22.03.2018

IV berechnen: Neue Berechnung der Invalidität von Teilerwerbstätigen

Die Berechnung der Invalidität von Teilerwerbstätigen ist die wichtigste Änderung per 1.1.2018. Die weiteren Anpassungen betreffen die bessere Unterstützung für Familien mit schwerkranken oder schwerbehinderten Kindern, den Versicherungsschutz bei Krankheit und Unfall von Berufsmilitärs sowie die Änderung beim vereinfachten Abrechnungsverfahren in der AHV. Das revidierte Adoptionsrecht beeinflusst auch die Sozialversicherungen.

Von: Beatrix Bock  DruckenTeilen Kommentieren 

Beatrix Bock

Beatrice Bock ist Kundenberaterin bei Kessler & Co AG. Die Sozialversicherungsexpertin ist Geschäftsführerin der Sozialversicherungswelt GmbH und Dozentin der KV Zürich Business School. Sie publiziert u.a. das «Lehrbuch berufliche Vorsorge», siehe www.sozialversicherungswelt.ch.

 

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Da die Grenzbeträge sowie die maximal versicherten Löhne seit dem 1.1.2018 allerseits unverändert sind und ebenfalls keine Teuerungsanpassungen gewährt wurden, sind die aktuellen Auswirkungen begrenzt. Relevant ist die neue Berechnung der Invalidität von Teilerwerbstätigen, welche zur kompletten Überprüfung aller laufenden IV-Renten führt, die mit der gemischten Methode berechnet wurden.

Neue Berechnung der Invalidität von Teilerwerbstätigen

Seit dem 1.1.2018 ist der Invaliditätsgrad von Teil erwerbstätigen neu festgelegt. Damit wird die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessert und die Anforderungen des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte erfüllt. Der Invaliditätsgrad von Teilerwerbstätigen wird nach der gemischten Methode festgelegt. Dabei wird die gesundheitliche Einschränkung im Erwerbsbereich und im Aufgabenbereich (Haushalt, Pflege und Betreuung von Angehörigen oder Tätigkeit in einer klösterlichen Gemeinschaft) separat ermittelt. Bisher wurde die Teilzeitarbeit überproportional berücksichtigt mit der Folge, dass aus der Berechnungsmethode zu tiefe Invaliditätsgrade resultierten.

Neu werden die gesundheitlichen Einschränkungen in der Erwerbstätigkeit und im Aufgabenbereich bei der Festlegung des Invaliditätsgrades gleich stark gewichtet. Dabei wird bei der Erwerbstätigkeit auf eine hypothetische 100%-ige Erwerbstätigkeit abgestellt. Der Aufgabenbereich wird gerechnet wie bei einer Person, die vollständig im Aufgabenbereich tätig ist. Die neue Berechnung führt in verschiedenen Fällen zu einer höheren Rente.

Beispiel 1
A) Erwerbspensum 50%, 50% arbeitsfähig im bisherigen Beruf
B) Pensum im Aufgabenbereich 50%, 40% Einschränkung im Haushalt 

Berechnung Modell gemischte Methode
Bisher
Berechnung Modell gemischte Methode
Neu
IV-Grad ErwerbsbereichIV-Grad Erwerbsbereich
Valideneinkommen: CHF 40‘000
– Invalideneinkommen: CHF 40‘000
Valideneinkommen bei 100%: CHF 80‘000
– Invalideneinkommen: CHF 40‘000
Erwerbseinbusse: CHF 0
= IV-Grad Erwerb (0/40‘000)             0%
Erwerbseinbusse: CHF 40‘000
= IV-Grad Erwerb (40‘000/80‘000)    50%
IV-Grad Aufgabenbereich                 40%IV-Grad Aufgabenbereich              40%
Berechnung der Gesamtinvalidität
(0% x 0.5) + (40% x 0.5) =                    20%
Berechnung der Gesamtinvalidität
(50% x 0.5) + (40% x 0.5) =                45%
Es besteht kein Rentenanspruch.Es besteht Anspruch auf eine Viertelsrente.

Beispiel 2
A) Erwerbspensum 70%, 40% arbeitsfähig im bisherigen Beruf in einer einfachen angepassten Tätigkeit, erzielter Lohn CHF 25‘000.
B) Pensum im Aufgabenbereich 30%, 40% Einschränkung im Haushalt

 

Berechnung Modell gemischte Methode
Bisher
Berechnung Modell gemischte Methode
Neu
IV-Grad ErwerbsbereichIV-Grad Erwerbsbereich
Valideneinkommen: CHF 70‘000
– Invalideneinkommen: CHF 25‘000
Valideneinkommen bei 100%: CHF 100‘000
– Invalideneinkommen: CHF 25‘000
Erwerbseinbusse: CHF 45‘000
= IV-Grad Erwerb (45‘000/70‘000)    64.29%
Erwerbseinbusse: CHF 75‘000
= IV-Grad Erwerb (75‘000/100‘000)    75%
IV-Grad Aufgabenbereich              40%IV-Grad Aufgabenbereich               40%
Berechnung der Gesamtinvalidität
(64.29% x 0.7) + (40% x 0.3) =          57%
Berechnung der Gesamtinvalidität
(75% x 0.7) + (40% x 0.3) =              64.50%
Es besteht Anspruch auf eine halbe Rente.Es besteht Anspruch auf eine Dreiviertelsrente.

Vorgehen zur Anpassung der Rentenansprüche

Für Rentenbezüger/innen erfolgt die Neuberechnung von Amtes wegen. Wer keinen Rentenanspruch nach der bisherigen gemischten Methode hatte, muss sich neu bei der IV anmelden.

Rentenbezüger/in mit Viertelsrente, halber Rente oder Dreiviertelsrente

  • Neuberechnung von Amtes wegen
  • Anpassung der Rente per 1.1.2018
  • Mehrkosten für die IV von ca. CHF 35 Mio.
  • Unbekannte Mehrkosten für die berufliche Vorsorge durch höhere Renten
  • Entlastung der Unfallversicherung durch tiefere Komplementärrenten
  • Entlastung der Ergänzungsleistungen

Keine Rente, weil IV-Grad < 40%

  • Neuanmeldung bei der zuständigen IV-Stelle erforderlich
  • Möglicher Rentenanspruch frühestens 6 Monate ab Neuameldung
  • Mehrkosten für die IV unbekannt
  • Unbekannte Mehrkosten für die berufliche Vorsorge durch neuen Rentenanspruch
  • Entlastung der Unfallversicherung durch tiefere Komplementärrenten
  • Zunahme von Bezüger/innen von Ergänzungsleistungen

Bessere Unterstützung für Familien mit schwerkranken oder schwer behinderten Kindern

Die Invalidenversicherung vergütet für schwerkranke oder schwerbehinderte Kinder eine Hilflosenentschädigung, einen Intensivpflegezuschlag (IPZ) und in bestimmten Fällen einen Assistenzbeitrag. Seit dem 1. Januar 2018 wurde der Intensivpflegezuschlag erhöht. Damit erhalten Familien eine deutlich bessere finanzielle Unterstützung, um ihre grossen Herausforderungen zu bewältigen.

Der Intensivpflegezuschlag wurde je nach Schweregrad der Behinderung oder der Erkrankung zwischen CHF 470.– und CHF 940.– pro Monat erhöht. Es gibt 3 Grade für den Intensivpflegezuschlag, die sich nach dem Betreuungsaufwand richten (vier, sechs oder acht Stunden).

 

BisherSeit 1.1.2018
IPZ 4CHF 470.00CHF 940.00
IPZ 6CHF 940.00CHF 1645.00
IPZ 8CHF 1410.00CHF 2350.00

Mit der Erhöhung des Intensivpflegezuschlages ist ein wichtiger Schritt zur Entlastung der betroffenen Familien gemacht.

Versicherung bei Krankheit und Unfall von Berufsmilitärs

Eine Spezialität in der Militärversicherung ist die Versicherung bei Krankheit und Unfall, welche für aktive und pensionierte Berufsmilitärs möglich ist. Neu werden die Prämien nach den Kosten berechnet und nicht mehr in Abhängigkeit des höchstversicherten Verdienstes. Die Prämie hat sich von zurzeit CHF 292.– auf CHF 340.– pro Monat erhöht. Bei den freiwillig Versicherten wurde ein Zuschlag für die Leistungen bei Unfall von CHF 24.– erhoben. Eine Annäherung an die Prämien in der obligatorischen Krankenpflegeversicherung ist gewollt, auch wenn die Prämie immer noch unter der für 2018 berechneten Durchschnittsprämie von CHF 465.30 (mit Franchise von CHF 300.– und Unfallschutz) liegt.

Übersicht Beiträge per 1.1.2018

 

Krankenversicherung Unfallversicherung
Monatsprämie CHF 340.00
Bisher 2.3% des Höchstverdienstes von CHF 152'276
Prämie Nichtberufsunfall
Unverändert
Zuschlag CHF 24.00 für freiwillig Versicherte für Leistungen bei Unfall
Höhe analog übrige Angestellte des Bundes
Ermittlung nach den effektiven Kosten: Der Kostendeckungsgrad muss mindestens 80% betragen.
Bisher periodische Anpassung an die Entwicklung des Nominallohnindexes

Reduktion möglich bei bestimmten (tiefen) Lohnkategorien

Mit der zunehmenden Kostenentwicklung wird sich auch die Prämie von nun an jährlich erhöhen, da der Betrag nicht mehr an den Höchstverdienst von CHF 152 276.– gekoppelt ist.

Änderung beim vereinfachten Abrechnungsverfahren in der AHV

Das vereinfachte Abrechnungsverfahren in der AHV wurde per 1.1.2018 angepasst. Neu können Kapitalgesellschaften (AG, GmbH, Kommanditgesellschaft), Genossenschaften sowie Ehegatten und Kinder, die im eigenen Betrieb mitarbeiten, nicht mehr im vereinfachten Verfahren abrechnen. Die Abwicklung erfolgt nur noch im ordentlichen Verfahren, unabhängig von der erzielten Lohnsumme. Die Ausgleichskassen informieren ihre Mitglieder und passen das Verfahren an.

Revidiertes Adoptionsrecht mit Einfluss auf die Sozialversicherungen

Seit dem 1.1.2018 ist die Stiefkindadoption auch für Paare in einer eingetragenen Partnerschaft oder in verschieden- und gleichgeschlechtlichen faktischen Lebensgemeinschaften möglich. Dadurch werden Ungleichbehandlungen beseitigt und die Beziehung zwischen dem Kind und dem Stiefelternteil rechtlich abgesichert. Dies betrifft auch die Sozialversicherungen, welche Familienzulagen und Kinderrenten bei Invalidität, im Alter oder im Todesfall ausrichten. Mit der Adoptionsmöglichkeit wird die Anspruchsbegründung vereinfacht. In der AHV, der IV, der obligatorischen Unfallversicherung sowie im Familienzulagengesetz entfällt die Voraussetzung der unentgeltlichen dauerenden Pflege und Erziehung durch die betroffene Person. In der beruflichen Vorsorge besteht neu grundsätzlich Anspruch auf eine Waisenrente, ohne eine Pflegekindschaft vorauszusetzen. Die Abwicklung im Leistungsfall wird vereinfacht. Bei den Familienzulagen ist nach erfolgter Adoption zu prüfen, wer primär Anspruch auf die Familienzulagen hat. Die Stiefkindadoption gibt keine Adoptionszulage.

Änderung des Bundesgesetzes über die Familienzulagen in Vernehmlassung

Die Vernehmlassung zur Änderung des Bundesgesetzes über die Familienzulagen lief bis zum 15.3.2018. Dabei sollten die Ausbildungszulagen für Jugendliche neu ab dem Zeitpunkt des Beginns ihrer nachobligatorischen Ausbildung und nicht erst nach Vollendung ihres 16. Altersjahres ausgerichtet werden. Arbeitslose alleinstehende Mütter sollen neu Familienzulagen erhalten. Ausserdem soll eine gesetzliche Grundlage für die Gewährung von Finanzhilfen an Familienorganisationen geschaffen werden.

Ausblick

Jüngst angepasst wurde die Liste mit Eingriffen, die „ambulant vor stationär“ durchgeführt werden. Die Liste der Berufskrankheiten wurde per 1.4.2018 angepasst.

Verschiedene Änderungen sind in Vorbereitung. Die Botschaft zur Revision des ATSG wurde ausgearbeitet und die Beratungen zur Revision der Ergänzungsleistungen laufen im Parlament. Vernehmlassungen wurden bereits abgeschlossen wie zur Teilrevision des KVG (Zulassung von Leistungserbringern), zum KVG (Anpassung der Franchisen an die Kostenentwicklung), zur Modernisierung der Aufsicht in der 1. Säule und Optimierung der 2. Säule der Alters-, Hinterlassenen und Invalidenversorge und weitere mehr. Die Mutterschaftsentschädigung für Mütter von kranken Neugeborenen soll ausserdem länger ausbezahlt werden.

Eine neue Lösung zu den Herausforderungen in der AHV und der beruflichen Vorsorge im Nachgang zur Reform der Altersreform 2020 wurde noch nicht erarbeitet. Die Eckwerte für die finanzielle Stabilisierung der AHV wurden durch den Bundesrat festgelegt. Die Hoffnung auf eine neue (und bessere) Antwort auf die aktuellen und dringenden Herausforderungen konnte bisher nicht erfüllt werden. Die Finanzierung der AHV gerät weiter in die Schieflage und ein politisch tragfähiges Ergebnis ist nicht in Sicht, auch wenn der Bundesrat einen engen Fahrplan zur Stabilisierung der AHV festgelegt hat. Die Altersvorsorge beschäftigt weiterhin und bleibt auf der politischen Agenda.

Quellen
- Änderung der Verordnung über die Invalidenversicherung, Invaliditätsbemessung für teilerwerbstätige Versicherte (gemischte Methode)
- Änderungen der Verordnung über die Militärversicherung
- Erläuternder Bericht zur Änderung der Verordnung über die Militärversicherung.
- Parlamentarische Initiative: Bessere Unterstützung für schwerkranke oder schwerbehinderte Kinder, die zu Hause gepflegt werden

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