17.05.2017

Fiktiver Vorsteuerabzug: Voraussetzungen und die korrekte Berechnung

Die steuerpflichtige Person kann, wenn sie im Rahmen ihrer unternehmerischen, zum Vorsteuerabzug berechtigenden Tätigkeit einen gebrauchten individualisierbaren beweglichen Gegenstand für die Lieferung (z.B. Verkauf oder Vermietung) an einen Abnehmer im Inland ohne Mehrwertsteuerbelastung bezieht, einen fiktiven Vorsteuerabzug vornehmen.

Kommentieren   Teilen   Drucken

Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben. Wir freuen uns, wenn Sie den ersten Kommentar zu diesem Artikel verfassen.
 
Kommentar schreiben

Bitte Wert angeben!

Bitte Wert angeben!

Bitte Wert angeben! Bitte geben Sie eine gültige E-Mail-Adresse ein!

Bitte Wert angeben!

Bitte Wert angeben!

Bitte Wert angeben!

Bitte alle fett beschrifteten Pflichtfelder ausfüllen.
Zurücksetzen
 
Fiktiver Vorsteuerabzug

Grundsatz

Im Gegenzug muss sie beim Verkauf oder bei der Vermietung dieses Gegenstandes das gesamte Entgelt versteuern. Sie darf auf dem Verkaufsbeleg (z.B. Vertrag, Rechnung, Quittung, Gutschrift) die MWST ausweisen.

Voraussetzungen für den fiktiven Vorsteuerabzug

Damit die steuerpflichtige Person den fiktiven Vorsteuerabzug geltend machen kann, müssen im Zeitpunkt des Erwerbs namentlich folgende Bedingungen erfüllt sein:

  • Es handelt sich um einen gebrauchten individualisierbaren beweglichen Gegenstand.
  • Der Gebrauchtgegenstand wird mit der Absicht der Lieferung (z.B. Verkauf oder Vermietung) an einen Abnehmer im Inland bezogen.
  • Der Bezug des Gegenstandes erfolgt im Rahmen der unternehmerischen, zum Vorsteuerabzug berechtigenden Tätigkeit.
  • Der Bezug des Gebrauchtgegenstandes erfolgt ohne Mehrwertsteuerbelastung, d.h. es hat keine Steuerüberwälzung stattgefunden.
  • Beim Erwerb des Gebrauchtgegenstandes darf nicht das Meldeverfahren nach Artikel 38 MWSTG zur Anwendung kommen.
  • Der Gegenstand darf von der steuerpflichtigen Person nicht aus dem Ausland eingeführt werden.
  • Der Gegenstand darf von der steuerpflichtigen Person nicht von einer Person im Inland bezogen werden, die diesen steuerbefreit eingeführt hat (z.B. Einfuhr von Kunstgegenständen durch deren Urheber).
  • Die steuerpflichtige Person rechnet nach der effektiven Abrechnungsmethode gemäss Artikel 36 MWSTG ab (bei Abrechnung nach der Saldosteuersatzmethode sind die Ausführungen in der MWST-Info Saldosteuersätze bezüglich des Verfahrens zur Anrechnung der fiktiven Vorsteuer zu beachten).
  • Die steuerpflichtige Person muss anhand geeigneter Beweismittel (z.B. Rechnung des Leistungserbringers, Gutschrift des Leistungsempfängers, Vertrag oder Quittung) nachweisen können, dass der Anspruch auf den fiktiven Vorsteuerabzug besteht (z.B. Art, Gegenstand, Umfang und Zeitpunkt der Lieferung, Name und Adresse des Leistungserbringers sowie -empfängers).

Beispiel
Ein steuerpflichtiges Nahrungsmittelunternehmen erwirbt von einem nicht steuerpflichtigen Anbieter eine Occasions-Abfüllanlage für die im eigenen Betrieb hergestellten Milchprodukte. 

Das Unternehmen darf den fiktiven Vorsteuerabzug nicht vornehmen, da diese Anlage nicht für die Lieferung an einen Abnehmer im Inland bezogen wurde, sondern als Produktionsmittel (betriebliches Anlagevermögen) im eigenen Betrieb verwendet wird. 

Variante
Nach einigen Jahren wird die Abfüllanlage durch eine neue ersetzt und an einen Dritten weiterverkauft. 

Der fiktive Vorsteuerabzug kann auch im Zeitpunkt des Verkaufs nicht vorgenommen werden, da die Anlage nie zum Zwecke einer Lieferung an einen inländischen Abnehmer erworben wurde. Es handelt sich um einen steuerbaren Betriebsmittelverkauf. 

Achtung
Gegenstände, die vor dem Verkauf für betriebliche Zwecke verwendet werden (Ausnahme vorübergehende Verwendung), gelten nicht als für die Lieferung (z.B. Verkauf oder Vermietung) an einen Abnehmer im Inland bezogen. Ein fiktiver Vorsteuerabzug ist auch bei einem späteren Verkauf ausgeschlossen.

Berechnung des fiktiven Vorsteuerabzugs

Massgebend für die Berechnung des fiktiven Vorsteuerabzugs ist der im Zeitpunkt des Bezuges des gebrauchten Gegenstandes gültige Steuersatz. Der Erwerbspreis versteht sich dabei als Wert inklusive MWST (zur Zeit 102,5% bzw. 108,0%). 

Dies gilt selbst dann, wenn der Gebrauchtgegenstand gar nie oder nur zu einem niedrigeren Satz mit MWST belastet war.

Beispiel 1
Die Einzelunternehmung Garage Hummel kauft vom nicht steuerpflichtigen Hubert Andermatt ein gebrauchtes Motorfahrzeug mit der Absicht, dieses im Inland weiterzuverkaufen.

Der Garagist darf einen fiktiven Vorsteuerabzug von 888.90 Franken vornehmen (8,0% von [108,0%] CHF 12’000).

Beispiel 2
Das steuerpflichtige Auktionshaus Markus Inauen AG erwirbt im eigenen Namen und auf eigene Rechnung eine Spezialausgabe des Briefromans «Die Leiden des jungen Werther» vom nicht steuerpflichtigen Pius Eyer mit der Absicht, diese im Inland weiter zu verkaufen.

Das Auktionshaus darf einen fiktiven Vorsteuerabzug von 85.35 Franken vornehmen (2,5% von [102,5%] CHF 3’500).

Vorübergehende Verwendung für sonstige Zwecke

Der Einkauf des Gebrauchtgegenstandes hat zu Zwecken einer Lieferung (z.B. Verkauf oder Vermietung) an einen Abnehmer im Inland zu erfolgen.

Eine vorübergehende Verwendung für sonstige Zwecke (z.B. als Betriebsmittel oder für private Zwecke) schliesst den fiktiven Vorsteuerabzug nicht aus. Eine Korrektur des Vorsteuerabzugs wegen Eigenverbrauchs nach Artikel 31 Absatz 4 MWSTG bleibt vorbehalten. In den ersten 6 Monaten ab Kauf des Gegenstandes wird die durchgehende Absicht des Bezugs zur Lieferung an einen inländischen Abnehmer vermutet. 

Achtung
Wenn die steuerpflichtige Person den Gebrauchtgegenstand vorübergehend für eine nicht unternehmerische Tätigkeit oder für eine unternehmerische, nicht zum Vorsteuerabzug berechtigende Tätigkeit verwendet, ist der fiktive Vorsteuerabzug zu korrigieren (Eigenverbrauch).

Bemessungsgrundlage bei der vorübergehenden Verwendung von Gebrauchtgegenständen ist der Mietpreis, der dafür einem unabhängigen Dritten in Rechnung gestellt würde (Art. 31 Abs. 4 MWSTG).

Hinweis
Weitere Informationen zu diesem Thema können der MWST-Info Nutzungsänderungen sowie der MWST-Branchen-Info Motorfahrzeuggewerbe entnommen werden.

Beispiel
Ein steuerpflichtiger Fahrzeughändler (Einzelunternehmung) erwirbt im Januar 2010 einen Occasionswagen von einer Privatperson für die Lieferung (z.B. Verkauf oder Vermietung) an einen Abnehmer im Inland und macht den fiktiven Vorsteuerabzug geltend. 

Variante 1
Vor der Weiterlieferung setzt er diesen Occasionswagen vorübergehend als Ersatzwagen ein (unternehmerische Tätigkeit). 

Der fiktive Vorsteuerabzug bleibt bestehen. Kein Eigenverbrauchstatbestand und somit keine mehrwertsteuerlichen Auswirkungen. 

Variante 2
Vor der Weiterlieferung wird der Tochter das Fahrzeug für ein Wochenende im Wallis unentgeltlich zur Verfügung gestellt. 

Der fiktive Vorsteuerabzug bleibt grundsätzlich bestehen. Für die vorübergehende Verwendung ist der Vorsteuerabzug im Eigenverbrauch zu korrigieren (Berechnungsgrundlage Mietwert).

Rückgängigmachung des fiktiven Vorsteuerabzugs

Der fiktive Vorsteuerabzug ist von der steuerpflichtigen Person rückgängig zu machen, wenn

  • eine Lieferung (z.B. Verkauf oder Vermietung) an einen Abnehmer im Ausland erfolgt;
  • der Gebrauchtgegenstand entgegen der ursprünglichen Absicht der Lieferung (z.B. Verkauf oder Vermietung) an einen inländischen Abnehmer für anderweitige Zwecke in Gebrauch genommen wird (Ausnahme vorübergehende Verwendung).

Beispiel 1
Der steuerpflichtige Einzelunternehmer Albert Egli betreibt eine Garage. Er kauft ein Occasionsfahrzeug von einer nicht steuerpflichtigen Privatperson und macht den fiktiven Vorsteuerabzug geltend. 

Variante 1
Das Fahrzeug wird ins Ausland verkauft (Ausfuhr mit Veranlagungsverfügung der EZV belegt). 

Es handelt sich um eine Lieferung an einen Abnehmer im Ausland, d.h. der geltend gemachte fiktive Vorsteuerabzug ist rückgängig zu machen.

Variante 2
Nach Ablauf eines Monats wird das Fahrzeug definitiv für den privaten Bedarf des Garagisten entnommen. 

Das Fahrzeug wird dem Verkauf entzogen. Es handelt sich um einen Eigenverbrauchstatbestand nach Artikel 31 Absatz 2 Buchstabe a MWSTG, d.h. der geltend gemachte fiktive Vorsteuerabzug ist rückgängig zu machen (siehe MWST-Info Nutzungsänderungen). 

Variante 3
Nachdem über ein Jahr vergeblich versucht wurde, das Fahrzeug zu verkaufen, wird das Fahrzeug umgebaut und für die betriebseigene Autofahrschule (gem. Art. 21 Abs. 2 Ziff. 11 MWSTG von der Steuer ausgenommene Tätigkeit) verwendet. 

Das Fahrzeug wird dem Verkauf entzogen. Es handelt sich um einen Eigenverbrauchstatbestand nach Artikel 31 Absatz 2 Buchstabe b MWSTG, d.h. der geltend gemachte fiktive Vorsteuerabzug ist rückgängig zu machen (Zeitpunkt). 

Variante 4
Nach 3 Monaten wird beschlossen, dieses Fahrzeug als Servicefahrzeug für den Pannendienst umzurüsten. 

Das Fahrzeug wird dem Verkauf entzogen, d.h. der geltend gemachte fiktive Vorsteuerabzug ist rückgängig zu machen. 

Beispiel 2
Der steuerpflichtige Landmaschinenhändler Ernst Manser (Einzelunternehmung) bezieht von einem nicht steuerpflichtigen inländischen Lieferanten eine Glattwalze für die Bodenbearbeitung und macht den fiktiven Vorsteuerabzug geltend. Infolge Unverkäuflichkeit wird beschlossen, die Walze im eigenen Landwirtschaftsbetrieb einzusetzen. 

Die Glattwalze wird dem Verkauf entzogen, d.h. der geltend gemachte fiktive Vorsteuerabzug ist rückgängig zu machen.

Zeitpunkt der Rückgängigmachung sowie Deklaration

Der fiktive Vorsteuerabzug ist von der steuerpflichtigen Person in jener Abrechnungsperiode rückgängig zu machen, in der die Lieferung an einen Abnehmer im Ausland erfolgt beziehungsweise der Gegenstand dem Verkauf entzogen wird. Der geltend gemachte fiktive Vorsteuerabzug ist in gleicher Höhe rückgängig zu machen. Dies erfolgt auf dem MWST-Abrechnungsformular unter der Ziffer 400, Vorsteuer auf Material- und Dienstleistungsaufwand. 

Buchführung und Aufzeichnung

Zur Überprüfung, ob der fiktive Vorsteuerabzug berechtigt ist oder nicht, muss die steuerpflichtige Person über die Gebrauchtgegenstände eine Bezugs- und Lieferungskontrolle führen. Die Ausgestaltung dieser Kontrolle bleibt der steuerpflichtigen Person vorbehalten. Sie muss jedoch Gewähr dafür bieten, dass die einzelnen Geschäftsvorfälle leicht und zuverlässig nachvollziehbar sind (Prüfspur). 

Vorzugsweise wird dieser Aufzeichnungspflicht durch separate Einkaufs- und Verkaufskontrollen (z.B. Wagenhandelskontrolle) entsprochen. Bei Gebrauchtgegenständen, die zu einem Gesamtpreis erworben werden, sind pro Gesamtheit separate Aufzeichnungen zu führen (Art. 64 MWSTV).

Es empfiehlt sich, die Lieferanten und Kunden im Verzeichnis mit Name, Vorname und Ort aufzuführen, damit jederzeit auf die entsprechenden Belege zugegriffen werden kann. 

Die Individualisierbarkeit der Gegenstände ist Voraussetzung für den fiktiven Vorsteuerabzug. Deshalb müssen die Gebrauchtgegenstände sowohl auf den Rechnungen (Einkaufs- und Verkaufsrechnung) als auch in der Einkaufs- und Verkaufskontrolle detailliert gekennzeichnet und somit einwandfrei individualisierbar sein. 

Nebst separaten Einkaufs- und Verkaufskontrollen können auch andere Aufzeichnungsformen zu einem ordnungsgemässen Nachweis der einzelnen Verkaufsgeschäfte führen. Denkbar sind separate Buchhaltungskonti für Ein- und Verkauf, die mittels identischen Referenzen den Bezug zwischen Ein- und Verkauf sicherstellen. Weitere Varianten wie die Abwicklung über eine Lagerbuchhaltung sind ebenfalls denkbar. Die gewählte Variante hat analog vorgehender Beispiele den ordnungsgemässen Nachweis (Überprüfbarkeit) zu gewährleisten.

Korrektur des fiktiven Vorsteuerabzugs bei zu einem Gesamtpreis erworbenen Gegenständen

Bei zu einem Gesamtpreis erworbenen Gegenständen, die sowohl an Abnehmer im In- als auch im Ausland verkauft werden, muss der fiktive Vorsteuerabzug korrigiert werden.

Quelle: ESTV, Auszug aus der MWST-Info 09 Vorsteuerabzug und Vorsteuerkorrekturen.

Seminar-Empfehlung

Praxis-Seminar, 1 Tag, ZWB, Zürich

MWST - ADVANCED

Komplexe MWST-Fälle sicher abwickeln

Werden Sie zum MWST-Crack: So wickeln Sie auch kompliziertere Reihengeschäfte mit ausländischen Partnern sicher ab, vermeiden Falschdeklarationen und erkennen Optimierungsmöglichkeiten.

Nächster Termin: 16. November 2017

mehr Infos

Produkt-Empfehlungen

  • MehrwertsteuerPraxis

    MehrwertsteuerPraxis

    Mehrwertsteuer richtig abrechnen, optimieren und Risiken minimieren.

    ab CHF 168.00

  • Newsletter Mehrwertsteuer

    Newsletter Mehrwertsteuer

    Praxisorientierte Fachexpertenbeiträge und Fälle aus der Praxis, die MWST-Verantwortliche im Alltag beschäftigen.

    Mehr Infos

  • RechnungswesenPraxis

    RechnungswesenPraxis

    Ihre Online-Lösung für eine sichere Buchführung und ein effizientes Rechnungswesen

    Mehr Infos

Seminar-Empfehlungen

  • Praxis-Seminar, 1 Tag, ZWB, Zürich

    MWST - BASIC

    Grundlagen kennen, MWST-Risiken vermeiden

    Nächster Termin: 09. November 2017

    mehr Infos

  • Praxis-Seminar, 1 Tag, ZWB, Zürich

    Zoll und Mehrwertsteuer

    Grenzüberschreitende MWST und Zollvorschriften in der Praxis richtig abwickeln

    Nächster Termin: 22. März 2018

    mehr Infos

  • Praxis-Seminar, 1 Tag, ZWB, Zürich

    MWST - ADVANCED

    Komplexe MWST-Fälle sicher abwickeln

    Nächster Termin: 16. November 2017

    mehr Infos