02.09.2019

Brexit: Welche steuerlichen Auswirkungen stehen bevor?

Wenn am 31. Oktober 2019 um 23.00 GMT Grossbritannien die EU ohne Vertrag verlässt, so wird das zu einem grossen administrativen Aufwand und erheblichen finanziellen Konsequenzen im Zollbereich führen. Es kann zu einem Verlust des präferenziellen Ursprungs bei Schweizer oder EU-Waren führen.

Von: Marianne Esther Meier  DruckenTeilen 

Marianne Esther Meier

Marianne Esther Meier, dipl. Steuerexpertin, Expertin Rechnungslegung und Controlling, Executive Master of VAT. Bei ECOVIS ws&p ag, Luzern ist sie vor allem im Bereich internationale Steuerberatung, Schwergewicht MWST und Zoll und Unternehmensberatung tätig. Sie verfügt über eine langjährige Steuerberatertätigkeit bei «BIG4» und mehrjährige Erfahrung in Buchhaltung, Controlling und administrative Leitung bei KMUs.

Brexit

Freier Warenverkehr

Wenn die Kündigung der Mitgliedschaft bei der EU von Grossbritannien (GB) nicht wiederrufen wird, kommt es am 31. Oktober 2019 um 23.00 GMT (0.00 MEZ) zum Austritt von GB aus der Europäischen Union (EU). Dieser Austritt kann entweder mit Vertrag oder ohne Vertrag («harter Brexit») vonstattengehen. Die britische Premierministerin Theresa May hat einen Vertrag ausgehandelt, jedoch schwindet nach den Wiederholten Ablehnungen dieses Vertrags die Chance auf einen geordneten EU-Austritt.

Ein harter Brexit bedeutet für GB das Ende des unbeschränkten EUMarktzutritts und kündigt sämtliche Freihandelsverträge auf. Grossbritannien wird über Nacht zu einem Drittstaat im Verhältnis zur EU und muss an der Aussengrenze wiederum sämtliche Einfuhren aus der EU verzollen und die britische Umsatzsteuer (GB-VAT) erheben. Neu müssen die Ausfuhren in die EU auch ordnungsgemäss exportiert werden. Es ist zu erwarten, dass die administrative Kapazität am Zoll nicht ausreichen wird, um die zusätzliche Menge an Ein- und Ausfuhren ordnungsgemäss zu verzollen.

Auswirkungen des harten Brexits auf die Schweiz

Beim Import aus GB ergibt sich aus administrativer und schweizerischer Mehrwertsteuer-(CH-MWST)-Sicht nach dem harten Brexit keine Veränderung, da die Schweiz nicht Mitglied der EU-Zollunion ist. Die Waren sollten weiterhin zollbegünstigt in die Schweiz resp. in Grossbritannien eingeführt werden können, obwohl nur bis zum 31. Oktober 2019 um 23.59 Uhr bei Importen aus GB das Freihandelsabkommen EU-CH anwendbar ist, das bei vielen Produkten und präferenziellem Ursprung eine Verzollung zu 0% garantiert. Im Rahmen der «Mind-the-Gap»-Strategie hat der Bundesrat an seiner Sitzung vom 14. Dezember 2018 den Text eines Handelsabkommens mit GB verabschiedet, mit dem die bestehenden Wirtschafts- und Handelsbeziehungen auch nach dem ungeordneten Austritt von GB aus der EU fortgesetzt werden sollen. Da die zuständige Parlamentskommission noch zustimmen muss, ist eine vorläufige Anwendung der Replikation der Abkommen EU-CH geplant.

Auswirkungen des harten Brexits auf Grossbritannien

GB muss für sämtliche Importe ein Zollverfahren durchführen und die GB-VAT an der Grenze erheben. Während sich beim Import aus der Schweiz bei der GB-VAT keine Änderung ergibt, werden die Zollabgaben steigen, falls der präferenzielle Ursprung durch Kumulation mit EU-Waren nicht mehr gegeben ist. Die Waren aus der EU müssen zur Verzollung angemeldet werden und werden mit GB-VAT und insbesondere auch mit Drittlandzoll belastet. Aber nicht nur die Waren aus der CH und der EU werden teurer, Grossbritannien verliert auch die Zollbegünstigung der Freihandelsabkommen, welche GB als EU-Mitglied mit den betreffenden Ländern anwenden kann.

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Präferenzieller Ursprung mit GB-Waren bei hartem Brexit

Nicht zu unterschätzen sind auch die Auswirkungen auf den präferenziellen Ursprung von Waren mit Vormaterialien aus GB, denn ohne Freihandelsabkommen mit der EU kann keine Kumulation von CH- und EU-Waren mit GB-Waren für die EU angewandt werden. Die Auswirkung zeigt sich am folgenden Beispiel eines Bearbeitungszentrums. Bei einer Lieferung mit Vormaterialien aus DE, GB und übrigen Ländern und einem Verkaufspreis von EUR 300 000.– und folgender Kumulation fällt bei Wegfall des präferenziellen Ursprungs beim Import in die EU pro Maschine ein Zoll von EUR 8100.– an (vgl. Tabelle).

 

WarenursprungErfoderlichVor BrexitNach BrexitNach Brexit
Vormaterialien aus DE 25%25%25%
Vormaterialien aus UK 20%20%15%
Fertigstellung und Materialien CH 30%30%35%
Vormaterialien aus übrigen Ländern 25%25%25%
Total 100%100%100%
EU-/CH-Ursprung (Kumulation)60%75%55%60%

 

Da im Falle einer unrichtigen Deklaration des präferenziellen Ursprungs empfindliche Strafen drohen, sind die Verkäufer der Waren gut beraten, in den Kalkulationen die GB-Vormaterialien auf nicht-präferenzieller Ursprung zu stellen. Je nach GB-Anteil verlieren die Waren den präferenziellen Ursprung (z.B. CH mit Kumulation) und dürfen daher nicht mehr als solche deklariert werden oder, um dies zu vermeiden, wird, wie im Beispiel dargestellt, die Verwendung von Vormaterialien mit GB-Ursprung reduziert.

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