04.02.2021

Fiktiver Vorsteuerabzug: Voraussetzungen und die korrekte Berechnung

Die steuerpflichtige Person kann, wenn sie im Rahmen ihrer unternehmerischen, zum Vorsteuerabzug berechtigenden Tätigkeit einen gebrauchten individualisierbaren beweglichen Gegenstand für die Lieferung (z.B. Verkauf oder Vermietung) an einen Abnehmer im Inland ohne Mehrwertsteuerbelastung bezieht, einen fiktiven Vorsteuerabzug vornehmen.

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Fiktiver Vorsteuerabzug

Grundsatz

Im Gegenzug muss sie beim Verkauf oder bei der Vermietung dieses Gegenstandes das gesamte Entgelt versteuern. Sie darf auf dem Verkaufsbeleg (z.B. Vertrag, Rechnung, Quittung, Gutschrift) die MWST ausweisen.

Voraussetzungen für den fiktiven Vorsteuerabzug

Damit die steuerpflichtige Person den Abzug fiktiver Vorsteuer geltend machen kann, müssen im Zeitpunkt des Erwerbs namentlich folgende Bedingungen erfüllt sein:

  • Es handelt sich um einen individualisierbaren beweglichen Gegenstand ( vgl. MWST-Info 9, Ziff. 7.3.2).
  • Der Bezug des Gegenstandes erfolgt im Rahmen der unternehmerischen, zum Vorsteuerabzug berechtigenden Tätigkeit ( vgl. MWST-Info 9, Ziff. 1.4).
  • Der Bezug des Gegenstandes erfolgt ohne offene Steuerüberwälzung.
  • Der Gegenstand ist kein Sammlerstück gemäss Artikel 24a MWSTG ( MWST-Info Steuerbemessung und Steuersätze).
  • Beim Erwerb des Gegenstandes kam nicht das Meldeverfahren nach Artikel 38 MWSTG zur Anwendung.
  • Der Gegenstand darf von der steuerpflichtigen Person nicht aus dem Ausland eingeführt worden sein oder nach dem Erwerb im Ausland verbleiben. Als Ausland gelten diesbezüglich auch die Talschaften Samnaun und Sampuoir (Art. 4 Abs. 1 MWSTG).
  • Der Gegenstand wurde von der steuerpflichtigen Person nicht von einer Person bezogen, von der sie weiss oder wissen müsste, dass diese den Gegenstand steuerbefreit ins Inland eingeführt hat. Der Gegenstand wurde nicht nach Artikel 44 Absatz 1 Buchstaben a und b und Absatz 2 MWSTV befreit erworben.
  • Die steuerpflichtige Person rechnet nach der effektiven Abrechnungsmethode gemäss Artikel 36 MWSTG ab ( bei Abrechnung nach der Saldosteuersatzmethode sind die Ausführungen in der MWST-Info Saldosteuersätze bezüglich des Verfahrens zur Anrechnung der fiktiven Vorsteuer zu beachten).
  • Die steuerpflichtige Person muss anhand geeigneter Beweismittel (z.B. Rechnung des Leistungserbringers, Gutschrift des Leistungsempfängers, Vertrag oder Quittung) nachweisen können, dass Anspruch auf Abzug fiktiver Vorsteuer besteht (z.B. Art, Gegenstand, Umfang und Zeitpunkt der Lieferung, Name und Adresse des Leistungserbringers sowie -empfängers).

Werden ausschliesslich individualisierbare bewegliche Gegenstände zu einem Gesamtpreis erworben, ist ein Abzug fiktiver Vorsteuer zulässig (Art. 63 Abs. 1 MWSTV). Der Abzug der fiktiven Vorsteuer ist hingegen ausgeschlossen, wenn im Gesamtpreis Sammlerstücke nach Artikel 24a MWSTG (Margenbesteuerung) oder nicht individualisierbare bewegliche Gegenstände enthalten sind und der Anteil am Ankaufspreis, der auf Gegenstände nach Artikel 28a MWSTG entfällt, nicht annäherungsweise ermittelt werden kann (Art. 63 Abs. 2 MWSTV). Der Nachweis für die annäherungsweise ermittelten Ankaufspreise muss von der steuerpflichtigen Person im Zeitpunkt des geltend gemachten Abzugs fiktiver Vorsteuer erbracht werden.

Beispiel 1
Das steuerpflichtige Auktionshaus Markus Inauen AG erwirbt im eigenen Namen und auf eigene Rechnung ein Gemälde des Künstlers Albert Anker vom nicht steuerpflichtigen Pius Eyer mit der Absicht, dieses als Betriebsmittel zu verwenden und in ihren Büroräumlichkeiten auszustellen.

Beim Gemälde handelt es sich um ein Sammlerstück, welches gemäss Artikel 24a MWSTG der Margenbesteuerung unterliegt. Das Auktionshaus darf daher - auch wenn das Gemälde als Betriebsmittel verwendet wird - beim Kauf keinen Abzug fiktiver Vorsteuer vornehmen. Bei einem allfälligen späteren Verkauf darf das Auktionshaus jedoch - bei Einhaltung aller weiteren Kriterien - die
Margenbesteuerung anwenden.


Beispiel 2
Ein steuerpflichtiger Gebrauchtwarenhändler kauft bei der Liquidation einer nicht steuerpflichtigen Schreinerei für den Wiederverkauf zwei gebrauchte Kreissägen (Wert gemäss Vergleichsangeboten je ca. CHF 1‘500), eine antike gebrauchte Hobelmaschine (Wert nicht annäherungsweise ermittelbar) und zehn Kubikmeter loses Brennholz zum Gesamtpreis von 4‘000 Franken.

Die beiden Kreissägen sind anhand ihrer Seriennummer individualisierbar und ihr Wert kann annäherungsweise ermittelt werden, weshalb ein Abzug fiktiver Vorsteuer auf 3‘000 Franken möglich ist. Beim losen Brennholz handelt es sich um nicht individualisierbare Gegenstände, weshalb kein Abzug fiktiver Vorsteuer möglich ist. Die antike Hobelmaschine ist individualisierbar, jedoch älter als 100 Jahre und unterliegt damit der Margenbesteuerung, was die Vornahme eines Abzugs fiktiver Vorsteuer ausschliesst; da jedoch der Wert der antiken Maschine nicht annäherungsweise ermittelbar ist, kann bei einem späteren Verkauf die Margenbesteuerung nicht angewendet werden ( MWST-Info Steuerbemessung und Steuersätze; Art. 48b Abs. 3 MWSTV).

Achtung
Nachträglicher Abzug fiktiver Vorsteuer ab 1.1.2018
Bis 31.12.2017 gab es für den Abzug fiktiver Vorsteuer diverse Einschränkungen. Erforderlich waren folgende Punkte:
- Es musste sich um einen gebrauchten beweglichen Gegenstand handeln.
- Der Gegenstand musste für die Lieferung an einen Abnehmer im Inland bezogen werden.

Diese Erfordernisse sind per 1.1.2018 weggefallen. Konnte nun auf solchen Gegenständen beim Bezug bis 31.12.2017 der Abzug fiktiver Vorsteuer nicht vorgenommen werden, kann ein solcher gegebenenfalls per 1.1.2018 (d.h. z.B. in der 1. MWST-Abrechnung 2018) nachgeholt werden.

Erforderlich ist, dass der bewegliche individualisierbare Gegenstand per 1.1.2018 noch vorhanden ist und die Voraussetzungen für den Abzug fiktiver Vorsteuer ( Ziff. 7.3.3) per 1.1.2018 erfüllt sind.

Bei in Gebrauch genommenen Gegenständen berechnet sich der Abzug fiktiver Vorsteuer auf dem Zeitwert. Zur Ermittlung des Zeitwerts wird der bewegliche individualisierbare Gegenstand für jedes abgelaufene Jahr um einen Fünftel reduziert (Art. 32 Abs. 2 MWSTG).

Massgebend für die Berechnung des nachträglichen Abzugs fiktiver Vorsteuer ist der Steuersatz im Zeitpunkt des Bezugs (Art. 28a Abs. 2 MWSTG).

Beispiel
Die nach der effektiven Methode abrechnende Sanitär AG kaufte im Juli 2016 von einer Privatperson einen Gebrauchtwagen für 12'000 Franken, den sie seither als Geschäftsfahrzeug benutzt. Bis 31.12.2017 war auf diesem Einkauf kein Abzug fiktiver Vorsteuer zulässig. Per 1.1.2018 treten nun die Voraussetzungen für den Abzug fiktiver Vorsteuer ein. In der Abrechnung für das 1. Quartal 2018 kann die Sanitär AG folgenden Abzug fiktiver Vorsteuer geltend machen:

Einkaufspreis 2016 CHF 12'000.00
Abschreibung (2 abgelaufene Jahre à 20%) CHF 4'800.00
Massgebender Wert per 1.1.2018 CHF 7'200.00
Zulässiger Abzug fiktiver Vorsteuer per 1.1.2018 (8,0 % von 108,0 %) CHF 533.35

Berechnung des fiktiven Vorsteuerabzugs

Massgebend für die Berechnung der fiktiven Vorsteuer ist der im Zeitpunkt des Bezuges des individualisierbaren beweglichen Gegenstandes gültige Steuersatz. Der Erwerbspreis versteht sich dabei als Wert inklusive MWST (zurzeit 102,5 % bzw. 107,7 %).

Dies gilt selbst dann, wenn der Gegenstand gar nie oder nur zu einem niedrigeren Satz mit MWST belastet war.

Beispiel 1
Die Garage Hummel AG kauft vom nicht steuerpflichtigen Hubert Andermatt ein Motorfahrzeug für unternehmerische zum Vorsteuerabzug berechtigende Zwecke. Hier finden Sie die Dokumentation zur Transaktion.

Der Garagist darf einen Abzug fiktiver Vorsteuer von 857.95 Franken vornehmen (7,7 % von [107,7 %] CHF 12'000.00).

Beispiel 2
Die nicht steuerpflichtige Schneiderin Lotte Liebstein kauft im Jahr 2018 eine spezielle Nähmaschine von einer Privatperson für 500 Franken. Da Frau Liebstein im Jahr 2018 erstmals einen Umsatz von über 100‘000 Franken erzielt, wird sie per 1. Januar 2019 ins Register der Mehrwertsteuerpflichtigen eingetragen.

Frau Liebstein darf in der ersten Abrechnung 2019 für die in Gebrauch genommene Nähmaschine auf dem Zeitwert den Abzug fiktiver Vorsteuer vornehmen (Einlageentsteuerung).

Einkaufspreis 2018 CHF 500.00
Abschreibung (1 abgelaufenes Jahr à 20%) CHF 100.00
Massgebender Wert per 1.1.2019 CHF 400.00
Zulässiger Abzug fiktiver Vorsteuer per 1.1.2019 (7,7 % von 107,7 %) CHF 28.60

 

Weitere Informatione zum Vorsteuerbezug finden Sie in den nachfolgenden Beiträgen:

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