02.11.2017

Elektroautos: Warum eine Empfehlung aktuell schwer auszusprechen ist

Um Elektroautos gibt es immer wieder kontroverse Diskussionen. Dabei fahren Befürworter der E-Fahrzeuge ebenso wie deren Gegner in vielen Punkten eine politische oder ökonomische Agenda. Im Folgenden sollen Vor- wie auch Nachteile möglichst neutral betrachtet werden.

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Elektroautos

Problemfeld geringe Reichweiten

Der wohl am häufigsten genannte Nachteil elektrischer Antriebe lautet „geringe Reichweite“. Vielleicht würde dieser Punkt weniger Gewichtung erhalten, wenn – jedenfalls in Deutschland und Europa – ausreichend Infrastruktur vorhanden wäre. Besonders in Metropolregionen, in denen Elektrofahrzeuge aufgrund ihrer geringen Reichweite eigentlich ihren Haupteinsatzort haben sollten, fehlt bislang ein dicht gestricktes Netz an

Flickr 18650 cell Arnold de Leon CC BY-SA 2.0 Bestimmte Rechte vorbehalten

Aufladestationen, wie sie der Elektro-Automobilhersteller Tesla Motors in den USA für seine Fahrzeuge schon eingerichtet hat. Im Idealfall wäre diese Infrastruktur für jedes Elektrofahrzeug nutzbar, genauso wie eine Tankstelle. Aktuelle Ladesysteme würden schneller ihr Werk verrichten und es gäbe eine vereinheitlichte Art Anschlüsse. Doch allein in Europa gibt es derzeit vier verschiedene Schnellladesysteme.

Elektroauto als Firmenwagen?

Wie gut sich Elektroautos in der Unternehmensflotte machen, hängt ganz vom Unternehmen und seiner Niederlassung ab. Während in Deutschland die Bundesregierung den Kauf von Elektrofahrzeugen subventioniert, um das Ziel von einer Million E-Fahrzeuge bis 2020 zu erreichen, gibt es hierzulande keine Pauschalförderung. Für Logistikunternehmen spricht, dass diese ihre Routen in der Regel gut planen. So wäre die Einplanung eines Halts nicht unbedingt abwegig, zumal die Fahrer dazu verpflichtet sind, regelmässig Pausen einzulegen. Diese könnten dann mit einer Akkuladung verknüpft werden. Die Deutsche Post DHL Group hat bereits eigene Fahrzeuge entwickelt und setzt diese für die Auslieferung von Paketen ein.

Stauraum ist Mangelware

Ob im Unternehmen oder im privaten Bereich: Eine echte Herausforderung stellt der Mangel an erweiterbarem Ladevolumen dar. Umso mehr, als viele Elektroautos bereits durch die üppigen Ausmasse ihrer Batterie-Packs in ihrem Ladevolumen beschränkt sind. Es bleibt abzuwarten, wie die Elektrofahrzeug-Hersteller und Gesetzgeber dieses Problem angehen werden und es Drittanbietern wie kupplung.ch damit ermöglichen, konkrete Lösungen durch Dachgepäckträger oder Anhänger anzubieten. Denkbar wäre für angehängte Last eine Art Schubanhänger, oder ein hinzufügbarer Elektromotor für einen gewöhnlichen Anhänger. Ein Schubanhänger würde das ziehende Fahrzeug durch den eigenen Antrieb entlasten oder sogar in gleicher Leistung agieren, sodass das Zugfahrzeug weder geschoben noch gebremst wird: ein sogenannter Phantom-Anhänger.

Keine bis hohe Steuern:Die Kosten sind ortsanhängig

Heutzutage leasen viele Unternehmen ihre Fahrzeugflotte, sodass die noch unerforschte tatsächliche Lebensdauer moderner Akkus für sie nebensächlich ist; ganz im Gegensatz zu Privatpersonen. Gleiche Vor- beziehungsweise Nachteile bestehen hingegen bei den Betriebs- und Unterhaltskosten. Die Steuerlast ist stark vom Kanton abhängig und reicht beispielsweise bei einem Tesla Model S von null bis 1155 Franken Motorfahrzeugsteuer.

Wartung: nicht so oft, dafür spannender

Die fast geräuschlosen Gleiter sind wenig wartungsintensiv. Durch den Wegfall von Zündkerzen, Öl- und Filterwechsel oder Zahnriemenwechsel kann während der Wartungsintervalle gespart werden. Bremsanlagen müssen weniger oft gewartet werden, da der Verschleiss durch die Rekuperation bei Elektroautos verringert wird. Das bedeutet jedoch nicht, dass man über die Besitzdauer eines Elektroautos keine Kfz-Werkstatt mehr von innen sieht. Denn regelmässige Inspektionen gibt es trotzdem; unter anderem, um den Status der Batterie überprüfen lassen, die das Herzstück darstellt. Allerdings sind die Wartungsintervalle grösser als bei gewöhnlichen Auto mit Verbrennungsmotor.

Doch hier ist Vorsicht geboten, denn die Komponenten stehen teilweise unter Hochspannung. Eine unsachgemässe Handhabe kann sogar tödliche Folgen für ungeschulte Mechaniker haben, die das Arbeiten unter hoher elektrischer Spannung nicht gewohnt sind. Nicht zuletzt wegen der entsprechenden Werkstattausrüstung ist es ratsam eine Fachwerkstatt aufzusuche.

Während Bergungsarbeiten müssen auch Rettungskräfte Vorsicht walten lassen, drohen ihnen doch ähnliche Gefahren durch Starkstrom.

Lithium: Eine neue, markttreibende Kraft?

Bei allen Vorteilen für die Umwelt, die Elektroautos mit sich bringen: Die Lithium-Ionen-Akkus, die als Antriebe in den meisten aktuellen Elektroautos verbaut werden, müssen erst hergestellt werden. Das umfasst Erforschung, Förderung, Abbau und Weiterverarbeitung – ebenso wie beim Öl für klassische Verbrennungsmotoren. Lithium eignet sich besonders gut für den Einsatz in Akkus, da es das leichteste feste Element darstellt und im Vergleich zur besten Alternative die doppelte Energiedichte hat. Lithium kann also sehr viel Energie bei wenig Eigengewicht speichern. Das ist für die in Elektrofahrzeugen verbauten Akkus ein ausschlaggebender Punkt. Das weltweit agierende Investmentbanking- und Wertpapierhandelsunternehmen Goldman Sachs spricht daher vom „neuen Benzin“. Die Erforschung, Förderung und Weiterverarbeitung des effizienten Stoffes könnten weitreichende ökonomische, politische wie umwelttechnische Folgen nach sich ziehen, Abhängigkeiten der Länder und Unternehmen könnten sich verlagern. Denn ebenso wie Gas und Öl müssen auch Rohstoffe für alternative Technologien exportiert beziehungsweise importiert werden. In Europa befindet sich das grösste Lithiumvorkommen in Tschechien.

Sind Elektroautos umweltschädigender als bislang angenommen?

Wann sich die Nutzung von Elektrofahrzeugen im Gegensatz zum Verbrennungsmotor unter dem Aspekt der Umwelt(un)verträglichkeit während der Herstellung der Akku-Komponenten lohnt, darüber sind sich selbst Experten nicht einig. Ein Forschungsinstitut aus Stockholm, das IVL Swedish Environmental Research Institute, hat dazu eine Studie (englisch, PDF-Datei) veröffentlicht, in der es seine Forschungsergebnisse vorstellt: Die Herstellung der erwähnten Lithium-Ionen-Batterien verursacht einen enormen CO2-Ausstoss. Konkret spricht die Studie von durchschnittlich 175 Kilogramm CO2 pro Kilowattstunde Batteriekapazität. Ein Tesla Model S mit einer Kapazität von 100 Kilowattstunden (kWh) würde für die Herstellung des Akkus folglich stolze 17,5 metrische Tonnen CO2 verursachen. Dieser Durchschnittswert wird aus neun Studien über Lithium-Nickel-Mangan-Cobalt-Oxide, kurz NMC, gebildet (Abbildung 3, Seite 18), welche als Mischoxide zu den wichtigsten Speichermaterialien für Lithium-Ionen in Lithium-Ionen-Batterien gelten.

An dieser Stelle soll die Aussage der Studie nicht ausgehebelt, sondern lediglich aufgezeigt werden, dass es unendlich viele Faktoren zu beachten gibt, um überhaupt annähernd eine Vergleichbarkeit zu schaffen. So nutzt Tesla beispielsweise gar keine NMC, sondern N-Carboxyanhydride, kurz NCA, also eine andere chemische Zusammensetzung für die Akkus. Nicht zu vernachlässigen ist ebenfalls, dass ein Fahrzeug mit Verbrennungsmotor deutlich mehr Teile verwendet, die ebenfalls CO2-intensiv hergestellt werden müssen und die bei einem Elektroauto schlicht nicht vorhanden sind. Dazu zählen unter anderem der Motorblock selbst, der zumeist aus Gusseisen gefertigt wird, ein Turbolader, das Getriebe, ein Auspuff, ein Katalysator zur Abgasreinigung, Pumpen, Wärme-, sowie Vibrationsdämmungen, Öle und viele Teile mehr.

Online finden sich unter den Suchbegriffen „Elektroauto schwedische Studie“ etliche Begleitartikel, die auf Grundlage jener eine Amortisationszeit von Elektroautos wie dem Tesla Model S von acht Jahren errechnen. Man müsste ein Auto mit gewöhnlichem Verbrennungsmotor also acht Jahre lang fahren, bevor die positiven Umweltaspekte eines Elektroautos überwiegen. Dabei werden die oben genannten Faktoren jedoch nicht miteinkalkuliert – ein verzerrtes Bild entsteht.

Alles in allem ist es trotz vieler eindeutiger Vor- und Nachteile schwierig, eine Pauschalaussage darüber zu treffen, ob sich ein Elektroauto lohnt: sowohl aus ökonomischem als auch aus ökologischem Blickwinkel. Sehr viele Faktoren spielen eine Rolle, zumal der Vorteil des einen gleichzeitig der Nachteil des anderen sein kann – besonders in Bezug auf Politik und Wirtschaft.