Gespräche: Wie kleine Unterbrüche im Gespräch wichtig sind

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Zwei Kolleginnen stehen nach einem Meeting zusammen. Die eine beginnt zu sprechen – und stoppt mitten im Satz. «Ähm … ich denke, wir könnten…» Der Satz bricht ab, ihr Blick geht kurz weg. Die andere sagt nichts, hält den Blick, nickt leicht. Einen Moment später findet die erste Kollegin ihre Worte wieder und führt ihren Gedanken fort. Von aussen könnte dies wie ein kurzes Stocken wirken, vielleicht sogar störend. Doch in Gesprächen sind solche hörbaren Unterbrüche typisch. Sie zeigen an, dass der Gesprächsbeitrag der sprechenden Person noch nicht abgeschlossen ist. Und beide stimmen ihr Verhalten darauf ab. Diese klitzekleinen Momente gehören zu jedem Gespräch und machen hörbar, dass Gedanken im Kontakt entstehen.
Wenn flüssig nicht unbedingt hilfreicher ist
Im beruflichen Kontext werden solche hörbaren Unterbrüche oft als Zeichen von Unsicherheit oder mangelnder Professionalität gedeutet. «Sprich flüssig, sei klar, komm auf den Punkt» lautet das Credo. Flüssiges Sprechen gilt dabei als Kompetenzmerkmal, und Stocken als etwas, das man vermeiden sollte. Doch dieser Blick verfehlt, was in solchen Gesprächsmomenten tatsächlich passiert. Diese kleinen Unterbrüche sind keine Zeichen von Unsicherheit und weisen auch nicht auf Defizite einzelner Personen hin. Sie entstehen im Zusammenspiel zweier Menschen und zeigen, wie eng wir uns beim Sprechen an unserem Gegenüber orientieren.
Disfluencies – so nennt die Forschung solche Unterbrüche – entstehen selten, weil jemand «nicht weiss, was er sagen soll». Viel häufiger entstehen sie, weil Sprechen kein innerer Monolog ist, sondern ein laufender Abstimmungsprozess zwischen zwei Menschen.
Disfluencies – kurz erklärt: Kleine hörbare Unterbrüche im Sprechen bezeichnet man in der Kommunikationsforschung als Disfluencies. Dazu gehören kurze Pausen, ein «ähm» oder «uh», begonnene und wieder abgebrochene Wörter oder ein Neuansetzen. Aus interaktioneller Sicht sind sie keine Unsicherheiten, sondern sicht- und hörbare Hinweise darauf, dass ein Gedanke im Kontakt entsteht und dass sich zwei Menschen im Gespräch fortlaufend aufeinander abstimmen.
Schauen wir uns das nochmals anhand eines Beispiels an. Ein Teamleiter fragt seine Mitarbeiterin: «Was wäre für Sie ein hilfreicher nächster Schritt?» Sie holt Luft. «Ähm … ich denke…», sagt sie und blickt kurz nach unten. Der Teamleiter wartet. Zehn Sekunden, in denen er nichts sagt, keine neue Frage stellt, keinen Vorschlag macht. Ein Moment des gemeinsamen Innehaltens. Dann führt die Mitarbeiterin ihren Gedanken weiter aus – und formuliert eine erstaunlich präzise Antwort. Hätte der Teamleiter die Pause vorschnell gefüllt, wäre der Gedanke nie entstanden.
Disfluencies sind also nicht das Problem. Zu schnelles Weiterreden ist es.
Sprechen entsteht im Moment – nicht im Voraus
Wenn wir sprechen, entstehen unsere Formulierungen in der Regel nicht im Voraus. Sie entwickeln sich Schritt für Schritt im Zusammenspiel mit der anderen Person. Sie kennen das vielleicht auch aus ihrem Alltag: Sie beginnen einen Gedanken und im selben Moment, in dem Ihr Gegenüber leicht die Augenbrauen hebt oder zustimmend nickt, verändern Sie die Formulierung. Vielleicht wird sie präziser. Vielleicht kürzer. Vielleicht setzen Sie neu an. Nicht, weil Sie unsicher wären, sondern weil die Reaktionen der anderen Person direkt beeinflussen, wie sich der Gedanke weiter entfaltet.
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Auch im Familien- oder Freundeskreis zeigt sich das:
Ein Vater erklärt seinem Kind etwas Komplexes. «Also, ähm … das funktioniert so…» Er beginnt, stoppt kurz, schaut sein Kind an. Das Kind runzelt die Stirn. Der Vater setzt neu an – diesmal einfacher. Das «ähm» ist hier kein Zeichen mangelnder Klarheit, sondern ein akustisches Fenster in einen Moment, in dem beide gemeinsam klären, wie etwas am besten gesagt werden kann.
Unsere Sprache entsteht im Kontakt. Und genau darin liegen auch diese kleinen hörbaren Unterbrüche begründet. Wir machen Gespräche gemeinsam.
FORSCHUNG IM FOKUS 1 — Warum solche Unterbrüche entstehen
Blickkontakt erleichtert das Weitersprechen.
Wenn visuelle Hinweise fehlen, stocken Menschen häufiger. Gemeinsame Aufmerksamkeit stabilisiert den Sprachfluss (Branigan et al., 1999).
Gestik wirkt wie ein Anker.
Sind die Hände blockiert – etwa durch Laptop, Notizbuch oder Kaffeebecher – treten mehr hörbare Unterbrüche auf. Freie Gestik unterstützt das Formulieren (Finlayson et al., 2003).
Sprecher*innen passen ihre Formulierungen an das Gegenüber an.
Menschen stocken weniger, wenn sie annehmen, dass ihr Gegenüber viel Vorwissen hat – und mehr, wenn sie Rücksicht auf neues oder unsicheres Wissen nehmen (Brennan & Williams, 1995).
Was im Dazwischen hörbar wird
Disfluencies sind keine sprachlichen Fehlleistungen, sondern hörbare Momente der Feinabstimmung zwischen zwei Menschen. Sie entstehen in der laufenden Koordination eines Gesprächs und zeigen, dass Gedanken nicht allein im Kopf einer Person entstehen. Beim Sprechen reagieren wir permanent aufeinander: auf gehaltene Blicke, kleine Kopfbewegungen, ein leises «mhm» oder das Ausbleiben davon. Diese Hinweise beeinflussen, wie ein Satz weitergeht, wo jemand innehält oder neu ansetzt.
Gerade in sensiblen Momenten fällt das besonders auf.
Im Personalgespräch sagt ein Mitarbeitender: «Ähm … ich glaube … ich würde gerne mehr Verantwortung übernehmen…» Während er spricht hört die Führungskraft aufmerksam zu. Kein Einhaken, kein Ergänzen, kein Weiterreden vonseiten der Führungskraft unterbicht den Mitarbeitenden. Die sichtbare Ruhe gibt dem Mitarbeitenden Raum. Die Disfluencies sind hier keine Stolpersteine, sondern hörbare Teile eines gedanklichen Prozesses, der im Miteinander entsteht.
FORSCHUNGS IM FOKUS 2 — Was Disfluencies für das Verstehen leisten
Sie signalisieren „ich bin noch dran“.
Disfluencies dienen als Hinweise darauf, dass der Beitrag weitergeht und noch nicht abgeschlossen ist (Clark & Fox Tree, 2002).
Sie werden sozial interpretiert.
Zuhörende verstehen ein «ähm» oft als Unsicherheit oder Zögern – auch wenn es lediglich ein Hinweis auf Nachdenken oder Fortsetzung ist (Loy et al., 2017).
Sie können sogar das Verständnis verbessern.
Ein hörbarer Unterbruch erhöht die Aufmerksamkeit der Zuhörenden, besonders wenn etwas Neues oder Komplexes folgt (Arnold et al., 2007).
Schon Kinder nutzen sie als Hinweis.
Kinder verstehen früh, dass ein «ähm» bedeutet, dass gleich etwas Neues kommt – und hören danach gezielter zu (Kidd et al., 2011).
Warum sich ein genauer Blick lohnt
Disfluencies machen sichtbar, dass Gespräche im Moment entstehen. Sie zeigen, dass wir beim Sprechen nicht einfach eine innere Liste von Sätzen abarbeiten. Vielmehr beobachten wir unser Gegenüber, reagieren auf kleinste Zeichen, verändern unsere Formulierungen und suchen gemeinsam Worte.
Wer diese Momente nicht vorschnell als Unsicherheiten deutet, führt aufmerksamere Gespräche. Wer statt weiterzureden kurz wartet, öffnet Raum für Gedanken, die sich erst im gemeinsamen Austausch formen. Und wer wahrnimmt, dass ein «ähm» ein Hinweis auf Weiterdenken ist, ermöglicht seinem Gegenüber, den Satz zu Ende zu bringen.
Mehr Aufmerksamkeit für diese kleinen Unterbrüche bedeutet nicht, Gespräche zu verkomplizieren. Im Gegenteil: Es macht sie leichter. Weil klarer wird, dass Denken und Sprechen nicht getrennt stattfinden – sondern im Dazwischen, im Kontakt, im Zusammenspiel zweier Menschen, die miteinander im Gespräch sind.