18.11.2015

Invalidenversicherung: Eingliederung vor Rente

Bei einer längeren Arbeitsunfähigkeit droht die Invalidität des Mitarbeitenden. Um dies zu verhindern und den Arbeitsplatz wenn immer möglich zu erhalten, hat die Invalidenversicherung eine breite Palette von Instrumenten geschaffen.

Von: Kaspar Gehring   Drucken Teilen   Kommentieren  

Kaspar Gehring

Kaspar Gehring ist Fachanwalt SAV Haftpflicht- und Versicherungsrecht und Partner beim Anwaltsbüro Kieser Senn Partner in Zürich, das auf versicherungsrechtliche Fragen spezialisiert ist. Er referiert regelmässig an Fachveranstaltungen und ist als Dozent an der Fachhochschule Nordwestschweiz tätig.

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Invalidenversicherung

Erkrankte oder verunfallte Personen, welche längere Zeit arbeitsunfähig sind und/oder die ursprüngliche Tätigkeit nicht mehr ausüben können, sind oftmals auf die Mithilfe der Arbeitgeber angewiesen, um im Arbeitsprozess zu bleiben. Die Invalidenversicherung sieht dafür diverse Unterstützungsmassnahmen vor.

Fallen Mitarbeiter wegen Krankheit oder Unfall für längere Zeit aus, ist zumindest die kurz- oder mittelfristige Finanzierung des Lohns durch eine Krankentaggeld- oder Unfallversicherung gewährleistet. Längere Abwesenheiten führen meist zu schwierigen Situationen in den Betrieben. Vergessen wird oftmals, dass solche langandauernden Arbeitsunfähigkeiten auch für die Arbeitnehmer selber schwierig zu bewältigen sind. Eine frühe Unterstützung in solchen Situationen ist daher eminent wichtig, um eine Invalidität zu verhindern.

Sobald sich eine längerdauernde oder gar bleibende Arbeitsunfähigkeit abzeichnet, empfiehlt es sich, frühzeitig mit der Invalidenversicherung Kontakt aufzunehmen.

Neue Instrumente durch IV-Revision

Bereits seit Bestehen der Invalidenversicherung gilt der Grundsatz «Eingliederung vor Rente». Eine Rente soll nur dann zugesprochen werden, wenn der Erhalt des Arbeitsplatzes oder eine Eingliederung nicht möglich ist. Die dafür vorgesehenen Massnahmen waren aber nur beschränkt wirksam. Mit der 5. IV-Revision, die seit Januar 2008 in Kraft ist und deren Ziel es war, die Anzahl der Neuberentungen massgeblich zu reduzieren, hat der Gesetzgeber eine Palette von neuen Instrumenten geschaffen, welche möglichst früh eingesetzt werden können, um den Verbleib im Arbeitsmarkt und die Wiedereingliederung zu erleichtern. Diese Massnahmen, die im Bundesgesetz über die Invalidenversicherung (IVG) festgehalten sind, sind auf die Integration in den Arbeitsmarkt und die Vorbereitung für berufliche Eingliederung ausgerichtet.

 

1. Früherfassung

Nachdem während Jahren Integrationsbemühungen der Invalidenversicherung vor allem daran gescheitert waren, dass sich die Versicherten erst nach Ablauf der Leistungsfrist der Krankentaggeldversicherung (meist zwei Jahre) bei der Invalidenversicherung meldeten, wurde die Möglichkeit der Früherfassung geschaffen (Art. 3a ff. IVG).

Durch die frühzeitige Erkennung von Versicherten, die mehr als 30 Tage arbeitsunfähig sind bzw. regelmässige Absenzen innerhalb eines Jahres aufweisen, soll deren Invalidität verhindert werden. Nach der Meldung einer Arbeitsunfähigkeit (gemäss Art. 3b IVG entweder durch die versicherte Person oder durch Familienangehörige, Arbeitgeber, Ärzte oder weitere Versicherungen) wird die versicherte Person über die Meldung informiert. Allenfalls findet ein Früherfassungsgespräch statt. Spätestens nach 30 Tagen entscheidet die Invalidenversicherung, ob Massnahmen der Frühintervention angezeigt sind bzw. ob eine Anmeldung bei der IV notwendig ist (Art.3c Abs.6 IVG).

Die Anmeldung zur Früherfassung gilt nicht als ordentliche Anmeldung für Leistungen der Invalidenversicherung.]

2. Frühintervention

Massnahmen der Frühintervention bezwecken die Erhaltung des bisherigen Arbeitsplatzes von arbeitsunfähigen Versicherten oder sollen die Versicherten an einem neuen Arbeitsplatz innerhalb oder ausserhalb des bisherigen Betriebs eingliedern (Art. 7d Abs. 1 IVG). Bei der Frühintervention handelt es sich um die niederschwelligste Eingliederungsmassnahme. Mit ihr soll die Lücke zwischen dem Eintritt der Arbeitsunfähigkeit und den klassischen Eingliederungsmassnahmen geschlossen werden. Sinn und Zweck ist es, möglichst schnell und unbürokratisch auf die Bedürfnisse der Versicherten und der Arbeitgeber einzugehen. Nach einem ersten Gespräch mit den Versicherten wird in der Regel auch mit dem Arbeitgeber Kontakt aufgenommen und es werden Bedürfnisse bzw. Notwendigkeiten ermittelt, um den noch bestehenden Arbeitsplatz zu erhalten.

Gemäss Art. 7d Abs. 2 IVG sind folgende Massnahmen der Frühintervention vorgesehen:

  • Anpassung des Arbeitsplatzes (ergonomische Anpassungen, allenfalls weitere Hilfsmittel)
  • Ausbildungskurse, welche darauf ausgerichtet sind, betriebsinterne Umplatzierungen zu ermöglichen oder eine Umschulung vorzubereiten (z.B. Computerkurse, Sprachkurse, berufsspezifische Weiterbildungskurse usw.)
  • Arbeitsvermittlung im Hinblick auf die Suche nach einem neuen Arbeitsplatz, aber auch bezüglich der Aufrechterhaltung der bisherigen Stelle
  • Berufsberatung - sozial-berufliche Rehabilitation
  • Beschäftigungsmassnahmen 

Die Massnahmen sollen ohne langwieriges Prüfungsverfahren gewährt werden. Die Kosten der Frühintervention dürfen pro Versicherten den Betrag von insgesamt 20‘000 Franken nicht übersteigen. Der Versicherte hat jedoch kein Anrecht auf ein Taggeld während der Massnahmen. Die Finanzierung des Lohnausfalls läuft über die Lohnfortzahlungspflicht nach OR oder über Taggeldleistungen der Unfall- bzw. einer Krankentaggeldversicherung.

Da die Frühintervention auch als Unterstützung des Arbeitgebers bei der Betreuung kranker und verunfallter Mitarbeiter betrachtet wird, ist der Arbeitgeber gehalten, aktiv mit der IV-Stelle zusammenzuarbeiten. Personalverantwortliche kennen die Fähigkeiten der erkrankten Arbeitnehmer, die Anforderungen an die Arbeitsstelle sowie die Bedürfnisse des Betriebs am besten. Gelangen Sie deshalb mit möglichst konkreten Vorstellungen an die Invalidenversicherung.

3. Integrationsmassnahmen

Art. 14a Abs. 1 IVG sieht vor, dass Versicherte, die mindestens seit sechs Monaten zu mindestens 50 Prozent arbeitsunfähig sind, Anspruch auf Integrationsmassnahmen zur Vorbereitung auf die berufliche Eingliederung haben, sofern dadurch die Voraussetzungen für die Durchführung von Massnahmen beruflicher Art geschaffen werden können. Kernziel der Integrationsmassnahmen ist es, bei vollständig arbeitsunfähigen Personen die berufliche Eingliederungsfähigkeit zu schaffen und bei Versicherten, welche sich noch im Arbeitsprozess befinden, sicherzustellen, dass die Eingliederungsfähigkeit erhalten bleibt. Im Vordergrund steht die Idee, vor allem bei psychisch kranken Versicherten, die zwar Eingliederungspotenzial haben, deren Zustand aber nicht stabil ist, Rahmenbedingungen zu schaffen, um später berufliche Massnahmen durchführen zu können.

Das Gesetz sieht folgende Integrationsmassnahmen vor:

  • Massnahmen zur sozial-beruflichen Rehabilitation wie z.B. Angewöhnung an den Arbeitsprozess, Förderung der Arbeitsmotivation, Stabilisierung der Persönlichkeit und Einübung der Grundfähigkeiten. Im Vordergrund stehen dabei Belastbarkeitstrainings, Aufbautrainings und wirtschaftliche Integration mit Support am Arbeitsplatz (WISA).
  • Beschäftigungsmassnahmen dienen insbesondere zur Aufrechterhaltung einer Tagesstruktur bis zum Beginn von Massnahmen beruflicher Art oder bis zu einem Stellenantritt auf dem freien Arbeitsmarkt. 

Mindestvoraussetzung für Integrationsmassnahmen ist es, dass eine Präsenzzeit von mindestens zwei Stunden täglich während vier Tagen pro Woche wahrgenommen werden kann. Integrationsmassnahmen können mehrmals zugesprochen werden. Sie dürfen in der Regel insgesamt die Dauer von einem Jahr nicht übersteigen (Art. 14a Abs. 3 IVG). Im Idealfall werden die Integrationsmassnahmen an einem noch bestehenden Arbeitsplatz in enger Zusammenarbeit mit dem Arbeitgeber getroffen und umgesetzt (Art. 14a Abs. 5 IVG).

4. Massnahmen beruflicher Art

Die genannten Massnahmen zielen alle darauf hin, arbeitsunfähige Versicherte individuell und möglichst unbürokratisch unter Einbezug des Umfelds im Arbeitsprozess zu halten. Für all diejenigen Fälle, in welchen solche kurz- und mittelfristigen Massnahmen nicht ausreichen, sieht die Invalidenversicherung ein breites Spektrum von beruflichen Eingliederungsmassnahmen vor (dazu Art. 15 ff. IVG; Berufsberatung, erstmalige berufliche Ausbildung, Umschulung, Arbeitsvermittlung, Einarbeitungszusatz, Kapitalhilfe usw.). Diese Massnahmen dauern oft lange, sind kostspielig und die Versicherten haben in der Regel Anspruch auf Taggelder. Daher sind die Eintrittsschranken relativ hoch. Entweder muss bereits eine Invalidität von mindesten 20 Prozent vorliegen oder der Versicherte muss von einer Invalidität bedroht sein. In der Regel wird der Arbeitgeber in dieses Verfahren nicht miteinbezogen, weshalb an dieser Stelle nicht weiter darauf eingegangen wird.

5. Leistungen an Arbeitgeber

Die Eingliederung von kranken Arbeitnehmern bzw. die Aufrechterhaltung von Arbeitsplätzen ist für die Arbeitgeber mit Aufwand verbunden. Neben der fachlichen Unterstützung und Entlastung durch die Invalidenversicherung können Arbeitgeber auch indirekt von den getroffenen Massnahmen profitieren (so z.B. von berufsspezifischen Kursen, Sprachkursen usw.). Das IVG sieht jedoch auch direkte Vergütungen an die Arbeitgeber vor. So kann bei erkrankten Angestellten, die weiterhin im Betrieb beschäftigt werden, während Integrationsmassnahmen der besondere Betreuungsaufwand mit höchstens 100 Franken pro Tag abgegolten werden (Art. 14a Abs. 5 IVG i.V.m. Art. 4octies Abs. 1 IVV). An Arbeitgeber, die nach vorausgegangener Arbeitsvermittlung eine bis dahin noch nicht im Betrieb beschäftigte Person einstellen, kann ein Einarbeitungszuschuss ausgerichtet werden, wenn die Leistungsfähigkeit noch nicht dem vereinbarten Lohn entspricht. Dies ist während längstens 180 Tagen möglich (Art. 18b IVG). Zudem kann ein Arbeitgeber, wenn eine versicherte Person nach erfolgter Arbeitsvermittlung innert drei Jahren aus gesundheitlichen Gründen erneut arbeitsunfähig wird, eine Entschädigung für allfällige Beitragserhöhungen der obligatorischen beruflichen Vorsorge und der Krankentaggeldversicherung geltend machen (Art. 18c IVG).

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