06.09.2017

Altersrente: Geschlechtsspezifische Unterschiede

Zu den geschlechtsspezifischen Unterschieden und Diskriminierungen auf dem Arbeitsmarkt und zum Lohngefälle zwischen Männern und Frauen gibt es gesicherte Erkenntnisgrundlagen. Erstmals liegt eine Studie zum Rentengefälle zwischen Männern und Frauen vor.

Von: René Mettler   Drucken Teilen   Kommentieren  

René Mettler, eidg. dipl. Versicherungsfachmann

René Mettler arbeitet nach über zwanzigjähriger Erfahrung in den Schadenabteilungen von Versicherungsgesellschaften und nach seiner Tätigkeit als Geschäftsführer des Schleudertrauma-Verbandes seit 2002 als selbständiger Berater für verunfallte und erkrankte Personen in Versicherungs- und Leistungsfällen. Er ist in den Bereichen Haftpflicht-, Versicherungs- und Sozialversicherungsrecht Dozent an verschiedenen Schulen/Fachhochschulen.

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Altersrente

Anspruch auf Altersrente

In der Altersvorsorge werden die Rentenansprüche durch die Erwerbstätigkeit (Anzahl Beitragsjahre) und die Höhe des Erwerbseinkommens bestimmt. Die Bedeutung dieser beiden Faktoren ist bei der beruflichen Vorsorge (2. Säule) und der privaten (steuerbegünstigtes Sparen der 3. Säule) um vieles direkter als bei der AHV (1. Säule), welche die Unterschiede der Versicherten beim Erwerbseinkommen stark ausgleicht.

Nichtererwerbstätige

Auch Nichterwerbstätige müssen für die AHV pro Jahr einen Minimalbeitrag leisten und erhalten ebenfalls eine AHV-Rente. Zudem sind AHV-Beiträge auf dem gesamten Einkommen zu entrichten, obwohl dieses ab einer bestimmten Einkommenshöhe nicht mehr rentenbildend ist, da höchstens die plafonierte, maximale AHV-Rente erreicht werden kann.

Ehepaare

Im Weiteren wird bei Ehepaaren seit Einführung des Einkommens-Splittings das gesamte Erwerbseinkommen auf beide Personen aufgeteilt, und bei Personen mit Erziehungs- und Betreuungspflichten werden Gutschriften angerechnet.

Die unterschiedlichen Mechanismen der Rentenbildung in den drei Säulen sind für die Erklärung der Rentenunterschiede entscheidend. Dies hat auch zur Folge, dass die Bedeutung der drei Säulen für die gesamte Altersrente je nach Geschlecht sehr unterschiedlich ist.

Aktuelle Kriterien und Trends

Die recht verschiedenen Erwerbsbiografien von Frauen und Männern spielen eine entscheidende Rolle für die Rentenunterschiede – zentral sind Erwerbsunterbrüche, Teilzeitpensen und Beschäftigung im Tieflohnbereich. Häufig ist den Betroffenen nicht bewusst, welche Folgen der Entscheid für ein bestimmtes Familienmodell oder eine Teilzeitbeschäftigung auf die spätere Alterssicherung hat.

Allerdings kann aufgrund des gestiegenen Bildungsniveaus und der verstärkten Arbeitsmarktbeteiligung von Frauen künftig ein tieferer Rentenunterschied erwartet werden. Die durchschnittliche gesamte Frauenrente beträgt lediglich 63 Prozent der Männerrente.

Bedeutung der ersten Säule (AHV)

Wer vom 1. Januar, der auf den 20. Geburtstag folgt, bis zum ordentlichen Rentenalter lückenlos Beiträge geleistet hat, erhält die Vollrente. Jedes fehlende Beitragsjahr führt in der Regel zu einer Kürzung der Rente um mindestens 1/44. Die monatliche Vollrente beträgt mindestens CHF 1175.– und höchstens CHF 2350.–. Die Summe der beiden Einzelrenten eines Ehepaars darf nicht höher sein als 150 Prozent der Maximalrente (CHF 3525.–). Die beiden Einzelrenten werden entsprechend gekürzt.

Bei Frauen macht der Anteil der AHV an der gesamten Altersrente fast 80 Prozent aus, während dieser Anteil bei Männern lediglich bei knapp 60 Prozent liegt. Der Grund liegt in der beruflichen Vorsorge (BVG), während die 3. Säule mit einem Anteil von zwei Prozent am Renteneinkommen nur eine marginale Rolle spielt. Für 19 Prozent der Rentner und 38 Prozent der Rentnerinnen ist die AHV sogar die einzige Einkommensquelle.

Die AHV-Frauenrenten sind durchschnittlich nur 2,7 Prozent tiefer als die AHV-Männerrenten. Durch die geschlechtsneutrale Ausgestaltung der AHV mit der 10. AHV-Revision (Splitting) und die einkommensunabhängigen rentenbildenden Mechanismen, wie Erziehungs- und Betreuungsgutschriften, ergeben sich damit bei der AHV praktisch keine geschlechtsbedingten Rentenunterschiede. Somit hat die AHV als universalistische Grundsicherung eine ausgleichende Wirkung, welche die Unterschiede in der Erwerbsbiografie von Männern und Frauen weitgehend kompensiert.

Bedeutung der zweiten Säule (BVG)

Nur rund 55 Prozent der Frauen, jedoch 78 Prozent der Männer verfügen über eine berufliche Vorsorge. Da in der zweiten Säule den erzielten Einkommen eine viel höhere Bedeutung zukommt und gerade bei Teilzeitbeschäftigten durch den Koordinationsabzug ein kleinerer Lohnanteil rentenbildend ist, wirkt sich die Erwerbs- und Familienbiografie besonders stark auf die Leistungen der zweiten Säule aus.

Koordinationsabzug: Abzug vom AHV-Lohn, welcher die 2. Säule mit der 1. Säule koordinieren sollte; beträgt gesetzlich CHF 24 675.–. Reglementarisch kann er dem Teilzeitpensum entsprechend reduziert werden.

Die grossen Unterschiede bei den Renten der beruflichen Vorsorge ergeben sich hauptsächlich durch die unterschiedlichen Erwerbsbiografien der Geschlechter. In den 20 Jahren vor der Pensionierung sind Frauen deutlich seltener erwerbstätig als Männer (64% vs. 85%). Ihr mittleres monatliches Einkommen beträgt in dieser Zeit nur 35 Prozent des Einkommens eines Mannes – ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Frauen der untersuchten Generation höchstens teilzeiterwerbstätig waren. Besonders gross ist das Einkommensgefälle bei den Verheirateten: Das mittlere Einkommen der Frauen beträgt hier gerade 25 Prozent des mittleren Einkommens der Männer.

Somit verfügten vor allem verheiratete Frauen der heutigen Rentnergeneration aufgrund ihrer spezifischen Erwerbsbiografie (kürzere Gesamtdauer der Erwerbstätigkeit, häufigere Erwerbsunterbrüche, tiefer Beschäftigungsgrad und Lohn) und der gängigen Rollenteilung in der Familie über weniger Möglichkeiten, eine 2. Säule aufzubauen. Zu berücksichtigen ist, dass nicht die ganze Rendite einer Vorsorgeeinrichtung für die Mindestverzinsung verwendet werden kann. Die Vorsorgeeinrichtungen haben auch die gesetzliche Pflicht, Wertschwankungsreserven zu bilden, notwendige Rückstellungen vorzunehmen und die gesetzlichen Rentenanforderungen zu erfüllen. Soweit nicht anderweitig finanziert, müssen sie auch die Verwaltungskosten der Vorsorgeeinrichtung mit dem Vermögensertrag decken.

In der beruflichen Vorsorge beträgt die durchschnittliche Frauenrente lediglich 37 Prozent der Männerrente. Die individualistisch ausgerichtete berufliche Vorsorge zeichnet damit primär die Karriere- und Familienmuster und die damit verbundene Erwerbsbeteiligung ab.

Bedeutung der dritten Säule (3a)

Seit 1986 können erwerbstätige Personen pro Steuerjahr, in welchem sie ganz oder teilweise erwerbstätig sind, steuerbefreit in die 3. Säule einbezahlen. Sofern sie einer Vorsorgeeinrichtung der beruflichen Vorsorge (2. Säule) angehören sind es aktuell CHF 6768.–. Wenn sie keiner Vorsorgeeinrichtung angehören, sind es 20 Prozent des Nettoeinkommens, maximal CHF 33 840.–.

Wie die berufliche Vorsorge zeigt auch die steuerbegünstigte private Vorsorge die Karriere- und Familienmuster und die damit verbundene Erwerbsbeteiligung auf. Die 3. Säule spielt bei dieser Rentnergeneration mit einem Anteil von zwei Prozent an der Gesamtrentensumme nur eine marginale Rolle. So verfügen nur 26 Prozent der Männer und 14 Prozent der Frauen über eine private Vorsorge.

Auswirkungen auf die Ergänzungsleistungen (EL)

Ergänzungsleistungen (EL) helfen, wo das Renteneinkommen und das Vermögen von Alters- und Invalidenrentnern nicht ausreichen, den Lebensunterhalt zu finanzieren. Die Ausgaben übernehmen der Bund und die Kantone. Der Anteil der Altersrentnerinnen und -rentner, die auf Ergänzungsleistungen (EL) angewiesen sind, ist leicht steigend und lag 2014 bei 12,4 Prozent. Insgesamt haben die EL-Ausgaben (AHV- und IV-Rentner) im Jahr 2014 eine Höhe von 4,7 Milliarden Franken erreicht. Die Tendenz ist steigend, gem. erläuternder Bericht Teilrevision des ELG (EL-Reform) vom 25.11.2015.

Das Rentengefälle im europäischen Vergleich

Im europäischen Vergleich (EU) liegt die Schweiz im Mittelfeld. Während das Rentengefälle in Luxemburg und Deutschland wesentlich und in Frankreich leicht höher ist, sind die geschlechtsspezifischen Rentenunterschiede in Österreich, Schweden und auch in Italien eher tiefer.

Vergleicht man die Höhe des Rentengefälles mit wirtschaftlichen Indikatoren, insbesondere den Merkmalen des Arbeitsmarkts eines Landes, zeigt sich, dass die Rentenunterschiede positiv mit den Durchschnittseinkommen und -renten korrelieren. In Ländern mit hohen durchschnittlichen Renten driften die Renten der Männer und der Frauen viel weiter auseinander als in Ländern mit tiefen Altersrenten. Vor allem die tiefere Arbeitsmarktbeteiligung und der tiefere Beschäftigungsumfang der Frauen tragen deutlich zu einem hohen Rentengefälle bei. Erstaunlich gering wirken sich hingegen geschlechtsspezifische Lohnunterschiede aus: Der Stundenlohn hat sowohl im europäischen Umfeld als auch in der Schweiz einen wesentlich schwächeren Einfluss auf den Rentenunterschied als die übrigen einkommensrelevanten Komponenten Erwerbsquote, Beschäftigungsumfang und die Zahl der Erwerbsunterbrüche. Von einer geschlechtsspezifischen Lohnparität allein ist deshalb noch keine entsprechende Reduktion des Rentengefälles zu erwarten. Viel bedeutender sind Änderungen im Erwerbsverhalten und bei der Wahl des Familienmodells.

Quelle
Fluder, Robert; Salzgeber, Renate; von Gunten, Luzius; Kessler, Dorian; Fankhauser, Regine (2016): Gender Pension Gap in der Schweiz, Geschlechtsspezifische Unterschiede bei den Altersrenten; [Bern: BSV]. Beiträge zur Sozialen Sicherheit. Forschungsbericht Nr. 12/16.

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