20.09.2017

Altersreform 2020: Die wichtigsten Argumente für und gegen die Vorlage

Die Abstimmungsvorlage vom 24. September 2017 ist komplex und vielschichtig. Es geht um Geld, um viel Geld. Die Materie ist schwierig zu verstehen und entsprechend aufwändig ist die Meinungsbildung. Dazu sind entscheidende Informationen in der öffentlichen Wahrnehmung nicht wirklich angekommen.

Von: Hanspeter Baumann, Rafael Lötscher   Drucken Teilen   Kommentieren  

Hanspeter Baumann, Betriebsökonom HWV, dipl. Treuhandexperte

Hanspeter Baumann, Betriebsökonom HWV und dipl. Treuhandexperte, ist Partner der BDO AG. Hanspeter Baumann ist der Stellvertreter des Produktbereichsleiters Treuhand. In dieser Funktion erarbeitet er Fachthemen und erstellt Publikationen und Ausbildungsunterlagen. Eine der Spezialaufgaben ist die Aufbereitung des neuen Rechnungslegungsrechts und die Entwicklung von internen und externen Arbeitshilfsmitteln. Daneben ist Hanspeter Baumann für den BDO Newsletter verantwortlich.

Rafael Lötscher

Rafael Lötscher ist Stv. Niederlassungsleiter Zug, Leiter Fachgruppe Sozialversicherungen bei der BDO AG in Steinhausen. 

 

 

 

 

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Altersreform 2020

Näheres zur Altersreform 2020

Die Altersvorsorge ist in Schieflage. Eine Sanierung ist überfällig. Es besteht seit Jahren ein Reformstau und eine Neuregelung wird jedes Jahr dringender.

Auf einen kurzen Nenner gebracht:

  • Wir alle müssen für die Altersvorsorge in Zukunft mehr bezahlen.
  • Gleichzeitig erhalten wir weniger Leistungen.

Das sind keine guten Botschaften. Wir von BDO beschäftigen uns schon seit vielen Jahren intensiv mit Themen zur Altersvorsorge in der Schweiz. So beurteilten wir unter anderem auch die ursprüngliche Vorlage von Bundesrat Berset und verfolgten gespannt, was das Parlament daraus machte.

Die Vorlage «Altersreform 2020» ist definitiv nur eine Zwischenlösung, welche die nächsten Jahre abdeckt. Leider ist die nachhaltige Finanzierung der Sozialwerke mit der aktuellen Vorlage nicht gelungen. Der Gesetzgeber ist deshalb gefordert, eine weitere Vorlage auszuarbeiten, welche die Altersvorsorge nachhaltig sichert – unabhängig davon, ob die Vorlage angenommen oder abgelehnt wird.

Solche Reformen dauern oft ein Jahrzehnt oder länger. Die finanzielle Sicherung der Altersvorsorge wird deshalb bald erneut auf die politische Agenda kommen. Eine weitsichtige Strategie für die Sicherung der AHV und der Pensionskasse ist dringend erforderlich.

Die vorgeschlagene Reform beinhaltet viele wünschbare und dringende Punkte. Um die Vorlage mehrheitsfähig zu machen, wurden Kompromisse geschlossen, die unterschiedlich beurteilt werden können. Unsere Spezialisten Rafael Lötscher und Hanspeter Baumann beurteilen nachfolgend die Vorlage gesamtheitlich. Rafael Lötscher erläutert dabei die Pro-Argumente, Hanspeter Baumann die Contra-Argumente.

Die wichtigsten Argumente für ein Ja oder ein Nein zur Vorlage:

 

PRO
Rafael Lötscher
CONTRA
Hanspeter Baumann
  • Verbesserter Versicherungsschutz und höhere Renten für Teilzeitarbeitende in der 2. Säule.
  • Absicherung der Arbeitnehmenden bei Arbeitslosigkeit ab Alter 58.
  • Flexibilität und mehr Freiheiten bei der Pensionsplanung zwischen Alter 62 und 70.
  • Schutz der Übergangsgeneration.
  • Rechtssicherheit! Die Rechtsprechung vieler Jahre wird mit der Reform im Gesetz nachvollzogen, was Rechtsfälle und Unsicherheiten abbaut und damit Kosten zu Lasten der Allgemeinheit spart.
  • Sicherung der Leistungen für fünf bis zehn Jahre.
  • Jährliche Kosten der AHV Rentenerhöhung von rund 2,5 Milliarden Franken im Endausbau.
  • Keine Verbesserungen für Bezüger von Ergänzungsleistungen.
  • Erhöhung AHV-Rentenalter der Frauen.
  • Fehlende Nachhaltigkeit der Reform.
  • Verlagerung der Finanzierung auf Generation der unter 53-jährigen und damit fehlende Solidarität mit der jüngeren Generation.
  • Höhere AHV- und BVG Beitragssätze, zu Lasten der Arbeitgeber und der Arbeitnehmenden.

Argumente, die für eine Annahme sprechen

Rafael Lötscher
Mit der längst fälligen Reform unserer Altersvorsorge muss viel Staub weggeblasen werden. Logisch, dass dabei immer jemand zu husten beginnt. Jedes Argument für die Reform, kann mit einem Gegenargument bekämpft werden. Die Finanzierung der Renten zu sichern ist wohl das zentrale Anliegen dieser Reform. Was es uns alle schliesslich kosten wird, ist wohl nicht ganz einfach vorauszusagen. Klar ist, dass nach der Reform vor der Reform sein wird.

Die anstehende Reform auf Zahlen wie einheitliches Rentenalter 65, Umwandlungssatz 6.0 Prozent, Rentenerhöhung um 70 Franken, Erhöhung der Plafonierung für Paarrenten auf 155 Prozent und so weiter zu reduzieren, ist aus meiner Sicht stark vereinfachend, es ist aber einfach, mit diesen Schlagworten zu politisieren. Ich bin für die Reform, weil keine Reform Stillstand und in vielen Bereichen Rechtsunsicherheit bedeuten würde. Die Rechtssicherheit ist ein grosser Standortvorteil der Schweiz, welchen wir nicht preisgeben dürfen.

Was Viele vergessen: Es ist höchste Zeit, die Rechtsprechung der vergangenen rund 20 Jahre in die AHV- und BVG-Gesetzgebung einfliessen zu lassen. Durch unklare Gesetzesbestimmungen wurden viele unnötige und vermeidbare Streitigkeiten vor Gericht gebracht. Es ist an der Zeit, die Gesetze zu aktualisieren. Die Gerichtskosten und die Folgen der Rechtsunsicherheit sind mit in die Waagschale zu legen. Diese Kosten muss in der Regel die Allgemeinheit tragen.

Ein erstes Beispiel gefällig? Im aktuellen BVG-Gesetz (2. Säule) ist in Art. 79b Abs. 4 geregelt, dass in Bezug auf die Sperrfrist ein Wiedereinkauf in der Pensionskasse nach der Scheidung von der Begrenzung ausgenommen ist.

Wo liegt das Problem? Im heutigen Art. 79b Abs. 4 BVG wird nur das Wort «Begrenzung» erwähnt. Auf was genau sich diese Begrenzung schliesslich bezieht, ist unklar. Geht es um die Höhe des Einkaufs oder um die drei-Jahres-Sperrfrist bezüglich Kapitalbezug? Dazu sind etliche Fälle vor den Gerichten hängig. Diverse Entscheide wurden von den Gerichten schon gefällt. Dennoch herrscht immer noch keine abschliessende Klarheit bei vielen Fragen.

Die (Gesetzes-)Reform der «Altersreform 2020» hat die Rechtsprechung in diesen neuen Artikel im BVG einfliessen lassen. Neu ist klar, dass sich die Begrenzung auf die in Art. 79b Abs. 3 BVG erwähnte Sperrfrist von drei Jahren bezieht. Ein kleines aber feines Detail, welches zukünftig für Rechtssicherheit sorgen wird und Gerichtskosten spart.

AHV – Erhöhung des Beitragssatzes

Der aktuell gültige Beitragssatz der AHV von 4,2 Prozent für Arbeitnehmende stammt aus dem Jahre 1975. Dieser Beitrag an die AHV wurde nun 43 Jahre lang nicht verändert. Im Rahmen der Reform soll der Beitrag auf 4,35 Prozent erhöht werden.

Man darf davon ausgehen, dass bisher eine Anpassung des Beitragssatzes wohl deshalb nicht notwendig erschien, weil die Einnahmen der AHV durch die steigenden Löhne stets zunahmen. Zwar belastet die Beitragserhöhung die Wirtschaft, respektive Arbeitgeber und Arbeitnehmende. Die Erhöhung ist jedoch massvoll und sozial ausgewogen. Vor allem besser Verdienende leisten dadurch zusätzliche Beiträge zu Gunsten von Nettobezügern. Der Hauptgrund dafür ist die Plafonierung des maximal rentenbildenden AHV-Lohns.

Auch bei den Selbständigerwerbenden und Nichterwerbstätigen werden die Beiträge entsprechend erhöht.

AHV – Weiterführung während Lücken

Wer bislang bei der AHV seine Versicherung freiwillig weiterführen wollte – zum Beispiel bei einer Tätigkeit ausserhalb der Schweiz oder der EU/EFTA-Staaten – muss heute total während mindestens fünf aufeinanderfolgenden Jahre in der AHV versichert gewesen sein. Neu könnte man die Versicherung in der AHV weiterführen, wenn man drei (statt fünf) aufeinanderfolgende Jahre in der AHV versichert war. Dieser erleichterte Zugang könnte zukünftig vielen Versicherten helfen, Beitragslücken durch eine Tätigkeit im Ausland zu vermeiden. Die soziale Sicherheit kann dadurch verbessert werden.

AHV – BVG-Einkauf von Selbständigerwerbenden

Eine gesetzlich verankerte Ungleichbehandlung von Selbständigerwerbenden und Arbeitnehmenden wird mit der Anpassung des Art. 9 Abs. 2 lit. e AHVG endlich behoben. Auch hier gab es viele Gerichtsfälle, welche zukünftig vermieden werden können. Durch die vorgesehene gesetzliche Anpassung steigen zukünftig die zu bezahlenden Beiträge der Selbständigerwerbenden an die AHV.

Heute können Selbständigerwerbende, nebst den BVG-Beiträgen, auch einen Teil der freiwilligen Einkäufe in die Pensionskasse vom AHV-pflichtigen Einkommen in Abzug bringen. Diese Privilegierung erscheint nicht sachgerecht und nicht gerechtfertigt. Arbeitnehmende sind davon ausgeschlossen.

Im aktuellen Gesetzeswortlaut in Art. 9 Abs. 2 lit. e AHVG ist einmal mehr ein unklarer Wortlaut enthalten. Das Gesetz spricht lediglich von «persönlichen Einlagen» in Einrichtungen der beruflichen Vorsorge. Mit Einlagen können Beiträge oder Einkäufe gemeint sein. Im neuen Gesetz wird diese Unklarheit und damit eine Ungerechtigkeit behoben, indem sich das Gesetz unmissverständlich auf «laufende Beiträge» an Einrichtungen der beruflichen Vorsorge bezieht.

MWST-Satzveränderung bei Ablehnung der Vorlage per 1. Januar 2018

Vielleicht freut sich der eine oder andere Konsument, wenn die MWST-Sätze per 1. Januar 2018 gesenkt würden. Für die mehr als 370’000 MWST-pflichtigen Unternehmen und Organisationen wären das jedoch schlechte Neuigkeiten, denn die Umstellung der MWST-Sätze ist mit grossen Kosten und Umtrieben verbunden. Das alles nur, um in wenigen Jahren wieder auf höhere Steuersätze umstellen zu müssen.

Mehrwertsteuersätze

Abbildung 1: Mehrwertsteuersätze

Zu den grossen Kosten für die Unternehmen kommt, dass diese Mittel natürlich in der Kasse der öffentlichen Hand fehlen würden. Die überhastete MWST-Reduktion zu Lasten der öffentlichen Hand ist ein Leerlauf, der tunlichst zu vermeiden ist.

Last but not Least: Verminderung der schleichenden Umverteilung in der Pensionskasse
Es ist allgemein bekannt, dass die Umwandlungssätze in der Pensionskasse aktuell deutlich zu hoch sind. Angemessen wäre bei den meisten Kassen ein Umwandlungssatz von 5,0 bis 5,5 Prozenten. Mit der Reform der «Altersreform 2020» sollen die angesparten Mittel im BVG-Obligatorium neu immerhin von 6,8 Prozente auf 6,0 Prozent gesenkt werden. Was eine schlechte Nachricht für die angehenden Rentner ist, ist eine gute Nachricht für die Beitragszahler.

Diese mussten bis anhin die zu viel ausbezahlten Renten mit ihren Beiträgen ausgleichen, statt selbst für das eigene Alter ansparen zu können. Durch die Reform wird die im System der Pensionskasse nicht vorgesehene Umverteilung von Beiträgen von Arbeitnehmenden zu Rentnern – wenn nicht ganz eliminiert – so doch deutlich reduziert.

Persönliche Einschätzung von Rafael Lötscher aus der Pro-Sicht:
Die Reform der «Altersreform 2020» birgt sicherlich finanziell betrachtet einige Unsicherheiten wie die Contra-Argumente aufzeigen. Meiner Meinung nach sind diese Lasten tragbar. Wichtig ist die Schaffung von Rechtssicherheit. Durch den Einbezug der Rechtssprechung in den Gesetzeswortlaut können viele Unsicherheiten eliminiert werden. Nur mit einem Update der Gesetze können wir die weitere Zukunft sicher gestalten. Ich stimme der Reform deshalb zu, weil Stillstand erfahrungsgemäss noch nie Sicherheiten schaffen konnte.

Argumente, die gegen eine Annahme sprechen

Hanspeter Baumann
Es gibt zwei Punkte, die als derart gravierend angesehen werden können, um die Vorlage abzulehnen. Auf diese zwei beschränke ich mich in der Folge.

Die Erhöhung der AHV-Renten um 70 Franken für Neurentner ab 1.1.2019

Eine Erhöhung um 70 Franken pro Monat für Neurentner klingt eigentlich nach wenig Geld. Es besteht der Eindruck, dass wir uns das leicht leisten könnten um die Vorlage zu retten. Der Schein trügt jedoch. Schauen wir uns diesen Punkt genauer an1:

Abbildung 2: Übersicht AHV-Renten

Kosten der Rentenerhöhung für Neurentner anhand des Beispiels eines Ehepaars mit 65 Jahren: Das Ehepaar erhalte eine Maximalrente2 und habe eine Restlebenserwartung von angenommenen 22 Jahren. Bei einer Rentenerhöhung um 226 Franken pro Monat summiert sich die zusätzliche Altersrente auf 59'664 Franken, eine sehr wesentliche Erhöhung der Altersrente.

In der Schweiz gibt es aktuell bereits weit mehr als 2 Millionen Rentenbezüger3. Es leuchtet ein, dass die Kosten dieser «70 Franken pro Monat» für die ganze Rentnergeneration sehr hoch sein werden.

Die Mehrkosten fallen kontinuierlich an. Bei Annahme der Vorlage und Inkrafttreten am 1. Januar 2019 ist im ersten Jahr nur einem einzigen Rentnerjahrgang die höhere AHV-Rente zu bezahlen. Im Folgejahr kommt dann nochmals ein Jahrgang dazu und so weiter. Da die AHV-Rentner eine durchschnittliche Lebenserwartung von mindestens 20 Jahren haben, dauert es ca. 20 Jahre, bis die vollen Kosten anfallen werden.

Das Bundesamt für Sozialversicherungen BSV bezifferte am 17. März 2017 die Mehrkosten bei der AHV (Franken 70 für Neurentner und Erhöhung des Plafonds für Ehepaare) im Jahr 2030 auf 1,37 Milliarden Franken pro Jahr4. Da dann erst 11 Rentnergenerationen von der Rentenerhöhung profitieren können und es letztlich ca. 20 Rentnergenerationen sein werden, ist aus heutiger Sicht mit jährlichen Mehrkosten von rund 2,5 Milliarden Franken zu rechnen.

Bewertung des Ausbaus der AHV

Das Ziel der Reform bestand darin, die finanzielle Stabilität der AHV zu sichern. Dies ist dringend nötig, denn die AHV gibt seit 2014 jedes Jahr mehr Geld für Renten aus, als sie an Beiträgen einnimmt (sogenanntes Umlageergebnis) und das Defizit wird Jahr für Jahr weiter zunehmen. Dazu kommt, dass anzunehmen ist, dass die Lebenserwartung auch in Zukunft weiter zunehmen wird und somit die Renten immer länger zu bezahlen sind. Das Verhältnis der Arbeitnehmenden zu Rentnern verschlechtert sich zudem laufend. Immer mehr Rentner müssen durch die Arbeitnehmenden finanziert werden. Diese ungünstige demografische Entwicklung ist allgemein bekannt. Umso mehr erstaunt es, dass das Parlament die unserer Meinung nach recht gut ausgewogene Vorlage von Bundesrat Berset derart massiv veränderte.

Das Ziel der Stabilisierung und Sicherung der AHV ist gründlich misslungen. Eine Sanierung der AHV kann nicht gelingen, wenn gleichzeitig ein wesentlicher Leistungsausbau vorgenommen wird. Im Gegenteil: Das Problem verschlimmert sich.

Der harmlos scheinende Ausbau der AHV um 70 Franken pro Monat kostet – gemäss vorstehender Berechnung – im Endausbau rund 2,5 Milliarden Franken pro Jahr. Die heutigen AHV-Renten pro Jahr betragen rund 42 Milliarden Franken5. Die Erhöhung der Rentensumme macht somit rund 6 Prozent aus.

Am 25. September 2016 hat das Stimmvolk über eine Vorlage abgestimmt, welche ebenfalls den Ausbau der AHV zum Ziel hatte: Die Volksinitiative AHVplus des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes. Die Initiative verlangte den Ausbau der AHV-Renten um 10 Prozent, was ca. 4,1 Milliarden Franken pro Jahr gekostet hätte. Der Stimmbürger lehnte dieses Ansinnen mit 59,4 Prozent Nein-Stimmen ab. Mit der Reform der «Altersreform 2020» würden die Ziele der Volksinitiative AHVplus fast erreicht.

Wer zahlt die Zeche?

Die Reform der «Altersreform 2020» bringt einen massiven Ausbau der AHV auf Kosten der heutigen und zukünftigen Arbeitnehmenden. Es handelt sich um einen flächendeckenden Leistungsausbau mit der Giesskanne, auf welchen die heutigen Rentner in dieser Form sicherlich nicht in allen Fällen angewiesen sind. Daneben werden auch die Arbeitgeber entsprechend belastet. Die Arbeitnehmenden und deren Arbeitgeber, aber auch die öffentliche Hand6 müssen somit im Endausbau letztlich zusätzlich zur heute bestehenden AHV noch weitere rund 2,5 Milliarden Franken pro Jahr aufwenden.

Es ist meiner Meinung nach nicht fair den «Jungen» derartige Lasten aufzubürden. Die sich abzeichnenden zukünftigen Belastungen des Staates7 werden noch schwierig genug zu finanzieren sein – ohne diesen unnötigen Leistungsausbau bei der AHV. Eine AHV-Erhöhung statt einer nachhaltigen Stabilisierung ist nicht zielführend.

Keine Erhöhung für Bezüger von Ergänzungsleistungen (EL)

In der Auseinandersetzung zwischen Befürwortern und Gegnern ging dieser Punkt mehr oder weniger unter. Immer wieder hörte man von den Befürwortern das Argument, dass gerade diejenigen Rentner, welche wirtschaftlich knapp dran sind, am dringendsten auf die Erhöhung der AHV-Rente angewiesen seien. Die Ironie ist nun die, dass genau diese Rentner keine Erhöhung der Bezüge erhalten werden, wenn die Vorlage angenommen wird, sondern im Gegenteil mehr bezahlen müssen. Warum das?

Rentner mit wenig Einkommen und Vermögen erhalten zusätzlich Ergänzungsleitungen zur AHV. Die Ergänzungsleistungen (EL) sind als Bedarfsleistungen konzipiert. Diese zusätzliche Sozialleistung erhalten nur Personen mit tiefen Einkommen, welche ihren Existenzbedarf nicht durch reguläre Versicherungsleistungen, anderweitiges Einkommen und das Vermögen decken können.

Wenn nun die AHV erhöht wird, verringert sich dadurch die Lücke und somit wird die EL entsprechend gesenkt. Die Gesamtbezüge die EL-Empfänger (AHV und EL zusammengenommen) erhöhen sich nicht und sie erhalten gleich viel vom Staat. Sie gehen somit als einzige Neurentner leer aus. Dazu kommt, dass durch die höhere AHV diverse EL-Bezüger ganz aus dem EL-System herausfallen würden. Mit dem Verlust der EL stellen sich noch weitere Folgen ein: Die Prämienverbilligungen bei den Krankenkassen nehmen ab und es müssen wieder Radio- und TV-Gebühren an die Billag bezahlt werden.

Es kommt noch schlimmer: Die EL ist steuerfrei, die AHV wird besteuert. Durch die höhere AHV-Rente nimmt das steuerbare Einkommen zu und somit die Steuerbelastung. Dadurch verringert sich das verfügbare Einkommen weiter.

Wenn man den EL-Bezügern wirklich mehr hätte zukommen lassen wollen, wäre das ganz einfach gewesen. Im Jahr 2015 betrug die EL zur AHV 2’778’000 Franken8. Eine 10-Prozent-Anhebung hätte somit nur einen Bruchteil der Kosten der Erhöhung der AHV für Neurentner ausgemacht und wäre erst noch bei den Personen angekommen, welche in wirtschaftlich knappen Verhältnissen leben.

Höhere Renten für die besser Situierten und gleichzeitig die Aussparung der Schwächsten in der Gesellschaft klingt nach einem absurden Anachronismus. Die Vorlage ist deshalb abzulehnen.

Fazit

Die Sicherung der Sozialwerke ist eine der grössten und wichtigsten Herausforderungen der nächsten Jahre. Obwohl die ungünstige Entwicklung der Rahmenbedingungen schon seit vielen Jahren bekannt ist, tut sich die Politik schwer mit Lösungen und der Stimmbürger hat bisher nicht signalisiert, dass er bereit wäre, die Fakten anzuerkennen und mehr zu bezahlen für vielerorts weniger Leistung. Die aktuelle Vorlage zur «Altersreform 2020» ist nicht der grosse Durchbruch, sondern ein kleines Etappenziel.

Wichtig ist zu wissen, wie man selbst betroffen ist. Entscheidend für die Meinungsbildung muss jedoch auch eine Gesamtsicht sein. Was ist für die arbeitende Bevölkerung und die Rentner – aus langfristiger Sicht – die beste Lösung? Nicht zu vernachlässigen ist das Update der verschiedenen Gesetze. Dies schafft Rechtssicherheit und stärkt den Standortvorteil Schweiz. Die Sicherung der Renten bedeutet schliesslich die Sicherung eines der volkswirtschaftlich bedeutendsten Wirtschaftszweige der Schweiz.

Falls die Vorlage abgelehnt würde, wäre es wichtig, bald wieder über eine modifizierte «Altersreform 2020» abstimmen zu können. Letztlich ist es das, was wir von der Politik verlangen müssen:

  • Die Erarbeitung von ausgewogenen und nachhaltigen Problemlösungen, welche sich an den Interessen der Gesamtheit der Bevölkerung orientieren;
  • die offene und transparente Information
  • und anschliessend die Umsetzung des Willens des Stimmbürgers.

Kommt die Vorlage beim Volk durch oder nicht? Wie werden die Argumente Pro und Contra vom Stimmbürger gewichtet? Eine spannende Frage.

Der Gesetzgeber muss auch im Falle einer Annahme durch das Stimmvolk in einigen Jahren wieder tätig werden. Erfahrungsgemäss dauert die vollständige Ausarbeitung einer neuen Vorlage bei der Altersvorsorge sehr lange. Bei Annahme der Vorlage «Altersreform 2020» ist weder die AHV dauerhaft saniert, noch wird die im System nicht vorgesehene Umverteilung von Aktiven zu Rentnern bei der Pensionskasse vollständig gestoppt. Aus diesem Grunde ist die nächste Reform der Altersvorsorge (Altersvorsorge 2030) – auch bei Annahme der Initiative – absehbar, ja gar notwendig.

Dieser Beitrag stammt aus dem BDO-Newsletter, mit freundlicher Genehmigung der BDO AG.

 

1 Quelle: Hintergrunddokument: «Der 70 Franken Zuschlag und die Erhöhung des Ehepaarplafonds in der AHV, Bundesamt für Sozialversicherungen».
2 Ca. 2/3 der Ehepaare beziehen eine Maximalrente.
3 Quelle: AHV Statistik 2015, Bundesamt für Sozialversicherungen. Im Jahr 2015 gab es 2’474’800 AHV-Rentner.
4 Quelle: Finanzielle Auswirkungen auf die AHV, die Berufliche Vorsorge und den Bund im Rahmen der Altersreform 2020, Bundesamt für Sozialversicherungen.
5 Quelle: AHV Statistik: Ausgaben im Jahr 2016 von 42’530’000 Franken.
6 Die Arbeitnehmer und Arbeitgeber bezahlen je ca. 40 Prozent der AHV, die restlichen ca. 20 Prozent werden von der öffentlichen Hand aus Steuermitteln beigesteuert.
7 Zu denken ist u.a. an die stetig steigenden Kosten im Gesundheitswesen, die Finanzierung der Altersheime, die Sozialhilfekosten, das Asylwesen aber auch der Kosten für die Energieversorgung.
8 Quelle: Schweizerische Sozialversicherungsstatistik.

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