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Jahresrechnungen: Wichtige Risikobereiche

Die Jahresrechnungen sind ein zentrales Dokument, um die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage sowie die finanzielle Performance eines Unternehmens zu beurteilen. Für alle Bilanzadressaten ist die Identifikation von Risikobereichen von besonderer Relevanz, wobei sowohl etablierte als auch junge Unternehmen und Start-ups aus Sicht von Eigen- und Fremdkapitalgebern Risiken darstellen können, die es möglichst frühzeitig zu erkennen und zu beobachten gilt. So können finanzielle Fehlentwicklungen oder auch gezielte Bilanzpolitik besonders gravierende Folgewirkungen auslösen, zumal die betroffenen Unternehmen regelmässig das Vertrauen von Investoren und Kreditgebern erhalten haben und hierauf angewiesen sein können.

21.06.2026 Von: Prof. Dr. Thomas Rautenstrauch
Jahresrechnungen

Einleitung

Eine rote Flagge («red flag») gilt als eine Warnung oder ein Risikoindikator, der auf ein potenzielles Problem oder eine Bedrohung im Zusammenhang mit den Finanzinformationen, den Jahresrechnungen oder den Nachrichtenberichten eines Unternehmens hinweist. Rote Flaggen können jedes unerwünschte Merkmal sein, das einem Analysten oder Investor auffällt, und verdienen die unbedingte Aufmerksamkeit derer, die als Anspruchsgruppen des betroffenen Unternehmens ein berechtigtes Interesse an dessen Entscheidungen und Aktivitäten haben.

Die im vorliegenden Fachbeitrag somit behandelten «Red Flags» beziehen sich vornehmlich auf die Jahresrechnungen von Unternehmen und gelten grundsätzlich grössen- und branchenunabhängig. Ergänzend werden spezifische Aspekte erläutert, die im Kontext von Start-ups häufig auftreten können.

Inkonstante Erträge oder Aufwendungen

  • typisches Risiko:
    Plötzliche, unerklärliche Schwankungen bei Umsatz oder Kosten können sowohl bei etablierten Firmen als auch bei Start-ups auf Bilanzierungsfehler, rechtswidrige Verhaltensweisen oder fehlende Marktakzeptanz hindeuten.
  • relevante Kennzahlen:
    • Umsatzwachstum (Revenue Growth Rate)
    • Entwicklung wesentlicher Aufwandspositionen (z.B. Marketingausgaben, Personalkosten)
  • Start-up-spezifisch:
    Junge Unternehmen könnten in der Anfangsphase stark in Produktentwicklung und Marketing investieren, ohne entsprechende Umsatzerlöse zu generieren. Allerdings sollten die Aufwands- und Umsatzzahlen nachvollziehbar sein und sich konsistent mit dem Geschäftsmodell entwickeln.

Markante Änderungen bei Rechnungslegungsmethoden und Schätzungen

  • typisches Risiko:
    Eine abrupte Umstellung von Abschreibungsregeln, Umsatzerfassungsprinzipien oder Wertermittlungen ohne plausiblen Grund kann das Zahlenwerk verzerren.
  • relevante Kennzahlen:
    • Abschreibungssätze (auf immaterielle und materielle Vermögenswerte)
    • Rückstellungen oder Wertberichtigungen
  • Start-up-spezifisch:
    Da bei jungen Unternehmen häufig immaterielle Werte (z.B. Software, Patente) im Fokus stehen, ist Transparenz bei der Bewertung besonders wichtig. Übertrieben optimistische Annahmen könnten künftige Gewinne «auf dem Papier» erhöhen, die real, aber kaum haltbar sind.

Auffällige Veränderungen bei wichtigen Finanzkennzahlen

  • typisches Risiko:
    Extreme Ausschläge bei Kennzahlen wie Eigenkapitalquote, Verschuldungsgrad, EBIT-Marge oder Cashflow-Quote können eine ungesunde Unternehmensentwicklung verbergen.
  • relevante Kennzahlen:
    • Debt-to-Equity-Ratio (Verschuldungsgrad)
    • Current Ratio (Liquidität 3. Grads)
    • EBIT-Marge (Anteil des Gewinns vor Zinsen und Steuern am Umsatz) im Zeitverlauf
  • Start-up-spezifisch:
    Junge Firmen setzen häufig auf Risikokapital. Eine hohe Verschuldung bzw. eine stark negative Eigenkapitalquote könnte jedoch potenzielle Investoren abschrecken, wenn kein klarer Pfad zur Profitabilität erkennbar ist.

Schwache Corporate Governance

  • typisches Risiko:
    Unklare Entscheidungsstrukturen, unzureichende interne Kontrollen oder fehlende Transparenz erhöhen das Risiko von Manipulationen und Fehlentscheidungen.
  • relevante Kennzahlen:
    • Qualität und Umfang der Offenlegungspflichten im Geschäftsbericht und Anhang
    • Bericht des Revisionsorgans (bei etablierten KMU)
  • Start-up-spezifisch:
    Insbesondere bei stark wachsenden jungen Unternehmen kann die Corporate Governance zu kurz kommen. Ein mit externer Expertise besetzter Verwaltungsrat oder ein Advisory Board mit klaren Verantwortlichkeiten und Kontrollmechanismen wirkt vertrauensbildend – vor allem gegenüber (potenziellen) Geldgebern.

Mögliche Verbindlichkeiten und Verpflichtungen (Off-Balance-Sheet-Risiken)

  • typisches Risiko:
    Eventualverbindlichkeiten (z.B. Garantien, Rechtsstreitigkeiten) oder Leasing- und Kaufverpflichtungen, die nicht klar in der Bilanz erkennbar sind, können die finanzielle Stabilität gefährden.
  • relevante Kennzahlen:
    • Verhältnis anerkannter zu potenziellen Verbindlichkeiten
    • Umfang von mietvertragsähnlichen Leasingverträgen (Operating-Leasing)
  • Start-up-spezifisch:
    Häufig sind junge Unternehmen auf flexible und häufig kurzfristige Finanzierungs- oder Leasingverträge angewiesen. Fehlen diese Angaben oder werden sie unvollständig kommuniziert, kann das die Bonität deutlich schwächen.

Transaktionen ohne klare Begründung

  • typisches Risiko:
    Hohe Zahlungen oder Buchungen, deren wirtschaftlicher Hintergrund nicht ersichtlich ist, können auf Unregelmässigkeiten hinweisen.
  • relevante Kennzahlen:
    • ausserordentliche Aufwendungen oder Erträge
    • Vergleich von Cashflows mit gebuchten Erträgen/Aufwendungen
  • Start-up-spezifisch:
    Gründerteams neigen bisweilen dazu, Kapital in Projekte oder Dienstleister zu investieren, die nicht unmittelbar dem Hauptgeschäftszweck dienen. Transparenz und eine solide Dokumentation sind entscheidend, um Misstrauen zu vermeiden.

Rückläufige Rentabilität

  • typisches Risiko:
    Ein schleichender oder stetiger Rückgang der Margen kann Ineffizienzen, steigende Kosten oder fehlende Nachfrage signalisieren.
  • relevante Kennzahlen:
    • Nettogewinnmarge (Net Profit Margin)
    • Eigenkapitalrendite (Return on Equity – ROE)
  • Start-up-spezifisch:
    Viele Start-ups agieren anfangs profitlos und konzentrieren sich auf Wachstum. Dennoch sollten Trendlinien erkennen lassen, ob sich die Verluste in vertretbaren Grenzen halten und ob ein positiver Trend (z.B. bessere Deckungsbeiträge) erkennbar ist.

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