01.12.2020

Neues Aktienrecht: Die Zukunft ist nachhaltiger und digital

Das Aktienrecht ist grösseren Änderungen unterworfen: Am 19. Juni 2020 hat das Schweizer Parlament die Aktienrechtsrevision verabschiedet. Am 25. September 2020 wurde zudem von den Räten das Bundesgesetz zur Anpassung des Bundesrechts an Entwicklungen der Technik verteilter elektronischer Register (sog. Distributed-Ledger-Technology-Vorlage) erlassen. Am 29. November 2020 haben die Schweizer Stimmberechtigten ferner die Volksinitiative «Für verantwortungsvolle Unternehmen – zum Schutz von Mensch und Umwelt» (sog. Konzernverantwortungsinitiative) abgelehnt und damit den indirekten Gegenvorschlag des Parlaments gutgeheissen. Das Schweizer Aktienrecht wird durch diese Reformen auf eine nachhaltigere sowie digitale Zukunft ausgerichtet.

Von: Beat Brändli  DruckenTeilen 

Beat Brändli

Prof. Dr. Beat Brändli ist Rechtsanwalt, nebenamtlicher Bezirksrichter im Kanton Aargau und Assistenzprofessor für Wirtschaftsrecht mit der Vertiefung Gesellschaftsrecht an der Universität St. Gallen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im nationalen und internationalen Gesellschafts-, Kapitalmarkt- und Zivilprozessrecht.

Neues Aktienrecht

Aktienrechtsrevision: zeitlicher Horizont

Mit der Verabschiedung der parlamentarischen Aktienrechtsrevision am 19. Juni 2020 hat die Schweiz nach langjähriger Diskussion ein modernisiertes Aktienrecht erhalten, welches den veränderten gesellschaftlichen Bedürfnissen sowie den technologischen Entwicklungen gerecht werden kann. Die Mehrheit der neuen Bestimmungen wird voraussichtlich Anfang 2022 in Kraft treten. Die Geschlechterrichtwerte sowie die Transparenzregeln im Rohstoffsektor treten bereits auf den 1. Januar 2021 in Kraft. Die Verlängerung der provisorischen Nachlassstundung nach Art. 293a Abs. 2 SchKG von vier auf acht Monaten in begründeten Fällen, die ebenfalls Teil der Aktienrechtsrevision war, setzt der Bundesrat mit Entscheid vom 14. Oktober 2020 angesichts von COVID-19 zur Erleichterung von Unternehmenssanierungen schon auf den 20. Oktober 2020 in Kraft. Zu erwähnen bleibt, dass der Bundesrat gleichzeitig davon abgesehen hat, das Aussetzen der Pflicht von Unternehmen zur Überschuldungsanzeige basierend auf Art. 1 COVID-19-Verordnung Insolvenzrecht zu verlängern. Somit gilt ab dem 20. Oktober 2020 im Fall einer Überschuldung wieder das reguläre Regime nach Art. 725 Abs. 2 OR.

Klare Steigerung von Nachhaltigkeit und sozialer Verantwortung trotz Ablehnung der Konzernverantwortungsinitiative

Im neuen Aktienrecht ist ein wesentlicher Schritt Richtung nachhaltigere Entwicklung sowie erhöhte soziale Verantwortung von Aktiengesellschaften spürbar. Ab dem 1. Januar 2021 haben Rohstoffunternehmen jährlich einen Bericht über Zahlungen an staatliche Stellen zu verfassen. Dabei handelt es sich um Unternehmen, die gesetzlich zu einer ordentlichen Revision verpflichtet und in den «Gebieten der Exploration, Prospektion, Entdeckung, Erschliessung und Förderung von Mineralien, Erdöl- und Erdgasvorkommen und des Einschlags von Holz in Primärwäldern» tätig sind. Daneben sind ab Anfang nächsten Jahres von kotierten Aktiengesellschaften auch Geschlechterrichtwerte von mindestens je 30% im Verwaltungsrat (VR) und je 20% in der Geschäftsleitung zu beachten. Falls diese Quoten nicht erreicht werden, hat das Unternehmen zu begründen, weshalb die Geschlechter nicht ausreichend vertreten sind, und darzulegen, mit welchen Massnahmen das unzureichend vertretene Geschlecht gefördert wird.

Am 29. November 2020 haben Schweizer Volk und Stände die Konzernverantwortungsinitiative aufgrund eines fehlendes Ständemehrs knapp abgelehnt. Faktisch ist dadurch jedoch der inhaltlich konkretere, indirekte Gegenvorschlag des Parlaments gutgeheissen worden. Dieser ist als Gesetz ausformuliert und wird in Kraft gesetzt werden, wenn nun keine Abstimmungsbeschwerden erhoben werden und dagegen nicht die 100-tägige Referendumsfrist ergriffen wird, was nicht zu erwarten ist. Der hart geführte Wahlkampf um die Konzernverantwortungsinitiative, das äusserst knappe Resultat sowie auch die gesetzliche Formulierung des indirekten Gegenvorschlages zeigen deutlich, dass das neue Schweizer Aktienrecht zukünftig zweifellos dem gemeinsamen Ziel von Initiative sowie auch Gegenvorschlag gerecht werden muss: Schweizer Unternehmen sollen Mensch und Umwelt auch im Ausland achten. In diesem Sinne werden gemäss dem indirekten Gegenvorschlag grosse Unternehmen des öffentlichen Interesses, die 500 Vollzeitstellen im Jahresdurchschnitt haben, zukünftig einen jährlichen Nachhaltigkeitsbericht (Bericht über nichtfinanzielle Belange) zu erstellen haben. Dieser Nachhaltigkeitsbericht hat aus Unternehmenssicht «Rechenschaft über Umweltbelange, insbesondere die CO2-Ziele, über Sozialbelange, Arbeitnehmerbelange, die Achtung der Menschenrechte sowie die Bekämpfung der Korruption» abzulegen. Zudem sind grundsätzlich unabhängig von der Unternehmensgrösse (der Bundesrat kann Erleichterungen für KMU vorsehen) Sorgfaltspflichten in der Lieferkette von Unternehmen und Transparenz vorgesehen, wenn Mineralien oder Metalle aus Konfliktgebieten in der Schweiz bearbeitet oder in den Verkehr gebracht werden sowie wenn ein begründeter Verdacht besteht, dass ein angebotenes Produkt oder eine Dienstleistung unter Einsatz von Kinderarbeit zustande kam.  Die neuen Vorschriften entsprechen dem europäischen Unionsrecht, im Bereich der Kinderarbeit sind sie noch weitergehend und haben sich der holländischen Regelung angelehnt. Die jährlichen Nachhaltigkeitsberichte werden wohl für das Geschäftsjahr 2022 gelten, die weiteren Bestimmungen zu Sorgfaltspflichten in der Lieferkette und Transparenz bei Konfliktmaterialien und Verdacht auf Kinderarbeit bedürfen noch einer bundesrätlichen Verordnung und dürften erst später in Kraft gesetzt werden. Jedenfalls wird es für viele Aktienunternehmen Zeit, über eine Umsetzungsstrategie im Bezug auf die neuen Nachhaltigkeitsberichtspflichten nachzudenken. Über einen sog. Swiss Code of Sustainability Reporting, eine Einstiegshilfe in die Nachhaltigkeitsberichterstattung für jede Unternehmensgrösse, wird zurzeit aktiv nachgedacht.

Neue digitale Möglichkeiten

Bislang waren rein digital abgehaltene Generalversammlungen (GV) nicht möglich, da damit das aktienrechtliche Unmittelbarkeitsprinzip verletzt worden wäre. Dieses Erfordernis der unmittelbaren physischen Anwesenheit wollte sicherstellen, dass ein Ort des tatsächlichen diskursiven Austausches, der Meinungsbildung sowie der Entscheidung der Aktionäre ermöglicht wird. Neu werden jedoch hybride wie auch rein virtuelle GVs explizit zugelassen. Analog ist nun das Prinzip der digitalen Unmittelbarkeit einzuhalten: Die Teilnehmer müssen elektronisch eindeutig identifiziert und die Voten elektronisch unmittelbar (ohne Zeitverzögerung) übertragen werden. Weiter muss auch jeder remote teilnehmende Aktionär Anträge stellen und an der Diskussion teilnehmen können. Schliesslich darf das Abstimmungsergebnis nicht verfälscht werden können. Auf diese Weise soll die gesellschaftliche Interaktion anlässlich der GV gleichermassen ermöglicht und die Idee der (nun digitalen) Landsgemeinde fortgeführt werden.

Alsdann wird auch das Wertpapierrecht digital. Mit dem Bundesgesetz zur Anpassung des Bundesrechts an Entwicklungen der Technik verteilter elektronischer Register ist kein Distributed-Ledger-Technology-(DLT-)Gesetz geschaffen worden, sondern es wurden punktuelle Gesetzesänderungen vorgenommen (im OR, SchKG, IPRG, BEG und den Finanzmarktgesetzen inkl. NBG), um die Entwicklung der dezentralen elektronischen Registerführung, welche meist auf der Blockchain-Technologie basiert, in allen betroffenen Rechtsbereichen auch auf eine rechtliche Grundlage zu stellen. Die Technologie ist indes nicht auf DLT beschränkt, sondern kann auch andere Innovationen der digitalen Registerführung auffangen. Die digitalen Aktien der Zukunft sind demnach sog. Registerwertrechte, welche nicht vertretbar sein müssen und im Gegensatz zu den bisherigen (einfachen) Wertrechten echte Wertpapierfunktion erfüllen. Sie werden entsprechend nicht durch Zession, sondern durch Umbuchung im Register übertragen.

Vielzahl weiterer Neuerungen im Aktienrecht

Im Weiteren kennt das modernisierte Aktienrecht eine Vielzahl weiterer Neuerungen. Bedeutend erscheint das neu eingeführte Kapitalband, mit welchem die Aktionäre dem Verwaltungsrat (VR) die Kompetenz erteilen können, das Aktienkapital (AK) während maximal fünf Jahren in einer limitierten Bandbreite (max. 150% AK, mind. 50% AK) zu erhöhen oder herabzusetzen. Damit können unternehmerische Eigenfinanzierungsentscheide für Projekte, Akquisitionen etc. stärker dem VR überantwortet werden. Voraussetzungen bilden eine statutarische Grundlage sowie das Unterliegen mindestens einer eingeschränkten Revision. Daneben wurden weitere Flexibilisierungen bei den Kapitalvorschriften geschaffen, die Aktionärsrechte angepasst bzw. erweitert, zusätzliche bzw. spezifischere Pflichten des Verwaltungsrats eingeführt sowie die Bestimmungen des VegüV ins OR überführt.

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