26.08.2019

Krebsbetroffene am Arbeitsplatz: Wer kann was tun?

Krebs als dritthäufigste Ursache für längere Absenzen am Arbeitsplatz löst im Team grosse Betroffenheit und Verunsicherung aus. Es stellen sich viele Fragen. Vorgesetzte und HR-Verantwortliche sind gefordert und tragen grosse Verantwortung gegenüber Mitarbeitenden und Unternehmen.

Von: Erika Karlen-Oszlai  DruckenTeilen 

Erika Karlen-Oszlai

Fachspezialistin Krebs & Arbeit, Krebsliga Schweiz. Sie berät und unterstützt kleine, mittlere und grosse Unternehmen und Betroffene.

Krebsbetroffene am Arbeitsplatz

Krebsbetroffene am Arbeitsplatz

Alois Schweizer1 ist IT-Fachmann in einem mittleren Unternehmen und war 30 Jahre alt, als er die Diagnose Krebs bekam: «Für mich brach die Welt zusammen, und ich dachte, das war’s. Die Ärzte machten mir Mut, dass meine Krebserkrankung nicht automatisch ein Todesurteil bedeutet und dass die Heilungschancen gut sind. Es war ein langer und harter Weg.» Nach zehn Monaten war Alois Schweizer so weit, den beruflichen Wiedereinstieg zu wagen.

Die Unterstützung und Begleitung seitens des Unternehmens habe er nicht positiv erlebt, erzählt er. Sein direkter Vorgesetzter liess während der ganzen Zeit kaum von sich hören, ausser: «Wann kommst du wieder? Wir haben viel Arbeit.» Dafür erteilte er Alois Schweizer bereits am ersten Arbeitstag nach seiner Genesung via Mail den Auftrag, ein bestimmtes Projekt innert kurzer Zeit abzuwickeln.

Für Alois Schweizer war das ein Schock. Er war verletzt und verunsichert: «Ich wagte nicht, die Sache anzusprechen, geschweige denn das HR zu kontaktieren. Ich fürchtete, ausgegrenzt zu werden und die Stelle zu verlieren, wenn ich offen darüber sprach, dass ich noch nicht ganz belastbar war. Ich biss auf die Zähne und schaffte es irgendwie.» Auch den Kollegen gegenüber sprach Alois Schweizer seine Situation nicht offen an. Er wollte nicht als Schwächling, Versager, Drückeberger abgestempelt werden. «Eigentlich hatte ich aber auch gehofft, dass jemand von sich aus fragt, wie es mir geht.» Etwas Interesse hätte schon gutgetan, meint er rückblickend.

Wer muss was wissen?

Die Geschichte von Alois Schweizer ist kein Einzelfall und auch kein extremes Beispiel. Oft fehlen in Unternehmen formale Richtlinien, wie man mit den Betroffenen und der Situation am Arbeitsplatz umgehen soll. Es mangelt auch an Wissen, worauf man speziell bei krebserkrankten Mitarbeitenden achten soll.

Krebserkrankungen und Krebstherapien haben Folgen, die sich über längere Zeit auch am Arbeitsplatz auswirken können. Es ist entscheidend, etwas über diese Auswirkungen zu wissen, um die Situation im Einzelfall besser einzuschätzen und das eigene Verhalten entsprechend anpassen zu können. Zu den wichtigsten Auswirkungen für Krebsbetroffene am Arbeitsplatz gehören:

  • Fatigue: chronisches Erschöpfungssyndrom
  • verändertes Aussehen
  • Konzentrationsprobleme
  • Dünnhäutigkeit

Betroffene machen sich Sorgen, wie das Arbeitsumfeld reagiert, und haben oft Angst vor finanziellen Einbussen und Stellenverlust.

Kollegen wissen nicht, ob und wie sie die Betroffenen ansprechen sollen und dürfen. Sie machen sich auch Sorgen, wie lange sie Mehrarbeit leisten müssen, wenn der erkrankte Kollege lange ausfällt und/oder bei der Rückkehr nur bedingt arbeiten kann.

Vorgesetzte sind oft verunsichert, wie sie kommunizieren sollen und was sie dem Team weitersagen dürfen. Wie lange sollen und können sie den Betroffenen entlasten und das restliche Team belasten? Wo sind die Möglichkeiten und Grenzen von Unterstützung und Schonung?

Wer kann was tun?

Unternehmen können generell

  • sich konkret dafür einsetzen, Mitarbeitenden aller Hierarchiestufen den Zugang zu adäquatem krebsrelevantem Basiswissen zu ermöglichen: Was ist Krebs? Welche Folgen von Krebs sind am Arbeitsplatz zu beachten?
  • Zeit und Raum für Austausch über das Thema zur Verfügung stellen: Wie können vorhandene Kompetenzen noch erweitert und optimiert werden?

HR-Verantwortliche können im konkreten Krankheitsfall die Rückkehr an den Arbeitsplatz aktiv fördern, indem sie

  • proaktiv über Rechte und Pflichten von Arbeitgeber und Arbeitnehmer informieren: Krankentaggeld/Lohnfortzahlung; Daten-/Persönlichkeitsschutz; Informations-/Fürsorgepflicht.
  • Unterstützung bei der gemeinsamen Klärung von Bedürfnissen, Erwartungen und formalen Rahmenbedingungen bieten.
  • Betroffene und Vorgesetzte bei der möglichst offenen Kommunikation beraten und begleiten: Wer soll/darf wem was wann wie kommunizieren – und was nicht?
  • die Eingliederungsmassnahmen mit den involvierten Stellen koordinieren: Ärzten, Krankentaggeldversicherungen, Case Management, Invalidenversicherung u.a. Vorgesetzte können
  • die Betroffenen in regelmässigen persönlichen Gesprächen begleiten und unterstützen,
  • die Kolleginnen und Kollegen in persönlichen Gesprächen oder an Teamsitzungen begleiten und stützen,
  • mit den Betroffenen die nötige und sinnvolle Kommunikation im Team klären,
  • mit den Betroffenen und dem Team gemeinsam klären, wer wann wie Kontakt halten soll/darf, wenn die krebskranke Person länger ausfällt.

Welche Rechte haben Krebsbetroffene am Arbeitsplatz?

Eine erkrankte Person ist nicht verpflichtet, die Diagnose offenzulegen. Wird aber offen über die Diagnose kommuniziert, kann das einige Vorteile haben, z.B.:

  • Falsche Fantasien, Gerüchte oder gar Mobbing im Team können vermieden werden.
  • Durch besseres Verständnis entsteht grössere Hilfsbereitschaft.
  • Bessere Anpassungen der Arbeit sind möglich.

Ideal wäre ein offener Austausch zwischen Betroffenen, Arzt und Arbeitgeber. Als gutes Hilfsmittel für die transparente Kommunikation über allfällige Leistungseinschränkungen der Betroffenen und die Anforderungen am Arbeitsplatz empfiehlt sich die Webseite www.compasso.ch.

Spezifische Angebote der Krebsliga

Ein Unternehmen kann einiges dazu beitragen, dass die Rückkehr von Krebsbetroffenen an den Arbeitsplatz gut gelingt. Die Krebsliga unterstützt mit dem nötigen Wissen. In den Unternehmen vor Ort vermittelt sie in Fachreferaten, Schulungen und Workshops entsprechende Informationen und Know-how. Über 1000 Teilnehmende haben bereits von den Angeboten der Krebsliga profitiert. Mitarbeitende mit und ohne Führungsfunktion und HR-Verantwortliche haben ihre Fragen und Bedürfnisse diskutiert, Handlungsoptionen erarbeitet und ihre Kompetenzen erweitert. Ihr Fazit: «Im Ernstfall stehe ich nicht mit leeren Händen da.» 

TELEFONCOACHING FÜR ARBEITGEBER

Telefoncoaching für Arbeitgeber, Personalverantwortliche, Vorgesetzte oder Arbeitnehmer: 0848 114 118 (8 Rp./Min ab Festnetz) von Montag bis Freitag von 9.00 bis 16.00 Uhr. Die Beratung gibt es in Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch. Weitere Kontaktmöglichkeit über krebsundarbeit@krebsliga.ch.
Mehr Informationen zum Thema «Krebsbetroffene am Arbeitsplatz» unter www.krebsliga.ch/beratung-unterstuetzung/krebs-arbeit.

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1 Name der Redaktion bekannt.

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