17.01.2022

Candidate Experience: Der Bewerbungsprozess als Visitenkarte des Unternehmens

Bewerber als Bittsteller? Diese Zeiten sind vorbei. Heutzutage ist es unumgänglich, dass sich Kandidaten während des Bewerbungsprozesses abgeholt fühlen. Mehr noch: Eine positive Candidate Experience ist ein wichtiger Faktor für den guten Ruf eines Unternehmens.

Von: Jacqueline Spirig   Drucken Teilen  

Jacqueline Spirig

Jacqueline Spirig, Leiterin Region Nordwest, kennt die Bedürfnisse von Kandidatinnen und Kandidaten sehr genau. Ihr breites Knowhow im Umgang mit Kandidaten und KMU setzt sie seit 10 Jahren für Careerplus ein.

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Candidate Experience

Stellen Sie sich vor, Sie gehen in ein Restaurant. Das Essen ist zwar in Ordnung, aber die Bedienung ist unfreundlich, sie warten lange auf Getränke und Speisen, die Musik ist zu laut. Die Chancen stehen gut, dass Sie trotz passablem Essen kein zweites Mal das Restaurant besuchen werden und dieses auch nicht weiterempfehlen. Dass die Kundenbetreuung im Dienstleistungsbereich einen wichtigen Stellenwert einnimmt, ist für die meisten Menschen selbstverständlich. Aber nicht bei allen Unternehmen ist diese Mentalität angekommen. Eine Rekrutierung ist freilich keine Dienstleistung, doch der Effekt eines negativen Erlebnisses ist ähnlich: Kandidaten, die wochenlang keine Antwort erhalten oder auf unvorbereitete oder unfreundliche Interviewpartner treffen, werden sich kaum je wieder bei diesem Unternehmen bewerben. Unter Umständen ziehen sie ihr Dossier frühzeitig zurück. Und ziemlich sicher werden sie ihre Erlebnisse in ihrem Bekanntenkreis teilen, unter Umständen gar ihren Frust auf Bewertungsplattformen für Arbeitgeber oder auf Business-Netzwerken loswerden.

In den letzten Jahren wurde es immer offensichtlicher, dass sich die Unternehmen auch bei den Kandidaten bewerben müssen. Denn gut qualifizierte Arbeitnehmer können sich die Stelle aussuchen – auch in Branchen ohne Fachkräftemangel. Es liegt auf der Hand: Je wohler sich die Bewerber fühlen, desto eher steigt die Chance, dass sie sich für das Unternehmen entscheiden. Letzteren darf es also nicht egal sein, welche Erlebnisse, Eindrücke und Emotionen die Bewerber während des Bewerbungsprozesses haben. Die Candidate Experience zieht sich dabei wie ein roter Faden vom allerersten Kontakt mit dem Unternehmen bis zum letzten. Das Resultat zufriedener Bewerber, wirkt sich nicht nur, auf die Rekrutierung, sondern auch auf das Image aus. Es macht die Kandidaten – ob sie die Stelle nun tatsächlich antreten oder nicht – zu Multiplikatoren des guten Rufs.

    Warum der Auftritt wichtig ist

    Dieser Prozess beginnt mit dem ersten Berührungspunkt des Bewerbers: Das kann ein Stelleninserat sein, der Social-Media-Auftritt, Jobmessen oder eine Begegnung mit einem Mitarbeitenden des Unternehmens. Nachdem die Stellensuchenden auf das Unternehmen und die offene Stelle aufmerksam wurden, informieren sie sich ausführlicher über das Unternehmen etwa auf dessen Karriereseite, auf Bewertungsplattformen wie Kununu oder Glassdoor, oder sie fragen Bekannte nach Erfahrungen. All diese Kontaktpunkte tragen zur Candidate Experience bei – jedem einzelnen sollte daher Sorge getragen werden. Das heisst: die Karriereseite ist übersichtlich, Informationen sind verständlich und leicht aufzufinden, das Erscheinungsbild entspricht der Firmenkultur, die Mitarbeitenden sind freundlich und zuvorkommend, das Stelleninserat ist informativ und sinnvoll strukturiert.

    "70% der Befragten hatten schon negative Erlebnisse bei Bewerbungsprozessen."
    Quelle: Umfrage Careerplus 2021

    Das A und O eines Firmenauftritts sind Authentizität und Einheitlichkeit. Ein einheitliches Erscheinungsbild und eine einheitliche Kommunikation wirken professionell. Ausserdem ist es für die Bewerber ärgerlich, mal diese oder jene Informationen zu erhalten. Noch verheerender sind unzutreffende Angaben. Erweckt ein Unternehmen einen falschen Eindruck oder macht falsche Versprechungen, verliert es an Glaubwürdigkeit.

      Umständliche Prozesse und Schneckentempo

      Hat sich nun eine Bewerberin nach diesen ersten Eindrücken entschieden, ihr Dossier einzureichen, geht ihre Bewerbungs-Reise weiter. Gerade das Einreichen der Unterlagen kann in der Candidate Experience aber ein Stolperstein sein. Denn es strapaziert Nerven und Geduld, wenn die Online-Formulare zu umständlich sind, das System immer wieder abstürzt oder zu wenig Speicherplatz für die Zeugnisse zur Verfügung steht. In solchen Fällen steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Kandidatinnen den Bewerbungsprozess abbrechen. Rekrutierungsverantwortliche sollten diesen daher mindestens einmal selbst durchlaufen – und gegebenenfalls anpassen. Übrigens: Eine Bestätigungsmail, die über das weitere Vorgehen informiert und eine Kontaktperson nennt, ist Pflicht.

      Um die Candidate Experience positiv zu beeinflussen, ist vor allem auch eine schnelle Reaktionszeit zentral. In einer Umfrage von Careerplus nannten 80% der befragten Kandidaten, dass sie sich grundsätzlich schnellere Rückmeldungen im Bewerbungsprozess wünschen. Wochenlang nichts von sich hören zu lassen, schädigt den Ruf und lässt Bewerber frühzeitig abspringen. Je schneller und transparenter kommuniziert wird, desto besser für die Candidate Experience. Das gilt übrigens ebenso für die Absagen. Nach einem Interview ist ein persönlicher Anruf mit einer Begründung der Absage ein unverzichtbares Zeichen der Wertschätzung.

        Tipps für zufriedene Kandidaten/-innen

        Bereiten Sie sich vor: Überlegen Sie sich vor der Rekrutierung, wie Sie den Prozess gestalten möchten. Wie viele Gesprächsrunden mit wie vielen Bewerbenden braucht es? Wer muss diese kennenlernen? So kennen Sie das Timing und können den Bewerbenden Auskunft geben. Ausserdem überraschen Sie diese nicht mit immer neuen Informationen.

        Seien Sie transparent: Kommunizieren Sie stets offen und ehrlich, das erwarten Sie auch von den Bewerbenden. Sie haben Verzögerung? Teilen Sie dies den Bewerbenden mit.

        Vermeiden Sie Sammelwut: Sammeln Sie die Dossiers nicht, um diese gebündelt nach zwei Wochen zu sichten – auch wenn es einfacher wäre. Wenn Sie Interesse an einem Kandidaten haben, sollten Sie dies innerhalb weniger Tage zeigen. Dazu reicht schon eine einfache Mail.

        Kennen Sie Ihre Zielgruppe: Mitarbeitende müssen zum Unternehmen und zur Stelle passen. Werden Sie sich bewusst, wen Sie suchen. Eine junge Kreative hat andere Ziele und Wünsche als eine Ingenieurin im oberen Kader. Passen Sie Ihren Bewerbungsprozess und die Ansprache an Ihre Zielgruppe an – in allen Kontaktpunkten.

        Wechseln Sie die Perspektive: Konzentrieren Sie sich nicht nur auf Ihre Erwartungen. Fragen Sie ihre Kandidaten, welche Vorstellungen sie haben. So machen Sie am Ende kein unpassendes Angebot.

        Wo sich die Eindrücke bestätigen: das Gespräch

        Am unmittelbarsten ist die Kandidatenerfahrung im direkten Kontakt mit dem Unternehmen, vor allem beim Vorstellungsgespräch. Hier zeigt sich, wie authentisch der Auftritt tatsächlich ist. Schlecht vorbereitete Gesprächspartner, herablassende Fragen oder Dessinteresse sind ein No-Go. Die Stimmung im Gespräch sollte vielmehr angenehm und respektvoll sein, etwas zu trinken sollte bereit stehen, das Besprechungszimmer gelüftet und der Gesprächsleitfaden vorbereitet sein. Für ein Erstgespräch bietet sich auch ein Videointerview an. Denn es spart den Kandidaten Zeit, was viele zu schätzen wissen. Für ein zweites Gespräch hingegen ist der persönliche Kontakt vorzuziehen. Die Candidate Experience endet aber nicht mit der Zusage einer Kandidatin. Es gilt, den Kontakt bis zum Start der neuen Mitarbeiterin aufrecht zu erhalten und am ersten Tag alles für sie vorbereitet haben. Denn erfahren Kandidatinnen den Bewerbungs- und Einstellungsprozess bis zum Schluss positiv, starten sie motivierter in ihren Job und integrieren sich einfacher in die Firmenstruktur.

        Fazit

        Wer dafür sorgt, dass alle Bewerberinnen und Bewerber auf dem gesamten Weg der Rekrutierung respektvoll und mit Wertschätzung behandelt werden, findet schneller und besser die passenden Mitarbeitenden. Nicht zuletzt ist die Candidate Experience ein wichtiger Teil für das Employer Branding und das Image. Was dabei für ein positives Erlebnis wirklich zählt, sind keine komplizierten Massnahmen, sondern den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen.

        Auf den Punkt gebracht

        Es gibt zahlreiche Stellschrauben, um die Kandidatenerfahrung positiv zu beeinflussen. Die wichtigsten Faktoren sind:

        1. Persönlicher Kontakt und respektvoller Umgang
        2. Schnelle Reaktionszeiten und steter Informationsfluss
        3. Authentisch sein und keine falschen Versprechungen machen oder einen falschen Eindruck hinterlassen
        4. Einheitlicher Auftritt und konsistente Kommunikation

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