14.09.2021

FAQ MWST-Pflicht: So sind diese Praxisfälle zu behandeln

Wie ist eine Lieferung mit Zwischenhändler mehrwertsteuerlich korrekt abzuwickeln? Darf man die Weiterverrechnung von Kosten mit MWST berechnen? Besteht eine MWST-Pflicht bei gratis Verpflegung von Mitarbeitenden und Kunden? Und wie ist ein Kurierversand in die USA abzuwickeln? Erhalten Sie in diesem Beitrag Antworten auf Praxisfragen von unseren Fachexperten aus der WEKA MWST-Online-Rechtsberatung.

Von: Florian Hanslik, Anita Machin Barroso, Dr. Alain Villard   Drucken Teilen  

Dr. iur. Florian Hanslik

Dr. iur. Florian Hanslik, LL.M., DAS in MWST, war am Europa Institut an der Universität Zürich, im Europäischen Parlament in Brüssel (Belgien) und in der Österreichischen Wirtschaftskammer in Wien tätig, bevor er vor über 15 Jahren in das Fachgebiet der indirekten Steuern wechselte. Er ist Partner bei der VATastic AG in Zürich.

Anita Machin Barroso

Anita Machin Barroso, MLaw, dipl. Steuerexpertin, ist seit über 13 Jahren in der Steuerberatung tätig und spezialisierte sich im Bereich der indirekten Steuern (MWST und Zollrecht). Sie ist Partnerin bei der VATastic AG in Zürich.

Dr. Alain Villard, EMBA Taxation

Dr. Alain Villard, EMBA Taxation ist als Steuerberater bei der Hoffmann & Co AG in Basel tätig. Zuvor war er 2 Jahre in Steuer- und Wirtschaftskanzleien sowie 6 Jahre als Konzernsteuerberater beschäftigt. Seine Tätigkeitsbereiche umfassen das Mehrwertsteuerrecht, das Unternehmenssteuerrecht, das Steuerverfahrensrecht und das internationale Steuerrecht sowie auch das Verrechnungssteuer-, das Stempelabgabe-, das Grundstückgewinnsteuer- und das Einkommenssteuerrecht. Seit 2017 ist er Mitherausgeber und Autor des Praxiskommentars zum Basler Steuergesetz und seit 2019 Dozent für Mehrwertsteuerrecht am KV Basel-Stadt.

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FAQ MWST-Pflicht

MWST-Pflicht bei Lieferungen mit Zwischenhändler

Frage: Unsere Filialen bestellen regelmässig bei der Firma X Ware. Da Firma X ein Zwischenhändler ist, stellen sie uns Rechnungen ohne MWST. Das heisst, wir können also keine Vorsteuer geltend machen. Die Firma X aber erhält ihre Rechnungen zu dieser bestellten Ware inkl. MWST und kann die Vorsteuer geltend machen. Ist der Geschäftsgang so korrekt?

Antwort: Wenn ich den Sachverhalt richtig verstehe hat eine physische Warenlieferung an Ihre Firma stattgefunden, welche einmal von Firma A (ohne MWST) und einmal von Firma B (inkl. MWST) fakturiert wird. Es handelt sich nicht um eine Lieferkette, da Ihre Firma in beiden Fällen der Rechnungsadressat ist. Eine der Rechnungen, vermutungsweise jenes älteren Datums vom 7.2.2020, dürfte als Proformarechnung qualifizieren. Zweitere Rechnung vom 10.2.2020 ist wohl die Endrechnung und weist auch die MWST aus. Fakturiert wird aber zwei Mal die gleiche Lieferung. Ihre Firma dürfte den Rechnungsbetrag auch nur einmal bezahlt haben. Der Anspruch auf den Vorsteuerabzug steht einer steuerpflichtigen Person dann zu, wenn sie schweizerische MWST in Rechnung gestellt erhalten hat und diese auch effektiv bezahlt hat. Dabei gilt der Grundsatz der Beweismittelfreiheit (Art. 81 Abs. 3 MWSTG), welcher besagt, dass eine rechtserhebliche Tatsache im Mehrwertsteuerrecht durch alle zweckdienlichen Beweisstücke nachgewiesen werden kann. Ihre Rechnung verfügt mit der Rechnung vom 10.2.2020 über diesen Beleg. Achten Sie darauf, dass der Vorsteuerabzug nur einmal geltend gemacht wird.

Sollte meine Annahme falsch sein, und der Rechnungsbetrag tatsächlich zwei Mal bezahlt worden sein, dann besteht mit der aktuellen Faktura-Situation das Recht auf Vorsteuerabzug nur einmal. Sie müssten also die Rechnung vom 7.2.2020 korrigieren und sich einen MWST-Ausweis geben lassen.

Weiterverrechnung von Kosten

Frage: Wir haben ein Online-Marketing-Agentur. Der Agentur wird über die Kreditkarten Facebook-Werbe-Gebühren belastet. Diese werden uns 1:1 verrechnet, in diesem Fall CHF 12'000.00. Ist es richtig, dass diese Agentur uns noch MWST darauf berechnet, auf die Kosten von Facebook, wo wir abgemacht haben, dass wir das 1:1 übernehmen? Also im Prinzip ist das eine Weiterverrechnung der Spesen.

Antwort: Bei der Weiterverrechnung von Kosten stellt sich die Frage, ob durch die weiterverrechnende Gesellschaft eine Leistung erbracht wird oder nicht. Bei einer Leistungserbringung handelt es sich bei den weiterverrechneten Kosten um Vorleistungen, welche im Rahmen der (Haupt-)Leistungserbringung bezogen wurden. Ist dies der Fall, wird die MWST – sofern die Hauptleistung steuerbar ist – vom Entgelt berechnet, wobei auch der Ersatz der Kosten zum Entgelt gehört, auch wenn diese gesondert in Rechnung gestellt werden (Art. 24 Abs. 1 MWSTG).

Anders verhält es sich bei der leidlichen Weiterverrechnung/Weiterleitung von Kosten: Die mehrwertsteuerliche Qualifikation der Leistung ändert nicht, d.h. wenn steuerbelastete Kosten weiter verrechnet werden, hat dies inkl. Steuer zu erfolgen; bei Kosten ohne Vorsteuerbelastung ist keine MWST bei der Weiterverrechnung zu berücksichtigen. Diese Weiterverrechnung ist jedoch an klare Voraussetzungen geknüpft (vgl. Art. 24 Abs. 6 lit. b MWSTG):

  • Die Kosten werden in der Rechnung separat ausgewiesen oder gesondert in Rechnung gestellt.
  • Die Kosten werden in genau der gleichen Höhe weiter verrechnet.

In vorliegendem Fall ist nicht klar ersichtlich, dass es sich um eine (steuerfreie) 1:1 Weiterverrechnung handelt. Die Rechnung RE-0004 enthält einen netto-Betrag von CHF 12'000, während die Beilage einen Gesamtrechnungsbetrag von CHF 11'668.93 ausweist.

MWST-Pflicht bei gratis Verpflegung von Mitarbeitern und Kunden

Frage: Seit Corona wird unseren Mitarbeitern Getränke gratis abgegeben, es wird also keine Einnahme (Umsatzsteuer) mehr gebucht. Aber bei den Rechnungen der Einkäufe wurde weiterhin Vorsteuer abgezogen. Natürlich werden aber auch Kunden bei uns gratis verpflegt. Wie sollen wir vorgehen bezüglich der Vorsteuer auf den Einkäufen? Oder gibt es sogar einen Eigenverbrauch, welchen wir verbuchen können, damit wir keine Probleme mit der MWST-Behörde bekommen?

Antwort: Die unentgeltliche Abgabe von Waren an Mitarbeiter unterliegt der 500 Franken Grenze pro Jahr und Mitarbeiter. Solange dieser Betrag eingehalten ist, gilt er direktsteuerlich als geschäftsmässig begründeter Aufwand, der im Lohnausweis nicht auszuweisen ist, und mehrwertsteuerlich zu keiner Vorsteuerkorrektur führt. Wird dieser Betrag überschritten, muss im Lohnausweis ein entsprechender Vermerk angebracht werden (bis CHF 2300 p.a. nur der Hinweis, mehr als CHF 2300 p.a. betragsmässiger Hinweis; es gilt die AHV-rechtliche Grenze), und für die Mehrwertsteuer eine entsprechende Vorsteuerkorrektur vorgenommen werden.

Kurierversand in die USA

Frage: Wir stellen Teile in der Schweiz her und versenden diese per Kurier im Auftrag eines Kunden (Sitz in DE) nach USA. Beim Kurierversand können wir keine andere Incoterm als DDP wählen, d.h. dass wir die US-Einfuhrsteuer/Zoll/Transport etc. bezahlen. Wenn wir diese Teile, die mit Incoterm DDP in die USA eingeführt wurden, an den Kunden mit Sitz in DE fakturieren - werden wir dann nicht in der USA MWST-pflichtig? Gibt es in den USA auch eine Lieferschwelle (analog EU)? Wie hoch ist diese? Gilt diese pro Jahr? Wenn der Wert der Teile unter der Lieferschwelle ist (und es sonst keine anderen US-Umsätze gibt), nehme ich an, dass die RG ohne MWST ausgestellt werden muss?

Antwort: Neben einem möglichen Einfuhrzoll erheben die USA keine Einfuhrumsatzsteuer, da das US-System der «Sales and Use Tax» im Unterschied zur MWST erst auf der Stufe des Verkaufs an Endkunden ansetzt. Bei jedem US-Import entsteht eine „Merchandise-Processing-Fee“ in der Höhe von 0.3464 % auf den Zollwert als Zollabfertigungsgebühr. Bei der Einfuhr über Seehäfen entsteht zusätzlich eine „Harbour-Maintenance-Fee“ in der Höhe von 0.125% auf den Zollwert.

Da es sich bei Ihrer Lieferung in die USA um einen Export handelt, ist diese Transaktion von der Schweizer MWST befreit, sofern Sie nachweisen können, dass die Waren das Land verlassen haben (Zollnachweise, Lieferdokumente, etc.). Wie oben bereits ausgeführt, gibt es in den USA keine MWST; «Sales and Use Tax» wird nur beim letzten Verkauf an den Endkunden in Rechnung gestellt. Ihr Verkauf an den Deutschen Kunden unterliegt somit nicht der «Sales and Use Tax».

Um die Zollkosten zu vermeiden, wäre ein Export in die USA mit den Incoterms DAP empfehlenswert. Dadurch wäre Ihr Unternehmen nicht verpflichtet, sich um die US-Steuerlage und Zolllage zu kümmern. Gerne können wir Sie hierbei unterstützen.

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