Financial Leverage: Rendite oder Risiko?

KURZ ZUSAMMENGEFASST

Der Financial Leverage beschreibt den Hebeleffekt, den Fremdkapital auf die Eigenkapitalrendite ausübt. Steigt die Gesamtkapitalrentabilität über die Fremdkapitalzinsen, führt eine höhere Verschuldung zu einer gesteigerten Verzinsung des Eigenkapitals. Dieser positive Effekt kehrt sich jedoch um, sobald die Zinskosten die operative Rentabilität übersteigen oder das operative Ergebnis einbricht, was das Risiko für Unternehmen und Gläubiger signifikant erhöht.

Die wichtigsten Punkte:

  • Der Leverage-Effekt optimiert die Eigenkapitalrendite, solange die Gesamtkapitalrentabilität höher ist als die Fremdkapitalzinsen.
  • Ein steigender Verschuldungsgrad erhöht nicht nur die Rendite, sondern auch das Risiko für die Bonität und zukünftige Zinskosten.
  • Die Berechnung berücksichtigt das Verhältnis von Fremdkapital zu Eigenkapital sowie die Differenz zwischen Gesamtkapitalrendite und Zinsaufwand.
  • Bei negativer Wirkung kann der Hebel zu drastischen Verlusten und einer Verschlechterung der Finanzierungsbedingungen führen.
10.01.2026 Von: Prof. Dr. Thomas Rautenstrauch
Financial Leverage

Wie wirkt sich der Financial Leverage auf die Eigenkapitalrendite aus und welche Risiken birgt er?

Die Kapitalstruktur einer Unternehmung beschreibt wie sich das Gesamtkapital (entspricht den Passiven in der Bilanz) auf Eigen- und Fremdkapital verteilt. Vor allem durch die Kennzahlen Eigenfinanzierungsgrad und Verschuldungsgrad wird die Kapitalstruktur im Rahmen der Finanzanalyse beobachtet, wobei ein hoher Verschuldungsgrad geradezu als Risikoindikator bewertet wird, von dem auch Rückwirkungen auf die Bonität der Unternehmung ausgehen. Dennoch ist ein höherer Verschuldungsgrad nicht per se schlecht, sondern nur dann, wenn das Unternehmen operativ nicht erfolgreich wirtschaftet. Den Zusammenhang zwischen positiven Renditewirkungen im Zusammenhang mit einem steigenden Verschuldungsgrad einerseits und möglichen negativen Risikoeffekten und Bonitätsverschlechterungen andererseits zeigt der Financial Leverage an.

Entscheidungen zur Kapitalstruktur vor dem Hintergrund des Financial Leverage

Der Financial Leverage gibt das Verhältnis von finanziellem Fremdkapital zum Eigenkapital innerhalb eines Unternehmens an. Darüber hinaus kann es sich auch auf die Einwirkung der Schulden einer Gesellschaft auf deren Betriebsergebnis beziehen.  

Gemeint ist das Ergebnis vor Abzug von Zinsen, Steuern und Abschreibungen sowie immateriellen Vermögenswerten. Es wird also dabei der Einfluss der Schulden auf die operative, d.h. aus der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit fliessende, Ertragskraft bewertet. Dies ist besonders bei international tätigen Unternehmen für das Rating von Bedeutung. Es werden die Mittelzuflüsse aus Fremdfinanzierungen in Bezug gesetzt zu den aus dem regulären operativen Geschäft erarbeiteten Beträgen.

Der Financial Leverage gibt demnach Aufschluss über die Wirkung der eingesetzten finanziellen Fremdmittel auf das Ertragsvolumen. Ein positiver Leverage-Effekt ist dann festzustellen, wenn die Rentabilität des Kapitals, also das Verhältnis des erwirtschafteten Reingewinns zum Eigenkapital, höher liegt als die Zinsen für die Fremdfinanzierung. Bei steigendem Financial Leverage erhöht sich daher auch die Eigenkapitalrendite, ebenso wie dessen Verschuldung. Daraus können allerdings erhebliche Risiken entstehen, auf die die Banken mit der Erhöhung der Zinsen für die nächsten Kredite reagieren, wodurch die Rentabilität des Eigenkapitals weiter sinkt.

Leverage-Effekt

Die Formel zur Berechnungen dieses auch als Financial Leverage bezeichneten Leverage-Effektes im Finanzierungsbereich lautet wie folgt: EKR = GKR + FinLev x (GKR - FKZ)  

Dabei bedeuten: 
EKR = Eigenkapitalrentabilität
GKR = Gesamtkapitalrentabilität
FinLev = Financial Leverage (= Fremdkapital / Eigenkapital)
FKZ = Fremdkapitalzinsen  

Als Prämisse für diese Formel gilt, dass der Fremdkapitalzins auch bei steigendem Financial Leverage konstant bleibt, was in der Praxis nicht ganz zutreffend ist, da die Bonität eines Schuldners mit steigendem Verschuldungsgrad abnimmt und dadurch die Zinsen für einen eventuellen Kredit steigen. Das gesamte Leverage-Risiko muss daher in dem Umfang zunehmen, in dem die Belastungen aus dem für die Finanzierung aufgenommenen finanziellen Fremdkapital wachsen.

Beispiel für die Wirkungsweise des Leverage-Effektes

Ein Unternehmen verfügt über 89.7 Mio. CHF Eigenkapital (Vorjahr: 162.3 Mio. CHF) sowie über ein finanzielles Fremdkapital über 190.3 Mio. CHF (Vorjahr: 172.1 Mio. CHF). Weiterhin hat dieses Unternehmen ein Jahresergebnis nach Steuern von 26.7 Mio. CHF bei einem Zinsaufwand von 9.1 Mio. CHF erzielt.  

Die Eigenkapitalrentabilität ist gemäss der oben angegebenen Leverage-Formel wie folgt zu ermitteln:  

  1. Ermittlung der Gesamtkapitalrentabilität (hier als Return on invested Capital bzw. ROIC)
    GKR = (Jahresergebnis n. Steuern + Zinsaufwand) / Durchschnittl. Gesamtkapital =
    (26.7+9.1) / [(172.1+ 89.7 + 190.3 + 162.3) / 2]= 11.65%  
  2. Ermittlung des durchschnittlichen Eigenkapitals und der durchschnittlichen Finanzschulden
    Durchschnittliches Eigenkapital = (89.7 + 162.3) / 2 = 126.0
    Durchschnittliche Finanzschulden = (172.1 + 190.3) / 2 = 181.2  
  3. Ermittlung der Kosten für das Fremdkapital (Cost of Debt)
    Cost of Debt = 9.1 *100 / (172.1 + 190.3) / 2 = 5.02%  
  4. Ermittlung Financial Leverage
    Fin. Leverage = Durchschnittl. Finanzielles Fremdkapital / Eigenkapital = 181.2 / 126 = 144%  
  5. Anwendung der Leverage-Formel 
    EKR = 11.65% + 144% x (11.65% - 5.02%) = 21.2%  

Checkliste

  • Überprüfen Sie, ob die aktuelle Gesamtkapitalrentabilität (ROIC) stabil über den Fremdkapitalzinsen liegt.
  • Analysieren Sie die Sensitivität Ihres operativen Ergebnisses bei Zinssteigerungen oder Umsatzeinbrüchen.
  • Berechnen Sie den aktuellen Financial Leverage (Fremdkapital / Eigenkapital) und vergleichen Sie ihn mit Branchenwerten.
  • Prüfen Sie die Zinsbindung und die Fälligkeitenstruktur Ihrer bestehenden Kredite.
  • Ermitteln Sie die Kosten für neues Fremdkapital unter Berücksichtigung möglicher Bonitätseinbussen.
  • Simulieren Sie Szenarien, in denen der Leverage-Effekt ins Negative kippt.
  • Stellen Sie sicher, dass die Liquidität auch bei höheren Zinslasten gesichert bleibt.
  • Dokumentieren Sie die Strategie zur Optimierung der Eigenkapitalrendite gegenüber dem Risiko.
  • Klären Sie mit Ihren Finanzgläubigern die Toleranzgrenzen für eine höhere Verschuldung.
  • Leiten Sie Massnahmen ab, falls der Verschuldungsgrad kritische Schwellenwerte erreicht.

Wirkung einer weiteren Verschuldung

Eine zusätzliche Aufnahme von finanziellem Fremdkapital bewirkt trotz der höheren Zinslast eine Verbesserung sowohl der Gesamt- als auch der Eigenkapitalrentabilität. Dies funktioniert solange, wie die Gesamtkapitalrentabilität oberhalb der Fremdkapitalzinsen liegt. Erst wenn die Zinsen für neues Fremdkapital die Höhe der Gesamtkapitalrentabilität übersteigen, verkehrt sich dieser Effekt ins Negative. Für Unternehmen, bei denen der oben beschriebene Fall zutrifft (Gesamtkapitalrendite > Fremdkapitalzins), lohnt es sich also auch unter Rentabilitätsgesichtspunkten, zusätzliche Kredite bzw. FK aufzunehmen. Da aber die Kennzahl Financial Leverage ansteigen wird, steigt auch das Risiko für die Finanzgläubiger.  

Fazit Financial Leverage

Den Leverage-Effekt zu kennen und optimal auszunutzen ist wichtig, um die Rendite auf das Eigenkapital im Sinne der Shareholder zu optimieren. Allerdings ist das Risiko eines hohen Financial Leverage zu beachten. Dies gilt vor allem bei steigenden Fremdkapitalzinsen sowie bei einem Einbruch des operativen Ergebnisses. In diesen Fällen kehrt sich der gewünschte Hebeleffekt gerade um und dies erweist sich zumeist als sehr negativ mit der entsprechenden Risikoerhöhung und Bonitätseinbussen für die Unternehmung.

FAQ: Financial Leverage

Wann ist der Financial Leverage positiv?

Der Leverage ist positiv, wenn die Rentabilität des Gesamtkapitals höher ist als die Zinskosten für das Fremdkapital. In diesem Fall steigt die Eigenkapitalrendite mit zunehmender Verschuldung.

Welche Formel wird für den Financial Leverage verwendet?

Die Formel lautet: Eigenkapitalrentabilität = Gesamtkapitalrentabilität + Financial Leverage (Fremdkapital / Eigenkapital) × (Gesamtkapitalrentabilität - Fremdkapitalzins).

Warum kann ein hoher Verschuldungsgrad riskant sein?

Ein hoher Verschuldungsgrad erhöht die Zinslast und das Risiko eines Bonitätsabbaus. Sinkt die operative Rentabilität oder steigen die Zinsen, kehrt sich der positive Hebeleffekt um und führt zu starken Renditeverlusten.

Gilt der Leverage-Effekt für alle Unternehmen gleich?

Nein, die Wirkung hängt von der Stabilität der operativen Ertragskraft und den aktuellen Zinsbedingungen ab. Unternehmen mit schwankenden Ergebnissen tragen ein höheres Risiko bei hoher Verschuldung.

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