04.06.2018

Architekturleistungen: Fallstricke bei der Vertragsgestaltung

Vergütungsstreitigkeiten auf dem Bau betreffen nicht nur Werklohnforderungen von Unternehmern. Vermehrt müssen sich Anwälte und Gerichte mit Vergütungsstreitigkeiten zwischen Architekten und Bauherrschaften auseinandersetzen.

Von: Christoph Schärli   Drucken Teilen   Kommentieren  

Christoph Schärli, lic. iur.

Christoph Schärli, lic. iur., ist als Rechtsanwalt bei Geissmann Rechtsanwälte in Baden und Zürich tätig. Er berät und vertritt Unternehmen, Gemeinwesen sowie Privatpersonen in allen Belangen des öffentlichen und privaten Baurechts sowie des Submissions- und Verwaltungsrechts.

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Vergütungsstreitigkeiten

Vergütungsstreitigkeiten sind immer wieder auf den Umstand zurückzuführen, dass die Parteien der Frage der Vergütung bei den Vertragsverhandlungen und der Vertragsredaktion zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt haben. Ist die Frage der Vergütung unter den Parteien nicht genügend klar geregelt, kann dies während der Vertragsabwicklung zu grossen Differenzen führen, welche im Extremfall das Gelingen eines Bauprojekts infrage stellen können. Nachfolgend werden die grössten Stolpersteine bei der Regelung der Vergütung thematisiert und Lösungsansätze für die Vertragsgestaltung vorgeschlagen, welche helfen können, das Risiko von Vergütungsstreitigkeiten zu minimieren.

Die Vergütung ist im Vertrag explizit zu vereinbaren

Auf den ersten Blick mag es erstaunen, dass einem solch zentralen Vertragsbestandteil wie der Vergütung oftmals zu wenig Gewicht beigemessen wird. Die Praxis zeigt aber, dass in den Vertragsgrundlagen immer wieder elementare Angaben zur Vergütung fehlen oder nicht genügend klar formuliert sind. Ist etwa nicht klar geregelt, ob es sich beim vereinbarten Betrag um eine Pauschale, ein Kostendach oder nur eine Kostenschätzung handelt, oder wurden nicht alle Faktoren und Grundlagen zur Herleitung der Vergütung bestimmt, sind spätere Streitigkeiten vorprogrammiert.

Dass der Vergütungsfrage bei den Architektenverträgen in der Tendenz zu wenig Gewicht beigemessen wird, mag daran liegen, dass der Architekt meist nicht nur als Planer des Projekts, sondern auch als Berater und Vertreter der Bauherrschaft tätig wird. Ausgiebige Diskussionen und Regelungen über die Vergütung stehen da beidseits nicht oben auf der Prioritätenordnung. Hat sich aber das zu Beginn der Zusammenarbeit vorhandene Stimmungshoch aufgrund von Verzögerungen, Kostenüberschreitungen oder anderen Schwierigkeiten im Laufe des Projekts einmal abgekühlt, ist die Bereitschaft der Parteien, eine fehlende oder unklare Vergütungsregelung im Vertrag einvernehmlich und pragmatisch zu ergänzen, oft nicht mehr allzu gross.

Im Gegensatz zur Vergabe von Werkleistungen, bei welchen stark auf den Preis fokussiert wird, stehen bei Planerleistungen die gestalterischen und projektbezogenen Aspekte im Vordergrund. Traditions- und standesgemäss definiert sich der Architekt denn auch mehr über seine gestalterische und planerische Leistung als über den Preis. Die früher verbreitet verwendeten Verbandstarife mögen als Erklärung dienen, dass dem Architekten der Vergütungs- bzw. Preiswettbewerb eher fremd ist. Auch wenn die Verbandstarife seit geraumer Zeit aus kartellrechtlichen Gründen nicht mehr zulässig sind und nicht mehr publiziert werden, sind sich noch immer nicht alle Architekten und Bauherren bewusst, dass die Vergütung für jedes Vorhaben einzeln kalkuliert und vereinbart werden muss.

Wichtiger Hinweis: Die teilweise verbreitete Annahme, dass mit der vertraglichen Übernahme bzw. dem Verweis auf eine SIA-Ordnung, wie etwa die SIAOrdnung 102, die Frage der Vergütung bereits geregelt sei, ist zu korrigieren. Mit der blossen Übernahme einer SIA-Ordnung legen die Parteien nämlich weder die Art der Vergütung noch deren Höhe fest. Die SIA-Ordnung 102 für Architekturleistungen enthält nur eine Aufzählung verschiedener Vergütungsmodelle mit entsprechenden Regelungen. Unabhängig davon, ob die Parteien die SIA-Ordnung 102 als Vertragsbestandteil übernehmen oder nicht, müssen das Vergütungsmodell sowie die Höhe der Vergütung bzw. deren Berechnungsfaktoren in jedem Vertrag explizit festgelegt werden.

Kalkulationshilfen können eine projektbezogene Kalkulation nicht ersetzen

Die Kalkulation der Vergütung und die entsprechende Regelung im Vertrag gestalten sich gerade bei grösseren Projekten oft komplex. Diesem Umstand begegnet die Baubranche mit der Verwendung von Kalkulationshilfen bzw. Honorarberechnungsformeln.

Die Formel des SIA zur Herleitung der Vergütung nach den aufwandbestimmenden Baukosten ist das am üblicherweise verwendete Modell. Diese Kalkulationshilfe sowie die damit zusammenhängenden Leistungs- und Honorarordnung des SIA ist mittlerweile jedoch kartellrechtlich umstritten. Ob zukünftig auf solche Kalkulationshilfen zurückgegriffen werden kann, ist zurzeit ungewiss. Ungeachtet der (an dieser Stelle nicht weiter zu behandelnden) kartellrechtlichen Frage, in welcher Form solche von einem Berufsverband publizierten Kalkulationshilfen noch zulässig sein werden, ist es im Hinblick auf das Vermeiden bzw. Reduzieren von Vergütungsstreitigkeiten nur zu empfehlen, dass sich die Vertragsparteien vor der Vertragsunterzeichnung mit dem spezifischen Leistungsumfang und der entsprechenden Vergütung vertieft(er) und vor allem projektbezogen(er) auseinandersetzen.

PraxisTipp: Viele Vergütungsstreitigkeiten entstehen dadurch, dass die entsprechenden Kalkulationsmodelle in die Verträge übernommen werden, ohne dass sich die Parteien mit den einzelnen Faktoren und deren Auswirkungen auf die Vergütung vertiefter vertraut gemacht haben.

Das Modell der aufwandbestimmenden Baukosten beruht auf der Annahme, dass zwischen den Baukosten und dem Aufwand des Architekten ein Zusammenhang besteht. Unter Berücksichtigung weiterer Faktoren (Schwierigkeitsgrad, Teamfaktor, Anpassungsfaktor für Sonderleistungen) wird mit besagter Formel anhand der Baukosten ein «durchschnittlicher» Stundenaufwand ermittelt. Der so ermittelte fiktive Stundenaufwand wird mit dem vereinbarten Stundenansatz multipliziert, woraus sich dann die Vergütung ergibt. Die Vergütung bemisst sich somit unabhängig vom effektiven Zeitaufwand des Architekten, sondern steigt bzw. sinkt mit der Höhe der Baukosten. Dieses Rechnungsmodell wird oft auch als Grundlage für die Herleitung eines Pauschalhonorars verwendet.

Baukosten und Höhe der Vergütung

Aufgrund der relativ komplex erscheinenden Formel zur Herleitung des durchschnittlichen Zeitaufwands könnte der Eindruck entstehen, dass es sich dabei um eine wissenschaftliche bzw. besonders genaue Berechnungsart für den im konkreten Projekt anfallenden Aufwand des Architekten handelt. Dies ist aber nicht so. Da die weiteren aufwandbestimmenden Faktoren verbreitet ohne entsprechende Anpassungen übernommen werden, führt dies dazu, dass die Höhe der Vergütung fast gänzlich von der Höhe der Baukosten abhängt. Statistische Erhebungen mögen zwar eine Abhängigkeit zwischen dem Aufwand des Architekten und den Baukosten nachweisen. Im Einzelfall können jedoch Aufwand und Anforderung für Planung und Ausführung zwischen zwei verschiedenen Bauvorhaben mit identischen Baukosten erheblich voneinander abweichen.

PraxisTipp: Sowohl Bauherrschaft als auch Architekt sind gut beraten, die entsprechende Berechnungsformel kritisch zu betrachten. Es empfiehlt sich, vor Vertragsabschluss den mit der Formel hergeleiteten bzw. prognostizierten Aufwand den Anforderungen des konkreten Projekts gegenüberzustellen und auf seine Plausibilität hin zu überprüfen und allenfalls Anpassungen bei den Faktoren oder der Vergütungshöhe selber vorzunehmen.

Das Modell der Vergütung nach aufwandbestimmenden Baukosten hat zudem unter dem Aspekt der Prozess- und Kostenoptimierung nicht zu unterschätzende Nachteile. So fehlen etwa entsprechende Anreize für den Architekten, mit zusätzlichem Projektierungs- und Planungsaufwand die Baukosten zu reduzieren. Dies deshalb, weil der Architekt, der mit zusätzlichem Planungsaufwand die Baukosten senken kann, dadurch gleichzeitig seine Vergütung reduziert. Faktisch wird er für seinen im Interesse der Bauherrschaft geleisteten Mehraufwand doppelt bestraft. Zieht man in Betracht, dass eine kostenoptimierende Planung und Bauleitung zum Pflichtenheft eines Planers gehören sollte, ist zumindest fraglich, ob die Baukosten als (massgebliche) Referenzgrösse für die Herleitung des vergütungsberechtigten Aufwands der Weisheit letzter Schluss sein können.

Leistungsumfang projektspezifisch festlegen

Unabhängig davon, welchem Vergütungsmodell die Parteien den Vorzug geben, ist es mit dessen Wahl und der Festlegung eines Pauschalbetrags oder eines Stundenansatzes im Vertrag nicht getan. Jeder Vergütungssumme ist ein bestimmter Leistungsumfang gegenüberzustellen. Bei vom Zeitaufwand unabhängigen Festpreismodellen, wie dem Pauschalpreis oder der Vergütung nach dem Berechnungsmodell der aufwandbestimmenden Baukosten, ist dies besonders wichtig.

Wichtiger Hinweis: Eine unklare Leistungsumschreibung bietet grosses Potenzial für spätere Vergütungsstreitigkeiten. Denn: «Pauschal ist nur der Preis, nicht aber die Leistung.» Haben die Parteien den Leistungsumfang nicht genügend definiert, führt dies während des Projekts unweigerlich zu Diskussionen über die Frage, welche Leistungen mit dem Festpreis abgegolten und welche zusätzlich zu vergüten sind.

Die genaue Umschreibung des Leistungsumfangs zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses bietet beim Architektenvertrag jedoch regelmässig Schwierigkeiten, dies etwa im Vergleich zu den Unternehmerleistungen. So kann der Unternehmer seine Offerte meist auf einem klaren Leistungsbeschrieb oder gar einem detaillierten Leistungsverzeichnis mit genauen Plänen und Angaben erstellen. Dagegen liegt zum Zeitpunkt der Vertragsgespräche zwischen Architekt und Bauherrschaft oft nur eine Projektstudie oder allenfalls ein erstes Vorprojekt vor. Zu diesem Zeitpunkt sind auch weitere aufwandrelevante Faktoren wie der genaue Zeithorizont, die Projektorganisation oder eventuelle behördliche Auflagen und Verzögerungen noch nicht bekannt. Ein vollständiger und detaillierter Leistungsbeschrieb, welcher eine verlässliche Aufwandsschätzung über das gesamte Bauvorhaben hin zulässt, kann zu diesem frühen Projektzeitpunkt meist noch nicht abschliessend erstellt werden.

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