Berufsbild: Werden Spezialisten oder Generalisten gebraucht?

Zunehmend werden Spezialistenjobs nun durch KI ersetzt, weil KI in immer mehr Bereichen sehr schnell zum besseren Spezialisten wird. Zugleich sind neue Jobs zu besetzen, deren Berufsbild es bis vor Kurzem nicht einmal gab. Fundiert agierende Generalisten mit ihrer kombinatorischen Intelligenz sind für die Aufgabenstellungen dieser neuen Arbeitswelt geradezu prädestiniert.

11.03.2026 Von: Anne M. Schüller
Berufsbild

Einleitung Berufsbild

Multiperspektivisches Denken und Handeln ist eine Schlüsselressource der Zukunft. In Zeiten, in denen sich die Dinge von jetzt auf gleich komplett verändern können, werden immer mehr Menschen gebraucht, die sich in der Breite der Unternehmenslandschaft einsetzen lassen. Das Berufsbild des fundiert agierenden Generalisten gewinnt dadurch stark an Bedeutung. Es beschreibt ein Berufsbild, das durch Vielseitigkeit, Anpassungsfähigkeit und vernetztes Denken geprägt ist.

Sie bewegen sich im Kontext von Gesamtzusammenhängen. In einer sich zunehmend vernetzenden Businesswelt können sie Verbindungen schaffen, Separiertes zusammenführen, Bestehendes ganz und gar neu organisieren und divergierende Interessenlagen synchronisieren.

Ihnen gelingt es besonders gut, verschiedene Rollen einzunehmen, gerade auch dann, wenn bei hoher Dynamik Randthemen oder neueste Technologien plötzlich zum Mainstream werden und die Unternehmen unmittelbar darauf reagieren müssen – wie derzeit beim Siegeslauf der KI. Vergleichbares wird fortan immer öfter passieren.

Generalisten sind selbstinnovativ und selbstdisruptiv

Generalisten sind selbstinnovativ und selbstdisruptiv, das heisst, sie erfinden sich ständig neu. Als flexible Interdisziplinäre und das Grosse-Ganze-Erkenner spielen sie eine entscheidende Rolle. Wir brauchen sie zum Beispiel als Koordinatoren, die das Zusammenwirken von künstlicher und menschlicher Intelligenz organisieren und Mensch-Maschine-Interaktionen geschmeidig machen.

Die Digitalisierung betrifft alle in allen Bereichen, man darf sie nicht in eine „zuständige“ Abteilung sperren. Junge Digitalexpertise und gutes altes Erfahrungswissen müssen miteinander verwoben werden. Die verschiedenen internen Innovationsprojekte brauchen verbindende Elemente. Partnerschaften zwischen Alt- und Jungunternehmen müssen sich sinnvoll zusammenkoppeln.

Und alles, was zum Markt hin passiert, muss bereichsübergreifend abgestimmt werden. Ein solches Berufsbild erfordert ein hohes Mass an Koordinationsfähigkeit und ganzheitlichem Denken. Wer sich in verschiedenen Disziplinen auskennt und/oder verschiedene Disziplinen zusammenbringt, erhöht die Erfolgschancen seines Unternehmens beträchtlich – und stärkt zugleich das eigene Berufsbild sowie die eigene Employability, also den Wert am Arbeitsmarkt.

Generalisten haben eine Weitwinkel-Perspektive

Generalisten sind im Weitwinkel-Modus unterwegs. Über ihre eigentliche Expertise hinaus haben sie vielfältige weitere Interessen, so dass sie ganzheitlicher handeln und multipel einsetzbar sind. Sie haben Kompetenzen in mehreren Arbeitsfeldern und sind so in der Lage, zu erkennen, wie die Dinge zusammenhängen.

Dort, wo ein Experte nur Ausschnitte sieht, nur „seinen“ Weg kennt und folglich auch nur diesen Weg geht, bringen Generalisten das Beste aus vielen Bereichen zusammen. Sie formen aus den Puzzlestücken der Spezialisten ein „Big Picture“, das Zukunftsbild des Unternehmens. Zudem sind Generalisten Multitalente. Sie tragen kognitive Diversität, also Vielfalt und Reichhaltigkeit quasi in sich.

Sie funktionieren mit der Rundumsicht eines Radars und erkennen die Bandbreite eines Problems im Gesamtgefüge. Sie agieren wie Konnektoren, die das Wissen und Können von heute mit der Zukunft verbinden. Experten denken sich tief in ein Thema rein. Generalisten involvieren mehrere Sachgebiete. Mit beidem zusammen kann es gelingen, die besten Ideen von innerhalb und ausserhalb des Unternehmens zu kombinieren. Dies ermöglicht Innovationssprünge in ganz neue Dimensionen.

Generalisten bringen Vernetzungskompetenz ein

In einer vernetzten Welt entsteht Prosperität am ehesten dann, wenn sich die unterschiedlichsten Perspektiven, Gewerke, Kulturen und Kompetenzen miteinander verknüpfen. Schnittstellen sind die dynamischsten Orte für Fortschritt und Wandel. Sie lassen neue Blickwinkel entstehen. Und man kann in neue Richtungen gehen. An Schnittstellen treten aussergewöhnliche, bahnbrechende Ideen zutage.

Zudem sind in Umgebungen, die in hohem Masse von Ungewissheit geprägt sind, vielfältige Erfahrungen und eine hohe Adaptionsfähigkeit Gold wert. Menschen mit weitgespannten Interessen, einem breitgefächerten Wissenshorizont und ausgeprägter Kombinatorik treffen unter Unsicherheit bessere Entscheidungen, weil sie mehr Optionen ersinnen können.

Sie haben ein grösseres eigenes Handlungsrepertoire und mehr Offenheit für unübliche Herangehensweisen. Dies wird immer wichtiger werden, denn der umfassende Shift vom Analogen zum Digitalen, vom Klimafeindlichen zum Klimafreundlichen, von fossilen zu erneuerbaren Energien erfordert ständig neue Kompetenzen und maximale Lernfähigkeit. Bei breitem Wissen und Können gelingen auch Fortbildungs- und Umschulungsmassnahmen leichter.

Spezialisten sind Talente mit Spezialkompetenz

Natürlich werden auch fortan zahlreiche Spezialisten gebraucht. Doch ihr Spezialwissen wird schnell nutzlos, wenn eine neue Technologie eine alte ersetzt oder menschliche Expertisen durch automatisierte Verfahren ausgetauscht werden. In den kommenden Jahren werden künstliche Intelligenzen in vielen Spezialistenjobs immer besser werden.

Spezialisten sind Monotalente. Sie sehen wie durch eine Lupe meist nur die Aspekte, die ihre Expertise umfassen, das allerdings in grosser Tiefe. Sie erkennen die Knackpunkte und den Problemkern, auch das ist natürlich wichtig. Doch isolierte Einzelaktionen können in vernetzten Umgebungen immensen Schaden anrichten.

Wenn Kenntnisse zudem rascher altern als jemals zuvor, ist pures Spezialistenwissen nur punktuell sinnvoll. Spezialisten können ihre Position entscheidend verbessern und sich zu T-shaped-Typen weiterentwickeln, indem sie ihr Fachwissen kontinuierlich verbreitern und so ihren Stand stabiler machen, am besten „on the job“ nahezu täglich.

Innovationen brauchen ein generalistisches Mindset

Im Spezialistentum wird ein System in seine Einzelteile zerlegt, und jeder Teilbereich wird für sich optimiert. Dies erzeugt Interessenkonflikte und internen Wettbewerb, weil jeder für seinen Teilbereich oder seine Teillösung kämpft. In komplex miteinander vernetzen Systemen passt sowas nicht. Hier brauchen wir integrative Konzepte, die das grosse Ganze im Blick behalten.

Generalisten können genau das. Sie haben zudem die erfreuliche Eigenschaft, sich gleichzeitig mit völlig konträren Aspekten oder diametral entgegengesetzten Ideen auseinanderzusetzen. Dabei wählen sie nicht den Weg des geringsten Widerstands. Sie gehen auch keine faulen Kompromisse ein.

Aus dem Besten aus Zweierlei entsteht vielmehr etwas noch besseres Drittes. So ist zum Beispiel der Touchscreen entstanden. Nicht entweder ein grösserer Bildschirm oder eine komfortablere Tastatur, sondern aus beidem zusammen entstand eine neue Form. Diese nun bessere Form verdrängte die ursprünglichen Varianten. Aus einem generalistischen Denken und Handeln heraus werden fortan immer mehr solcher Innovationen entstehen.

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