31.10.2019

Förderung durch betriebliches Mentoring: Den Fachkräftemangel auffangen

In gewissen Berufsfeldern ist er schon deutlich spürbar, der Fachkräftemangel. Immer mehr Unternehmen können ihre Arbeitsstellen nicht besetzen, weil keine passend qualifizierten Personen zur Verfügung stehen. Arbeitnehmende hingegen müssen sich den immer höher werdenden Qualifikationsanforderungen stellen. Die Lage auf dem Schweizer Arbeitsmarkt ist unausgeglichen und verschärft sich von Jahr zu Jahr — Förderung durch betriebliches Mentoring bietet Lösungen.

Von: Sonja Kupferschmid Boxler  DruckenTeilen 

Sonja Kupferschmid Boxler

Sonja Kupferschmid Boxler verfügt als Arbeits- und Organisationspsychologin und Klinische Psychologin über wissenschaftlich fundiertes Know-how im Bereich der Psychologie. In ihrer Tätigkeit als Leiterin Produkte/Entwicklung beim Coachingzentrum Olten setzt sie sich mit dem Themenschwerpunkt der Resilienz auseinander. Ihr Praxisbezug gründet ausserdem in ihrer täglichen Arbeit als Coach und Psychotherapeutin.

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Förderung durch betriebliches Mentoring

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Die Arbeitsbeschäftigung hat in der Schweiz in den letzten 60 Jahren ste­tig zugenommen, und auch die Arbeits­losenquote ist auf tiefstem Niveau seit Langem. Auf den ersten Blick sind dies gute Nachrichten. Doch die Kehrseite die­ser Entwicklungen ist: Passend qualifizier­te Fachkräfte werden stärker umkämpft, und da ist auch in naher Zukunft keine Besserung in Sicht.

Fachkräftemangel – wer ist betroffen?

Der Arbeitsmarkt ist breit und vielfäl­tig. Wo sich der Fachkräftemangel am stärksten zeigt bzw. abzeichnen wird, ist nicht ganz einfach zu bestimmen. Nach dem Fachkräftemangel-Index der Adecco Gruppe Schweiz und des Stel­lenmarkt-Monitors der Universität Zürich (2018) sind insbesondere Berufsgruppen im Treuhandwesen, in Ingenieur-, Tech­nik- und Informatikberufen sowie höher qualifizierte Berufe im Gesundheits­wesen betroffen. Tiefe Frauenanteile, überdurchschnittliche Qualifikationsan­forderungen und unterdurchschnittliche Arbeitslosigkeit sind Charakteristiken dieser Berufsfelder, die den ungedeckten Fachkräftebedarf erklären (SECO, 2016).

Brandaktuelle Schätzungen von UBS-Experten (2019) verstärken das trübe Bild: Setzt sich das Beschäftigungswachstum wie seit 1960 fort und bleibt die Nach­frage nach Arbeitskräften gleich stark wie in den letzten 15 Jahren, so fehlen der Schweiz bis 2030 eine halbe Million Arbeitskräfte – inklusive einberechne­tem Bevölkerungswachstum. Diese Zahl verdeutlicht: Die Schweizer Wirtschaft braucht Lösungen, um diesen Szenarien entgegenzuwirken.

Arbeitsmarktlücken schliessen - Förderung durch betriebliches Mentoring

Die geschilderte Arbeitsmarktsituation wird zukünftig sowohl für Arbeitgebende als auch für Arbeitnehmende spür­bar sein. Ansatzpunkte, mit denen sich die Arbeitsmarktlücken schliessen oder zumindest verringern lassen, bietet die Förderung durch betriebliches Mentoring.

Aus Arbeitgebersicht:

Vielseitigkeit und Flexibilität fördern

Aus Arbeitgebersicht sind Arbeitskräfte mit verschiedenen Qualifikationen auf­grund ihrer breiten Einsetzbarkeit viel wert. Durch die Begleitung von Mitar­beitenden bei Lern-, Veränderungs- und Entwicklungsprozessen im Rahmen eines betrieblichen Mentorings erweitern die­se ihre Selbststeuerungsfähigkeiten und üben sich darin, neue Perspektiven ein zunehmen. Dies wiederum hilft ihnen, je nach Setting in unterschiedliche Rollen zu schlüpfen und spezifische Kompetenzen abzurufen. Auch werden Potenziale für die Weiterentwicklung zu Fachexperten/-innen erkannt und können gezielt ausge­schöpft werden. So betrachtet, können Unternehmen dem Fachkräftemangel entgegenwirken, indem sie Vielseitigkeit, Flexibilität und Potenzialnutzung be­triebsintern fördern und fordern.

Nachhaltig unternehmerisch denken

Personen im Unternehmen zu betriebli­chen Mentor/-innen auszubilden, ist eine Investition, die sich langfristig auszahlt. Mit der Begleitung von Mitarbeitenden durch betriebliche Mentor/-innen ermög­lichen Arbeitgebende eine berufliche und auch persönliche Weiterentwicklung und stellen dadurch stetiges Lernen sicher. Dies fördert nicht nur die Entwicklung neuer Fähigkeiten, sondern geht auch mit mehr Motivation, höherer Arbeitszufriedenheit und effizienteren Leistungen einher. Mit anderen Worten: Durch betriebliches Mentoring wird die Mitarbeiterbindung gestärkt, was zu geringeren Fluktua­tionszahlen führt. Folglich lässt sich der zukünftige Fachkräftebedarf nicht nur durch betriebsinterne Befähigung, son­dern auch durch die damit verbundene Arbeitgeberattraktivität senken.

Sinnerleben bei der Arbeit stärken

Betriebliche Mentor/-innen unterstüt­zen Mitarbeitende zusätzlich dabei, den Sinn und Wert der eigenen Arbeit zu er­kennen – ein Arbeitsmerkmal, das sich jeder wünscht. Insbesondere bei Krisen aufgrund von Routinen oder Langeweile am Arbeitsplatz sind betriebliche Mentor/-innen geeignete Gesprächspartner. Durch die Reflexion aktueller Arbeitssituationen und die Ausarbeitung passender Verhal­tens- und/oder Veränderungsstrategien wird Betroffenen der Sinn der eigenen Aufgaben (wieder) bewusster. Dieses Sinn-erleben regt sie dazu an, einen Schritt wei­ter zu denken und das eigene Aufgaben­feld auszuschöpfen sowie zu erweitern.

Aus Arbeitnehmersicht:

Sich Karrierewege ermöglichen

Nicht nur aus Arbeitgeber-, sondern auch aus Arbeitnehmersicht ist es zu Zeiten des dynamischen Arbeitsmarktes ein klarer

Vorteil, wenn man breit ausgebildet und vielseitig einsetzbar ist. Ein möglicher Weg dazu ist, sich zum/zur betriebl. Mentor/-in auszubilden bzw. ausbilden zu lassen. Als betriebl. Mentor/-in begegnet man in sei­ner Arbeit immer wieder neuen Ansichten, Meinungen und Einstellungen, wodurch man zusätzliche Arbeits- und Sichtweisen erlangt. Gerade diese vielfältige Befähi­gung ist in der heutigen Arbeitswelt wich­tig, um sich im Sinne des lebenslangen Ler­nens die eigenen Chancen im Berufsleben hoch zu halten und sich Karrierewege zu ermöglichen. Bleibt man als Berufsperson am Ball, so gelingt es, auf Veränderungen im Arbeitsmarkt passend zu reagieren.

Eigene Sinnhaftigkeit erlangen

Zusätzlich erlebt man als betriebl. Mentor/-in dadurch, dass man Mitarbei­tende in ihrer beruflichen und persönli­chen Weiterentwicklung unterstützt, die eigene Arbeit als sinnvoll. Insbesondere die Erkenntnis, dass Impulse anklingen und weiterhelfen, stärkt die persönliche Identifikation mit der Arbeitstätigkeit. Die Förderung durch be­triebliches Mentoring bedeutet somit nicht nur das Sinnerleben des Gegenübers, sondern führt dazu, dass man auch in seinem eigenen Tun mehr Sinnhaftigkeit erlangt und somit zufriedener ist.

Blick nach vorne und nach innen

Wie die aktuellen Untersuchungen zei­gen, dürften Unternehmen noch eine Weile Schwierigkeiten haben, auf dem Arbeitsmarkt passend qualifizierte Fach­kräfte zu finden. Auch Arbeitnehmende werden mit den Auswirkungen des Fach­kräftemangels früher oder später konfron­tiert sein. Es ist also an der Zeit, den Blick verstärkt «nach innen», d.h. in den Betrieb und dessen Strukturen, zu richten und das Potenzial von dem, was aktuell ist und durch gezielte Weiterentwicklung werden kann, zu erkennen und wertzuschätzen.

Betriebliches Mentoring und Coaching – ein geeigneter Weg?

Finden Sie mit den folgenden Leitfragen heraus, ob Förderung durch betriebliches Mentoring bzw. Coaching ein möglicher nächster Schritt für Sie ist.

… für Unternehmen:

• Ist es uns ein Anliegen, etwas gegen den zunehmenden Fachkräftemangel zu tun?
• Möchten wir in unserem Betrieb Vielseitigkeit und Flexibilität fördern?
• Ist es uns wichtig, nachhaltig unternehmerisch zu denken, und setzen wir dies in der Praxis bereits um?
• Möchten wir unseren Mitarbeitenden eine persönliche und berufliche Weiterentwicklung ermöglichen?
• Möchten wir bei unseren Mitarbeitenden das Sinnerleben am Arbeitsplatz stärken?

… für Einzelpersonen:

• Bereitet es mir Freude, Menschen bei Lern-, Veränderungs- und Entwicklungsprozessen durch Impulse
und Perspektivenwechsel zu unterstützen?
• Bin ich empathisch und interessiere ich mich dafür, welches die Hintergründe für das Handeln meines Gegenübers sind?
• Ist es mir wichtig, lösungs- und ressourcenorientiert zu denken, zu handeln und zu arbeiten?
• Macht es mir Spass, in Prozessen zu denken und kreative Lösungswege mitzuentwickeln?
• Möchte ich mir Karrierewege ermöglichen und in meinem Tun mehr Sinnhaftigkeit erlangen?

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