09.04.2019

Rente oder Kapital: Die häufigsten Fehler bei der Entscheidung

Auch bei Vorsorgeentscheiden mit Blick auf den Konsum ist der Gesamtrahmen zu beachten. Dabei entsteht häufig ein Dilemma: Welche Vermögenstöpfe sollen zuerst angezapft werden? Obwohl eine Gesamtplanung Not tut, dominieren die vorgeschriebenen Fristen bei der Bezugsstrategie ganz klar. Im Folgenden wird auf jene Kritikpunkte in Sachen Vorsorgevermögen eingegangen, die sehr oft falsche Schlüsse nach sich ziehen.

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Rente oder Kapital

Der zu frühe Entscheid für die Kapitaloption

Bei der Ausgestaltung des Pensionskassenobligatoriums ging der Gesetzgeber vor allem von der Variante «Rente» aus. Diese war bei den früheren freiwilligen Pensionskassenmodellen auch die häufigste Form. Aufschwung erhielt die Option «Kapital» vor allem seit Einführung bzw. Ausbau der freiwilligen Massnahmen Säule 3a und Säule 2b. Entsprechend diesem Trend wurde eine gänzliche oder teilweise Kapitaloption häufiger vorgesehen. Heute gilt, dass alle Versicherten 25% ihres Altersguthabens in Kapitalform beziehen dürfen.

Die Vorsorgereglemente können im ausserobligatorischen Bereich auch vorsehen, dass das gesamte Guthaben als einmalige Kapitalauszahlung bezogen werden kann oder sogar muss. Immer mehr Vorsorgestiftungen nehmen diese Möglichkeiten in ihre Bestimmungen auf. Damit die Vorsorgeeinrichtungen die Liquidität planen können, dürfen sie für das Geltendmachen der Kapitalauszahlung eine bestimmte Frist vorschreiben. Diese muss im Reglement vorgesehen sein. Bei der Fristsetzung ist der Trend klar: Musste früher oft eine Dreijahresfrist eingehalten werden, gelten heute meist massiv kürzere Termine zwischen 3 Monaten und 1 Jahr.

Ist der Versicherte verheiratet oder lebt er in eingetragener Partnerschaft, muss die andere Person der Kapitalauszahlung zustimmen.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass in jedem Einzelfall zunächst immer 2 Fragen beantwortet werden müssen:

  • Beschränkt sich der Kapitalbezug auf 25% oder kann er ausgedehnt werden?
  • Besteht eine reglementarische Frist?

Der Entscheidungstermin

Der Entscheid «Kapital oder Rente» ist möglichst zeitnah zu fällen. Insbesondere sollte vermieden werden, diesen Beschluss «ohne Not» deutlich vor der reglementarisch angesetzten Frist zu fällen. «Entscheidungstermin» und «Bezugstermin» sind hierbei strikt auseinander zu halten.

Abbildung: Beispiel XV/1

In diesem Beispiel ist ein derart früher Entscheid für den Kapitalbezug anlässlich des geplanten Teilpensionierungsschritts völlig unnötig. Denn bei Bedarf kann das überschüssige Kapital im Alter 60 immer noch in eine Freizügigkeitseinrichtungen übertragen werden.

Ein weiterer wichtiger Grund für einen möglichst späten Beschlusstermin ist die Höhe des Umwandlungssatzes. Im Wissen, dass die Umwandlungssätze künftig tendenziell weiter sinken werden, ist es unmöglich, sich 5 Jahre oder mehr im Voraus auf die Seite Kapital oder Rente zu schlagen. Allein unter diesem Aspekt ist der Gegenwert einer Rente fast nicht abschätzbar. Zudem kann sich die persönliche Situation komplett ändern: Statt wie heute verheiratet, ist der Versicherte im Zeitpunkt des Rentenbezugs eventuell Single und hat z.B. in Sachen Begünstigung ganz neue Prioritäten.

Die falsche Optik

In keinem anderen Planungsbereich werden so viele Steuervergleiche angestellt wie bei der Pensionsplanung und als Steuerplanung «verkauft ». Dabei sind vor allem in zwei Bereichen Vergleichsrechnungen anzutreffen:

  • Kapitalbezug vs. Rente
  • Einmaliger vs. gesplitteter Kapitalbezug

Zweifellos sind diese Berechnungen rein mathematisch korrekt. Sie weisen zwei Gemeinsamkeiten auf:

  • Es handelt sich um reine Steuerbelastungsvergleiche.
  • Es lassen sich keine Aussagen über den Gegenwert nach Steuern ableiten.

Die Maxime «höchster Gegenwert nach abgelieferten Steuern» muss aber immer gelten. Für den Versicherten zählt nur diese Grösse! Er will nicht wissen, bei welchem Vorgehen am wenigsten Steuern geschuldet sind. Er will vielmehr wissen, bei welchem Vorgehen am meisten übrig bleibt bzw. welche Variante dem Versicherten den höchsten Gegenwert bietet.

Die isolierte Splittingberechnung

Bund und Kantone besteuern Kapitalbezüge aus der Vorsorge gesondert. Diese Sondersteuer verläuft teilweise progressiv. Bei einer isolierten Betrachtungsweise führt darum das Aufteilen der Auszahlung in den meisten Kantonen zu niedrigeren Fiskalbelastungen.

Abbildung: Steuern auf Kapitalbezüge

Aufgrund solcher Vergleiche wird oft empfohlen, die Bezüge aufzuteilen, um viel Steuern zu sparen. Ob durch Aufsplittung tatsächlich ein höherer Gegenwert entsteht, lässt sich anhand dieser Abwägung allerdings nicht verifizieren.

Eine Teilung wirkt sich finanziell und steuerlich auch anderweitig aus. Ein einfaches Beispiel illustriert die zu berücksichtigenden Konsequenzen. Bei einem Vorsorgekapital von CHF 1 Mio. beträgt der Steuersatz bei CHF 1 Mio. 8% und bei CHF 500 000.– nur 5,5%. Für sich allein betrachtet, ergibt sich folgendes Bild:

 

Reiner Splittingvergleich

Kapitalbezug CHF 1 Mio.                          8,0%            CHF 80 000.-

./. Kapitalbezug 2 x CHF 500 000.-               5,5%            CHF 55 000.-

= Steuereinsparung durch Splitting                                  CHF 25 000.-

Die Steuereinsparung von CHF 25 000.– tönt verlockend. Es ist darum nachvollziehbar, dass viele Menschen ihre Planung darauf ausrichten, um dieses «Steuergeld einzusacken».

Die Gesamtbetrachtung beim Splitting

Bezogen auf die obige Ausgangslage ist nun der Gegenwert darzustellen. Es wird davon ausgegangen, dass eine erste Tranche von CHF 500 000.– sofort und der Rest in 5 Jahren bezogen wird.

Abbildung: Die Gesamtbetrachtung beim Splitting

Nachdem die übrigen Steuerfolgen ebenfalls berücksichtigt wurden, resultiert ein Gegenwert von CHF 997 680.–. Der vorzeitige Bezug des hälftigen Kapitals wirkt sich auch auf die «ordentlichen» Einkommens- und Vermögenssteuern aus. Sie betragen rund CHF 19 750.–.

Neu ist zudem: Die vorbezogenen CHF 500 000.– unterliegen nicht mehr dem Begünstigten, sondern dem Erbrecht. Wird parallel dazu ehe- bzw. erbvertraglich nichts vereinbart, führt dies im Todesfall dazu, dass der überlebende Partner im Vergleich zu weiteren potenziellen Erben schlechtergestellt ist.

Der Splittingverzicht

In der Darstellung unten wird auf eine Splittung verzichtet. Das gesamte Vorsorgekapital wird erst nach 5 Jahren bezogen.

Abbildung: Der Splittingverzicht

Der Gegenwert liegt hier zwar rund CHF 6000.– tiefer. Der vermeintliche Profit von CHF 25 000.– wegen der Steuereinsparung ist jedoch fast vollständig weggeschmolzen. In vielen Fällen ergibt sich durch dieses Splittung sogar ein niedrigerer Gegenwert. Dies trifft vor allem dann ein, wenn

  • die Person in einem Kanton wohnt, der auf solchen Kapitalleistungen keine oder nur eine sehr bescheidene Steuerprogression kennt;
  • der Zeitunterschied zwischen dem ersten und zweiten Bezug grösser ist.

Generell ist davon auszugehen, dass in den meisten Kantonen die Progressionskurve für derartige Bezüge eher verflacht wird oder die Progression für solche Bezüge gänzlich abgeschafft wird. Zudem ist hier die Ehepartnerin nach wie vor für die gesamten CHF 1 Mio. begünstigt, sofern nicht weitere Unterstützungspflichtige existieren. Ein Erbvertrag erübrigt sich somit zu diesem Zeitpunkt (noch).

Diese «Splittingempfehlungen» sind auch dem Fiskus nicht verborgen geblieben.

Daher haben einige Kantone die Progression auf solchen Bezügen abgeschafft oder Zusammenrechnungsmodelle entwickelt, die diesen Grundgedanken aufnehmen indem Sie:

  • Mehrere Bezüge eines Ehepaars im selben Steuerjahr werden in praktisch allen Kantonen zusammengerechnet.
  • Bezüge über mehrere Jahre hinweg werden in einigen Kantonen für die Satzbestimmung ebenfalls zusammengezählt.

Die falsche Einschätzung der Bezugsfristen

Normalerweise liegt das Vorsorgevermögen in unterschiedlichen Töpfen. Wenn beschlossen wird, einen Teil als Kapital zu beziehen, stellen sich diese Fragen:

  • Welche Gefässe sind in Form von Kapital zu beziehen?
  • In welcher zeitlichen Priorität ist dieses Kapital zu beziehen?

Die Vorschriften für die Bezugsmöglichkeiten unterscheiden sich sehr stark und beeinflussen schliesslich die Bezugsprioritäten.

Abbildung: Die Bezugsmöglichkeiten

Dieser Darstellung können 3 entscheidende Elemente entnommen werden:

  • Die Pensionskassengelder werden spätestens mit Aufgabe der Erwerbstätigkeit fällig. Wurden die Empfehlungen für die Teilpensionierung umgesetzt, liegt im Zeitpunkt der definitiven Erwerbsaufgabe ein gewisser Anteil des «alten» Pensionskassenkapitals bereits in Freizügigkeitseinrichtungen.
  • Die Fälligkeit der Säule-3a-Vermögen ist ebenfalls mit der Aufgabe der Erwerbstätigkeit verknüpft . Wird die Erwerbstätigkeit im Alter 65 aufgegeben, müssen diese Konti ebenfalls bis spätestens zu diesem Zeitpunkt bezogen sein.
  • Die höchste Bezugsflexibilität bieten die Freizügigkeitseinrichtungen. Hier ist der letzte Bezugstermin (unabhängig von der Erwerbstätigkeit) im Alter von 69 bzw. 70.

Basierend auf diesen Erkenntnissen sind die Bezüge entsprechend zu strukturieren. Dabei ist so vorzugehen, dass möglichst lange eine hohe Flexibilität beibehalten werden kann.

Das Unterschätzen der Zukunftsgefahren

Zukunftsrisiken sind nicht nur bei der Zinsentwicklung oder Inflation zu orten. Die grösste Gefahr ist aber der Mensch! Mit fortschreitendem Alter nimmt oft auch seine geistige Mobilität ab. Diese Tatsache verstärkt die Gefahr, bei Vermögensanlagen in unerwünschte Abhängigkeiten zu gelangen.

Für die allermeisten Erwerbstätigen stellt das Vorsorgevermögen bzw. dessen Ertrag im Alter eine substanzielle Einnahmequelle dar. Entsprechend ist auch das Element «Risiko» zu gewichten. Es spielt hier sogar eine zentrale Rolle, denn generell gilt: Kapitalbezugsvarianten sind meist mit höheren Risiken behaft et als Rentenvarianten. Das Zukunftsrisiko lässt sich nur minimieren, wenn ein gewisses Basiseinkommen als Rente oder als Ertrag von weitgehend inflationsgeschützten Vermögensanlagen stammt. Reine Vermögensentnahmemodelle halten dem Kriterium «hoher Risikoschutz» nicht stand!

Die Risikokomponente ist für Personen weniger wichtig, die im Alter nicht oder kaum auf dieses Vorsorgevermögen angewiesen sind. Verfügt jemand z.B. über Liegenschaftseinkommen, das seinen privaten Lebensbedarf mehr als deckt, kann er die Vorsorgegelder auch risikobehaftet(er) und folglich mit besseren Renditeaussichten anlegen. So werden die Vorsorgegelder zu langfristigen strategischen oder gar spekulativen Vermögensanlagen.

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