Selbstführung: Erschöpfung erkennen und Führung wirksam entlasten

KURZ ZUSAMMENGEFASST

Erschöpfung bei Führungskräften ist in der Schweiz kein Zeichen mangelnder Resilienz, sondern das Ergebnis struktureller Belastungen wie unklarer Rollen, permanenter Erreichbarkeit und widersprüchlicher Erwartungen. Studien wie das «Barometer Gute Arbeit 2025» zeigen, dass über 40 % der Arbeitnehmenden unter Stress leiden, was auf ein Systemproblem hinweist, das nicht durch individuelle Selbstoptimierung lösbar ist. Wirksame Selbstführung erfordert daher den Wechsel von der Kompensation hin zur aktiven Einflussnahme auf Rahmenbedingungen und klare Führungsstandards.

Die wichtigsten Punkte:

  • Erschöpfung ist ein Signal für systemische Defizite, nicht für individuelles Versagen.
  • Selbstführung ersetzt keinen funktionierenden Führungsrahmen oder klare Rollenabgrenzungen.
  • Führungskräfte müssen Belastungen sichtbar machen und Verantwortung bewusst verteilen.
  • Gesunde Führung entsteht durch gemeinsame Standards und realistische Rahmenbedingungen in der Organisation.
  • Der Fokus muss von der Selbstoptimierung hin zur Einflussnahme auf das System wechseln.
27.05.2026 Von: Evelyn Wenzel
Selbstführung

Wie erkennen Führungskräfte systemische Erschöpfung und entlasten sich wirksam?

Viele Führungskräfte funktionieren scheinbar souverän und sind innerlich längst am Anschlag. Die Kalender sind voll, die Erwartungen hoch, die Handlungsspielräume eng. Selbstführung wird in solchen Situationen zu einer wichtigen Fähigkeit. Erschöpfung zeigt sich leise und schleichend. Sie wird oft individualisiert und als Frage der Belastbarkeit oder Selbstorganisation gedeutet. Doch diese Erklärung verschiebt Verantwortung an die falsche Stelle.

Die wachsende Überlastung von Führungskräften ist kein Randphänomen mehr, sondern ein deutliches Signal für strukturelle Belastungen in Organisationen. Sie zeigt, dass Selbstführung, gesunde Führung und klare Führungsstrukturen zunehmend an Bedeutung gewinnen. Das Ungleichgewicht hat sich über Jahre aufgebaut und wird heute in hohen Absenzen, steigender Fluktuation und zunehmender Erschöpfung sichtbar. Laut der Befragung «Barometer Gute Arbeit 2025» von Travail-Suisse geben 42,4% der Schweizer Arbeitnehmenden an, dass sie oft oder sehr häufig unter Stress leiden und erschöpft nach Hause gehen.

Die systemischen Treiber der Überlastung

Auch andere Studien und Umfragen zeichnen ein klares Bild. Führung findet heute unter Bedingungen statt, die dauerhaft an die Grenzen gehen. Die Deloitte Global Human Capital Trends1 zeigen seit Jahren eine zunehmende Verdichtung von Arbeit. Führungskräfte bewegen sich in einem Spannungsfeld aus operativer Verantwortung, Transformation, Mitarbeiterführung und permanentem Erwartungsdruck von oben und unten. Viele Rollen sind so gestaltet, dass sie kaum noch erfüllbar sind. Die Studie betont, dass Organisationen neue Führungsfähigkeiten brauchen, um in einem disruptiven Umfeld zu bestehen. Dazu gehört auch Selbstführung: Führungskräfte müssen eigene Grenzen, Prioritäten und Handlungsspielräume bewusst reflektieren können, ohne dass strukturelle Überlastung allein zur individuellen Aufgabe erklärt wird.

  • Experimentieren statt operieren;
  • Kooperation und Co-Kreation mit Mitarbeitenden statt Top-down-Steuerung
  • Entscheidungen unter Unsicherheit treffen

McKinsey-Studien zum Thema Burnout2 weisen darauf hin, dass Führungskräfte überdurchschnittlich stark betroffen sind. Besonders belastend sind dabei unklare Prioritäten (Dauerfeuerlöschmodus), widersprüchliche Zielsysteme und die Erwartung, gleichzeitig Stabilität zu sichern und radikalen Wandel voranzutreiben.

Führungskräfte tragen eine Schlüsselrolle für Engagement und psychische Gesundheit der Mitarbeitenden, erfahren dabei aber selbst häufig zu wenig Unterstützung. Viele fühlen sich allein gelassen zwischen strategischen Vorgaben und operativer Realität. Weitere systemische Belastungsfaktoren tauchen in Erhebungen und auch unseren Beobachtungen in Organisationen wiederkehrend auf:

  • Widersprüchliche Erwartungen aus Strategie, Kultur und Alltag
  • Steigende Komplexität und hohe Entscheidungsgeschwindigkeit
  • Dauerhafte Unterbesetzung
  • Unklare Rollenabgrenzungen zwischen Führung, Facharbeit und Projektarbeit
  • Fehlende Priorisierung
  • Permanente Erreichbarkeit und fehlende Zeit für Reflexion und Erholung

Erschöpfung entsteht hier nicht durch mangelnde Resilienz einzelner Personen, sondern durch Systeme, die zu viel gleichzeitig verlangen und zu wenig Orientierung und Unterstützung geben.

Wenn Führung zur Dauerkompensation wird

In vielen Organisationen kompensieren Führungskräfte strukturelle Defizite durch persönliches Engagement. Sie springen ein, puffern Konflikte ab, halten den Betrieb am Laufen und tragen Verantwortung, die eigentlich auf mehrere Schultern verteilt werden müsste. Kurzfristig funktioniert das. Langfristig führt es zu innerer Erschöpfung, Zynismus oder Rückzug. Führungskräfte verlieren den Kontakt zu ihrer Kernaufgabe und verbringen einen Grossteil ihrer Energie damit, Lücken zu schliessen. Führung wird reaktiv, statt gestaltend. Das Problem ist nicht die Person. Das Problem ist oft ein System, das Führungskräfte in eine dauerhafte Überforderungsrolle drängt, weil zu lange abgewartet wird und Stressphänomene als vorübergehend bewertet werden.

Führung braucht Struktur, nicht nur Haltung

In vielen Unternehmen wird auf individuelle Entwicklungsangebote gesetzt. Resilienztrainings, Zeitmanagement, Selbstführung oder Achtsamkeitsformate sind sinnvoll, lösen aber das Grundproblem nicht. Sie setzen am Menschen an, nicht am System. Was fehlt, ist ein klarer Führungsrahmen. Ein gemeinsames Verständnis davon, was Führung leisten soll, wo sie Verantwortung trägt und wo nicht. Einheitliche Standards, die Orientierung geben und Führung entlasten, statt sie weiter zu individualisieren. Organisationen, die einen klaren Führungsstandard etablieren, schaffen Klarheit durch gemeinsame Leitplanken. Sie definieren Führungsrollen realistisch, machen Ressourcen sichtbar und gestalten Belastung gemeinsam tragbar. So entsteht Selbstführung nicht als reine Selbstoptimierung, sondern als Teil gesunder Führung und klarer organisationaler Verantwortung. Führung wird damit nicht leichter, aber machbarer und wirkungsvoller.

Was Führungskräfte selbst anstossen können

Auch wenn viele Hebel auf Organisationsebene liegen, können Führungskräfte systemisch wirksam werden, ohne sich weiter zu überfordern. Entscheidend ist der Wechsel von Selbstoptimierung hin zu Einflussnahme.

1. Belastungen sichtbar machen

Nicht alles, was geleistet wird, ist auch nach oben hin sichtbar. Führungskräfte können systematisch aufzeigen, wo Zusatzaufgaben, Unterbrüche und Rollenkonflikte entstehen. Sichtbarkeit ist der erste Schritt zur Veränderung. 

2. Prioritäten aktiv verhandeln

Klare Prioritäten entstehen selten von selbst. Führungskräfte dürfen und müssen Zielkonflikte benennen und Entscheidungen einfordern. Wer alles gleichzeitig erwartet, entscheidet sich faktisch für Überlastung.

3. Verantwortung bewusst verteilen

Systemische Entlastung entsteht, wenn Verantwortung geteilt wird. Das bedeutet, Kompetenzen zu klären, Mitarbeitende einzubeziehen und nicht jede Lücke selbst zu füllen.

4. Führung als Gestaltungsraum definieren

Führung ist mehr als operative Koordination. Führungskräfte können bewusst Zeit für Führungsarbeit in ihrer Agenda einplanen, für Entwicklung, Orientierung und Beziehungsarbeit. Das verändert den Fokus. Wenn man sich Raum dafür nimmt, kommen Ideen.

5. Allianzen nutzen

Systemische Themen lassen sich selten allein bewegen. Der Schulterschluss mit HR, Peers oder der Geschäftsleitung erhöht die Wirksamkeit und reduziert die individuelle Last.

Verantwortung gemeinsam tragen

Gesunde Führung ist kein individuelles Thema, sondern ein organisatorisches Ergebnis. Sie entsteht dort, wo Führungskräfte nicht permanent kompensieren müssen, sondern in klaren, tragfähigen Systemen arbeiten. Selbstführung kann dabei unterstützen, eigene Grenzen, Prioritäten und Handlungsspielräume bewusster zu erkennen, ersetzt aber kein funktionierendes Führungssystem. Organisationen, die Führung ernst nehmen, investieren nicht nur in Personen, sondern auch in ein stützendes Führungssystem. Sie schaffen gemeinsame Standards, klare Erwartungen und realistische Rahmenbedingungen. Das entlastet Führungskräfte, stärkt die psychische Gesundheit am Arbeitsplatz und erhöht gleichzeitig die Qualität der Führung.

Erschöpfung ist kein Zeichen von Schwäche. Sie ist ein Signal. Und dieses Signal richtet sich an das System.

Fazit

Selbstführung bedeutet nicht, Überlastung still auszuhalten oder durch noch mehr Selbstoptimierung zu kompensieren. Sie bedeutet, eigene Grenzen, Prioritäten und Handlungsspielräume bewusst wahrzunehmen, Belastungen sichtbar zu machen und Verantwortung dort zu klären, wo sie tatsächlich hingehört: nicht nur bei der einzelnen Führungskraft, sondern im gesamten System. Fazit: Wirksame Selbstführung entlastet nicht nur die einzelne Person, sondern schafft Orientierung für bessere, gesündere Führung.

 

1 Deloitte (2023). Global Human Capital Trends 2023: New fundamentals for a boundaryless world. 

2 McKinsey & Company (2021). The burnout challenge. McKinsey & Company (2022). Addressing employee burnout: Are you solving the right problem?

Checkliste

  • Analysieren Sie, wo strukturelle Defizite durch persönliches Engagement kompensiert werden.
  • Machen Sie Zusatzaufgaben, Unterbrüche und Rollenkonflikte systematisch sichtbar.
  • Verhandeln Sie Prioritäten aktiv und benennen Sie Zielkonflikte gegenüber der Geschäftsleitung.
  • Fordern Sie Entscheidungen ein, statt alle Erwartungen gleichzeitig erfüllen zu wollen.
  • Verteilen Sie Verantwortung bewusst, indem Sie Kompetenzen klären und Mitarbeitende einbeziehen.
  • Definieren Sie Führung als Gestaltungsraum und planen Sie Zeit für Entwicklung und Beziehungsarbeit ein.
  • Bilden Sie Allianzen mit HR, Peers oder der Geschäftsleitung, um systemische Themen gemeinsam zu bewegen.

FAQ: Selbstführung

Warum reichen Resilienztrainings nicht aus, um Erschöpfung bei Führungskräften zu vermeiden?

Resilienztrainings setzen am Individuum an, lösen aber das Grundproblem nicht, das oft in unklaren Rollen, widersprüchlichen Zielen und permanenter Erreichbarkeit liegt. Ohne einen klaren Führungsrahmen und tragfähige Systeme bleibt die Überlastung bestehen.

Wie können Führungskräfte erkennen, ob ihre Erschöpfung systemisch bedingt ist?

Erschöpfung ist systemisch bedingt, wenn sie durch Dauerfeuerlöschmodus, unklare Prioritäten, Unterbesetzung oder die Notwendigkeit entsteht, Lücken im System zu füllen. Wenn viele Führungskräfte in einer Organisation ähnliche Belastungen erleben, liegt das Problem meist im System.

Was bedeutet Selbstführung im Kontext gesunder Organisationen?

Selbstführung bedeutet nicht, Überlastung still auszuhalten, sondern eigene Grenzen und Handlungsspielräume bewusst wahrzunehmen. Sie umfasst die Fähigkeit, Belastungen sichtbar zu machen und Verantwortung dort zu klären, wo sie hingehört: im gesamten System der Organisation.

Welche Rolle spielen klare Führungsstandards bei der Entlastung?

Klare Führungsstandards schaffen Orientierung durch gemeinsame Leitplanken, definieren Rollen realistisch und machen Ressourcen sichtbar. Sie verhindern, dass Führung zur Dauerkompensation wird, und gestalten Belastung gemeinsam tragbar.

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