03.11.2020

Coronavirus und Steuern: Steuern in Zeiten der Covid-19-Krise

Die weltweite COVID-19-Krise hat auch die Schweiz in eine ausserordentliche Lage gemäss Epidemiengesetz versetzt. Die spürbaren Auswirkungen werfen auch diverse steuerliche Fragestellungen auf. Dieser Artikel zeigt Ihnen mit Fokus auf KMU und ihre Eigner/-innen eine Auswahl von Fragen rund um das Coronavirus und Steuern und gibt erste Antworten.

Von: Kevin Röllin, Stefan Wigger  DruckenTeilen 

Kevin Röllin

Kevin Röllin (MLaw und dipl. Steuerexperte) ist Prokurist bei Balmer-Etienne AG und für die Leitung des Fachbereichs Steuern zuständig.

Stefan Wigger

Stefan Wigger ist MLaw, dipl. Steuerexperte und Teamleiter Steuern für juristische Personen bei der Balmer-Etienne AG.

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Coronavirus und Steuern

Coronavirus und Steuern – Neue Fragestellungen

Der Bundesrat hat am 16. März 2020 die Situation in der Schweiz als ausserordentliche Lage gemäss Epidemiengesetz (EpG) eingestuft. In diesem Zusammenhang haben der Bundesrat sowie viele Kantonsregierungen im Rahmen von Massnahmenpaketen zur Abfederung wirtschaftlicher Folgen auch allgemeine Steuererleichterungsmassnahmen ergriffen.

Neben diesen allgemeinen Steuererleichterungsmassnahmen stehen aber auch vermehrt weitergehende Steuerfragen im Zentrum. Viele verrichteten bzw. verrichten nach wie vor ihre Arbeit aus dem Homeoffice. Hat die Homeoffice-Tätigkeit irgendwelche steuerlichen Auswirkungen für das Unternehmen oder die unselbstständig tätigen Mitarbeiter/-innen?

Aber auch unternehmerische Sanierungsmassnahmen stehen zur Diskussion, weil viele Unternehmen in diesen Zeiten auf schnell verfügbare Liquidität angewiesen sind: Sollte auf die geplante (oder bereits beschlossene) Dividende einer Aktiengesellschaft (AG) oder einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH) für das Geschäftsjahr 2019 nun verzichtet werden? Ist es für eine Unternehmensgruppe eine Option, wenn Liegenschaftseigentümer in der Gruppe gegenüber anderen Gruppengesellschaften oder ihrem Aktionär/ihrer Aktionärin für ein paar Monate auf die Miete verzichten? Kann die AG oder die GmbH für die Steuerperiode 2019 noch eine Corona-Rückstellung bilden, um die Steuerzahllast 2019 zu senken?

Einige Privatpersonen halten sich vielleicht (vermehrt) an einem anderen Ort als gewöhnlich auf, z. B. in einer Ferienwohnung. Verändert sich dann etwas an der privaten Steuersituation solcher Personen?

Allgemeine Steuererleichterungsmassnahmen

Die Eidgenössische Steuerverwaltung (EStV) sowie die Kantone haben im Zuge der COVID-19-Krise diverse unmittelbare Steuererleichterungsmassnahmen vorgesehen:

  • Die Steuerverwaltungen (eidgenössisch sowie kantonal) bleiben weiterhin geöffnet, allerdings ist der lokale Zugang eingeschränkt.
  • Fristverlängerungen bezüglich Einreichung der Steuererklärung 2019
  • Kulanz bei Fristen für Steuerrechnungen
  • Möglichkeit der Anpassung der provisorischen Steuerrechnung für 2020
  • Erleichterungen bei Verzugszinsen; so hat der Bundesrat per Verordnung die Verzugszinsen bei verspäteter Zahlung der direkten Bundessteuer, der Mehrwertsteuer, der Zollabgaben und weiterer Lenkungsabgaben bis zum 31. Dezember 2020 aufgehoben.
  • Auch für die Betreibung von Steuerforderungen galt die Regelung, welche der Bund am 18. März 2020 beschlossen hatte und die dazu führte, dass bis zum 19. April 2020 weder Betreibungen eingeleitet noch vorangetrieben werden konnten.

Homeoffice bei unselbstständig Erwerbstätigen

Arbeitnehmer/-innen

Als steuerlich abzugsfähig gelten Berufskosten, welche für die Erzielung des Einkommens erforderlich sind und in einem direkten ursächlichen Zusammenhang dazu stehen. Bei vielen Arbeitnehmern/-innen fallen durch die Homeoffi ce-Tätigkeit während der COVID-19-Krise regelmässig weniger Fahrtkosten für den Arbeitsweg oder Kosten für die auswärtige Verpflegung an. Denkbar wäre, dass in der privaten Steuererklärung des Arbeitnehmers/der Arbeitnehmerin aufgrund solcher reduzierter Kosten nur ein anteiliger («pro rata temporis») Abzug zugelassen wird.

Als übrige Berufskosten können insbesondere die für die Berufsausübung erforderlichen Auslagen für IT-Infrastruktur, Fachliteratur oder etwa ein beruflich genutztes privates «Arbeitszimmer» abgezogen werden. Es wird dabei die Frage aufkommen, ob gewisse Auslagen, welche sich durch das angeordnete Homeoffice ergeben, wie etwa die für das Homeoffice am Wohnsitz verwendeten privaten Räumlichkeiten oder Stromkosten, in der privaten Steuererklärung als solche übrigen Berufskosten zum Abzug zugelassen werden. Die Anforderungen sind hier in der Praxis jedoch gerade für ein privates «Arbeitszimmer» – welches bereits häufig Gegenstand von umstrittenen Fällen war – relativ hoch.

Zudem ist hier zu beachten, dass für diese übrigen Berufskosten bereits eine steuerliche (Jahres-) Pauschale besteht. Der Nachweis von tatsächlich höheren Kosten bleibt möglich.

KMU-Unternehmen (AG oder GmbH)

Aus Sicht eines Unternehmens wird sich die Frage stellen, ob Mitarbeiter/-innen im Homeoffice eine steuerliche Betriebsstätte des Unternehmens (d. h. eine beschränkte Steuerpflicht) begründen können oder – je nach Grössenverhältnissen des Unternehmens und der wahrgenommenen Funktionen – gar einen anderen (neuen) Ort der tatsächlichen Verwaltung (d. h. eine zum Sitzkanton konkurrierende unbeschränkte Steuerpflicht), wenn der Wohnort als Arbeitsort während einer Homeoffice-Phase nicht im gleichen Kanton wie das Hauptsteuerdomizil des Unternehmens liegt. Dabei wird es auch darauf ankommen, wie lange die derzeitige Situation noch andauert. Einige Unternehmen haben die Homeoffice-Phase bereits beendet bzw. verkürzt.

Als Faustregel lässt sich sagen: Sofern die durch die COVID-19-Krise erzwungene Homeoffice-Phase bald beendet wird, dürften die steuerlichen Fragen rund um eine Betriebsstätte eines Unternehmens theoretischer Natur bleiben. Zudem dürfte es aber auch sonst an einer eigentlichen Verfügungsmacht des Arbeitgebers/der Arbeitgeberin über die im Homeoffice genutzten Räumlichkeiten am Wohnsitz des Mitarbeiters/der Mitarbeiterin fehlen.

Internationale Arbeitseinsätze

Aufgrund der von der Schweiz sowie anderen Staaten (insbesondere Nachbarstaaten der Schweiz) erlassenen Gesundheitsvorschriften können viele Arbeitende ihren Arbeitsplatz nicht physisch aufsuchen. Dies gilt insbesondere auch für Entsendungen oder Grenzgänger/-innen, etwa zwischen Frankreich oder Deutschland und der Schweiz.

Bei solchen internationalen Arbeitseinsätzen ist zu prüfen, ob die Umstände der derzeitigen COVID-19-Krise eine Veränderung der Besteuerungssituation und/oder der sozialversicherungsrechtlichen Unterstellung des betreffenden Mitarbeiters/der betreffenden Mitarbeiterin auslösen (allfällige relevante Abkommen sind zu berücksichtigen). Die Schweiz und Frankreich haben am 14. Mai 2020 (zugleich Datum des Inkrafttretens) im Zusammenhang mit der COVID-19-Krise eine vorläufige Verständigungsvereinbarung zur Grenzgängerbesteuerung von Personen abgeschlossen, welche aufgrund der Massnahmen beider Staaten zum Homeoffice gezwungen sind. Demnach sollen die bestehenden Steuerabkommen wie bisher gelten, solange die COVID-19-Ausnahmeregelungen in Kraft sind. Damit bleibt die Besteuerung von Grenzgängern/-innen in der Schweiz und Frankreich trotz Homeoffice unverändert, d. h. Grenzgänger/-innen unterliegen weiterhin denjenigen Steuerregeln, als wären sie physisch an ihren bisherigen Arbeitsorten tätig.

Auch bei internationalen Arbeitseinsätzen stellen sich aus Sicht des Unternehmens ähnliche Fragestellungen wie oben ausgeführt, z. B. betreffend Vorliegen einer internationalen Betriebsstätte (allfällig bestehende Doppelbesteuerungsabkommen sind zu berücksichtigen). Gemäss einer Publikation der OECD (OECD Secretariat Analysis of Tax Treaties and the Impact of the COVID-19 Crisis) scheint es unwahrscheinlich, dass die COVID-19-Krise zu Änderungen bei der Frage nach dem Vorliegen einer steuerlichen Betriebsstätte führt. Insbesondere sollte aufgrund der zeitlichen Befristung der Homeoffice-Tätigkeit der Mitarbeiter/-innen keine steuerliche Betriebsstätte begründet werden können (Gleiches gilt für das vorübergehende Abschliessen von Verträgen am Wohnsitz der Mitarbeitenden). Die OECD weist jedoch darauf hin, dass unilaterales Recht eines Staats andere Kriterien für die Bejahung einer Betriebsstätte vorsehen kann (tiefere als jene gemäss einem anwendbaren Doppelbesteuerungsabkommen). Ähnliche Überlegungen stellen sich gemäss der OECD-Publikation auch bei der Frage nach dem Ort der tatsächlichen Verwaltung einer Unternehmung.

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Corona-Rückstellung bei einem KMU-Unternehmen (AG oder GmbH)

Einige Kantone (z. B. der Kanton Zug oder der Kanton Wallis) haben in Mitteilungen bekannt gegeben, dass sie eine Rückstellungsbildung im Zusammenhang mit der COVID-19-Krise – zumindest in einem gewissen Umfang – steuerlich akzeptieren. Andere Kantone (z. B. Kanton Schwyz oder Appenzell Ausserrhoden, ebenfalls in diese Richtung: St. Gallen) haben hingegen kundgetan, dass sie eine solche Corona-Rückstellung steuerlich grundsätzlich nicht akzeptieren werden. Die EStV (bezüglich der direkten Bundessteuer) sowie auch die Schweizerische Steuerkonferenz (SSK) vertreten die Ansicht, dass Rückstellungen wegen der Corona-Pandemie für Jahresabschlüsse 2019 nicht möglich sind (EStV) bzw. dass die Kantone solchen Rückstellungen ablehnend gegenüberstehen sollen (SSK).

Die Bildung einer Corona-Rückstellung sollte deshalb vorgängig mit der zuständigen Steuerbehörde adressiert werden. Dies gilt nicht nur für deren steuerliche Akzeptanz bei der direkten Bundessteuer sowie im betreffenden Kanton, sondern auch bezüglich der zu erfüllenden Voraussetzungen. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob bei einem Geschäftsjahresabschluss per 31. Dezember 2019 eine handelsrechtliche Verbuchung der Corona-Rückstellung in der Jahresrechnung 2019 Voraussetzung für deren steuerliche Abziehbarkeit ist oder ob eine Berücksichtigung in der Steuerbilanz reicht.

Es sollte zudem darauf geachtet werden, dass die Bildung der Corona-Rückstellung in einer Gesamtbetrachtung beurteilt wird. Gerade bei selbstständig Erwerbstätigen sind dabei auch nichtsteuerliche Aspekte (wie etwa AHV-Aspekte) miteinzubeziehen. Hierbei ist in Erinnerung zu rufen, dass für das massgebende Einkommen bei der AHV auf das steuerbare Einkommen gemäss der direkten Bundessteuer abgestellt wird (damit würde eine Corona-Rückstellung das AHV-pflichtige Einkommen nicht mindern können). Bei bis Ende 2019 auf kantonaler Ebene als Statusgesellschaften besteuerten Gesellschaften sind zudem die Statuswechsel-Überlegungen aufgrund STAF miteinzubeziehen.

Leistungsbeziehungen zwischen (steuerlich gesehen) sog. Nahestehenden

Bei Leistungsbeziehungen zwischen sog. Nahestehenden (z. B. beim Eigner/der Eignerin als Aktionär/-in gegenüber dem KMU) sollte auch während der COVID-19-Krise an die Steuerfolgen gedacht werden.

Verzichtet ein KMU in Form einer AG oder GmbH aufgrund der COVID-19-Krise gegenüber ihrem Eigner/ihrer Eignerin (oder Nahestehende) auf eine Forderung, müssen auch die Steuerfolgen in die Planung solcher Massnahmen miteinbezogen werden, um negative Überraschungen zu vermeiden (Stichworte «geldwerte Leistung» oder «verdeckte Kapitaleinlage/Zuschuss», je nach konkreter Konstellation). Dies gilt gerade auch für den Verzicht auf Mieten oder Darlehen. Ebenfalls steuerlich zu prüfen ist die Gewährung von Darlehen zwischen Nahestehenden, hier ist – wie generell bei Beziehungen zwischen Nahestehenden – der «Drittvergleich» einzuhalten, damit die Darlehensgewährung steuerlich anerkannt wird. Vereinfacht ausgedrückt bedeutet dieser «Drittvergleich», dass die Beziehungen zwischen Nahestehenden wie zwischen voneinander unabhängigen Dritten ausgestaltet sein müssen (bei einem Darlehen z. B. bezüglich Form des Darlehensvertrags, Verzinsung, Sicherheiten, Kündigungsmöglichkeiten etc.).

Widerruf von Dividenden bei KMU-Unternehmen (AG oder GmbH)

Sofern eine geplante Dividende einer AG oder GmbH widerrufen werden soll, sind auch hier die steuerlichen Stolpersteine zu beachten.

Grundsätzlich muss ein Widerruf einer bereits von der Generalversammlung beschlossenen Dividende vor der zivilrechtlichen Fälligkeit der zu «stornierenden» Dividende und in der zivilrechtlich notwendigen Form (wiederum ein Generalversammlungsbeschluss) erfolgen, damit nachteilige Steuerfolgen vermieden werden können.

Steuerlicher Wohnsitz einer Privatperson

Sofern sich eine Privatperson dazu entscheidet, sich während der COVID-19-Krise nicht an ihrem üblichen (steuerlichen) Wohnsitz aufzuhalten, wird sich aus steuerlicher Sicht die Frage stellen, ob ein solcher Aufenthalt private Steuerfolgen auslösen kann. Eine solche Situation dürfte jedoch in der Regel nicht zu einer Verlegung des eigentlichen Lebensmittelpunkts führen.

Diese Thematik ist insbesondere in internationalen Sachverhalten zu beachten, beispielsweise dann, wenn die Privatperson etwa aufgrund einer solchen Situation in einem anderen Staat als ihrem üblichen Wohnsitzstaat wie etwa der Schweiz arbeitet (vgl. hierzu auch den Abschnitt internationale Arbeitseinsätze) oder bei internationalen Wochenaufenthaltern.

Tipp: Bei geplanten Sanierungsmassnahmen im Zuge der COVID-19-Krise (z.B. Forderungsverzichte, Darlehensgewährungen) sind auch steuerliche Überlegungen miteinzubeziehen.

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