21.07.2020

Reform der beruflichen Vorsorge: Solidarisches Giesskannenprinzip

Derzeit läuft die Vernehmlassung zur Reform der beruflichen Vorsorge (BVG-Reform). Dringende Massnahmen wurden ausgedacht, und gleichzeitig ist neu ein solidarisches Giesskannenprinzip durch neue Ausgleichsmassnahmen vorgesehen. Damit das bisherige Leistungsniveau erhalten werden kann, wird die BVG-Reform richtig teuer.

Von: Beatrix Bock  DruckenTeilen 

Beatrix Bock

Beatrice Bock ist Kundenberaterin bei Kessler & Co AG. Die Sozialversicherungsexpertin ist Geschäftsführerin der Sozialversicherungswelt GmbH und Dozentin der KV Zürich Business School. Sie publiziert u.a. das «Lehrbuch berufliche Vorsorge», siehe www.sozialversicherungswelt.ch.

 

Reform der beruflichen Vorsorge

Reform der beruflichen Vorsorge

Das Schweizer 3-Säulen-Konzept mit der staatlichen, beruflichen und privaten Vorsorge ist durch die steigende Lebenserwartung und die anhaltend schwierige Lage auf den Kapitalmärkten mit den desolat tiefen Zinsen ziemlich in Schieflage geraten. Mit der Reform der beruflichen Vorsorge sollen nun die Renten der beruflichen Vorsorge gesichert, die Finanzierung gestärkt und die Absicherung von Teilzeitarbeitnehmen den verbessert werden. Damit kann das Leistungsniveau der obligatorischen beruflichen Vorsorge insgesamt gehalten und für tiefere Einkommen sogar verbessert werden. Die Dringlichkeit der Reform ist unbestritten, jedoch gibt es unterschiedliche Standpunkte bei den Massnahmen. Der vorliegende Entwurf basiert auf einem Kompromissvorschlag der Sozialpartner Travail. Suisse, Schweizerischer Gewerkschaftsbund und Schweizerischer Arbeitgeberverband. Der Schweizerische Gewerbeverband trägt den Kompromiss dagegen nicht mit. In Anbetracht der bevorstehenden Rezession wird die Kostenfolge ins Zentrum der Diskussion rücken. Können wir die Mehrkosten stemmen? Muss vom Leistungsziel abgewichen werden? Die AHV wird separat reformiert, und eine Verknüpfung findet nicht statt.

Vorgeschlagene Reform der beruflichen Vorsorge in Kürze

BISHER:

EintrittsschwelleCHF 21 330.–
KoordinationsabzugCHF 24 885.–
Mindestumwandlungssatz6,8%
Altersgutschriften
25–34
35–44
45–54
55–Rentenalter

7%
10%
15%
18%
Zuschüsse bei ungünstiger Altersstruktur

NEU VORGESCHLAGEN:

Eintrittsschwelle CHF 21 330.–unverändert
KoordinationsabzugCHF 12 442.–
Mindestumwandlungssatz6,0%
Altersgutschriften
25–34
35–44
45–54
55–Rentenalter

9%
9%
14%
14%
Keine Zuschüsse bei ungünstiger Altersstruktur

Rentenzuschlag für Personen, die das ordentliche Rentenalter nach Inkrafttreten erreichen

1. bis 5. Jahr
6. bis 10. Jahr
11. bis 15. Jahr
Ab 16. Jahr
Finanzierung

 

CHF 200.–/Monat
CHF 150.–/Monat
CHF 100.–/Monat
Fixierung durch Bundesrat 0,5% auf dem AHV-Lohn
bis CHF 853 200.–

Dies ist ein kostenloser Beitrag. Sie möchten von exklusiven Experten-Tipps zu Lohn und Sozialversicherungen in der Schweiz profitieren? Jetzt Print-Newsletter abonnieren.

Senkung des Mindestumwandlungssatzes

Bei der Festsetzung des Umwandlungssatzes sind die zwei Grössen «Lebenserwartung» und «technischer Zinssatz» relevant. Unbestritten ist die steigende Lebenserwartung, und das gleiche Alterskapital bei Pensionierung muss für zusätzliche Jahre reichen. Die nachhaltig tiefen Zinsen bewirken, dass die derzeit einkalkulierte Verzinsung nicht ausreicht, um die zugesicherten Renten zu bezahlen. Bei Pensionierung entsteht daher eine Finanzierungslücke. Es erfolgt eine Umverteilung von aktiven Versicherten zu den Rentner/innen.

Mit der Senkung des Mindestumwandlungssatzes von 6,8% auf 6,0% kann diese deutlich reduziert werden, wobei der Satz von 6,0% auch noch zu hoch ist. Der Satz von 6,8% basiert auf einer Rendite von rund 5%, was realistischerweise langfristig nicht erzielt werden kann (siehe Tabelle links).

Im überobligatorischen Vorsorgebereich nähern sich immer mehr Umwandlungssätze dem Wert von 5,0% oder liegen schon darunter. Würde die steigende Lebenserwartung korrekt berücksichtigt, müsste sich der Umwandlungssatz dynamisch anpassen. Einzelne Vorsorgeeinrichtungen kennen bereits einen jahrgangsabhängigen Umwandlungssatz. Nun wurde eine Möglichkeit versäumt, den Umwandlungssatz auch künftig den tatsächlichen Gegebenheiten anzupassen. Damit wird weiterhin eine Quersubventionierung stattfinden, die hauptsächlich die Aktiven zu leisten haben.

  • Viele Vorsorgeeinrichtungen verzeichnen Pensionierungsverluste.
  • Ursachen von Pensionierungsverlusten sind steigende Lebenserwartung und niedrige Zinsen.
  • Bei Pensionierung angespartes Altersguthaben reicht nicht aus, um die Rente vollumfänglich zu fi nanzieren.
  • Pensionierungsverluste gehen fast immer zulasten der aktiven Versicherten.
  • Trotz Kapitaldeckungsverfahren erfolgt Umverteilung von aktiven Versicherten zu den Rentner/innen.
  • Aktive Versicherte verlieren rasch 0,4% oder noch mehr ihres Altersguthabens mit steigender Tendenz.
  • Stark umhüllende Vorsorgeeinrichtungen haben tiefere Pensionierungsverluste.
  • Weiterhin Pensionierungsverluste bei einem Umwandlungssatz von 6,0%.

Die historisch tiefen Zinsen werden in Anbetracht der bevorstehenden Rezession weiterhin tief bleiben, um den Unternehmungen Kredite zu günstigen Bedingungen zu ermöglichen. Auch hier wird eine Finanzierungslücke entstehen, wenn zu hohe technische Zinssätze zur Anwendung gelangen.

Ausgleichsmassnahmen

Die Senkung des Mindestumwandlungssatzes reduziert die obligatorischen Leistungen gemäss BVG, weshalb Ausgleichsmassnahmen erforderlich sind, um das gesetzte Ziel des Rentenerhalts zu erreichen.

Die drei Massnahmen sind:

1. Senkung des Koordinationsabzugs

2. Anpassung der Altersgutschriftensätze

3. Rentenzuschlag

Seminar-Empfehlung

Praxis-Seminar, 1 Tag, ZWB, Zürich

Berufliche Vorsorge (BVG) im Personalwesen

Invalidität, Austrittsleistung, (vorzeitige) Pensionierung

Wissen, was bei Vorsorgefällen zu tun ist: Frischen Sie Ihr Wissen zur beruflichen Vorsorge (BVG) auf und beraten Sie Ihre Mitarbeitenden souverän – auch bei einer vorzeitigen Pensionierung.

Nächster Termin: 10. November 2020

mehr Infos

Produkt-Empfehlungen

  • PersonalPraxis Professional

    PersonalPraxis Professional

    Personaladministration im Griff und fit in HR-relevanten Rechtsfragen

    ab CHF 190.00

  • personalSCHWEIZ mit Toolbox

    personalSCHWEIZ mit Toolbox

    Das Schweizer Fachmagazin für die praktische Personalarbeit.

    Mehr Infos

  • Der HR-Profi

    Der HR-Profi

    Schritt-für-Schritt Anleitungen. Umsetzungsbeispiele. HR-Kompetenzen.

    Mehr Infos

Seminar-Empfehlungen

  • Modulares Programm, 1 Tag, ZWB, Zürich

    Zertifizierter Lehrgang Sozialversicherungs-Experte/in WEKA/HWZ

    Nächster Termin: 18. August 2020

    mehr Infos

  • Praxis-Seminar, 1 Tag, ZWB, Zürich

    Sozialversicherungen Refresher I - Grundlagen

    Frischen Sie Ihre Grundkenntnisse auf!

    Nächster Termin: 18. August 2020

    mehr Infos

  • Praxis-Seminar, 1 Tag, ZWB, Zürich

    Pensionierung

    Richtig planen und Mitarbeitende kompetent beraten

    Nächster Termin: 26. November 2020

    mehr Infos

Um unsere Website laufend zu verbessern, verwenden wir Cookies. Durch die Nutzung dieser Website stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Mehr Infos