Kommunikative Führung: Wo Worte Brücken bauen

KURZ ZUSAMMENGEFASST

Kommunikative Führung setzt auf Authentizität und den mutigen Dialog, um Missstände offen anzusprechen statt Konflikte zu vermeiden. Sie erfordert, dass Entscheidungen nicht im Alleingang getroffen werden, sondern durch die Einbeziehung unterschiedlicher Perspektiven tragfähige Lösungen entstehen. Wer Taten und Worte in Einklang bringt und funktionale Reibungen als Chance für den Aushandlungsprozess nutzt, schafft eine Kultur des Vertrauens und der gemeinsamen Verantwortung.

Die wichtigsten Punkte:

  • Offene und authentische Kommunikation ist essenziell, um Glaubwürdigkeit zu sichern und Fehlverhalten frühzeitig anzusprechen.
  • Entscheidungen werden nachhaltiger, wenn Fachabteilungen und Betroffene in den Prozess einbezogen werden (Commitment statt Alleingang).
  • Konflikte zwischen Funktionen (z. B. Vertrieb vs. Qualitätsmanagement) erfordern konstruktiven Dialog statt Personalisierung.
  • Der Ansatz «Disagree and commit» ermöglicht es, nach Anhörung aller Meinungen eine gemeinsame Entscheidung zu treffen.
23.10.2025 Von: Andrea Rutishauser
Kommunikative Führung

Wie können Führungskräfte durch offene Kommunikation und partizipative Entscheidungen Vertrauen und Zusammenarbeit in ihrem Unternehmen stärken?

Erfolgreiche Führung basiert heute mehr denn je auf gegenseitigem Vertrauen und einem offenen Dialog. Kommunikative Führung bedeutet, offen und authentisch zu kommunizieren, Entscheidungen breit abzustützen sowie Zusammenarbeit zu ermöglichen und zu stärken.

In der Mai-Ausgabe haben wir uns mit den strategischen Grundlagen erfolgreicher Führung beschäftigt. Im zweiten Teil der Trilogie stehen nun kommunikative und kulturelle Aspekte im Zentrum: 

Offen und authentisch kommunizieren

In vielen Organisationen tun sich Menschen schwer damit, personelle Entscheidungen zu treffen oder Missstände offen anzusprechen. Konflikte werden lieber vermieden, Kritik wird zurückgehalten, um niemanden zu verletzen. Dabei ist es essenziell, Führungsgrundsätze nicht nur zu kennen, sondern auch zu leben – genau hier zeigt sich Kommunikative Führung im Alltag. Ein Beispiel: Eine Person zeigt wiederholt ein Verhalten, das den Werten des Unternehmens widerspricht – z.B. durch fehlende Wertschätzung. In solchen Fällen braucht es Klarheit und Mut. Als Führungsperson muss man das Gespräch mit der Person suchen, welche sich nicht wertekonform verhält, und die eigene Beobachtung benennen. Wichtig: Es geht nicht um Anschuldigungen, sondern um das gemeinsame Klären von Wahrnehmungen, Gefühlen und Beweggründen.

Eine mögliche Gesprächsführung:

  • «Ich beobachte folgendes Verhalten ...»
  • «Das erzeugt bei mir ein ungutes Gefühl.»
  • «Wie siehst du das?»
  • «Was sind deine Beweggründe?»

Wenn Fehlverhalten stillschweigend toleriert wird, leidet die Glaubwürdigkeit der Unternehmung. Fehlverhalten entsteht oft dort, wo lange gemeinsam gearbeitet wurde, wo sogenannte Buddy-Strukturen herrschen. Oder auch, wenn gewachsene Strukturen in eine neue Kultur übertragen werden – z.B. bei einer Firmenübernahme. Widersprechen Aussagen dem gelebten Verhalten, z.B. wenn sich eine Führungsperson unangemessen verhält, leidet das Vertrauen. Denn Taten wirken stärker als Worte, auch nonverbale Signale zählen. 

Entscheidungen breit abstützen

Ein Praxisbeispiel aus einem mittelgrossen Industriebetrieb verdeutlicht, wie wichtig es ist, Entscheidungen nicht im Alleingang zu treffen: In einem Veränderungsprojekt wird die gesamte IT-Infrastruktur modernisiert. Die IT-Leitung plant, die bestehende Softwarelösung durch ein neues System zu ersetzen – schneller, effizienter und kostengünstiger. Allerdings werden die Anwenderinnen und Anwender aus den Fachabteilungen kaum einbezogen. Erst als erste Testversionen ausgerollt werden, zeigt sich massiver Widerstand. Mitarbeitende bemängeln die fehlende Benutzerfreundlichkeit und sehen ihre Bedürfnisse nicht berücksichtigt. Die Projektleitung entscheidet sich daraufhin für einen Kurswechsel. In Interdisziplinären Workshops werden die Anforderungen der verschiedenen Abteilungen gemeinsam erarbeitet. Dabei zeigt sich: Die alte Lösung ist zwar teuer, aber genau auf die Arbeitsprozesse abgestimmt. In der Folge wird eine hybride Lösung entwickelt, bei der bestehende und neue Komponenten kombiniert werden – mit Unterstützung der betroffenen Teams. Der Prozess dauert länger, führt aber zu einem tragfähigen Ergebnis. Die Lehre daraus: Nur wenn man den Dialog sucht und unterschiedliche Perspektiven ernst nimmt, kann nachhaltiges Commitment entstehen – ein Kernelement Kommunikativer Führung.

In Veränderungsprozessen treffen häufig alte Strukturen auf neue. Unterschiedliche Kulturen und Perspektiven kommen zusammen. Genau hier ist es wichtig, Commitment und gemeinsame Entscheidungsprozesse aufzubauen. Ein weiteres Beispiel: Ein Projektteam arbeitet hervorragend mit einem Lieferanten zusammen – dieser ist jedoch zu teuer. 

Passende Produkt-Empfehlungen

Statt den Lieferanten im Alleingang auszutauschen, braucht es den Dialog mit dem Projektteam:

  • Was ist uns wichtig?
  • Welches Timing passt?
  • Gibt es Einwände?

Nur wenn die Perspektiven aller Beteiligten einbezogen werden, entsteht eine tragfähige, nachhaltige Entscheidung. Das schafft Akzeptanz und verhindert Widerstand – auch wenn nicht alle derselben Meinung sind. Der Ansatz «Disagree and commit» kann hier helfen: Nachdem unterschiedliche Meinungen gehört wurden, wird gemeinsam eine Entscheidung mitgetragen, selbst wenn einzelne Personen andere Präferenzen hatten. Besonders zwischen zentralen Funktionen (z.B. Legal, Compliance, Qualitätsmanagement) und operativen Bereichen kommt es oft zu Reibungen. Während die einen Gründlichkeit und Regelkonformität einfordern, drängen die anderen auf Schnelligkeit und Flexibilität. Solche Konflikte sind normal – entscheidend ist, wie man damit umgeht. Wenn z.B. der Vertrieb morgen ein Produkt verkaufen will, das Qualitätsmanagement aber aus guten Gründen warnt, braucht es einen konstruktiven Aushandlungsprozess:

  • Was können wir dem Kunden oder der Kundin bereits jetzt zusichern?
  • Was ist verantwortbar?

Zusammenarbeit ermöglichen und stärken

Hinter einer Reibung steckt meist kein böser Wille, sondern ein funktionaler Druck – also ein Druck, der aus der jeweiligen Position, dem Verantwortungsbereich oder den Erwartungen an die Rolle entsteht. Führungspersonen und Mitarbeitende müssen verstehen, dass andere Rollen andere Herausforderungen mit sich bringen. Gerade in funktionsübergreifenden Projekten ist dies besonders sichtbar. Gute Zusammenarbeit braucht:

Checkliste

  • Benennen Sie konkrete Beobachtungen bei wertwidrigem Verhalten, ohne vorwurfsvoll zu werden.
  • Führen Sie das Gespräch mit der Frage «Wie siehst du das?» und «Was sind deine Beweggründe?».
  • Beziehen Sie bei Veränderungsprojekten die Anwender frühzeitig ein, um Widerstand zu minimieren.
  • Suchen Sie interdisziplinäre Workshops, um Anforderungen verschiedener Abteilungen gemeinsam zu erarbeiten.
  • Unterscheiden Sie zwischen persönlichem Fehlverhalten und funktionalem Druck durch unterschiedliche Rollen.
  • Etablieren Sie klare Vereinbarungen darüber, wie schwierige Themen offen angesprochen werden, bevor Konflikte eskalieren.
  • Fördern Sie eine Haltung des «Disagree and commit», um trotz unterschiedlicher Präferenzen voranzukommen.
  • Eine lösungsorientierte Haltung
  • Gegenseitiges Verständnis für die Aufgaben anderer Bereiche
  • Verbindliche Absprachen
  • Räume für gemeinsamen Dialog

Wo Menschen miteinander arbeiten und voneinander abhängig sind, braucht es klare Vereinbarungen darüber, wie schwierige Themen offen und authentisch angesprochen werden – am besten bevor Konflikte entstehen. Eine Kultur, in der man die Probleme nicht personalisiert, sondern gemeinsam löst, ist die Grundlage für produktive Zusammenarbeit. Gerade in hybriden Arbeitsformen oder matrixartigen Organisationen ist dieses Bewusstsein zentral, weil Abhängigkeiten und Missverständnisse schnell entstehen können. Wer die Perspektive der anderen versteht, kann besser kooperieren.

Fazit: Dialog statt Ansage

Erfolgreiche Führung gelingt nicht allein durch Strategie, sondern vor allem durch gelebte Kommunikation, partizipative Entscheidungsprozesse und eine kooperationsfördernde Kultur – kurz: durch Kommunikative Führung. Wer offen und authentisch kommuniziert, unterschiedliche Perspektiven ernst nimmt und funktionsübergreifende Zusammenarbeit ermöglicht, schafft die Basis für Vertrauen, Engagement und langfristige Wirksamkeit. Gerade in komplexen, hybriden Organisationen sind diese Faktoren entscheidend für eine zukunftsfähige Führungskultur.

Im dritten und letzten Teil dieser Trilogie (in der November-Ausgabe) geht es um die persönliche und organisationale Resilienz: Wie lernen Führungspersonen, sich selbst regelmässig zu reflektieren? Wie lässt sich die Widerstandsfähigkeit der Organisation erhöhen? Und wie werden Netzwerke und Partnerschaften aufgebaut, die auch in turbulenten Zeiten tragen?

 

Sie haben Teil 1 und 3 der Trilogie verpasst? 

Teil 1: Modernes Leadership: Orientierung statt Machtspiel

Teil 3: Selbstreflexion in der Führung: Langfristig wirksam führen

FAQ: Kommunikative Führung

Warum ist es wichtig, Entscheidungen nicht im Alleingang zu treffen?

Alleingänge führen oft zu massiverem Widerstand und mangelnder Benutzerfreundlichkeit, da die Bedürfnisse der Fachabteilungen ignoriert werden. Partizipation schafft Akzeptanz und tragfähige Lösungen.

Wie geht man mit Konflikten zwischen verschiedenen Funktionen um?

Statt Konflikte zu personalisieren, sollte der funktionale Druck verstanden werden. Ein konstruktiver Aushandlungsprozess klärt, was verantwortbar ist und was dem Kunden bereits zugesichert werden kann.

Was bedeutet der Ansatz «Disagree and commit»?

Dieser Ansatz besagt, dass nach dem Anhören unterschiedlicher Meinungen gemeinsam eine Entscheidung getroffen wird, die von allen mitgetragen wird, auch wenn einzelne Personen andere Präferenzen hatten.

Welche Rolle spielt die nonverbale Kommunikation bei der Führung?

Nonverbale Signale sind entscheidend, da Taten stärker wirken als Worte. Widersprechen Aussagen dem gelebten Verhalten oder der nonverbalen Signalgebung, leidet das Vertrauen der Mitarbeitenden.

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