04.06.2021

Hybride Arbeitsmodelle: Zukunft oder bereits Realität?

Wie sieht sie aus, die neue Normalität? Wo werden wir Schreibtischhelden unsere Arbeitszeit verbringen: zu Hause, im Coworking Space, im Büro? Oder von allem etwas? Was hat der Arbeitgeber davon, wenn die Mitarbeitenden hybrid unterwegs sind? Wie können Teams zusammen effizient arbeiten, wenn sie sich nicht immer sehen? Warum hybride Arbeitsmodelle denkbar und vielleicht sogar von Vorteil für alle Seiten ist.

Von: Judith Oldekop   Drucken Teilen  

Judith Oldekop

Judith Oldekop hat in Deutschland und Spanien Jura studiert und mehrere Jahre in der Schweiz in der Kader-Rekrutierung gearbeitet. Seit 2013 ist sie Head of HR Marketing bei Swisscom.

Hybride Arbeitsmodelle

Hybride Arbeitsmodelle

Von überall kommen die Meldungen, dass Unternehmen, gross oder klein, ihren Mitarbeitenden die «Wahl» lassen zwischen Homeoffice bzw. Remote Work und Onsite Work, also der Arbeit im Büro. Die PR und Employer Branding Kolleginnen und Kollegen reiben sich die Hände, denn nichts lässt sich im Moment so gut vermarkten wie «Remote-Work-Friendly» (geworden) zu sein. Mehrere Umfragen bestätigen, dass Mitarbeitende mobiles Arbeiten für ein oder zwei Tage die Woche wünschen oder dass sie zumindest die Wahl haben möchten1. Das Pendel, das am Anfang der Pandemie Richtung 80% Remote Work ausschlug, schlägt nun etwas zurück, denn nach den Erfahrungen zieht es uns Menschen wohl wieder stärker zueinander. Wo wird sich die neue Normalität einpendeln?

Ich bin grosse Verfechterin einer hybriden Normalität, in der die Kombination von Präsenz und flexiblem Arbeiten möglich ist, wenn sie denn wirklich gelebt wird und nicht nur ein PR Gag ist. Gleichzeitig gilt es, die rosarote Brille abzulegen und zu überprüfen, was wirklich machbar ist und für welche Art von Berufsgruppen so ein Modell in Frage kommt. Dass die Pflegefachkraft oder der Pizzabäcker schlecht remote arbeiten können – klar. Und beim Hausarzt? Warum nicht die telefonische Vorabklärung gleich mit Video verbinden und ihm das Leiden nicht nur schildern, sondern auch zeigen, bevor ich in die Praxis fahre? Und der Gärtner – kann er mir nicht via Facetime Tipps geben, was auf meinem Balkon gut wächst? Anfahrtszeit und -kosten sind gleich eingespart. Teilweise denkbar. Was heisst das jetzt für uns Schreibtischhelden dieser Welt? Da spalten sich die Geister. Von «undenkbar» zu «überhaupt kein Problem» ist alles anzutreffen. Der Netflix CEO gehört zu den Vertretern der Homeoffice Gegner, andere stellen auf komplett remote um2. Solche Beispiele finden sich auch bei uns in der Schweiz.

Vertrauen als Grundvoraussetzung

Drei Mal in der Woche klingelt das Telefon, auf dem Display steht «Chef». «Hallo, wie geht’s? Was machst du gerade? Bist du damit schon fertig?» Wenn die Vertrauensbasis nicht stimmt, wird es schwierig. Hat mein/e Vorgesetzte/r mir schon vor der Arbeit abseits der Bürowände nicht geglaubt, dass ich meine Aufgaben zielorientiert und zeitnah erledige, wird es ihm oder ihr in diesen Zeiten noch schwerer fallen. «Es entfällt die soziale Kontrolle, wenn der Mitarbeitende nicht im Büro ist. Es kann ja sein, dass er die Wohnung aufräumt oder joggen geht, statt zu arbeiten.» Oder: «Ich höre ihr nicht zu, wenn sie telefoniert und weiss daher nicht, wie gut sie es macht.» Das sind nur zwei Beispiele von vielen, die ich in meinem Umfeld höre. Wenn dem so ist, dann sollte ein Grundsatzgespräch zwischen Führungskraft und Mitarbeitenden darüber stattfinden, welche Ziele bis wann erreicht werden sollten und die Führungskraft sollte sich zur Verfügung stellen, wenn es auf dem Weg bis zum Ziel Fragen gibt oder Hilfe benötigt wird. Wie dann der Weg zum Ziel gegangen wird, also zu welcher Uhrzeit oder an welchem Ort dürfte ja erstmal unwichtig sein. Es sei denn, dass das Zusammenarbeiten mehrerer Beteiligter gefragt ist, z.B. im Rahmen eines kreativen Workshops oder Brainstormings. Dann ist ein Miteinander vor Ort sicherlich hilfreich. Dazu später mehr. Vertrauen bildet auf jeden Fall die Basis guter Zusammenarbeit, unabhängig von Ort, Zeit und Aufgabe. Und vielleicht kommen dem joggenden Kollegen in diesem Moment die zündenden Ideen, weil er sich im kreativen Zwischenraum befindet. Und was wäre, wenn die Mitarbeiterin, die ohne Kontroll-Ohr telefoniert, viel erfolgreichere Gespräche führt, weil sie authentischer und freier spricht, wenn ihr niemand zuhört?

Teamspirit aufrechterhalten

Kennen wir uns noch? Seit wann macht Peter denn eine Weiterbildung? Wer ist Sarah? Ist die neu? Wann und wie oft sehen sich Teams? Und warum?

Wenn sich das Team auseinanderlebt, weil es sich zu selten sieht, ist das schädlich für den Zusammenhalt und für die Zusammenarbeit. Ein Team ist keine Ansammlung Einzelner, sondern eine bewusst zusammengesetzte Gruppe von Menschen, die ein gemeinsames Ziel verfolgen. Es gibt Unternehmen, die ausschliesslich remote arbeiten, wie z.B. Buffer. Sie kennen nichts anderes, sie haben ihre Mitarbeitenden so rekrutiert. Und gleichzeitig treffen sich alle einmal im Jahr und verbringen eine Woche miteinander, um Identität zu schaffen und gemeinsame Ziele zu definieren. Andere Teams, die sich täglich gesehen haben, sind nun nicht mehr gemeinsam an Ort und Stelle. Für sie ist es eine neue Situation. Es ist wichtig, den Teamspirit aufrechtzuerhalten und sich nicht aus den Augen zu verlieren. Denn: Aus den Augen – aus dem Sinn. Ich weiss dann vielleicht nicht mehr, wer im Team die Kompetenz hat, die ich gerade brauche. Kenne die Projekte, an denen die Kollegen arbeiten, zu wenig und kann sie nach aussen schlecht vertreten. Weiss nicht um die Sorgen der Kollegin und kann keine Unterstützung anbieten. Und im schlimmsten Fall ist mir das gemeinsame Ziel abhandengekommen und ich arbeite «gezielt» daran vorbei.

Out-of-Office-Reply: «Ich kann Ihre E-Mails heute nicht beantworten, weil ich im Büro bin. Ich werde das tun, sobald ich im Homeoffice bin.» Dies ist eine meiner Lieblingsmails, die ich von einem Kollegen erhalten habe. Und er hat Recht: denn, wenn ich schon mal im Büro bin, geht es genau darum: mit den Kolleginnen und Kollegen im Dialog sein, Gedanken und Wissen auszutauschen, sie zu spüren und herauszufinden, welchen Beitrag ich für den Erfolg des Teams leisten kann. Auch ausserhalb des Teams Gespräche führen ist wichtig, an der Kaffeemaschine oder im Gang, wenn man sich zufällig über den Weg läuft. Denn das Netzwerk, welches vor Ort geknüpft wird, kann später remote sehr gut eingesetzt werden.

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«Warte mal, ich hör dich doppelt. Tanja, mach mal dein Mikrofon aus!» «Ich mach das Video nicht an, mein Internet ist zu schwach.» – Meetings on- und offline oder beides gleichzeitig?

Es scheint sich eine Faustregel zu entwickeln: Infomeetings online, kreative Workshops offline. Warum? Reine einseitige Informations-Meetings können sehr gut online und damit anonym(er) von statten gehen: Einer spricht, alle sind auf stumm gestellt und Fragen stellt man über den Chat, die dann eine nach der anderen beantwortet werden. Es findet keine grosse Diskussion statt, fokussiertes Zuhören ist möglich. Warum dann Workshops im echten Raum? Vor Ort, unter echten Menschen, kann man spontan den Faden des anderen aufnehmen und weiterspinnen. Die kreative Aufwärtsspirale, das gegenseitige Befruchten mit Ideen entwickelt eine eigene Dynamik, weil man in der Gestik und Mimik der Menschen sieht, wem jetzt gerade eine tolle Idee auf der Lippe brennt oder wer schon ein paar Mal versucht hat, etwas zu sagen, aber nicht zum Zuge kam. Hierfür ist Präsenz im Raum wichtig und richtig. Vor Ort kann man wild auf Flipcharts zeichnen, Post-its von rechts nach links kleben und Stellwände mit Plakaten verschieben. Natürlich gibt es viele, und sehr gute Onlinetools, die vieles möglich machen und es kann auch etwas Grossartiges dabei herauskommen. Habe ich erlebt. Je kleiner die Gruppe, desto besser. Je intensiver die Vorbereitung, desto effizienter. Was meiner Erfahrung nach dabei eher auf der Strecke bleibt, ist das Wir-Gefühl, der Teamspirit, etwas gemeinsam erreicht zu haben. Das Abklatschen. Die lustigen Randkommentare. Und es besteht die Gefahr, dass man stillere, introvertiertere Personen nicht genug wahrnimmt. Da muss ein sehr geübter Moderator am Laptop sitzen, der es schafft, online jede/n abzuholen und der die Nuancen anspricht, die sich hinter den Bildschirmen abspielen. Denn digital erspüren kann man diese nicht. Und wenn schon online, dann bitte mit Video. Dann sehe ich wenigstens die Menschen, mit denen ich spreche und kann mir deren Aufmerksamkeit sicher sein. Oder, falls nötig, etwas dafür tun, um mir die Aufmerksamkeit zurückzuholen. Dann kann man sich in die Augen schauen – besser als gar nicht(s). Was ich schwierig finde: Die eine Hälfte der Kolleginnen und Kollegen sitzt im Raum und die andere Hälfte ist online verbunden. Denn die Teamdynamik im Raum ist online nicht spürbar, die Personen am anderen Ende des Kabels bekommen die Informationen zwischen den Zeilen nicht mit und fühlen sich nicht mitgenommen oder im Extremfall sogar «abgehängt». Daher: wenn online, dann alle.

Hybride Arbeitsmodelle - Mein Fazit

Die Entwicklung, mehr digital zu arbeiten, war schon länger da. Die Pandemie hat die Digitalisierung ja nicht erst zu Tage gebracht. Die Prozesse wurden jetzt sicherlich beschleunigt und nur ein paar wenige Unternehmen haben eine «Zwangsdigitalisierung» erlebt. Nun gilt es, aus beiden Welten das Beste herauszunehmen – im Einklang mit dem Team und dem Arbeitsumfeld. Mit dem Ziel, Effizienz und Effektivität hoch zu halten und den Bedürfnissen des Arbeitgebers und der Arbeitnehmer gerecht zu werden. Ich schätze die Tage im Homeoffice sehr, weil ich flexibler Familie, Job und Hobbies unter einen Hut kriege und viele Wege entfallen, die mir Zeit und Raum fürs Arbeiten geben. Den persönlichen Austausch mit meinen Peers und meinem Vorgesetzten möchte ich nicht missen, da ich nicht nur face to face mit ihnen fachsimpeln möchte, sondern gerne auch das eine oder andere persönliche Schwätzchen halte, ohne dafür das Telefon in die Hand nehmen zu müssen. Das ist auch die grosse Herausforderung. Jedes Team muss für sich abwägen, ob es Präsenztage für alle geben wird und wie man gleichzeitig den Bedürfnissen des Arbeitgebers und der Mitarbeitenden gerecht werden kann. Vertrauen ist wichtig, Spielregeln und Leitplanken sind es auch. Wie so oft: Simple, but not easy.

Quellen:

https://m.faz.net/aktuell/karriere-hochschule/buero-co/arbeitszeit-und-ort-mitarbeiter-wollen-mehr-wahlfreiheit-17002811.html

https://www.cmswire.com/digital-workplace/does-netflix-ceos-pure-negative-comment-on-working-from-home-have-merit/?utm_source=linkedin.com

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