Widerstandskraft: Des einen Freud, des anderen Stress
KURZ ZUSAMMENGEFASST
Widerstandskraft oder Resilienz ist kein statischer Zustand, sondern ein dynamischer Prozess der Anpassung an Belastungen. Entscheidend ist dabei nicht das Ereignis selbst, sondern die individuelle kognitive Bewertung: Wird eine Situation als Bedrohung oder als Herausforderung wahrgenommen? In der Arbeitswelt hängen Gesundheit und Leistungsfähigkeit massgeblich davon ab, ob Personen über ausreichende interne Ressourcen verfügen und ob das Umfeld durch gutes Führungsverhalten und klare Strukturen als entlastend empfunden wird.
Die wichtigsten Punkte:
- Stressoren wirken nur, wenn sie individuell als belastend bewertet werden.
- Zwei Bewertungsschritte bestimmen die Reaktion: Ist die Situation bedrohlich? Habe ich Ressourcen zur Bewältigung?
- Gutes Führungsverhalten senkt nachweislich Krankheitsabsenzen und Stresslevel.
- Emotionale Stabilität und Optimismus sind trainierbare Resilienzfaktoren.

Passende Arbeitshilfen
Wie können Unternehmen und Mitarbeitende Widerstandskraft (Resilienz) gegen Stressoren im Arbeitsalltag stärken?
Was sind Stressoren – und wie wirken sie?
Stressoren sind äussere oder innere Reize, die Stress auslösen können. Ob ein bestimmter Reiz tatsächlich als Stressor wirkt, lässt sich jedoch nicht im Vorfeld sagen – entscheidend ist seine individuelle Wirkung.
Im Mittelpunkt steht die kognitive Bewertung: In einem ersten Schritt – der primären Bewertung – nimmt eine Person einen Reiz entweder als günstig, irrelevant oder belastend wahr. Wird der Reiz als belastend eingestuft, kann er je nach individueller Einschätzung als Herausforderung, Bedrohung oder Verlust empfunden werden.
Solche Einschätzungen bringen das innere Gleichgewicht aus der Balance und aktivieren damit den Resilienzprozess – die Fähigkeit, mit Belastungen umzugehen und sich anzupassen.
In der folgenden sekundären Bewertung prüft die betroffene Person dann, welche Ressourcen zur Verfügung stehen und welche Bewältigungsstrategien angewendet werden können. Auf Basis dieser Einschätzung erfolgt schließlich eine Reaktion bzw. Handlung.
Wir bewerten eine Herausforderung in zwei Stufen. Daher ist es wichtig, sich zu überlegen, wie wir in welcher Stufe bewerten:
1. Bewertungsschritt: Ist die Herausforderung für mich stressend? Eine Bedrohung oder ein Verlust?
2. Bewertungsschritt: Habe ich Ressourcen und Bewältigungsmöglichkeiten?
Herausforderungen im Business
In der Arbeitswelt zeigt sich die Stärke der Widerstandskraft (Resilienz) der Arbeitenden, Teams oder Unternehmen erst im Ernstfall. Der Stressor, bezogen auf die Einzelperson, kann privat erfolgen (wie zum Beispiel Krankheit oder Verlust einer Bezugsperson) oder aber sich im Arbeitskontext ereignen (z.B. Konflikte mit Vorgesetzten oder Kollegen, Überforderungssituationen).
Durch die Globalisierung und den Strukturwandel in Richtung wissensintensiver Dienstleistungen steigen in vielen Organisationen und Unternehmen der Zeitdruck, die Komplexität der Arbeit und die Verantwortung der Arbeiter zunehmend. Das Tempo des sozioökonomischen Wandels ist schneller geworden, und Sicherheit sowie Berechenbarkeit der Markt- und Arbeitsverhältnisse haben dadurch deutlich abgenommen. Dies führt in vielen Fällen zur Intensivierung der Arbeit.
Zeitdruck als grösster Stressor
Arbeitende sind zunehmend akuten sowie auch andauernden Stressoren ausgesetzt. Gemäss WHO müssen mehr als die Hälfte der 160 Millionen Arbeiter in der EU auf einem sehr hohen Tempo arbeiten (56 Prozent) und haben zu knappe Fristen (60 Prozent) in mindestens einem Viertel ihrer Arbeitszeit. Ein Drittel hat zudem keinen Einfluss auf den Auftrag, und 40 Prozent berichten über monotones Arbeiten. In der Schweiz wird Stress vor allem durch Zeitdruck, unklare Anweisungen, soziale Diskriminierung und das Erledigen von Arbeitsaufgaben in der Freizeit verursacht. Lange Arbeitstage und emotionale Anforderungen sind weitere wichtige stressauslösende Faktoren.
Der Umgang mit arbeitsbezogenen Stressoren ist eine der grössten Herausforderungen der Zukunft. Die OECD weist auf den Zusammenhang von Arbeit und psychischer Krankheit hin und spricht sich für eine zukünftige Verbesserung der Erwerbsmöglichkeiten aus, um lange krankheitsbedingte Absenzen und Invalidität aufgrund psychischer Störungen zu vermeiden.
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Widerstandskraft – Schutzfaktoren im Business
In der Arbeitswelt gibt es Schutzfaktoren, welche einen besseren Umgang mit Herausforderungen ermöglichen. Es wird dabei vorzugsweise von Entlastungsfaktoren gesprochen, welche die Wahrscheinlichkeit einer Stressreaktion senken und somit das Befinden der Person positiv beeinflussen, sodass es weniger zu psychosomatischen Beschwerden und zur Krankheitsentwicklung und somit zu Arbeitsausfällen oder gar Arbeitsunfähigkeit kommt.
In der Schweizer Stress-Studie und einer Metaanalyse von Michie und Wiliams (2003) über die Reduktion arbeitsbezogener psychischer Krankheiten und Absenzen wurden Faktoren identifiziert, die zur Entlastung beitragen (siehe Tabelle).
Mehrere Studien haben des Weiteren gezeigt, dass sich ein gutes Führungsverhalten (helfen und unterstützen, respektvolles Verhalten gegenüber Mitarbeitenden, Rückmeldungen geben, Konflikte lösen, gut planen und organisieren, ermutigen, an Entscheidungen mitzuwirken) förderlich auf die Mitarbeiterzufriedenheit, die Arbeitsleistung, den Führungserfolg und die organisationale Effektivität auswirkt. Mitarbeitende fühlen sich unter einem guten Führungsverhalten weniger gestresst, weniger emotional erschöpft, der allgemeine Gesundheitszustand ist besser, und weniger Gesundheitsprobleme treten auf. Auch Michie und Wiliam bestätigen mit der Metaanalyse, dass Krankheitsabsenzen durch gutes Führungsverhalten gesenkt werden können.
Wechselwirkung zwischen der Person und den Risiko und Schutzfaktoren
Auch die derzeitigen Forschungsergebnisse in der arbeits- und organisationspsychologischen Forschung sprechen dafür, dass die Wechselwirkung von Person und Risiko- und Schutzfaktoren bedeutend ist. Eine Person kann also den Umgang mit Herausforderungen selbst beeinflussen, zum Beispiel mit aktivem Coping.
Checkliste
- Analysieren Sie persönliche Stressoren und bewerten Sie diese neu als Herausforderung statt als Bedrohung.
- Prüfen Sie, ob klare Anweisungen und realistische Fristen im Arbeitsalltag gegeben sind.
- Fördern Sie emotionale Intelligenz durch Schulungen zur Emotionsregulation.
- Stellen Sie sicher, dass Führungskräfte regelmäßig Rückmeldung geben und Konflikte konstruktiv lösen.
- Gestalten Sie Arbeitsprozesse so, dass Mitarbeitende mitentscheiden können.
- Schaffen Sie Pausenräume, um emotionale Erschöpfung vorzubeugen.
- Identifizieren Sie persönliche Ressourcen wie Optimismus und nutzen Sie diese aktiv.
- Minimieren Sie monotone Tätigkeiten und erhöhen Sie die Handlungsspielräume.
- Sorgen Sie für soziale Unterstützung und ein respektvolles Miteinander im Team.
Personale und emotionale Ressourcen
Wie bereits angedeutet, reicht es nicht aus, die Menge an Risiko- und Schutzfaktoren gegeneinander abzuwägen, um den Werdegang einer Person vorherzusagen. Auch die personalen Ressourcen – auch Resilienzfaktoren genannt – spielen im Prozess der Resilienzentwicklung eine fundamentale Rolle, und sie können auch aktiv trainiert werden, um die Widerstandskraft einer Person nachhaltig zu stärken.
Verschiedene Studien haben auch gezeigt, dass emotionale Stabilität im Arbeitskontext eine essenzielle Ressource darstellt. So ist bekannt, dass eine gute Emotionsregulation, Positivität und Optimismus am Arbeitsplatz wertvolle Ressourcen sind. Zudem wurde eine erhöhte Resilienz unter andauerndem Stress festgestellt, wenn emotionale Intelligenz vorhanden ist, d.h., die Personen fähig sind, ausgedrückte Emotionen wahrzunehmen und zu bewerten, sich selber emotional auszudrücken, diese Emotionen zu verstehen, zu analysieren und zu gebrauchen.
Praxisbeispiel: Herr A. und Frau B. arbeiten beide in einem dynamischen und sehr innovativen KMU. Laufend werden neue Produkte eingeführt und Prozesse adaptiert und neu definiert. Für Herrn A. ist dieses Arbeitsumfeld sehr stressend, weil er ein Mann ist, welcher gerne feste Strukturen hat und ein Vertreter bewährter Produkte ist. Für ihn stellt die ständige Innovation eine Bedrohung dar, da sie gleichzeitig den Verlust für seine bewährten Strukturen bedeutet. Auch ist er mit seinem Pensum rundum ausgelastet, sodass er nicht über die notwendigen persönlichen Ressourcen verfügt, seine Gewohnheiten anzupassen. Frau B. hingegen empfindet dasselbe Arbeitsumfeld nicht als stressig, da sie sowieso kein Fan von festen Prozessen ist. Für sie stellen sich wandelnde Strukturen keine Bedrohung dar, da sie selber stets nach neuen Prozessen auf der Suche ist.
Praxistipp für Ihre Widerstandskraft: Analysieren Sie Ihre Umwelt auf die dargestellten Risikofaktoren. Wie sind diese bei Ihnen ausgeprägt und wie liessen sie sich allenfalls minimieren?
FAQ: Widerstandskraft
Was ist der Unterschied zwischen einem Stressor und einer stressigen Reaktion?
Ein Stressor ist ein äusserer oder innerer Reiz (z. B. Zeitdruck), der Stress auslösen kann. Ob er tatsächlich Stress verursacht, hängt von der individuellen Bewertung ab. Ein und derselbe Stressor kann für die eine Person eine Bedrohung, für die andere eine willkommene Herausforderung sein.
Welche Rolle spielt das Führungsverhalten für die Resilienz der Mitarbeitenden?
Gutes Führungsverhalten ist ein zentraler Schutzfaktor. Respektvoller Umgang, Unterstützung, klare Planung und die Einbindung der Mitarbeitenden in Entscheidungen senken das Stresslevel und reduzieren psychische Krankheitsabsenzen nachweislich.
Kann man Widerstandskraft trainieren?
Ja, Resilienz ist kein angeborenes Schicksal. Emotionale Stabilität, Optimismus und die Fähigkeit zur Emotionsregulation können aktiv entwickelt und gestärkt werden, um besser mit Veränderungen und Belastungen umzugehen.
Warum reagieren unterschiedliche Personen auf dieselben Arbeitsbedingungen verschieden?
Die Reaktion hängt von der Wechselwirkung zwischen der Person und ihren persönlichen Ressourcen ab. Wer feste Strukturen braucht, empfindet ständige Innovation als Bedrohung, während jemand mit hoher Flexibilität dieselbe Situation als Chance bewertet.