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Balanced Scorecard: Ein Instrument der Unternehmensführung

Die Balanced Scorecard, eines der wohl bekanntesten Management-Instrumente, wird in diesem Beitrag etwas anders dargestellt als es sonst üblich ist. Es wird die Frage gestellt, ob die Balanced Scorecard wirklich die «Methode der Wahl» ist, als welche sie in vielen Büchern propagiert wird. Es gibt zwar eine grosse Zahl von Unternehmen, bei denen dieses Instrument nicht nur eingeführt wurde, sondern sich auch bewährt hat. Daneben berichten aber auch viele Firmen über einen wenig erfolgreichen Einsatz. Was also sind die Gründe für diesen Umstand? Es wird das Konzept der Balanced Scorecard beschrieben und daraufhin gezeigt, welche Probleme entstehen, wenn eine Balanced-Scorcard-Planung mit einer operativen Planung verbunden werden soll. Dabei zeigt es sich, dass die Balanced-Scorecard-Planung einen solchen Freiraum der Gestaltung für den Planer übrig lässt, dass der Erfolg oder Misserfolg einer Einführung massgeblich von dem Planer und nicht von der Konzeption abhängt.

12.01.2026 Von: Prof. Dr. Thomas Rautenstrauch
Balanced Scorecard

History

Im Jahre 1996 veröffentlichten Kaplan und Norton ein Werk mit dem Titel «Balanced Scorecard: Translating Strategy into Action». Es wurde zu einem der erfolgreichsten Werke der Managementliteratur und ist in achtzehn Sprachen übersetzt worden. Ausserdem erhielt es den Preis der American Accounting Association as «the best theoretical contribution in 1997». Aber mehr noch: «The Balanced Scorecard was selected by HBR (Harvard Business Review) as one of the most important management practise of the past 75 years.» Kaplan und Norton selbst sprechen von einer «Balanced Scorecard Revolution».

Vier Jahre später schrieben Kaplan und Norton ein weiteres Werk mit dem Titel «The Strategy Focused Organization», in welchem sie das Konzept der Balanced Scorecard weiter ausgestalteten.

In diesem Beitrag wird zuerst das Konzept der Balanced Scorecard beschrieben. Danach wird die Frage behandelt, ob dieses Konzept zur Verbesserung der Unternehmensführung beitragen kann. Mit anderen Worten: Ist es ein Instrument, welches der Unternehmensführung zur Durchsetzung ihrer Ziele dienen kann?

Konzeption einer Balanced Scorecard nach Kaplan/Norton

Die Autoren Kaplan und Norton fordern ein strategisches Planungsmodell zu entwickeln, mit welchem bestimmte Sollkennzahlen für einen Planungszeitraum von drei bis fünf Jahren zu ermitteln sind. Dabei soll es sich nicht nur um finanzielle Kennzahlen handeln. Vielmehr erheben Kaplan und Norton die Forderung, auch nichtfinanzielle Kennzahlen zu verwenden. Diese finanziellen und nichtfinanziellen Kennzahlen sollen dabei ein ausbalanciertes System von Sollwerten ergeben, und dies ist die Balanced Scorecard.

Diese Balanced-Scorecard-Kennzahlen bilden die Variablen eines Balanced-Scorecard-Modells. Dieses unterscheidet sich, wie die Autoren betonen, wesentlich von einem «traditionellen Rechnungswesenmodell».

Kaplan und Norton fordern, dass ihre Kennzahlen verschiedenen «Perspektiven» zugeordnet werden sollen. Sie unterscheiden insgesamt vier Perspektiven:

  • die finanzielle Perspektive,
  • die Kundenperspektive,
  • die Geschäftsprozessperspektive sowie
  • die Lern- und Entwicklungsperspektive.

Die Einteilung der Kennzahlen nach diesen vier Perspektiven ist aber nicht verbindlich. Ausser den Kennzahlen der finanziellen Perspektive darf ein Modellentwickler auch andere Perspektiven und damit Kennzahlen dieser Perspektiven verwenden. Die Anzahl der Kennzahlen soll zwischen 15 und 25 variieren.

Die Kennzahlen sollen als Zielgrössen der vier Perspektivbereiche fungieren. Es soll sich daher um Grössen handeln, «die die Absicht der Zielsetzung am besten zum Ausdruck bringen.» Zwischen den Kennzahlen müssen «Ursache-Wirkungsbeziehungen» existieren. Sie bilden die Hypothesen des Modells. Würde man sie streichen, dann könnte nicht mehr von einem Modell gesprochen werden. Es bliebe nur eine Kennzahlenliste.

Zur Entwicklung dieses Modells fordern Kaplan und Norton: «Das Kennzahlensystem sollte die Beziehungen (Hypothesen) zwischen Zielen (und Kennzahlen) aus den verschiedenen Perspektiven deutlich machen, damit sie gesteuert und bewertet werden können. Die Kette von Ursache und Wirkung sollte sich durch alle Perspektiven auf der Balanced Scorecard ziehen.»

Die Ursache-Wirkungsketten in Form bestimmter Hypothesen enden immer bei den finanziellen Kennzahlen, denn: «Letzten Endes sollte es einen Kausalzusammenhang aller Kennzahlen auf der Scorecard zu den finanzwirtschaftlichen Zielen der Unternehmung geben.» Die Variablen eines Balanced-Scorecard-Modells sind daher Variablen, die als Zielgrösse einer Planung fungieren. Diese Variablen oder Zielgrössen sind durch Hypothesen miteinander verbunden.

Es fragt sich, mit welchen Beschreibungskategorien ein solches Balanced-Scorecard-Modell arbeiten soll. Kaplan und Norton fordern die Entwicklung «ein(es) graphisch(en) Modell(s) der Verbindung der Kennzahlen innerhalb der Perspektiven und den Verbindungen zu Kennzahlen oder Zielsetzungen in anderen Perspektiven.» Sie entwickeln keine Vorschriften, nach welchen ihre graphischen Balanced-Scorecard-Modelle gestaltet werden sollen. Man kann daher nur die von den Autoren angeführten Beispiele heranziehen, um zu beurteilen, in welchem Umfang diese Modelle den üblichen Standards einer Modellbildung entsprechen.

Abb. 1: Beispiel eines grafischen Balanced-Scorecard-Modells

Als Beispiel sei das Ursache-Wirkungsdiagramm in Abb. 1 angeführt, welches das am stärksten konkretisierte Balanced-Scorecard-Modell des gesamten Textes darstellt. In ihm wird zwischen Leistungstreibern und Ergebniskennzahlen unterschieden. Die Leistungstreiber sind nicht nur unabhängige, sondern auch abhängige Modellvariablen. Denn sie werden teilweise wieder (über Hypothesen) von anderen Leistungstreibern beeinflusst. Beispielsweise beeinflusst der Modelltreiber «Schadensqualitätsprüfung» die Ergebniskennzahl «Schadenshäufigkeit». Die «Schadensqualitätsprüfung» wiederum wird von dem Modelltreiber «Verfügbarkeit strategischer Informationssysteme» beeinflusst. Auch die Ergebniskennzahlen sind über Hypothesen miteinander verknüpft. Jeder Pfeil in dem Schema repräsentiert daher eine bestimmte Ursache-Wirkungsbeziehung.

Um im Rahmen einer Planung zu Sollwerten dieser Grössen zu gelangen, müssen sie zum einen messbar sein, zum anderen benötigt man eine Hypothese, welche die quantitative Verknüpfung zwischen diesen Grössen, d.h. den Balanced-Scorecard-Kennzahlen, beschreibt. Hierzu gibt es keine Information, die über Abb. 1 hinausgeht.

Sämtliche Kennzahlen in Abb. 1 sind mit Namen versehen, aber fast alle bedürfen (unserer Meinung nach) auch einer Messvorschrift (Operationalisierung). Der Leser erfährt z.B. nicht, wie die «Vertragsqualitätsprüfung» oder die «Verfügbarkeit strategischer Informationssysteme» gemessen werden sollen. Eine solche Messvorschrift ist aber zwingend notwendig. Sie erübrigt sich nur bei finanziellen Kennzahlen, da deren Definition und Messung durch die Vorschriften des Rechnungswesens unproblematisch ist.

Wie man feststellen kann, sind einige Kennzahlen in Abb. 1 als Plan-Ist-Abweichungsgrössen definiert. Dies gilt beispielsweise für die «Vertretungsleistung gegenüber Plan» oder die «Geschäftsentwicklung gegenüber Plan». Das Balanced-Scorecard-Modell, anhand dessen die Sollwerte zu bestimmen sind, muss aber ein Planmodell sein. Wie kann ein Planmodell aber eine Plan-Ist-Abweichung als Variable enthalten? Eine solche Plan-Ist-Abweichung ist Gegenstand einer Abweichungsanalyse nach Ablauf der Planperiode. Dabei werden die Plan- und Istwerte (z.B. der Plan- und Ist-Gewinn), die anhand eines Plan- und Ist-Modells ermittelt wurden, miteinander verglichen.

Die in Abb. 1 angeführten Modellhypothesen sind nur als Pfeilbeziehungen spezifiziert. Selbst in dieser allgemeinen Darstellung erweisen sie sich noch als ziemlich fragwürdig. Hierzu ein Beispiel: Abb. 1 behauptet, dass die «Sortimentsstreuung» die Grösse «Katastrophale Verluste» beeinflusst. Es stellt sich die Frage: Welche Hypothese in Form eines quantitativen Zusammenhanges soll zwischen der Kennzahl «Sortimentsstreuung» und der Grösse «Katastrophale Verluste» angenommen werden? Nur einen Pfeil zu zeichnen, reicht nicht aus. Weiter stellt sich auch hier wieder die Frage nach der Operationalisierung: Wie soll die Kennzahl «Katastrophale Verluste» als (messbare) Beobachtungsgrösse definiert werden?

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