Konkurse Schweiz: Erfolgreich wirtschaften im Jahr der Rekord-Pleiten

Die Konkurse Schweiz erreichen 2026 ein historisches Ausmass. Über 14'000 Firmenpleiten sind möglich. Warum Sie gerade jetzt Ihr Mahnwesen auf den Prüfstand stellen sollte und welche sieben Prioritäten den Unterschied zwischen Liquidität und Verlust ausmachen, lesen Sie in diesem Beitrag.

12.05.2026 Von: Prof. Dr. Thomas Rautenstrauch
Konkurse Schweiz

Einleitung in das Thema Konkurse Schweiz

Die jüngsten Daten von Creditreform Schweiz lassen wenig Raum für Interpretation: In den Monaten Januar und Februar 2026 stieg die Zahl der Konkurse Schweiz im Vorjahresvergleich um 75,8 Prozent auf 2'361 Fälle. Hochgerechnet auf das Gesamtjahr drohen erstmals mehr als 14'000 Firmeninsolvenzen in der Schweiz. 

Auch die Privatkonkurse nehmen zu: Plus 43 Prozent in den ersten beiden Monaten 2026, auf 281 Fälle. Creditreform spricht von einer «beispiellosen Konkurswelle», deren Beginn bereits in die zweite Jahreshälfte 2025 zurückreicht.

Mit der Inkraftsetzung der Anfang 2024 beschlossenen Gesetzesänderung sind Steuerbehörden und Sozialversicherungen verpflichtet, ihre Forderungen aktiv betreibungsrechtlich durchzusetzen. Damit entfällt für eine erhebliche Zahl strukturell überschuldeter Unternehmen ein bislang üblicher Verzögerungsspielraum. Die Folge ist eine Bereinigungswelle, deren volle Wirkung erst 2026 sichtbar wird.

Die Mathematik des Ausfalls

Die wirtschaftlichen Konsequenzen eines Forderungsausfalls werden in der Praxis regelmässig unterschätzt. Statistisch geht der Gläubiger in 98,3 Prozent aller Konkurse Schweiz leer aus. In den wenigen Fällen, in denen überhaupt eine Quote ausgeschüttet wird, liegt die durchschnittliche Konkursdividende unter 6 Prozent.

Ein Unternehmen mit einer Million Franken Umsatz und 5 Prozent Umsatzrendite erwirtschaftet 50'000 Franken Gewinn. Ein Debitorenverlust von 1 Prozent reduziert den Gewinn um 20 Prozent. Um diesen Verlust durch Mehrumsatz zu kompensieren, ist eine Umsatzsteigerung von 200'000 Franken erforderlich, bei einem Debitorenverlust von 2 Prozent sind es bereits 400'000 Franken.

In einer Phase, in der Wachstum branchenübergreifend zur Mangelware wird, ist diese Rechnung nicht nur theoretisch unangenehm. Sie wird zur strategischen Steuerungsgrösse.

Branchen unter besonderer Beobachtung

Die Analyse von Dun & Bradstreet zu den Konkurszahlen 2024 zeigt eine deutliche Heterogenität über die Sektoren. In absoluten Zahlen führen Baugewerbe (629 Insolvenzen im ersten Halbjahr), juristische, kommerzielle und technische Dienstleistungen (496) sowie der Handel (450). Bei den relativen Zuwächsen verzeichneten das Autogewerbe (+43 Prozent), die Immobilienbranche (+38 Prozent) sowie Herstellung und persönliche Dienstleistungen (je +16 Prozent) die höchsten Werte.

Die Creditreform-Risikoeinschätzung weist insbesondere dem Hochbau, dem Bau-Nebengewerbe, sonstigen Bauinstallationen, dem Fussboden-, Fliesen- und Plattenlegergewerbe sowie dem Gastgewerbe die höchste Risikoklasse zu. Wer Geschäftsbeziehungen in diesen Sektoren unterhält, sollte das eigene Forderungsportfolio risikoadjustiert bewirtschaften – mit verschärften Bonitätsprüfungen, kürzeren Zahlungszielen und gegebenenfalls Sicherungsinstrumenten wie Vorauskasse, Bürgschaften oder Warenkreditversicherungen.

Konkursreiterei als strukturelles Risiko

Eine besonders heikle Dimension der aktuellen Konkurslandschaft betrifft die sogenannte Konkursreiterei. Schätzungen zufolge weist etwa jeder vierte Schweizer Firmenkonkurs Hinweise auf Konkursdelikte auf, darunter betrügerischer Konkurs (Art. 163 StGB), Gläubigerschädigung durch Vermögensminderung (Art. 164 StGB), Misswirtschaft (Art. 165 StGB) oder die Unterlassung der Buchführung (Art. 166 StGB). Der Anteil stieg von 20 Prozent im Jahr 2019 auf 24 Prozent im Jahr 2021.

Das typische Vorgehen folgt einem etablierten Muster: Eine wirtschaftlich angeschlagene Gesellschaft wird über einen Vermittler an einen neuen Eigentümer übertragen. Dieser sogenannte «Bestatter» verlegt regelmässig den Firmensitz in einen anderen Betreibungskreis. Da jeder Betreibungskreis ein eigenes Register führt (Art. 8 Abs. 1 SchKG), erscheinen die Altschulden im neuen Auszug nicht. Es entsteht der Eindruck einer schuldenfreien Gesellschaft. In der Folge werden auf Rechnung weitere Bestellungen getätigt, ohne dass eine Zahlungsabsicht besteht. Der Konkurs tritt typischerweise innerhalb eines Jahres und in der Regel mangels Aktiven ein (Art. 230 SchKG).

Für Gläubiger bedeutet dies: Eine saubere Betreibungsauskunft am Firmensitz allein ist kein ausreichendes Bonitätssignal. Sitzverlegungen, kurzfristige Wechsel in Verwaltungsrat oder Geschäftsführung sowie auffällige Veränderungen im Bestellverhalten neuer Kunden sollten in jedem Bonitätsmonitoring als Warnindikatoren hinterlegt sein. 

Drei Phasen der Konkurse Schweiz

Modernes Forderungsmanagement ist keine isolierte Funktion der Debitorenbuchhaltung, sondern eine integrierte Disziplin entlang des Order-to-Cash-Cycle. Sie umfasst drei klar abgegrenzte Phasen.

In der Akquisitionsphase werden die rechtlichen und kommerziellen Rahmenbedingungen geschaffen, die spätere Forderungseinbringung überhaupt ermöglichen. Dazu gehören AGB mit expliziten Regelungen zu Verzugszinsen (Art. 104 OR sieht 5 Prozent vor; vertraglich erhöhbar), Mahngebühren und Gläubigerschadenpauschalen, eine differenzierte Kreditlimitensteuerung nach Kundensegmenten sowie die systematische Erfassung der Vertragsgrundlagen. Insbesondere bei Online-Geschäften und Kauf gegen Rechnung mit Vorleistung liegt häufig keine Schuldanerkennung im Sinne von Art. 82 Abs. 1 SchKG vor – mit entsprechenden Konsequenzen für die spätere Rechtsöffnung.

Die Präventionsphase umfasst die kontinuierliche Bonitätsbewirtschaftung. Bei Unternehmen fliessen Faktoren wie Jahresabschlussdaten, Branchenrisiko, Kapitalstruktur, Umsatz und Unternehmensalter in die Bewertung ein. Bei Privatpersonen sind Zahlungsverhalten, Vermögensverhältnisse, Beruf und Wohnsitz relevant. Eine risikoadjustierte Prüfung von der einfachen Score-Auskunft bei Kleinkunden bis zur Due Diligence bei strategischen A-Kunden ist sowohl ökonomisch sinnvoll als auch operativ effizient.

In der Realisationsphase schliesslich wird zwischen vorrechtlichem Inkasso (Mahnverfahren), rechtlichem Inkasso (Betreibungsverfahren nach SchKG), Rechtsöffnung, gerichtlichem Inkasso und Verlustscheinbewirtschaftung unterschieden. Jede Phase hat eigene Kostenstrukturen: Ein Zahlungsbefehl bei Forderungen zwischen 1'000 und 10'000 Franken kostet gemäss Art. 13 SchKG 74 Franken, das Fortsetzungsbegehren weitere 65 Franken. Eine Studie der KMU-HSG beziffert den durchschnittlichen Gläubigeraufwand vom Verzugseintritt bis zum Verwertungsverfahren auf 279 Franken pro Fall.

Die Kennzahlen, die den Unterschied machen

Wirksames Forderungsmanagement lässt sich messen. Die beiden zentralen Kennzahlen sind der Debitorenumschlag (Nettoerlös aus Kreditverkäufen dividiert durch durchschnittlichen Debitorenbestand) und die daraus abgeleitete Debitorenfrist in Tagen (360 dividiert durch Debitorenumschlag). Weicht die Debitorenfrist um mehr als 40 Prozent vom vereinbarten Zahlungsziel ab, ist die Wirksamkeit der Mahnprozesse strukturell unzureichend.

Welche Hebelwirkung in einer Optimierung steckt, illustriert ein dokumentiertes Fallbeispiel: Ein Schweizer Mittelständler mit 1,1 Millionen Franken Kreditumsatz reduzierte durch konsequente Massnahmen die Debitorenfrist von 74 auf 44 Tage. Der durchschnittliche Zahlungsverzug sank von 44 auf 14 Tage. Die freigesetzte Liquidität betrug 98'089 Franken. 

Diese Kennzahlen gehören in das monatliche Finanzreporting, nicht in den Jahresabschluss. Ein Frühwarnsystem, das nur jährlich Signale sendet, verdient diesen Namen nicht.

Künstliche Intelligenz und veränderte Schuldnerdemografie

Die technologische Entwicklung hat das Forderungsmanagement in den vergangenen achtzehn Monaten substanziell verändert. KI-gestützte Systeme ermöglichen heute eine differenzierte Segmentierung von Schuldnern nach Verhaltenstypen, eine Prognose von Zahlungsausfällen über Predictive-Analytics-Modelle sowie eine kanalspezifische, personalisierte Kommunikation.

Operativ relevant ist insbesondere die Möglichkeit, Mahnstrategien an Schuldnertypologien anzupassen: Zahlungswillige, finanziell organisierte Schuldner reagieren auf andere Ansprachen als emotional kommunizierende oder akut zahlungsunfähige Schuldnergruppen. Studien zeigen, dass datenbasierte Eskalationsstrategien die Rückführungsquoten signifikant erhöhen und gleichzeitig die Bearbeitungskosten um geschätzte 40 bis 60 Prozent reduzieren.

Parallel verändert der demografische Wandel die Anforderungen an die Inkassokommunikation. Jüngere Schuldnergruppen, sozialisiert in einem Umfeld digitaler Zahlungsverfahren und «Buy now, pay later»-Modelle, reagieren kaum auf klassische Briefmahnungen. Eine kanalgerechte Kommunikation über digitale Wege, kombiniert mit datengestützten Ansprachezeitpunkten, wird zum Qualitätsmerkmal eines zeitgemässen Forderungsmanagements.

Das Telefon als operativer Hebel

Ungeachtet aller Automatisierungsfortschritte bleibt das telefonische Mahnwesen das wirksamste Einzelinstrument im vorrechtlichen Inkasso. Die Gründe sind kommunikationspsychologisch: Eine direkte Ansprache erzeugt unmittelbaren Antwortdruck, ermöglicht den Aufbau individueller Zahlungsvereinbarungen und schützt, richtig geführt, die Kundenbeziehung.

Entscheidend ist die Gesprächsführung. Lösungsorientierte Fragen («Wie können wir die Sache regeln?») sind den ursachenorientierten Formulierungen («Warum haben Sie nicht bezahlt?») in der Erfolgsquote deutlich überlegen. Geschlossene Fragen erzeugen Abwehrhaltungen, offene Fragen Lösungsräume. Die strukturelle Gesprächsvorbereitung inkl. Zieldefinition, Unterlagenkenntnis und Einwandantizipation entscheidet über das Ergebnis stärker als die rhetorische Begabung.

Sieben Massnahmen, die Sie sofort umsetzen können: 

Aus der aktuellen Marktlage und den dargestellten Erkenntnissen ergeben sich für Schweizer Finanzverantwortliche sieben konkrete Handlungsprioritäten, um Konkurse Schweiz zu verhindern:

  • Überprüfung und Aktualisierung der AGB hinsichtlich Verzugszinsen, Mahngebühren und Gläubigerschadenpauschalen.
  • Einführung oder Verfeinerung eines laufenden Bonitätsmonitorings mit definierten Warnindikatoren
  • eine kundensegmentspezifische Differenzierung der Mahnstrategie.
  • Integration der Kennzahlen Debitorenumschlag und Debitorenfrist in das monatliche Finanzreporting.
  • Prüfung von Sicherungsinstrumenten wie Factoring, Warenkreditversicherung oder Bankgarantien für Geschäftsbeziehungen in Risikobranchen.
  • Gezielter Aufbau von Telefoninkasso-Kompetenz im eigenen Haus.
  • Evaluation KI-gestützter Mahnlösungen als operative Effizienzhebel.
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