06.04.2021

Reformen der Altersvorsorge: Der nächste Anlauf steht vor der Tür

Sowohl in der AHV als auch in der beruflichen Vorsorge sind aktuell Reformen in der politischen Pipeline. Während in der AHV einmal mehr das Frauenrentenalter umstritten ist, verliert man in der beruflichen Vorsorge vor lauter Modellen langsam den Überblick.

Von: Peter Schnider   Drucken Teilen  

Peter Schnider

ist Direktor des vps.epas, Leiter Beirat Förderungs- und Wissenschaftsplattform 2. Säule, Stiftungsrat Stiftung Eigenverantwortung in der 2. Säule, Mitglied im Fachrat MAS Pensionskassen-Management, HSLU, Beirat Swisscanto Pensionskassenstudie, Vorstandsmitglied Verein für unentgeltliche BVG-Auskünfte, Vorstandsmitglied Luzerner Forum für Sozialversicherungen und Soziale Sicherheit.

Reformen der Altersvorsorge

Reformen der Altersvorsorge

Um es gleich vorweg zu nehmen: Bezüglich Reformen der Altersvorsorge gibt es in der Schweiz einen Stau. Revisionen sind in den letzten 20 Jahren praktisch alle gescheitert, entweder vor dem Volk oder schon im Parlament. Eine kleine Ausnahme war die Abstimmung über die Steuerreform und AHV-Finanzierung (STAF), die für die AHV eine Zusatzfinanzierung und damit etwas mehr Zeit für echte Reformen brachte. Bleiben wir deshalb kurz bei der AHV, bevor wir uns der verworrenen Situation in der 2. Säule zuwenden.

AHV-Reform

Die AHV ist als umlagefinanziertes System stark abhängig von der Demografie. Wir haben die glückliche Situation, dass wir alle immer älter werden. Immer weniger Arbeitende müssen deshalb für immer mehr Rentner bezahlen. Gestritten wird in der Politik nicht ob, sondern nur noch wann die AHV Pleite geht. Eine Reform ist deshalb dringend, die Auswahl an «Heilmitteln» allerdings überschaubar. Entweder arbeiten wir länger, zahlen während der Arbeitszeit höhere Beiträge ein oder beziehen weniger Rente. Da Politiker, die Rentenkürzungen vorschlagen, sehr geringe Chancen auf eine Wiederwahl haben, dürfte sich die Suche nach Lösungen auf die ersten beiden Punkte beschränken.

Das politische Problem der 2. Säule

In der beruflichen Vorsorge gibt es ein grosses Thema: Der Rentenumwandlungssatz für das gesetzliche Minimum ist im Gesetz (BVG) mit 6,8 % fixiert. Das heisst, dass ein Rentner, der 100'000.- angespart hat, eine Jahresrente von 6800.- Franken erhält. Zwei Hauptfaktoren bestimmen diesen Umwandlungssatz: Erstens die Zeit, während der eine Person die Pension beziehen kann, und zweitens der Zins, der mit dem Kapital der Person während dieser Zeit erwirtschaftet wird.

Das tönt theoretisch und kompliziert, ist am Beispiel aber einfach erklärbar. Hans Müller hat im Alter 65 eine Altersguthaben von 100'000 Franken und lebt 20 Jahre, bis er stirbt. Zudem ist sein Kapital nicht angelegt, es fallen also keine Zinsgutschriften an. Wenn sein Alterskapital 20 Jahre reichen muss, dann erhält er einen Umwandlungssatz von 5 % (100 % des Alterskapitals, verteilt auf 20 Jahre). Seine Rente beträgt also 5000.- Franken im Jahr. Ist Hans Müller in einer BVG-Minimalkasse versichert, erhält er jährlich 6800.- Franken, denn das Gesetz schreibt dies so vor. Dass seine Kasse – auch wenn sie unglaublich gute Anlagengeschäfte tätigt – diese Differenz nicht mit Zinsen erwirtschaften kann, ist naheliegend. Der Umwandlungssatz muss deshalb sinken. Wie dies geschehen soll, ohne dass Hans Müller und alle anderen BVG-Versicherten deutlich kleinere Renten erhalten, darüber streiten sich die Geister.

Sozialpartnermodell

Nach der letzten gescheiterten Rentenreform hat Bundesrat Alain Berset einen neuen Lösungsweg eingeschlagen. Er hat den Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbänden den Auftrag gegeben, eine Lösung zu finden. Dieser Schritt ist naheliegend. Die Pensionskassen werden von den Sozialpartnern paritätisch geführt und finanziert. Also sollten Arbeitgeber und Arbeitnehmer einen Gesetzesvorschlag erarbeiten, den sie dann in der Praxis auch umsetzen müssen. Der Arbeitgeberverband, der Gewerkschaftsbund und Travaillesuisse haben nach längeren Verhandlungen einen Reformvorschlag präsentiert, der folgende Eckpunkte beinhaltet:

  • Der Mindestumwandlungssatz, mit dem das angesparte Kapital in eine Rente umgewandelt wird, wird von 6,8 auf 6,0%gesenkt.
  • Künftige Bezügerinnen und Bezüger von Alters- und Invalidenrenten der beruflichen Vorsorge erhalten einen lebenslangen monatlichen Rentenzuschlag. Dieser Rentenzuschlag ist unabhängig von der Höhe der Rente und wird solidarisch über einen Beitrag von 0,5% auf dem AHV-pflichtigen Jahreseinkommen bis 853‘200 Franken (Stand 2019) finanziert.
  • Der Koordinationsabzug wird von heute 24‘885 auf 12‘443 Franken gesenkt.
  • Die Altersgutschriften werden angepasst und gegenüber heute weniger stark gestaffelt. Damit wird der Unterschied zwischen den jüngeren und den älteren Versicherten verkleinert und die Lohnkosten für die älteren gesenkt.
  • Die Zuschüsse für Vorsorgeeinrichtungen mit ungünstigen Altersstrukturen werden aufgehoben.

Kernstück dieses Vorschlags ist eine Senkung des Umwandlungssatzes auf 6%. Ohne flankierende Massnahmen würden die Renten um rund 12% sinken. Als Flankierende Massnahme wird für alle Versicherten eine Ausgleichszahlung von Fr. 200.- pro Monat in Aussicht gestellt. Dieser Zuschlag ist für eine Übergangsgeneration vorgesehen. Danach soll der Bundesrat diesen Zuschlag jährlich neu festlegen.

Reaktionen

Von den Sozialpartnern am Verhandlungstisch ist der Schweizerische Gewerbeverband von Anfang an ausgeschert. Dieses Kompensationsmodell ist viel zu teuer, lautete die Begründung. Inzwischen ist der Widerstand deutlich grösser geworden und es gibt zahlreiche neue Modelle und Vorschläge. Es gibt unter anderen ein Modell des Schweizerischen Pensionskassenverbands, des Centre Patronal, des Expertenbüros Deprez und des Expertenbüros Libera. Weiter gibt es eine Initiative der Jungfreisinnigen für Rentenalter 66 und Anpassung des Rentenalters an die Lebenserwartung sowie ein gemeinsames Konzept der bürgerlichen Jungparteien.

Reformen der Altersvorsorge - Wie weiter?

In Kürze wird der Bundesrat seine Botschaft zur BVG-Revision ans Parlament schicken. Zu erwarten ist eine in den Grundzügen unveränderte Vorlage gemäss Vernehmlassung, also der Kompromiss, den die Sozialpartner erarbeitet haben. Insofern steht schon vor der ersten Verhandlung im Parlament fest, dass die Opposition gegen diese Vorlage quer durch alle Parteien geht. Ob man auf dieser Grundlage noch einen Kompromiss finden kann oder einmal mehr Schiffbruch erleiden wird, muss sich noch zeigen.

Für die berufliche Vorsorge gibt es zwei Fakten, die sich auch bei sehr langen Debatten nicht wegdiskutieren lassen. Der gesetzliche Rentenumwandlungssatz ist zu hoch, weil er auf zu tiefen Annahmen zur Lebenserwartung und zu hohen Zinserwartungen basiert. Immerhin lässt sich anhand der Opposition zur Vorlage sagen, dass die Jungparteien realisiert haben, dass sie sich mit der Altersvorsorge beschäftigen müssen. Für die Jungen ist das Thema zwar in weiter Ferne. Sie sind aber die Leidtragenden, wenn nicht endlich eine Lösung gefunden wird.

Seminar-Empfehlung

Praxis-Seminar, 1 Tag, ZWB, Zürich

Sozialversicherungen Refresher I - Grundlagen

Frischen Sie Ihre Grundkenntnisse auf!

Bringen Sie Ihr Wissen auf den neusten Stand und werden Sie Sattelfest in Sozialversicherungsfragen. So kennen Sie Ansprüche und Leistungen und beraten Ihre Mitarbeitenden noch souveräner.

Nächster Termin: 29. September 2021

mehr Infos

Produkt-Empfehlungen

  • personalSCHWEIZ

    personalSCHWEIZ

    Kompetent, fokussiert und pragmatisch! Das Magazin für die Schweizer Personalpraxis.

    CHF 98.00

  • HR-Professional

    HR-Professional

    Maximale Unterstützung bei Ihrer Personalarbeit dank HR-Fachwissen sowie über 1300 zeitsparenden Vorlagen und Arbeitshilfen.

    Mehr Infos

  • Der HR-Profi

    Der HR-Profi

    Schritt-für-Schritt Anleitungen. Umsetzungsbeispiele. HR-Kompetenzen.

    Mehr Infos

Seminar-Empfehlungen

  • Modulares Programm, 1 Tag, ZWB, Zürich

    Zertifizierter Lehrgang Sozialversicherungs-Experte/in WEKA/HWZ

    Nächster Termin: 29. September 2021

    mehr Infos

  • Praxis-Seminar, 1 Tag, ZWB, Zürich

    Berufliche Vorsorge (BVG) im Personalwesen

    Leistungen bei Austritt, (vorzeitiger) Pensionierung und Invalidität

    Nächster Termin: 11. November 2021

    mehr Infos

  • Praxis-Seminar, 1 Tag, ZWB, Zürich

    Pensionierung

    Richtig planen und Mitarbeitende sowie Geschäftsleitung kompetent beraten

    Nächster Termin: 23. November 2021

    mehr Infos

Um unsere Website laufend zu verbessern, verwenden wir Cookies. Durch die Nutzung dieser Website stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Mehr Infos