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Mindfulness: Konzentrierter und effizienter dank Achtsamkeit

Mindfulness (dt. Achtsamkeit) ist in aller Munde. Warum sich immer mehr Organisationen auch dank wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen und konkreten Praxiserfahrungen dem Thema Achtsamkeit widmen.

18.12.2019 Von: Elias Jehle
Mindfulness

VUCA-Welt und PAID-Realität

Wir leben zunehmend in einer Welt, die be­stimmt ist von VUCA (Volatility, Uncertainty‚ Complexity‚ Ambiguity). Lebenszyklen von Produkten und Dienstleistungen werden immer kürzer. Wertschöpfungssysteme und die damit verbundenen Abhängigkeiten werden unüberblickbar. Marktgrenzen verschwimmen immer mehr, neue Anbieter drängen aufgrund der Globalisierung und der Digitalisierung auf bestehende Märkte und fordern somit etablierte Unternehmen, deren Führungs­kräfte und Mitarbeitende heraus. Der Ruf– weg von starren Organisationsformen, hin zu mehr Agilität – wird dadurch immer lauter. Themen wie Selbstverantwortung, Selbstorganisation, dezentrale Entschei­dungskompetenz und Flexibilität treten in den Vordergrund.

In diesem Kontext wird auch von der PAID-Realität (Pressured, Always-on, Informati­on Overloaded, Distracted) als Herausfor­derung für Führungskräfte gesprochen. Zahlreiche Untersuchungen unterstütz­ten diese Sorge. So ist laut einer Studie der Universität Augsburg aus dem Jahr 2018 die Digitalisierung für einen wesentlichen Teil des heutigen Stresses verantwortlich. Digitaler Stress führt zu gesundheitlichen Beschwerden, einer Verringerung der Arbeitsleistung sowie zu Konflikten zwi­schen Arbeits- und Privatleben. Eine Stu­die der Gesundheitsförderung Schweiz zeigt anhand des Job-Stress-Indexes bei Arbeitnehmern im kritischen Bereich, wo Belastungen grösser sind als die zur Verfü­gung stehenden Ressourcen, eine Zunah­me um 4,6% für die Zeitspanne von 2015 (22,5%) bis 2018 (27,1%).

Hintergrund Mindfulness

Mindfulness wird nachgesagt, einen wertvollen Beitrag zu leisten, um die oben genannten Herausforderungen zu meis­tern. Was ist Mindfulness überhaupt? In der wissenschaftlichen Literatur lassen sich nicht allzu überraschend mehrere Definitionen von Mindfulness finden. Ei­ne der wohl bekanntesten ist die von Prof. Jon Kabat-Zinn: «Achtsamkeit bedeutet, auf eine bestimmte Weise aufmerksam zu sein: bewusst, im gegenwärtigen Augen­blick und ohne zu urteilen.»

Prof. Jon Kabat-Zinn gilt als Vater der sä­kularen Mindfulness-Praxis, die Ende der 1970er Jahre ihren Ursprung in der Arbeit mit chronisch Kranken hatte und aus der heraus später das wohl bis heute am wei­testen verbreitete Mindfulness-Training, der MBSR (Mindfulness-Based Stress Reduction) 8-Wochen-Kurs, entstanden ist. Eine amerikanische Studie aus dem Jahr 2015 zeigt auf, dass bereits rund 13% der US-Arbeitnehmereine Form von Achtsamkeit praktizieren. Auch diverse Titelstorys wie im Time Magazin und im Schweizer Fernsehen (SRF) in Spezialsendungen wie «Einstein» oder «Sternstunde Philoso­phie» zeugen davon, dass Mindfulness mittlerweile in der breiten Öffentlichkeit angekommen ist. Mindfulness wird auch als die nächste grosse Lifestylerevolution, ähnlich der Akzeptanz von Sport und gesunder Ernährung, bezeichnet. «Acht­samkeit als das neue Joggen – nur diesmal für den Kopf» lautet der treffende Titel eines Artikels, der am 2. September 2018 in der österreichischen Tageszeitung «Die Presse» erschienen ist.

Mindfulness@SAP

Im Kontext von Organisationen gewin­nen Mindfulness-Programme zuneh­mend an Beliebtheit. Als Pionierin ist hier sicherlich Janice Marturano zu nennen, die bereits im Jahr 2006 bei General Mills intern angefangen hat, für die eigenen Führungskräfte ein Mindful Leadership Curriculum durchzuführen. 2007 folgte Chade-Meng Tan, der bei Google das «Search Inside Yourself (SIY) Programm» entwickelt hat, das mittlerweile auch aus­serhalb von Google bei zahlreichen an­deren Organisationen angeboten wird. Laut dem SIY Leadership Institute haben bisher mehr als 50 000 Personen das SIY-Programm absolviert. SAP – immerhin das grösste europäische Softwareunter­nehmen – ist eines der Unternehmen, bei dem das SIY-Programm im grossen Stil zur Anwendung kommt. Bei SAP gibt es mit Peter Bostelmann sogar einen Director of Global Mindfulness Practice. Er führt aus: «Achtsamkeit ist etwas, das den Mitarbeitern hilft, ihr Engagement, ihre Selbstwahrnehmung und ihre Flexi­bilität in Zeiten des Wandels zu steigern sowie das Selbst zu stärken.» Ausserdem erwähnt er: «Was wir durch Achtsamkeit lernen können, ist die Fähigkeit, unsere Aufmerksamkeit zu trainieren, damit wir wieder mehr bei einer Sache sind. Dass wir unseren Geist und auch unsere Rei­ze besser wahrnehmen und innehalten können. So können wir lernen, mit Tech­nologie besser umzugehen, anstatt dass die Technologie mit uns umgeht. Die Reiz­überflutung wird mehr, aber wir können lernen, das zu dosieren.»

Mittlerweile haben bei SAP weltweit mehr als 10 000 Mitarbeitende (rund 10% der globalen Belegschaft, an ge­wissen Standorten sind es sogar 25%) am SIY-Programm teilgenommen, und mehr als 8000 Personen befinden sich auf der Warteliste. Es ist bei SAP das mit Abstand beliebteste Trainingsprogramm. Laut Bostelmann belegen auch drei zen­trale Kennzahlen den positiven Beitrag des Programms zum finanziellen Erfolg des Unternehmens. Es handelt sich da­bei um das Mitarbeiterengagement, den Leadership Trust Index (Vertrauen in die Führungskraft) und die Fehlzeiten. Alle drei haben sich signifikant zum Positiven hin entwickelt, was sich somit in einem 200-prozentigen Return on Investment des Mindfulness Programms widerspie­gelt. In einer Abteilung, in welcher eine kritische Masse erreicht wurde, konn­te sogar nachgewiesen werden, dass sich das Mindfulness Training auch auf die Mitarbeitenden drum herum positiv auswirkte. Bostelmann spricht in diesem Kontext von einer gewissen «Strahlkraft» des Kurses. Des Weiteren wurde SAP nun auch beauftragt, ihr Mindfulness Pro­gramm bei Siemens und der Deutschen Telekom auszurollen.

Verbreitung von Mindfulness Programmen und Mindfulness Apps

Die Liste der Unternehmungen, bei de­nen Mindfulness Programme zum Einsatz kommen, wird immer länger. Neben den oben genannten sind dies unter anderem noch Intel, Ford, Daimler, Bosch, dm-drogerie markt, SpardaBank, Credit Suisse, Siemens, Axpo, LinkedIn, Facebook, Ikea, RWE, Osram, Red Bull, Weleda und Beiersdorf. Neben dem SIY Leadership Institute haben sich auch andere Insti­tutionen wie Kalapa Leadership Acade-my, Institute for Mindfulness, Potential Project oder Mindful Leadership Institut über die Jahre hinweg einen Namen als Anbieter von diversen Corporate Mind-fulness Programmen gemacht. Auf dem Markt nimmt ausserdem die Anzahl der Mindfulness/Meditations-Apps stetig zu. Momentan geht man von rund 2000 aus. Die App Headspace ist wohl mit mittler­weile 18 Millionen Nutzern weltweit und einem geschätzten Unternehmenswert von 250 Millionen Dollar eine der be­kanntesten. Im deutschsprachigen Raum ist jedoch die Meditations-App 7mind Marktführer. Beide Apps bieten auch Ko­operationen mit Unternehmen an und können ein hilfreicher Baustein bei der Implementierung von Mindfulness im Unternehmenskontext sein.

Mindfulness jenseits von gewinnorientierten Unternehmen und ein Ausblick

Mindfulness ist aber nicht nur von Rele­vanz bei gewinnorientierten Unterneh­men, sondern auch Organisationen wie die Caritas, das Britische Parlament und das Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten haben das Potenzial erkannt. Mindfulness findet darüber hinaus auch immer mehr als Fach in Schulen und Universitäten Beachtung. Unabhängig vom Kontext hinkt die Schweiz jedoch dem angelsächsischen Raum, aber auch Deutschland bezüglich Implementierung von Mindfulness klar hinterher. Es gibt also besonders hierzulande noch einiges zu tun.

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