21.09.2021

Derivat: So bilanzieren Sie den Währungsrisikoschutz

In der Zeit von volatilen Fremdwährungskursen sehen sich auch Schweizer KMUs mit internationalen Beziehungen mit zum Teil erheblichen Wechselkursrisiken konfrontiert. Ein Schutz kann hier mit derivative Finanzinstrumente erreicht werden. Das häufigste derivative Finanzinstrument (nachfolgend Derivat), welches zur Absicherung des Fremdwährungsrisikos bei KMUs zur Anwendung gelangt, ist ein Kauf oder Verkauf der entsprechenden Währung auf einen Zeitpunkt in der Zukunft (sog. Termingeschäft), aber auch Futures und Optionen kommen zum Einsatz. Dieser Beitrag stellt die grundsätzlichen Bilanzierungsmöglichkeiten von Fremdwährungspositionen sowie deren Absicherungsgeschäfte vor.

Von: Frank Bracher, Bernhard Leiser   Drucken Teilen  

Frank Bracher

Frank Bracher, BSc in Betriebsökonomie, dipl. Wirtschaftsprüfer, ist seit 2014 für die T+R AG tätig. Er betreut mittelständische Revisionskunden in den Branchen Handel, Dienstleistung und Industrie sowie im Gemeindewesen.

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Bernhard Leiser

Bernhard Leiser ist Partner und Mitglied des Verwaltungsrates der T+R AG in Gümligen. Seine Beratungsschwerpunkte sind Wirtschaftsprüfung und -beratung, Auf- und Ausbau sowie Prüfung von internen Kontrollsystemen, Einführung und Anwendung von höheren Rechnungslegungsstandards (Swiss GAAP FER und IFRS) sowie Spezialrevisionen und Due Dilligence.

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Derivat

Ersterfassung und Folgebewertung

Bei der erstmaligen Erfassung werden die Derivate zu den Anschaffungskosten erfasst (Art. 960a Abs. 1 OR). Bei «klassischen» Termingeschäften sind die Anschaffungskosten null.

Die Folgebewertung kann nach dem Niederstwertprinzip oder zum aktuellen Marktwert erfolgen, sofern ein aktiver und liquider Markt für das Derivat besteht (Art. 960b Abs. 1 OR).

Behandlung von derivativen Finanzinstrumenten ohne Absicherungszweck

Werden Derivate ohne Absicherungszwecke erworben oder erfüllen diese die Kriterien eines Absicherungsgeschäfts nicht, so können die Derivate im Sinne von Wertschriften zum Marktwert oder nach dem Niederstwertprinzip bewertet werden. Für drohende Verluste sind entsprechende Rückstellungen zu bilden. Damit sich die Leser einer Jahresrechnung ein zuverlässiges Bild verschaffen können, empfiehlt es sich, weitere Erläuterungen im Anhang zur Jahresrechnung in Anlehnung an Swiss GAAP FER offenzulegen. Dies würde eine Beschreibung der Basiswerte (Zinssätze, Devisen, Eigenkapitalinstrumente usw.), der total aktiven und passiven Wiederbeschaffungswerte sowie den Zweck des Haltens umfassen (Swiss GAAP FER Ziff. 8).

Behandlung von derivativen Finanzinstrumenten mit Absicherungszweck

Erfüllt das Derivat die Bedingungen eines Absicherungsgeschäfts, können dafür die gleichen Bewertungsgrundsätze gewählt werden wie für das abgesicherte Grundgeschäft (einheitliche Betrachtung von Grundgeschäft und Derivat).

Damit ein Derivat als Absicherungsgeschäft qualifizieren kann, müssen gewisse Kriterien erfüllt sein. Eine (in KMU-Verhältnissen einfache) interne Dokumentation gibt Aufschluss über die Erfüllung dieser Kriterien. Diese Dokumentation beschreibt den direkten und unmittelbaren Bezug zwischen dem eingegangenen Derivat und den Risiken des Grundgeschäfts sowie die enge negativ korrelierende Sicherungswirkung zwischen Absicherungs- und Grundgeschäft.

Bei Absicherungsgeschäften können Gewinne und Verluste aus dem Grund- und Absicherungsgeschäft gemeinsam behandelt werden (einheitliche Betrachtung der Bewertungseinheit).

Im Anhang der Jahresrechnung ist auf die Anwendung von Hedge Accounting unter den Bilanzierungs- und Bewertungsgrundsätzen hinzuweisen (Art. 959c Abs. 1 OR). Weiter empfiehlt sich, den Einfluss der Derivate auf die Bilanz und die Erfolgsrechnung zu erläutern.

Absicherung einer Bilanzposition, die zum Marktwert bewertet wird

Handelt es sich beim Grundgeschäft um eine Bilanzposition, die zum Marktwert bewertet wird, so wird auch das Derivat zum Marktwert bewertet. Das Grund- und das Absicherungsgeschäft werden in der Bilanz in unterschiedlichen Positionen der Jahresrechnung ausgewiesen, in der Erfolgsrechnung neutralisieren sich hingegen Gewinn und Verlust infolge der Gegenläufigkeit in der Wertentwicklung.

Beispiel: Bilanzierung einer Kundenforderung in EUR
(Absicherung einer Bilanzposition, die zum Marktwert bewertet wird)
 

Buchungssatz Betrag CHF Erläuterungen
Lieferung und Leistung (inkl. Rechnungsstellung) am 5.11.20_1 (Kurs EUR/CHF 1.20)
Debitor Umsatz 120'000 Grundgeschäft
  • An die abc GmbH mit Sitz in Berlin werden Produkte über TEUR 100 geliefert und die Rechnung mit der Ware mitgesendet. Zum Rechnungsdatum notiert der Euro bei EUR/CHF 1.20.
  • Zahlungsziel der Rechnung: 60 Tage netto
  • Allfällige Steuern, Gebühren und Abgaben werden vernachlässigt.
- - - Absicherungsgeschäft/Derivat
  • Verkauf der TEUR 100 auf den Zeitpunkt des erwarteten Zahlungseingangs
  • abgesicherter Kurs EUR/CHF 1.20
Bilanzstichtag 31.12.20_1 (Kurs EUR/CHF 1.15)
Fremdwährungserfolg Debitor 5'000 Grundgeschäft
  • Neubewertung der Kundenforderung zum Stichtagskurs am Bilanzstichtag, EUR/CHF 1.15
Termingeschäft (Wertschriften) Fremdwährungserfolg 5'000 Absicherungsgeschäft/Derivat
  • Einbuchen des Termingeschäfts zum Marktwert
  • Wertverlust des Debitors wird durch Einbuchen des Marktwerts des Termingeschäfts vollständig kompensiert
Kundenzahlung am 6.01.20_2, Verkauf der EUR zum fixierten Kurs (Kurs EUR/CHF 1.12)
Fremdwährungserfolg Debitor 3'000 Grundgeschäft
  • Neubewertung der Kundenforderung zum Kurs bei Zahlungseingang
Bank Debitor 112'000 Grundgeschäft
  • Kurs zum Zeitpunkt des Zahlungseingangs EUR/CHF 1.12
Termingeschäft (Wertschriften) Fremdwährungserfolg 3'000 Absicherungsgeschäft/Derivat
  • Neubewertung des Termingeschäfts zum Kurs bei Fälligkeit des Terminverkaufs der TEUR 100
Bank Termingeschäft
(Wertschriften)
8'000

Absicherungsgeschäft/Derivat

  • Verkauf der TEUR 100 zum fixierten Kurs von EUR/CHF 1.20
  • Ausbuchung des Termingeschäfts

Anstelle der Verbuchung als Fremdwährungserfolg wäre eine Erfassung im Umsatzbereich denkbar.

Offenlegung im Anhang per 31.12.20_1:

Bilanzierungs- und Bewertungsgrundsätze
Hedge Accounting
Derivative Finanzinstrumente werden ausschliesslich zur Absicherung von Fremdwährungsschwankungen auf Kundenforderungen eingesetzt und zu den gleichen Bewertungsgrundsätzen wie die abgesicherte Kundenforderungsposition bewertet.

Wird die Kundenforderung zu Marktwerten bewertet, wird auch das Derivat zu Marktwerten angesetzt. Der ineffektive Teil der Sicherungsbeziehung wird direkt im Periodenergebnis erfasst. Sämtliche Wertänderungen des Sicherungsinstruments werden in der Erfolgsrechnung im Finanzergebnis ausgewiesen.

Angaben zu Bilanz- und Erfolgsrechnungspositionen
Derivative Finanzinstrumente
 

Basiswert Transaktion Fälligkeit Zweck Wiederbeschaffungswert Bilanzierter
Wert
        positiv negativ aktiv passiv
Kundenforderung in EUR Verkauf von TEUR 100 auf Termin zum Kurs EUR/CHF 1.20 6.01.20_2 Absicherung 5'000   5'000  

Per 31.12.20_0 bestanden keine offenen Derivate.

Absicherung einer Bilanzposition, die zum Niederstwertprinzip bewertet wird

Bei einem Wertzuwachs des Grundgeschäfts wird nach dem Niederstwertprinzip kein Wertzuwachs gebucht. Der Verlust des Absicherungsgeschäfts wird nicht in der Erfolgsrechnung erfasst, sondern im Anhang offengelegt. Bei einem Verlust des Grundgeschäfts wird die Abwertung in der Erfolgsrechnung erfasst. Der gegenläufige Gewinn des Absicherungsgeschäfts wird in derselben Erfolgsrechnungsposition wie der Verlust des Grundgeschäfts erfasst und neutralisiert dadurch dessen Verlust.

Beispiel: Bilanzierung eines Aktivdarlehens in EUR
(Absicherung einer Bilanzposition, die nach dem Niederstwertprinzip bewertet
wird)
 

Buchungssatz Betrag
CHF
Erläuterungen
Darlehensgewährung am 1.01.20_2 (Kurs EUR/CHF 1.15)
Aktivdarlehen Bank 345'000

Grundgeschäft

  • An die xyz GmbH mit Sitz in Paris wird ein langfristiges Darlehen über TEUR 300 gewährt.
  • Der Kurs bei Gewährung beträgt EUR/CHF 1.15.
  • rückzahlbar am 30.06.20_4
- - - Absicherungsgeschäft/Derivat
  • Verkauf der TEUR 300 auf den Zeitpunkt der Rückzahlung zum heutigen Kurs EUR/CHF 1.15
Bilanzstichtag 31.12.20_2 (Kurs EUR/CHF 1.18)
- - - Grundgeschäft
  • Stichtagskurs per 31.12.20_2 EUR/CHF 1.18
  • keine Aufwertung, da Darlehen maximal zu Anschaffungskosten (Niederstwertprinzip)
- - - Absicherungsgeschäft/Derivat
  • keine Erfassung des negativen Wiederbeschaffungswerts in der Bilanz
  • Offenlegung im Anhang
Bilanzstichtag 31.12.20_3 (Kurs EUR/CHF 1.10)
Fremdwährungserfolg Aktivdarlehen 15'000 Grundgeschäft
  • Stichtagskurs per 31.12.20_3 EUR/CHF 1.10
  • Abwertung Darlehen, da Marktwert tiefer als Anschaffungswert (Niederstwertprinzip)
Termingeschäft (Wertschriften) Fremdwährungserfolg 15'000 Absicherungsgeschäft/Derivat
  • Erfassen des positiven Wiederbeschaffungswerts des Termingeschäfts in der Bilanz
  • Das aktivierte Termingeschäft neutralisiert den Verlust aus der Abwertung des Grundgeschäfts.
  • Offenlegung im Anhang
Rückzahlung Darlehen am 30.06.20_4 (Kurs EUR/CHF 1.25)
Aktivdarlehen Fremdwährungserfolg 15'000 Grundgeschäft
  • Zuschreibung Darlehen bis maximal auf den historischen Anschaffungswert
Aktivdarlehen Fremdwährungserfolg 30'000 Grundgeschäft
  • Erfassen des realisierten Fremdwährungsgewinns auf dem Aktivdarlehen zum Zeitpunkt der Rückzahlung
Bank Aktivdarlehen 375'000 Grundgeschäft
  • Kurs zum Zeitpunkt des Zahlungseingangs EUR/CHF 1.25
Fremdwährungserfolg Termingeschäft
(Wertschriften)
15'000 Absicherungsgeschäft/Derivat
  • Ausbuchung des positiven Wiederbeschaffungswerts des Termingeschäfts
Fremdwährungserfolg Bank 30'000 Absicherungsgeschäft/Derivat
  • Verkauf der TEUR 300 zum fixierten Kurs von EUR/CHF 1.15
  • Verlust auf Termingeschäft = Kursdifferenz (EUR/CHF 1.15 zu EUR/CHF 1.25) auf abgesichertem Betrag (TEUR 300)

Offenlegung im Anhang per 31.12.20_2 und 31.12.20_3

Bilanzierungs- und Bewertungsgrundsätze
Hedge Accounting
Derivative Finanzinstrumente werden ausschliesslich zur Absicherung von Fremdwährungsschwankungen auf Aktivdarlehen eingesetzt und zu den gleichen Bewertungsgrundsätzen wie die abgesicherten Aktivdarlehen bewertet.

Wird das Aktivdarlehen zum Niederstwertprinzip bewertet, erfolgt die Bewertung zum Niederstwert auch unter Einbezug des Absicherungsgeschäfts. Der ineffektive Teil der Sicherungsbeziehung wird bei nach dem Niederstwertprinzip bewerteten Aktivdarlehenspositionen sofort nach dem Imparitätsprinzip erfasst.

Angaben zu Bilanz- und Erfolgsrechnungspositionen
Derivative Finanzinstrumente
 

Basiswert Transaktion Fälligkeit Zweck 31.12.20_3 31.12.20_2
        Wiederbeschaffungswert Bilanzierter
Wert
Wiederbeschaffungswert Bilanzierter
Wert
        positiv negativ positiv negativ positiv negativ positiv negativ
Darlehen
in EUR
Verkauf von
TEUR 300
auf Termin
zum Kurs
EUR/
CHF 1.15
30.06.20_4 Absicherung 15'000 - 15'000 - - 9'000 - -

Absicherung von künftigen Geldflüssen

Nebst der Absicherung einer bestehenden Bilanzposition wird oft ein künftiger geplanter Mittelfluss abgesichert. Diese künftigen Mittelflüsse werden sich bis zur effektiven Zahlung nicht in der Bilanz niederschlagen. So kann beispielsweise bei einer Investition in eine neue Produktionsanlage bereits bei Vertragsunterzeichnung der zukünftig benötigte Kaufbetrag in EUR auf den Termin der Rechnungsfälligkeit zum heute festgelegten EUR/CHF-Kurs fixiert werden. Das Derivat, im vorliegenden Beispiel wiederum ein Termingeschäft, wird erst bei dessen Fälligkeit erfasst. Dadurch wird der Erfolg aus dem Derivat mit dem gegenläufigen Erfolg aus dem abgesicherten Mittelfluss neutralisiert.

Grundsätzliche Punkte zur Bilanzierung von Absicherungsgeschäften

Auch bei Absicherungsgeschäften ist grundsätzlich sicherzustellen, dass die verlustfreie Bewertung des Grundgeschäfts gewährleistet ist. Ausserdem ist zu beachten, dass keine Aufwertung des Grundgeschäfts über die Anschaffungs- und Herstellungskosten erfolgt, ausser das Grundgeschäft wird zum Marktwert bewertet. Weiter ist zu beachten, dass bei abgesicherten Wareneinkäufen eine entsprechende Drohverlustrückstellung zu bilden ist, sollten die erwarteten Verkaufserlöse durch Fremdwährungseinflüsse unter den Wareneinkaufspreis fallen.

Sollte ein geplantes Grundgeschäft nicht wie geplant eintreten, so sind allfällige Verluste aus dem Derivat sofort in der Erfolgsrechnung zu erfassen. Ein allfälliger Gewinn wäre jedoch erst bei dessen Realisation zu erfassen.
 

Weitere Informationen:

  • Im Beitrag «Währungsrisiken» finden Sie eine Übersicht, welche Risiken beim Vorliegen von verschiedenen Währungen im Unternehmen konkret bestehen und wie diesen begegnet werden kann.
  • Der Beitrag «Währungsrisiko» informiert, wann sich eine Absicherung von Währungsrisiken lohnt und welche derivativen Absicherungsinstrumente hier zur Verfügung stehen.

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