26.07.2021

Berufliche Vorsorge für deutsche Grenzgänger: Das gilt bei Homeoffice

Die Sozialversicherungen zwischen der Schweiz und der EU sind koordiniert. Dennoch führen die Besonderheiten des schweizerischen Systems insbesondere in der 2. Säule immer wieder zu Fragen bei grenzüberschreitenden Konstellationen.

Von: Cyrill Habegger, Dejan Milosevic   Drucken Teilen  

Cyrill Habegger, lic. Iur. dipl. Steuerexperte

Cyrill Habegger, lic. Iur. dipl. Steuerexperte, arbeitet seit 2007 als Steuerberater und ist seit 2013 bei BDO tätig. Er leitet das Expatriate Tax Team bei BDO Schweiz und berät hierbei hauptsächlich Privatpersonen und deren Arbeitgeber rund um Steuern, Lohn(-ausweise), Spesen und Sozialversicherungen. Er unterrichtet bei verschiedenen internen und externen Lehrgängen im Bereich Quellensteuern.

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Dejan Milosevic

Dejan Milosevic, Wirtschaftsjurist FH (BSc), ist seit 2013 als Steuerberater und seit 2018 bei BDO tätig. Er ist Mandatsleiter auf diversen Steuerprojekten und berät hauptsächlich Privatpersonen und Arbeitgeber rund um die Themen Steuern und Sozial versicherungen. Er ist Mitglied im Expatriate Tax Team bei BDO Schweiz und wirkt bei in- wie externen Publikationen und Fachveranstaltungen im Bereich Expatriate Tax als Autor und Referent mit.

Berufliche Vorsorge für deutsche Grenzgänger

Berufliche Vorsorge für deutsche Grenzgänger

Obwohl seit mehreren Jahren ein Thema, werden momentan vermehrt Überlegungen gemacht, unter welchen Umständen Mitarbeitende in welchem Sozialversicherungssystem zu unterstellen sind. Vor allem Betriebe, die auch nach den COVID-19 Beschränkungen grenzüberschreitendes Homeoffice erlauben wollen, sehen sich mit der Schwierigkeit konfrontiert, ihre Mitarbeitenden allenfalls in ausländischen Sozialversicherungssystemen abrechnen zu müssen.

Die Berufliche Vorsorge für deutsche Grenzgänger und Wochenaufenthalter

Personen, die ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland haben und in der Schweiz arbeiten, sei es als Grenzgänger (grundsätzlich tägliche Rückkehr an den deutschen Wohnort) oder als Wochenaufenthalter (Rückkehr jeweils am Wochenende), sind heute wohl mehrheitlich in der schweizerischen Sozialversicherung versichert. Dies ist unter Umständen nicht mehr korrekt, wenn eine Person mehr als 25 Prozent ihrer Arbeitszeit im deutschen Homeoffice verbringt. In diesem Fall müsste die Arbeitnehmerin dem deutschen Sozialversicherungssystem angeschlossen werden.

Bei der Gestaltung des Arbeitsverhältnisses ist es interessant zu beobachten, wie die Beiträge und Leistungen im Rahmen der 2. Säule des schweizerischen Sozialversicherungssystems für in Deutschland ansässige Personen funktionieren und was bei der beruflichen Vorsorge für deutsche Grenzgänger beachtet werden sollte.

Qualifikation der 2. Säule aus der Optik Deutschlands

Deutschland unterscheidet bei der Besteuerung der Beiträge an und der Leistungen aus der 2. Säule zwischen der gesetzlich vorgeschriebenen Mindestabsicherung (Obligatorium) und darüberhinausgehenden Beiträgen und Leistungen (Überobligatorium).

Obligatorische Beiträge von Arbeitgebern und Arbeitnehmenden können steuerlich abgezogen werden. Beiträge ins Überobligatorium von Arbeitgebern und Arbeitnehmern sind hingegen steuerlich nicht abzugsfähig. Bei den Leistungen werden obligatorische Leistungen normal, überobligatorische privilegiert besteuert.

Auswirkungen hinsichtlich Beiträge

Wie sieht also die berufliche Vorsorge für deutsche Grenzgänger aus? Eine in Deutschland wohnhafte und damit unbeschränkt steuerpflichtige Person, die der beruflichen Vorsorge in der Schweiz untersteht, muss im Rahmen ihrer Einkommenssteuererklärung die notwendigen Angaben machen, damit Deutschland «korrekt» besteuern kann. Insbesondere wichtig ist hierbei eine Aufstellung der obligatorischen und überobligatorischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeiträge an die 2. Säule. Das Bundesamt für Sozialversicherungen stellt schweizerischen Arbeitgebern hierfür Informationen und Musterbescheinigungen zur Verfügung.2

Deutschland rechnet für die Steuerveranlagung Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeiträge ans Überobligatorium auf, besteuert diese Beiträge also jährlich.

Bei echten Grenzgängerinnen (Tagespendler) werden diese Beiträge vollumfänglich besteuert. Bei den Wochenaufenthaltern ist es so, dass die Besteuerung der Beiträge nur in dem Umfang erfolgt, in dem auch das Einkommen aus der Schweiz in Deutschland steuerpflichtig wird. Im Fall, dass 100 Prozent des Erwerbseinkommens aus schweizerischer Quelle in Deutschland freigestellt wird, wird auch keine laufende Besteuerung der Beiträge ans Überobligatorium erfolgen. Es ist jedoch zu beachten, dass dies nicht schon dann der Fall ist, wenn die schweizerische Arbeitgeberin 100 Prozent des Lohns quellenbesteuert.

Vorsicht ist auch bei Einkäufen in die 2. Säule geboten. Ob und in welchem Umfang diese in welchem Staat abzugsfähig sind, ist genau zu prüfen, zumal sich dies mit den Neuregelungen im Bereich Quellensteuern per 1. Januar 2021 noch ändern wird.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass auch weitere Zahlungen von Arbeitgebern oder Arbeitnehmenden in Deutschland nicht zwingend gleich zu qualifizieren sind wie in der Schweiz. So z.B. Leistungen aus einer Krankentaggeldversicherung, die über die Arbeitgeberin an eine in Deutschland wohnhafte Person bezahlt werden.

Auswirkungen hinsichtlich Leistungen

Da die Beiträge im Rahmen der überobligatorischen Vorsorge nicht abzugsfähig sind, erfolgt konsequenterweise bei der Auszahlung dieser Beiträge als Kapital oder Rente eine kongruente Betrachtungsweise. So werden diese Einkünfte privilegiert besteuert. Eine gewisse Privilegierung findet unter Umständen sogar fürs Obligatorium statt (speziell bei Kapitalleistungen). Interessant ist aber die Betrachtungsweise hinsichtlich des Überobligatoriums:

  • Wird das Überobligatorium als Kapitalleistung ausgerichtet, besteuert Deutschland nur die Differenz zwischen der Auszahlung und der Summe der geleisteten Beiträge. Dies mit einem gesonderten Steuertarif von 25 Prozent. Dies kann zu einer vorteilhaften Besteuerung führen, die deutlich unter der Steuerlast für Kapitalleistungen in der Schweiz liegt. Noch vorteilhafter kann die Besteuerung werden, wenn das Vorsorgeverhältnis früh genug eingegangen wurde, die Vertragsdauer lange genug ist und bei Auszahlung das Alter von 60/62 bereits erreicht ist (der Einzelfall ist jeweils zu klären).
  • Wird das Überobligatorium als Rente bezogen, unterliegt der massgebende Ertragsanteil der Besteuerung. Hierfür wird ein Zinsanteil in pauschalierter Form bestimmt, welcher abhängig vom Alter des Begünstigten bei Rentenbeginn ist.

Da sowohl Rentenzahlungen als auch Kapitalleistungen aus der Vorsorge bei privaten Arbeitgebern3 gemäss Doppelbesteuerungsabkommen Schweiz-Deutschland (Artikel 18) im Ansässigkeitsstaat (in unserem Beispiel also in Deutschland) besteuert werden, ist auch eine bei der Auszahlung des Kapitals erhobene schweizerische Quellensteuer rückforderbar, unabhängig von der effektiven Steuerlast der Kapitalleistung in Deutschland.

Steuern sparen im Alter

Die erwähnten Regeln gelten für alle in Deutschland ansässigen Steuerpflichtigen, die Leistungen aus einer schweizerischen 2. Säule erhalten. Es ist also keineswegs Voraussetzung, dass man in der Einzahlungsphase bereits in Deutschland gelebt hat. Dies eröffnet interessante Möglichkeiten, wenn man in der Schweiz lebt und arbeitet, sich jedoch vorstellen kann, den Lebensabend in Deutschland zu verbringen. Hier können die in der Schweiz laufend abzugsfähigen Beiträge dann weitgehend steuerfrei in Deutschland bezogen werden. Dies aber natürlich nur unter der Voraussetzung, dass man den Lebensmittelpunkt effektiv und nachhaltig nach Deutschland verlegt.

So kann sich, was man vielleicht nicht unbedingt erwartet, Deutschland als Steuerparadies für Rentnerinnen und Rentner erweisen, wobei natürlich immer eine Gesamtbetrachtung der individuellen Situation gemacht werden muss.

Fussnoten

https://www.bsv.admin.ch/bsv/de/home/sozialversicherungen/bv/grundlagen-und-gesetze/grundlagen/bescheinigung-von-obligatorischen-und-ueberobligatorischen-beitr.html

2 Anders wäre die Qualifikation bei Renten/Kapitalleistungen aus früherem öffentlichem Dienstverhältnis, hier ist Artikel 19 Doppelbesteuerungsabkommen Schweiz-Deutschland anwendbar.

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