14.02.2019

Widerstandskraft: Des einen Freud, des anderen Stress

Die Fähigkeit zur Widerstandskraft, auch als Resilienz bekannt, demonstrieren Menschen, wenn sie mit einer Herausforderung, einem Stressor konfrontiert werden. Dabei befindet sich die Person in einer schwierigen Lebenssituation. Es gibt unzählige Stressoren, denn im Prinzip kann jedes Ereignis Stress auslösen.

Von: Sonja Kupferschmid Boxler  DruckenTeilen Kommentieren 

Sonja Kupferschmid Boxler

Sonja Kupferschmid Boxler verfügt als Arbeits- und Organisationspsychologin und Klinische Psychologin über wissenschaftlich fundiertes Know-how im Bereich der Psychologie. In ihrer Tätigkeit als Leiterin Produkte/Entwicklung beim Coachingzentrum Olten setzt sie sich mit dem Themenschwerpunkt der Resilienz auseinander. Ihr Praxisbezug gründet ausserdem in ihrer täglichen Arbeit als Coach und Psychotherapeutin.

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Widerstandskraft

Stressoren sind alle Reize oder Stimuli, die Stress erzeugen. Ob ein Reiz ein Stressor ist, lässt sich also immer erst an seiner Wirkung erkennen und nicht vorhersagen. Die kognitive Bewertung des Stressors ist ausschlaggebend. Ein Stressor kann vom Individuum in einer primären Bewertung als günstig, irrelevant oder stressend wahrgenommen werden. Falls die Person die Situation als stressend bewertet, kann diese als Herausforderung, Bedrohung oder Verlust gesehen werden. All diese Szenarien aktivieren den Resilienzprozess, da sie eine Störung im Gleichgewicht der Person kreieren. In einem sekundären Bewertungsprozess werden dann Ressourcen und Bewältigungsmöglichkeit bedacht, und es wird gehandelt.

Wir bewerten eine Herausforderung in zwei Stufen. Daher ist es wichtig, sich zu überlegen, wie wir in welcher Stufe bewerten:

1. Bewertungsschritt: Ist die Herausforderung für mich stressend? Eine Bedrohung oder ein Verlust?

2. Bewertungsschritt: Habe ich Ressourcen und Bewältigungsmöglichkeiten?

Herausforderungen im Business

In der Arbeitswelt zeigt sich die Stärke der Widerstandskraft (Resilienz) der Arbeitenden, Teams oder Unternehmen erst im Ernstfall. Der Stressor, bezogen auf die Einzelperson, kann privat erfolgen (wie zum Beispiel Krankheit oder Verlust einer Bezugsperson) oder aber sich im Arbeitskontext ereignen (z.B. Konflikte mit Vorgesetzten oder Kollegen, Überforderungssituationen).

Durch die Globalisierung und den Strukturwandel in Richtung wissensintensiver Dienstleistungen steigen in vielen Organisationen und Unternehmen der Zeitdruck, die Komplexität der Arbeit und die Verantwortung der Arbeiter zunehmend. Das Tempo des sozioökonomischen Wandels ist schneller geworden, und Sicherheit sowie Berechenbarkeit der Markt- und Arbeitsverhältnisse haben dadurch deutlich abgenommen. Dies führt in vielen Fällen zur Intensivierung der Arbeit.

Zeitdruck als grösster Stressor

Arbeitende sind zunehmend akuten sowie auch andauernden Stressoren ausgesetzt. Gemäss WHO müssen mehr als die Hälfte der 160 Millionen Arbeiter in der EU auf einem sehr hohen Tempo arbeiten (56 Prozent) und haben zu knappe Fristen (60 Prozent) in mindestens einem Viertel ihrer Arbeitszeit. Ein Drittel hat zudem keinen Einfluss auf den Auftrag, und 40 Prozent berichten über monotones Arbeiten. In der Schweiz wird Stress vor allem durch Zeitdruck, unklare Anweisungen, soziale Diskriminierung und das Erledigen von Arbeitsaufgaben in der Freizeit verursacht. Lange Arbeitstage und emotionale Anforderungen sind weitere wichtige stressauslösende Faktoren.

Der Umgang mit arbeitsbezogenen Stressoren ist eine der grössten Herausforderungen der Zukunft. Die OECD weist auf den Zusammenhang von Arbeit und psychischer Krankheit hin und spricht sich für eine zukünftige Verbesserung der Erwerbsmöglichkeiten aus, um lange krankheitsbedingte Absenzen und Invalidität aufgrund psychischer Störungen zu vermeiden.

Risikofaktoren im Business

In der arbeitspsychologischen Forschung wurden «Risikofaktoren» in der Arbeitswelt identifiziert. Es wird vorzugsweise von Belastungsfaktoren gesprochen. Eine Zusammenfassung arbeitsbedingter, psychosozialer und organisationsbedingter Risikofaktoren finden Sie in dieser Tabelle.

Widerstandskraft – Schutzfaktoren im Business

In der Arbeitswelt gibt es Schutzfaktoren, welche einen besseren Umgang mit Herausforderungen ermöglichen. Es wird dabei vorzugsweise von Entlastungsfaktoren gesprochen, welche die Wahrscheinlichkeit einer Stressreaktion senken und somit das Befinden der Person positiv beeinflussen, sodass es weniger zu psychosomatischen Beschwerden und zur Krankheitsentwicklung und somit zu Arbeitsausfällen oder gar Arbeitsunfähigkeit kommt.

In der Schweizer Stress-Studie und einer Metaanalyse von Michie und Wiliams (2003) über die Reduktion arbeitsbezogener psychischer Krankheiten und Absenzen wurden Faktoren identifiziert, die zur Entlastung beitragen (siehe Tabelle).

Mehrere Studien haben des Weiteren gezeigt, dass sich ein gutes Führungsverhalten (helfen und unterstützen, respektvolles Verhalten gegenüber Mitarbeitenden, Rückmeldungen geben, Konflikte lösen, gut planen und organisieren, ermutigen, an Entscheidungen mitzuwirken) förderlich auf die Mitarbeiterzufriedenheit, die Arbeitsleistung, den Führungserfolg und die organisationale Effektivität auswirkt. Mitarbeitende fühlen sich unter einem guten Führungsverhalten weniger gestresst, weniger emotional erschöpft, der allgemeine Gesundheitszustand ist besser, und weniger Gesundheitsprobleme treten auf. Auch Michie und Wiliam bestätigen mit der Metaanalyse, dass Krankheitsabsenzen durch gutes Führungsverhalten gesenkt werden können.

Wechselwirkung zwischen der Person und den Risiko und Schutzfaktoren

Auch die derzeitigen Forschungsergebnisse in der arbeits- und organisationspsychologischen Forschung sprechen dafür, dass die Wechselwirkung von Person und Risiko- und Schutzfaktoren bedeutend ist. Eine Person kann also den Umgang mit Herausforderungen selbst beeinflussen, zum Beispiel mit aktivem Coping.

Personale und emotionale Ressourcen

Wie bereits angedeutet, reicht es nicht aus, die Menge an Risiko- und Schutzfaktoren gegeneinander abzuwägen, um den Werdegang einer Person vorherzusagen. Auch die personalen Ressourcen – auch Resilienzfaktoren genannt – spielen im Prozess der Resilienzentwicklung eine fundamentale Rolle, und sie können auch aktiv trainiert werden.

Verschiedene Studien haben auch gezeigt, dass emotionale Stabilität im Arbeitskontext eine essenzielle Ressource darstellt. So ist bekannt, dass eine gute Emotionsregulation, Positivität und Optimismus am Arbeitsplatz wertvolle Ressourcen sind. Zudem wurde eine erhöhte Resilienz unter andauerndem Stress festgestellt, wenn emotionale Intelligenz vorhanden ist, d.h., die Personen fähig sind, ausgedrückte Emotionen wahrzunehmen und zu bewerten, sich selber emotional auszudrücken, diese Emotionen zu verstehen, zu analysieren und zu gebrauchen.

Praxisbeispiel: Herr A. und Frau B. arbeiten beide in einem dynamischen und sehr innovativen KMU. Laufend werden neue Produkte eingeführt und Prozesse adaptiert und neu definiert. Für Herrn A. ist dieses Arbeitsumfeld sehr stressend, weil er ein Mann ist, welcher gerne feste Strukturen hat und ein Vertreter bewährter Produkte ist. Für ihn stellt die ständige Innovation eine Bedrohung dar, da sie gleichzeitig den Verlust für seine bewährten Strukturen bedeutet. Auch ist er mit seinem Pensum rundum ausgelastet, sodass er nicht über die notwendigen persönlichen Ressourcen verfügt, seine Gewohnheiten anzupassen. Frau B. hingegen empfindet dasselbe Arbeitsumfeld nicht als stressig, da sie sowieso kein Fan von festen Prozessen ist. Für sie stellen sich wandelnde Strukturen keine Bedrohung dar, da sie selber stets nach neuen Prozessen auf der Suche ist.

Praxistipp für Ihre Widerstandskraft: Analysieren Sie Ihre Umwelt auf die dargestellten Risikofaktoren. Wie sind diese bei Ihnen ausgeprägt und wie liessen sie sich allenfalls minimieren?

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