01.03.2016

Ausbilder: Projektlernen in der Berufsbildung

Die Zukunft verlangt von jungen Berufsleuten nebst einer fundierten fachlichen Ausbildung auch berufsübergreifende Fähigkeiten (Selbst-, Sozial- und Methodenkompetenzen). Dazu werden seit längerer Zeit neue Ausbildungswege beschritten. Als optimales Lernfeld für das Erlernen von berufsübergreifenden Fähigkeiten eignet sich die projektorientierte Ausbildung als Team- oder Einzelarbeit.

Von: Daniel Herzog   Drucken Teilen   Kommentieren  

Daniel Herzog

Daniel Herzog ist seit 28 Jahren mit den Kernkompetenzen Methodik/Didaktik und Bildungsmarketing in der Erwachsenenbildung tätig. Als Gründer und Gesellschafter der Lernwerkstatt Olten verfügt er über ein Praxisgefäss, in dem er neue Konzepte und Strategien des Bildungsmarketings laufend testet und anwendet.

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Projekt

Als «Projekte» werden im Allgemeinen Aufgabenstellungen bezeichnet, die auf ein konkretes, verwendungsfähiges Endprodukt zielen. Für die Herstellung des Produkts oder der Dienstleistung ist die Beherrschung aller dazu benötigten Kenntnisse und Fertigkeiten erforderlich. In der beruflichen Bildung gibt es jedoch viele festumrissene Aufgaben, die zu keinem gebrauchsfähigen Gegenstand führen (z.B. Fehlersuche an einem Gerät), die aber ebenfalls hohe Anforderungen an den Lernenden stellen. Dazu gehören auch Aufgaben nicht gegenständlicher Art, so gilt es zum Beispiel Konstruktionszeichnungen anzufertigen, einen Schaltplan zu entwerfen oder ein Informatik-Programm zu erstellen. In der projekt- und transferorientierten Ausbildung wird deshalb der Projektbegriff umfassender verstanden und auf solche Übungsaufgaben ausgeweitet.

Wesentliche Merkmale eines Projekts sind:

eine festumrissene Aufgabenstellung, z.B.

  • Anfertigen eines Werkstücks von der Planung bis zur Qualitätsprüfung
  • Optimierung einer elektrischen Schaltung einschliesslich der Funktionsbeschreibung

eine aus der Sicht des Lernenden komplexe Aufgabe, z.B.   

  • erfordert die Aufgabe eine Transferleistung
  • bereitet die Lösung/Ausführung zunächst Schwierigkeiten  
  • wird mehr als das unmittelbar verfügbare Wissen und Können gefordert

 

die Ausführung durch den Lernenden, einzeln oder gemeinsam mit anderen, z.B. 

  • sind an verschiedenen Lernorten erworbene Qualifikationen so zusammenzufügen, dass eine neue Aufgabe ausgeführt werden kann
  • planmässiges, weitgehend selbstständiges Handeln

Projektmethode

Ein wesentliches Merkmal für die Arbeit an einem Projekt ist, dass die zur Lösung erforderlichen Kenntnisse und Fertigkeiten nicht nur theoretisch und für sich isoliert vermittelt werden. Vielmehr werden die Kenntnisse und Fertigkeiten im Zusammenhang mit der Bearbeitung einer konkreten Aufgabe erworben. Ein weiteres Merkmal der Projektmethode ist das selbstgesteuerte Lernen. Information, Planung, Ausführung und Bewertung sowie die auf diese verschiedenen Phasen jeweils bezogenen Entscheidungen sollen die Lernenden weitgehend selbstständig bewältigen. Für den Ausbilder stellt sich die Aufgabe, den Lernenden mit fortschreitendem Ausbildungsstand systematisch im selbstständigen Planen, Ausführen und Bewerten von fachlichen Aufgaben anzuleiten und dabei die Schlüsselqualifikationen zu fördern. Der Ausbilder steuert das Lernen zunächst durch seine direkte Einwirkung über Lehrgespräche, Instruktionen usw. Mit zunehmender Erfahrung des Lernenden nimmt der Ausbilder seine Aktivitäten, also Informationen und andere Vorleistungen, schrittweise zugunsten selbstgesteuerten Lernens mit Hilfe von Leittexten, Leitfragen/Leithinweisen und anderen Arbeitsmitteln zurück. Mit fortschreitender Lehrzeit soll der Anteil der Fremdsteuerung durch die Ausbildenden zu Gunsten der Selbststeuerung der Lernenden immer weiter abnehmen.

Was verstehen wir unter projektorientierter Ausbildung von Lernenden?

Anhand eines konkreten Auftrags (z.B. ein Produkt entwickeln und herstellen, ein Problem lösen, ein Konzept erstellen, einen Kundenanlass vorbereiten usw.) arbeitet ein Team / ein Lernender gleicher oder unterschiedlicher Berufsrichtungen an der Lösung der gestellten Aufgabe. Als Basis für die Formulierung des Auftrags / des Ziels dienen in der Regel praktische Tätigkeiten und dem Ausbildungsstand entsprechende Lerninhalte. Bei dieser Art Ausbildung sind die Ausbilder/innen vor allem Projektauftraggeber, Berater, Begleiter, Coach und Moderator. Sie werten die verschiedenen Projektschritte mit dem Lernenden / dem Lehrlingsteam aus, formulieren fundierte Rückmeldungen/Feedback und geben die Projektschritte frei. Im Vordergrund steht dabei die Erfahrung in der Umsetzung der Theorie in die Praxis, d.h. lernen durch ausprobieren. Das Lernen aus Fehlern ist dabei klar vorgesehen. Der Lernweg verläuft vom Ganzen zum Detail. Um den Auftrag realisieren zu können, müssen sich die Lernenden während der Projektphase zuerst verschiedene Detailkenntnisse und Fertigkeiten aneignen. Ein Projektablauf wird in der Regel mit der 6-Schritte-Methode dargestellt.

6-Schritte-Methode IPERKA

Die 6-Schritte-Methode IPERKA ist eine Methode zur Bearbeitung von Aufträgen.

  1. Informieren
    • Aufgabe, Auftrag?
    • Ergebnis, Bedingungen?
    • Zusätzliche Informationen nötig?
    • Fehlende Kenntnisse, Fertigkeiten?
    • Ähnliche Aufgaben schon gelöst?
    • Zur Verfügung stehende Mittel?
    • Verantwortlichkeiten?
    • Lösungsspielraum?
    • Vorarbeiten geleistet?
    • Arbeitsfortschritt, Resultate an wen?
  2. Planen
    • Prioritäten?
    • Lösungsmöglichkeiten?
    • Teilarbeiten, Dauer?
    • Zeitplan?
    • Hilfsmittel, Werkzeuge?
    • Prüfkriterien?
  3. Entscheiden
    • Lösungsvarianten?
    • Entscheidungskriterien?
    • Bewertung Lösungsvarianten?
    • Entscheidungskompetenz?
    • Begründung des Entscheids?
  4. Realisieren
    • Vorschriften zur Arbeitssicherheit?
    • Abweichung von der Planung?
    • Konsequenzen?
  5. Kontrollieren
    • Prüfkriterien richtig und vollständig?
    • Verbesserungsmassnahmen nötig?
    • Mängel protokolliert?
    • Betroffene informiert?
    • Erfahrungen für neue Aufgaben?
    • Dokumentation aktuell?
  6. Auswerten
    • Was war gut?
    • Was war unbefriedigend?
    • Verbesserungsmöglichkeiten?
    • Verbesserungen für Zukunft sichergestellt?
    • Wen über Abschluss informieren?

Anforderungen an die Dokumentation

  • Vollständigkeit – keine Lücken
  • Relevanz – nichts Überflüssiges
  • Verlässlichkeit – Inhalt aktuell, fehlerfrei
  • Ordnung – übersichtlich, gut strukturiert
  • Verständlichkeit – Sprache, Illustrationen
  • Quellenangaben – Verfasser, fremde Unterlagen  

Beispiel eines Projektbeschriebs

  1. Ausgangslage

    Sie haben Ihre Ausbildung als Kaufmann/Kauffrau begonnen. Dabei brauchen Sie in vielen Situationen eine überlegte, selbstständige Handlungsweise, klare Gedanken, eine genaue Arbeitsweise und kreative Ideen. Zudem ist es in vielen Situationen notwendig, dass Sie sich mit Unterlagen, Büchern, Prospekten und Fachliteratur beschäftigen. Diese Fähigkeiten können Sie in diesem ersten praktischen Projekt trainieren.
  2. Projektziel
    Sie planen die Organisation und Durchführung des Eltern-Bistros. Dies ist der Projektname für den Elternabend der Lernenden des 1. Lehrjahrs (ca. zwei Monate nach Lehrbeginn). An diesem Elternabend sollen die Lernenden von den ersten Erfahrungen der Lehrzeit erzählen (Präsentation vorbereiten und durchführen). Der Abend soll abwechslungsreich werden, indem auch die Ausbilder/innen Gelegenheit haben, mit den Eltern zu plaudern. Selbstverständlich soll ein Imbiss nicht fehlen. Bei dieser Projektarbeit erlernen Sie ein systematisches Vorgehen und erste fachliche Kompetenzen.
  3. Aufgaben (Lernziele)
    Im Rahmen dieser Projektarbeit erarbeiten Sie sich in den folgenden Bereichen Kompetenzen:
    • Administrative Abläufe
    • Planungsmittel
    • Veranstaltungen
    • Aktennotizen
    • Interne Post
    • Disponieren und planen
    • Reproduktionsverfahren
    • Pendenzenüberwachung
    • Telefon
    • Weitere Übermittlungsmittel
    • Anwendung PC-Software (MS Office) und Hardware‑bedienung
    • Datenschutz und -sicherung
  4. Rahmenbedingungen
    Das Grobkonzept des Projekts ist dem Projektleiter / der Projektleiterin vorzustellen. Die BüF-Themen Arbeitsmethodik und Teamfähigkeit aus dem Ordner «Berufsübergreifende Fähigkeiten» werden bearbeitet.
  5. Hinweise
    Für die Planung und Durchführung des Eltern-Bistros wird eine grobe Zeitplanung erstellt. Für die Projektarbeit werden drei Qualitätsmerkmale für die Selbstprüfung festgelegt.
  6. Material
    • 1 PC mit Software MS Office
    • Diverse Schulungsbücher für Software
    • Internes Telefonverzeichnis
    • Adressverzeichnis der Ausbilder/innen
    • Adressverzeichnis der Lernenden
    • Plan der Schultage der Lernenden
    • Einführungsprogramm der 1. Lehrjahr-Lernenden
  7. Projektkosten
    • Planungszeit, PC-Stunden, Ausbildungszeit werden erfasst.
    • Kostenbudget und Abrechnung werden erstellt. (Kostenrahmen: CHF 1000.– bis 1500.–)
  8. Projektorganisation
    • Projektleiterin: Anita Fuchs, Ausbilderin
    • Projektteam: Stefan Reinhard, 1. Lehrjahr / Andrea Gosswiler, 1. Lehrjahr / Ursula Huber, 1. Lehrjahr
  9. Termine
    • Start: 17. August 20..
    • Präsentation Grobkonzept: 8. September 20..
    • Ende: 21. Oktober 20..
  10. Hilfsmittel
    • PowerWork
    • Modelllehrgang
    • Arbeitsordner «Berufsübergreifende Fähigkeiten» (BüF)
    • Planungsblatt (Wochenraster)

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