Gruppen gearbeitet.

Der Gruppenleiter muss auftreten und moderieren können. Er muss Ideen einbringen, muss überzeugen und manchmal schlichten. Und vor allem: Er muss seinen Mitarbeitenden in kurzer Zeit die Kernpunkte seiner Strategie darlegen können, Enthusiasmus entfachen. Damit niemand mehr gähnt.

Diplome und nochmals Diplome

Das sind Fähigkeiten, die in manchen Betrieben unterschätzt werden. Oft spielen sie bei der Anstellung nur eine untergeordnete Rolle. Noch immer zählen vielerorts vor allem Diplome und nochmals Diplome. Doch was bringt es, wenn jemand mit MBAs garniert ist – und die Leute gähnen, wenn sie oder er spricht? Was bringt ihm sein summa cum laude, wenn seine Zuhörerinnen und Zuhörer auf dem Handy spielen?

In manchen Unternehmen ist man sich mehr und mehr bewusst, dass der «Rucksack» zwar sehr wichtig ist – aber eben nicht alles. Im HR-Bereich hat längst das grosse Umdenken begonnen – allerdings noch nicht in allen Punkten.

Auftrittskompetenz als Schlüsselkompetenz

«Hat man Sie gefragt oder gar getestet, wie Sie vor Leuten auftreten?», fragte ich Frau X. «Nein», sagte sie, «man ist davon ausgegangen, dass mir ein Auftritt vor einem Team nicht schwerfällt. Und ich konnte meine Schwäche ja nicht vor allen einfach auf den Tisch legen. Niemand hat bei der Anstellung nach meiner Auftrittskompetenz gefragt. Und bis jetzt konnte ich mich auch davor drücken. Doch es ist eine Frage der Zeit, dass ich demnächst auch hinstehen muss. Davor graut mir.»

Viele ruhen sich auf ihren Titeln und Diplomen aus. Sie realisieren gar nicht, wie schlecht sie kommunizieren. Doch es gibt eben auch andere. Andere, wie Frau X., die sich bewusst sind, dass ihre Diplome allein nicht genügen. Und auch HR-Verantwortliche legen immer mehr Wert auf die Kommunikations-und Auftrittskompetenz. Auftreten, überzeugen und sich durchsetzen zu können, gehört heute zu den Schlüsselkompetenzen. Die Fähigkeit, in einem Team verständlich zu kommunizieren, es zu motivieren – und es zu Höchstleistungen zu ermuntern, ist der Weg zum Erfolg.

Auftreten, motivieren, sich durchsetzen, überzeugen – das kann man lernen. Oder besser: das muss man lernen. Kaum einer oder eine fällt als Auftrittsmeister vom Himmel. Viele sagen sich: «Ich kann das schon, ich habe ja dreissig Jahre Erfahrung.» Man kann auch dreissig Jahre lang etwas schlecht machen. Und je höher jemand in der Hierarchie ist, desto weniger kriegt er es mit, wenn seine Auftritte dürftig sind. Denn wer getraut sich schon, einem CEO zu sagen, dass seine Worthülsen absoluter Nonsens sind?

Sich verständlich ausdrücken, die Leute mitreissen und überzeugen – viele glauben, sie könnten das. Meine berufliche Erfahrung zeigt mir jedoch, dass es nur wenige können. Da hagelt es von den Rednerpulten Phrasen und Worthülsen, Floskeln und Blabla. Und da ist man erstaunt, wenn dieser Wortschwall an einem vorbeirauscht, ohne dass man etwas verstanden hat. Nicht nur Politiker pflegen diese «lingua blablativa» – vor allem auch Wirtschaftsvertreter, CEOs und Manager werfen mit Schlagworten nur so um sich. Sie wissen, Schlagworte sind ungefährlich, mit ihnen kann man nichts Falsches sagen. Allerdings auch nichts Richtiges, nichts, das bleibt und das bewegt und überzeugt. Viele überschätzen ihr rhetorisches Talent und ihre Auftrittsfähigkeit.

Wer Autofahren lernt, lässt sich ausbilden und nimmt 10 oder 15 Fahrstunden. Doch manche stehen vor ein Team oder ans Rednerpult oder gar vor die Medien, ohne dass sie sich eine einzige Stunde in Sachen Auftrittskompetenz ausgebildet haben. «Ich kann das dann schon», sagen sie sich. Und dann fahren sie sich mitsamt ihrem Gefährt an die Wand.

Doch nicht nur eine Grundschulung, auch Wiederholungskurse bieten sich an. Gerade wer viel auftritt, eignet sich oft mit der Zeit Macken und Ticks an, deren er oder sie sich nicht bewusst ist.

Was tut man, damit einem die Leute zuhören? Alles ist viel komplizierter und vielschichtiger, als man auf Anhieb denkt. Es ist ein Zusammenspiel von viel Psychologie sowie verbaler und nonverbaler Kommunikation.

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Übung macht den Meister

Es gibt ganze Bibliotheken voller Studien und Leitfäden. Theorie ist wichtig; sie ist die Grundlage für alles. Doch sie genügt nicht. Neben der Theorie braucht es Übung. Vor allem muss man sich selbst sehen, selbst hören. Nur so erkennt man seine Stärken und Schwächen. Das ist oft ein langer Prozess. Auch da: Mit einer einzigen Fahrstunde lernt man nicht Autofahren.

Ich filme jeweils die Auftritte in einem Training, und wir analysieren sie danach Schritt für Schritt gemeinsam.

Entscheidend ist zunächst der erste Eindruck. Untersuchungen zeigen, dass die ersten Sekunden bestimmen, wie man wahrgenommen wird. Ein abwesender Blick, nervöse Augen, ein schlurfendes Betreten des Büros, ein lauer Händedruck, ein fades Stimmchen, eine geduckte Haltung – und schon hat man verloren. Diesen ersten Eindruck, auch das zeigen Untersuchungen, kann man meist nicht reparieren. Wer aber gleich zu Beginn entschlossen, freundlich und offen auftritt, hat viel gewonnen.

Als Gastdozentin gebe ich an Universitäten und Fachhochschulen Kurse. Die Ankunft der Studentinnen und Studenten filme ich jeweils – ohne dass sie es wissen. Dann spiele ich das Video vor. Beim Anschauen sieht man ganz erstaunliche Dinge: Da gibt es Teilnehmer, die in den Saal schlurfen, sich auf einen Stuhl werfen, das Gesicht verziehen, als ob die Welt zusammenbräche. Und ich frage: «Seid ihr euch bewusst, welchen ersten Eindruck ihr vermittelt? Würdet ihr einen solchen Menschen als glaubwürdig einstufen, ihm als Teamleiter Vertrauen entgegenbringen?» Die Übung löst jeweils einige Emotionen aus.

Es gibt Menschen, die haben ein natürliches Charisma. Denen hängt man an den Lippen. Und es gibt Menschen, die intelligent und kreativ sind – und keiner hört ihnen zu. «Kann man Charisma lernen?», fragte mich einmal jemand. Kann man Ausstrahlung lernen? Wie kann man lernen, dass einem Respekt und Aufmerksamkeit entgegengebracht werden? Wäre das doch so einfach!

Das 4-K-Modell

Hier sind wir beim 4-K-Modell des Lernens. Dieses formuliert Kompetenzen, die für Lernende im 21. Jahrhundert von herausragender Bedeutung sind. Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken. Wer die Leute in einen Denkprozess einbeziehen kann, wer die Fähigkeiten der anderen «herauskitzeln» kann, wer nicht gleich andere Meinungen abblockt, wer den anderen Wertschätzung entgegenbringt – der hat schon viel gewonnen, dem hört man zu. Kommunikation gehört in der Bildungspolitik heute zu den vier Schlüsselkompetenzen. Sicher ist: die Fähigkeit, ein überzeugender Team player zu sein, ist heute ebenso wichtig wie die Fähigkeit, sich mitzuteilen und Ideen miteinander auszutauschen. Einsame, unnahbare, superintelligente Wölfe haben es heute schwer.

Eine unklare Rede ist wie ein blinder Spiegel, heisst das Sprichwort. Respekt und Aufmerksamkeit erlangt man vor allem, wenn man seine Botschaft verständlich präsentieren kann. Da gibt es Leute, die haben ein unglaubliches Wissen und eine riesige Erfahrung. Sie sprechen und sprechen und kleistern die Anwesenden mit Denkansätzen und Theorien zu. Und danach fragt man sich: Was wollte er oder sie uns eigentlich sagen?

Die Aussage auf den Punkt bringen

Die Fähigkeit, einige Kernbotschaften herauszuschälen und sie verständlich und attraktiv zu formulieren und vorzutragen, ist das A und O der Kommunikation. Was soll bei den anderen hängenbleiben, auf welche Botschaft konzentriere ich mich?

Das klingt banal, doch die Praxis zeigt: Bei diesem Thema scheitern viele. Sie schwatzen zu viel, sie sprechen nicht gradlinig, sie wollen noch dies und jenes verpacken. «Ich muss das doch auch noch sagen, ich weiss doch so viel», sagen sie. Und am Schluss bleibt nichts hängen. Das Herausschälen von Kernbotschaften ist oft ein langwieriger, manchmal schmerzhafter Prozess.

Wer das kann, der kann überzeugen, dem hört man zu. Vorausgesetzt, er kann seine Botschaft auch mit klaren, einfachen Worten, ohne Schachtelsätze, ohne den grässlichen Management-Speak vortragen.

Neben der Gabe, ein Teamplayer zu sein und der Fähigkeit, Kernbotschaften zu vermitteln, spielen bei der Vermittlung von Botschaften die «flankierenden Massnahmen» eine genauso wichtige Rolle: die Stimme, die Kleidung, die Haltung, die Sprache, das Spiel der Augen, die Gestik usw.

Mit Frau X. habe ich lange zusammengearbeitet. Einmal filmte ich sie bei einem Auftritt mit ihren Kollegen. Wir analysierten jedes Detail, ihre Haltung, ihre Stimme, ihre Art zu sprechen, ihre Art, mit anderen Meinungen umzugehen. Wir arbeiteten gemeinsam Kernbotschaften aus. Langsam begann sie sich sicher zu fühlen. Sie schrieb mir kürzlich ein Mail und berichtete mir voller Freude: «Das intensive Training hat mir die Augen geöffnet. Es hat meine Sinne für kleine Details meines Auftrittes geschärft. Meine Kolleginnen und Kollegen haben mir aufmerksam zugehört. Ich glaube, ich habe den Schlüssel für meinen persönlichen überzeugenden Auftritt gefunden.» Jetzt hat sie das Wichtigste erreicht: Sie kann ihre Intelligenz und ihr Wissen voll zum Tragen bringen.

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