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Beschaffungsfunktion: Strategische Ausrichtung im Controlling

KURZ ZUSAMMENGEFASST

Die Beschaffungsfunktion bietet oft erhebliche Verbesserungspotenziale, wenn sie nicht isoliert betrachtet, sondern eng mit den Absatzmärkten und dem betrieblichen Wertschöpfungsprozess verknüpft wird. Strategisches Controlling in diesem Bereich zielt darauf ab, langfristige Erfolgspotenziale zu schaffen und Wettbewerbsvorteile zu sichern, statt nur operative Prozesse zu optimieren. Controller übernehmen hierbei eine zentrale Rolle, indem sie Methoden zur Analyse, Planung, Gestaltung und Kontrolle bereitstellen, um die Beschaffungsstrategie an die Gesamtunternehmensziele anzupassen.

Die wichtigsten Punkte:

  • Beschaffung muss als übergreifende Querschnittsfunktion verstanden werden, die den gesamten Wertschöpfungsprozess einbindet.
  • Strategisches Controlling unterscheidet sich vom operativen durch den Fokus auf die Schaffung und Sicherung von Erfolgspotenzialen.
  • Instrumente wie SWOT-Analyse, Szenario-Technik und Balanced Scorecard unterstützen die strategische Planung.
  • Die Trennlinie zwischen strategisch und operativ liegt weniger in der Fristigkeit als in der Bedeutung für die Richtungsbestimmung des Unternehmens.
  • Einkaufs-Governance umfasst Compliance, Risikomanagement und die Einhaltung ethischer sowie ökologischer Standards.
04.09.2025 Von: Roland Bardy
Beschaffungsfunktion

Wie können Controller die Beschaffungsfunktion strategisch ausrichten und steuern?

In der Beschaffungsfunktion liegen häufig und immer wieder aufs Neue beträchtliche Verbesserungspotenziale, und das auch dann, wenn die Einkaufsvorgänge und die Kosten der von aussen bezogenen Güter und Services ständig optimiert worden sind. Der Grund dafür ist, dass man sich mit dieser Funktion oft isoliert und nur auf den Beschaffungsmarkt bezogen befasst und ihren Zusammenhang mit den Absatzmärkten und mit dem betrieblichen Wertschöpfungsprozess zu wenig in die Untersuchungen einbezieht. Das gilt gleichermassen für Produktions-, Handels- und Dienstleistungsbetriebe, aber ebenso auch für die öffentliche Verwaltung und für Organisationen, die nicht auf Gewinnerzielung ausgerichtet sind.

Einführung

Insoweit ist alles, was in diesem Beitrag zu “Unternehmen” gesagt wird, auch anzuwenden auf jede andere in Märkten und sozialen Systemen tätige Institution. Immer gilt, dass die ständigen Änderungen in jedem Marktumfeld erfordern, Beschaffung als eine die einzelnen Aufgabenbereiche des Unternehmens/der Institution übergreifende Querschnittsfunktion anzulegen. Mit einer solchen als strategisch zu bezeichnenden Konzeption der Beschaffung und dem dafür notwendigen Controlling befasst sich dieser Beitrag. Fragen des operativen Controlling werden nur angesprochen, wenn sie mit denen des strategischen Controlling eng verknüpft sind.

Den Einkauf so zu organisieren, dass der Bedarf und die Präferenzen der Kunden oder der Leistungsnehmer einer Institution in die Beschaffungsmärkte hineingetragen werden, ist eine Gestaltungsaufgabe. Um zu gestalten, braucht man einen zeitlichen Vorlauf, es geht also um eine längerfristige Aufgabe. Die Trennlinie zwischen “strategisch” und “operativ” liegt aber in einem durch Globalisierung und rasch wechselnde Arbeitsteilungen geprägten Umfeld nicht allein in der Fristigkeit. Es geht vielmehr darum, wie bedeutsam ein Thema für die Richtungsbestimmung und für das Überleben eines Unternehmens ist. Auch im Tagesgeschäft sind häufig ad-hoc Entscheidungen zu treffen, die die Richtung des Unternehmens durchschlagend verändern. Strategisch ist dann alles, was zur Schaffung und Sicherung von Erfolgspotenzialen führt, oder in der Formulierung von Albrecht Deyhle, das “Denken in Wettbewerbsvorteilen”. Geht es darum, Wettbewerbsvorteile oder Erfolgspotenziale zu entwickeln, wird man von “strategisch” sprechen, geht es darum, sie auszuschöpfen, von “operativ”. Auf die Beschaffung angewandt, ist also das richtige Dimensonieren der Supply Chain eine strategische, die effiziente Handhabung der Supply Chain eine operative Aufgabe, und beide bedürfen einer Unterstützung durch geeignete Instrumente des Controlling.

Instrumente des strategischen Controlling: Analyse, Planung, Gestaltung und Kontrolle

Strategien zu entwickeln (auf der Grundlage eines in die Zukunft weisenden Leitbilds und der daraus abgeleiteten Ziele), sie umzusetzen und ihren Erfolg zu prüfen, gehört zu den Aufgaben des operativen, für den Geschäftserfolg verantwortlichen Managements. Der Controller muss hierzu Methoden und Techniken bereitstellen. Sein Instrumentarium muss helfen können, die auf das Geschäft und das Geschäftsmodell am ehesten anwendbaren Strategien zu erarbeiten, zu bewerten und die geeignetsten auszuwählen. Dabei müssen Entwicklung und Überarbeitung des Geschäftsmodells in einem engen Bezug zur Strategieentwicklung stehen: Strategien können nicht ohne Berücksichtigung der verfügbaren Ressourcen und Wertschöpfungsfähigkeiten ausgearbeitet werden, und das Geschäftsmodell (das ist die Vernetzung der Kompetenzen und Arbeitsprozesse im Unternehmen) kann nicht eingerichtet werden, ohne dass konsequent umsetzbare Strategien vorliegen.

Die Instrumente des strategischen Controlling betreffen Analyse, Planung, Gestaltung und Kontrolle, und dafür stehen Methoden wie die Szenario-Technik, SWOT-Portfolios, Mind-Mapping, Ursache-Wirkungs-Ketten, Zukunftsbilanzen und Balanced Sorecard zur Verfügung. Was aus diesem Instrumentarium für die strategische Entwicklung der Beschaffungsfunktion herauskommen soll, zeigt Abbildung 1.

Sie verdeutlicht auch, wie eng die Wahl einer Beschaffungsstrategie in mehrfacher Hinsicht mit der Gesamtkonzeption des Unternehmens abgeglichen werden muss. Am einleuchtendsten ist das hinsichtlich der Frage “Make or Buy”. Denn was man selbst erstellen und nicht zukaufen will, muss sich aus der Unternehmensstrategie ergeben. Auch die darauf folgende Auswahl von Kriterien für die Bestimmung von Zahl und Art der Lieferanten setzt voraus, dass diese Kriterien mit der Strategie für das Gesamtunternehmen übereinstimmen. Über adäquate Aussagen zum Leistungsangebot der Zulieferer hinaus zählen dazu noch die Einschätzung der Beschaffungsrisiken (und dazu muss man mindestens auch die eigene Leistungskapazität definieren, ggfs. auch die der Kunden), Standort- und Logistikfragen sowie Vorausfestlegungen zur eigenen und der von den Zulieferern zu erwartenden Innovationskraft.

Die obige Aufzählung zeigt nicht nur auf, welche Interdependenzen bestehen; sie soll vor allem darauf verweisen, wie notwendig es ist, ganzheitliche Denkansätze zu entwickeln. Auch dazu gibt es methodische Unterstützungen. Hierzu soll auf die Veröffentlichungen des St. Galler Professors Peter Gómez verwiesen werden.

Analyse und Planung

Strategische Planung befasst sich mit Erfolgspotenzialen und den dazu benötigten Ressourcen. Den wichtigsten Input dazu wird eine Analyse der Stärken und Schwächen des eigenen Unternehmens und seiner wichtigsten (Liefer-)Partner liefern. Ein solches “SWOT-Portfolio” umfasst ausser Stärken (Strengths) und Schwächen (Weaknesses) auch die Chancen (Opportunities) und Risiken (Threats) im Marktumfeld. Hier kann der Controller, dem man oft die für strategische Planungen erforderliche Marktsicht und Marktkenntnis abspricht, jedenfalls einen Beitrag aus seiner Kenntnis der Innenverhältnisse (auch der von Partnerunternehmen) leisten. Die Ressourcen- und Fähigkeiten-Perspektive des Controllers geht ja heute zwangsläufig über die Grenzen des eigenen Unternehmens hinaus. Wenn es sich aus seinen sonstigen Aufgaben her entwickeln lässt, wird er die Wirkung dieser Ressourcen und Fähigkeiten durchaus auch im Marktumfeld einschätzen können.

Auch von einer anderen Richtung her kann der Controller einen wichtigen Beitrag leisten. Zwar ist die operative Planung, das Feld, auf dem der Controller routinemässig agiert, von weitgehend vorgegebenen “Gesetzmässigkeiten” bestimmt (Input-Output-Relationen, Kapazitäts- und Kostenwirkungen), und verglichen damit, ist der Grad der Unschärfe und Unsicherheit in der strategischen Planung weit höher. Dabei geht es nicht um das Vorhersagen künftiger Ereignisse, sondern darum, zu bestimmen, was in der Gegenwart zu tun ist, um trotz der Unsicherheiten bestimmte Zielsetzungen zu erreichen. Nun muss aber die Befassung mit Unsicherheit zum Rüstzeug des Controllers gehören. Er wäre sonst nicht in der Lage, mit Wahrscheinlichkeiten umzugehen, denen er in Risikoschätzungen und in der Messung von Versicherungstatbeständen immer wieder begegnet. Diese Sachkenntnis muss genutzt werden. Ein gutes Beispiel dafür – im Kontext der Beschaffung – ist die immer wichtiger werdende Bewertung von Sourcing-Risiken (Währungsschwankungen, Lieferverzug, Qualitätsprobleme, Insolvenzgefahr, Local Content etc.) nicht nur für die Zwecke des Risikomanagements, sondern auch für die Auswahl der richtigen Einkaufsstrategie. Weiss der Controller, wie die Wahrscheinlichkeiten zu bestimmen sind, wird die Unsicherheit eingegrenzt.

Einer Eingrenzung der Unsicherheit dient auch eine weitere Technik, die Szenarioanalyse. Sie macht die Prognose zukünftiger Entwicklungen nachvollziehbar. Dabei wird man in der Regel immer einen base case, einen worst case und einen best case ansetzen, ein Vorgehen, das der Controller im Budgetierungsablauf standardmässig anwendet. Die dazugehörende Sensitivitätsanalyse ist genauso auf die Verhältnisse bei der Überprüfung von Szenarien zu übertragen. Und: Sensitivitäten sind mit “wenn-dann”-Fragen verknüpft. Aus “wenn-dann”-Fragen entstehen letzten Endes auch Strategien – so schliesst sich der Kreis für ein Know-how, das man sehr wohl für die strategische Analyse und Planung vom Controller “abholen” kann. Auch die Wirtschaftlichkeit alternativer Einkaufsszenarien kann der Controller ermitteln.

Die Aufgabe, Strategien zu formulieren – eine Sache des jeweils operativ verantwortlichen Managers – wird der Controller vor allem durch kritisches Hinterfragen begleiten. Umgekehrt wird er intensive Überzeugungsarbeit leisten müssen, wenn das Management die Auffassung vertritt, ohne klar ausgeprägte Strategien auskommen zu können, was bei KMU, die bisher auch ohne solche einen guten Geschäftserfolg hatten, nicht selten der Fall ist. Hier hilft ihm die Beherrschung von Instrumenten wie etwa der “Filterung” von Ideen, die zu Strategien führen sollen, der Einflussgrössenanalyse (“wenn-dann”), die systematische Kontrolle der Prämissen und konkret den Beschaffungsbereich betreffend, das methodische Aufzeigen von Verknüpfungen zu den anderen Geschäftsbereichen und die Quantifizierung dieser Wechselwirkungen.

Gestaltung und Umsetzung

Aus der Beziehung zwischen Strategien und Geschäftsmodell, wie sie oben beschrieben wurde, ergibt sich eine Gestaltungsaufgabe. Es geht um die Struktur der Wertschöpfungs-, Innovations- und Logistiktiefe, wobei immer die gesamte Prozesskette vom Zulieferant (und ggfs. dessen Zulieferer) bis zum Abnehmer im Auge zu behalten ist.

Die Herausforderung an den Controller besteht hier darin, dass über die bewährten Handlungsmuster hinaus Wege zu finden sind, um die bestehenden Erfolgspotenziale auszubauen oder neue Potenziale zu generieren. Bewähren wird sich auch weiterhin das Bemühen um Kostensenkung und Wachstum und um Produkt- und Prozessinnovationen. Aber noch wichtiger wird es sein, dass ausgelotet wird, wie die Kombination von internen und externen Ressourcen genau die Wertschöpfung erbringt, die die künftigen Abnehmer erwarten. Dies ist der eine Teil des “Geschäftsmodells”, und welchen Input der Controller dazu leisten kann, ist evident. Für den anderen Teil, die Umsetzung der Wertschöpfung in Gewinn, gilt das ebenso.

Zwischen den beiden Teilen des Geschäftsmodells besteht eine Wechselwirkung: Ergibt die geplante Konfiguration von Ressourcen keine nachhaltigen Gewinnaussichten (für die Beschaffungsfunktion schliesst das die Gewinne der Zulieferer ein), muss sie neu geplant werden. Dabei muss der Blick auf die gesamte Branche gerichtet sein. Denkbar sind

  • das Fokussieren: Reduzieren der Wertschöpfungstiefe und Konzentration auf eine bestimmte Wertschöpfungsstufe (so kaufen NIKE® und PUMA® die gesamte Herstellung zu und konzentrieren sich auf die Wertschöpfungsstufe “Vermarktung”);
  • das Integrieren: Hinzunahme von Zusatzleistungen, die das Spektrum der Aktivitäten erweitern (so disponieren die meisten Hersteller von Autolacken die im Produktionsbereich ihrer Kunden lokalisierten Vorratsbestände);
  • das Koordinieren: Aufteilen der Wertschöpfungsaktivitäten auf Partner mit einer jeweils hohen Kompetenz und Wertschaffung, wenn man in ihnen ein zu geringes Potenzial für die eigene Erzeugung von Mehrwert sieht (Outsourcing);
  • das Komprimieren: Ausschalten von Zwischenstufen (wie dem Einzelhandel);
  • das Expandieren: Ausdifferenzieren des Leistungsspektrums durch Einfügen einer zusätzlichen Aktivität in die bestehende Wertkette (so übertragen grosse Einzelhändler dem Lieferanten die Funktion, auf ihre Kunden zugeschnittene Gebindegrössen, Palettenformate, Aufmachungen etc. zu formatieren).

Die Alternative ist, das Geschäftsmodell gänzlich neu zu konstruieren, indem die bestehende Wertkette aufgebrochen und in eine neue Logik gebracht wird, die meist auch eine neue Prozessfolge nach sich zieht. So hat die Schweizerische Post unter der Marke PostLogistics zusammen mit ihrem Kunden den bisherigen Logistik-Service grundlegend verändert. PostLogistics wird jetzt Wareneigentümer und verteilt die Produkte von Procter & Gamble über Warenverteilzentren an Supermarktketten und Grossisten. Hier geht es um eine radikale Veränderung, einen strategischen Wechsel, der aber durchaus kurzfristig angelegt war. Dass es dazu neuer Geschäftsprozesse bedurfte, ist die eine Seite. Auf der anderen steht ein neues Erlösmodell, also eine neue Preisgestaltung, die Festlegung einer neuen Erlösbasis (Einheiten, Nutzung, Leistung), die Abschätzung neu zu realisierender Transaktionserlöse, die Auswahl der Erlöshebel und die Einrichtung neuer Preis-, Zahlungs- und Provisionskonditionen. Es geht also um sehr konkrete Aufgaben für einen Controller. Hier jedenfalls trifft nicht zu, dass die strategische Planung weit entfernt ist von der operativen.

Zu den Instrumenten, die Gestaltung und Umsetzung strategischer Pläne unterstützen, zählt neben der Balanced Sorecard (BSC) auch noch die “Strategische Bilanz”. Mit der Technik der BSC umzugehen, hat jeder Controller gelernt; deshalb wird hier nur ein Beispiel zu der Vielfältigkeit ihrer Anwendungsformen vorgestellt, das für die Implementation strategischer Vorhaben in der Beschaffung andere als die vier geläufigen Dimensionen einsetzt. An die Stelle von “Kundensicht” und “Lernperspektive” treten “Kooperationsqualität und -intensität” (Abb. 2).

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