05.01.2021

Folgebewertung: Werthaltigkeit von Goodwill auf dem Prüfstand

Die internationalen Rechnungslegungsvorschriften zur Folgebewertung des Goodwill stehen aktuell auf dem Prüfstand. Vorausgegangen sind diesem Status quo jahrelange, teils kontrovers geführte Diskussionen rund um den sog. «Impairment Only Approach» in den internationalen Regelwerken. Die aktuelle COVID-19-Pandemie giesst zusätzlich Öl in das Feuer der Werthaltigkeit. Vor diesem Hintergrund zeigt der vorliegende Beitrag auf, welche Änderungen in der Schweiz mit Bezug zur Folgebewertung des Goodwill in naher Zukunft zu erwarten sind.

Von: Marco Canipa-Valdez  DruckenTeilen 

Prof. Dr. Marco Canipa-Valdez

Marco Canipa-Valdez, Dr. rer. pol. ist Dozent für Accounting, Controlling, Auditing an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) sowie Referent für ExpertSuisse und TreuhandSuisse. Zuvor war er als Financial Controller für die Lufthansa Technik Switzerland (LTSW) in Basel sowie als Audit Senior für die KPMG in Hamburg tätig.

Folgebewertung

Hintergrund

Die Werthaltigkeit des Geschäfts- oder Firmenwerts (Goodwill) steht nicht erst durch die aktuelle Covid-19-Pandemie wieder vermehrt im Fokus, vielmehr wurde bereits vor rund zehn Jahren im Zusammenhang mit der Finanz- und Wirtschaftskrise die Kritik laut, dass die Anwendung der internationalen Rechungslegungsvorschriften zu keinen wesentlichen ausserplanmässigen Abschreibungen auf den Goodwill führten. Darüber hinaus wird seit vielen Jahren auch von Seiten der Anwender darauf hingewiesen, dass die Durchführung des Werthaltigkeitstests bzw. die Einhaltung der entsprechenden Vorschriften zu einem negativen Kosten-Nutzen-Verhältnis führen kann. Vor diesem Hintergrund befinden sich die aktuellen Regelungen zur Goodwill-Folgebewertung derzeit bei den internationalen Standardsetzern auf dem Prüfstand. Diese kommen in Abhängigkeit von Grösse, Statuten und/oder Kotierung des jeweiligen Unternehmens teilweise auch in der Schweiz unmittelbar zur Anwendung. Weiterhin können Änderungen auf internationalem Parkett – mit einem gewissen Zeitverzug – auch zu Anpassungen in den Schweizer Regelwerken Swiss GAAP FER und OR führen.

Folgebewertung des Goodwill in den Schweizer Regelwerken

Übersteigt die Gegenleistung (Kaufpreis) den Substanzwert des zu übernehmenden Unternehmens, ist in Höhe des Differenzbetrags ein positiver (derivativer) Goodwill anzusetzen. 1 Dabei kann der finale Kaufpreis, je nach Verhandlungsergebnis, von dem nach einem bestimmten Modell berechneten Unternehmenswert abweichen. Nach Durchführung einer sog. Kaufpreisallokation2 und dem damit verbundenen erstmaligen Ansatz des (derivativen) Goodwill als immaterieller Vermögenswert in der Unternehmensbilanz stellt sich die Frage der nachfolgenden Bewertung. Grundsätzlich gilt, dass eine Zuschreibung auf den Goodwill im weiteren Verlauf nicht zulässig ist, da er mit zunehmender Nutzung immer mehr zu einem originären, d.h. selbst erstellten Goodwill avanciert. Bei den Vorschriften zur Folgebewertung tun sich bei einem Blick auf Schweizer und internationale Regelwerke davon abgesehen aber teils erhebliche Unterschiede auf. So bestehen nach OR und Swiss GAAP FER folgende zwei Möglichkeiten: A) Entweder ist der Goodwill direkt mit dem Eigenkapital zu verrechnen. In diesem Fall wird eine entsprechende Angabe zur theoretischen Aktivierung des Goodwill im Anhang erforderlich, oder B) der Goodwill wird aktiviert und über einen Zeitraum von üblicherweise fünf Jahren (personenbezogener Goodwill), in begründeten Fällen (objektbezogener Goodwill) über einen Zeitraum von höchstens 20 Jahren abgeschrieben. Wird der Goodwill nicht direkt mit dem Eigenkapital verrechnet, ist zudem die Werthaltigkeit periodisch oder bei Anhaltspunkten zu überprüfen. Swiss GAAP FER 20 liefert Hinweise zur entsprechenden Vorgehensweise.

Folgebewertung des Goodwill in den internationalen Regelwerken

Die International Financial Reporting Standards (IFRS) und die US-Generally Accepted Accounting Principles (US-GAAP) verlangen – anders als die Schweizer Regelwerke – bei der Folgebewertung des Goodwill die Einhaltung des sog. «Impairment Only Approach (IOA)». Demnach ist der (derivative) Goodwill nicht planmässig abzuschreiben, sondern mindestens jährlich auf seine Werthaltigkeit zu überprüfen und ggf. ausserplanmässig abzuschreiben. Der IOA ist in den internationalen Regelwerken (IFRS und US-GAAP) erst seit Anfang der 2000er über die entsprechenden Standards IFRS 3/IAS 36 bzw. SFAS 141/142 (mittlerweile umbenannt in ASC 805 und 350) verankert. Im Laufe der Jahre wurde immer wieder Kritik am IOA laut, die im Wesentlichen auf ein ungünstiges Kosten-Nutzen-Verhältnis verwies. Darüber hinaus entfachte sich Kritik an den Regelungen, als im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise keine überdurchschnittlichen Wertminderungen beobachtet werden konnten. Der US-amerikanische Standardsetzer Financial Accounting Standards Board (FASB) hatte in der Vergangenheit mit zwei Anpassungen (Standardupdates) bereits versucht, das Kosten-Nutzen-Verhältnis zu verbessern. Eine positive Resonanz von Seiten der Anwender blieb jedoch aus. Andere Standardsetter, wie z. B. das Accounting Standards Board of Japan (ASBJ), haben mittlerweile Alternativen für die heimischen Unternehmen entwickelt, die den Goodwill nun wieder planmässig abschreiben dürfen. In der Folge setzten die grossen Standardsetzer International Accounting Standards Board (IASB) und das US-amerikanische FASB die Vorschriften zur Folgebewertung des Goodwill grundlegend auf den Prüfstand. So führte das FASB letztes Jahr eine Befragung seiner Stakeholder durch (Invitation to Comment), mit dem Ergebnis, dass eine Mehrheit für die planmässige Abschreibung votierte.3 Darüber hinaus stimmten einige für einen grundsätzlichen Erhalt des IOA, forderten jedoch weitere Optimierungen. Der IFRS-Standardsetzer wiederum – das IASB – hat im März dieses Jahres ein sog. Diskussionspapier veröffentlicht, mit der Bitte um Stellungnahme bis zum 31.12.2020. Im Unterschied zum US-amerikanischen FASB hat das IASB den IOA in seinen sog. preliminary views klar favorisiert. Für die Schweiz und auch die Europäische Union sind sicherlich die IFRS insgesamt relevanter, sodass im Folgenden das IASB-Diskussionspapier in seinen Grundzügen vorgestellt wird.

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IASB-Diskussionspapier

Das vom IASB am 19.3.2020 veröffentlichte Diskussionspapier4 resultiert aus den Rückmeldungen, welche das IASB im Rahmen des Post-Implementation Reviews zu IFRS 3erhalten hatte und reiht sich ein in Grundsatzdiskussionen, die auch von anderen Standardsetzern und Stakeholdern in Bezug auf die Folgebewertung des Goodwill geführt werden. So wird der IOA insbesondere als sehr kostenintensiv und manipulationsanfällig gesehen, was Zweifel an der Einhaltung eines angemessenen Kosten-Nutzen-Verhältnisses aufkommen lässt. Die Frist zur Einreichung von Stellungnahmen zum Diskussionspapier des IASB verstreicht am 31.12.2020. Folgende Ausführungen geben den derzeitigen Stand der Sichtweise des IASB (preliminary views) wieder, u.a.:5

  • Eine wesentliche Verbesserung des Impairmenttests für den Goodwill zu vertretbaren Kosten ist nicht möglich. Eine sachgerechte Durchführung der Werthaltigkeitsprüfung in seiner derzeitigen Form stellt jedoch sicher, dass der Buchwert der entsprechenden «Zahlungsmittel generierenden Einheit (ZGE)»6 nicht höher ist als ihr erzielbarer Wert.
  • Das IASB vertritt darüber hinaus die Ansicht, dass der derzeitige Impairmenttest gem. IAS 36 für den Goodwill entscheidungsnützlichere Informationen bereitstellt als die Systematik der planmässigen Abschreibung, die bis zum Jahr 2004 nach IFRS möglich war.7 Eine Wiedereinführung der planmässigen Abschreibung auf den Goodwill und immaterielle Vermögenswerte mit unbestimmter Nutzungsdauer ist vom IASB explizit nicht vorgesehen. Ergänzend führt das IASB aus, dass keine zwingenden Beweise dafür vorliegen, dass eine rein planmässige Abschreibung von Goodwill zu einer wesentlichen Verbesserung der bereitgestellten Informationen führen würde. Auch sei der Impairmenttest für die Beurteilung der Rechenschaftspflicht der Unternehmensleitung bei Akquisitionsentscheidungen effektiver. Weiterhin tritt der IASB der Forderung entgegen, die planmässige Abschreibung auf den Goodwill mit der Begründung wiedereinzuführen, dass der Impairmenttest nicht sachgerecht durchgeführt werden könne oder der Goodwill allgemein verringert werden solle. So könne aus Sicht des IASB der Goodwill aus vielen Gründen zunehmen, z. B. wegen des sich wandelnden Charakters der Wirtschaft und des grösseren Werts, der durch nicht in der Bilanz erfasste immaterielle Vermögenswerte generiert wird.
  • Stattdessen regt das IASB an, den Impairmenttest künftig nur noch anlassbezogen (triggering event) durchzuführen und damit dem Anwender eine Erleichterung einzuräumen. Eine wesentliche Beeinträchtigung der Entscheidungsnützlichkeit wird in diesem Vorschlag nicht gesehen, da das Auftreten eines wesentlichen Wert minderungsbedarfs – nach Auffassung des IASB – ohne vorgängige Hinweise auf einen solchen unwahrscheinlich ist. Überdies werden weitere Vereinfachungen vom IASB angeregt, so z. B. der Einbezug von Cashflows aus Restrukturierungen und aus einer höheren Ertragskraft von Vermögenswerten (= Vermögenswertsteigerungen) sowie die Verwendung von Nachsteuerwerten und Nachsteuerabzinsungssätzen im Rahmen des Impairmenttests.
  • Das IASB spricht sich unverändert dafür aus, dass identifizierbare, immaterielle Vermögenswerte im Rahmen einer Unternehmensübernahme separat vom Goodwill angesetzt werden (IAS 38). Eine Einbeziehung dieser immateriellen Vermögenswerte in den Goodwill – so wie z. B. in der Bilanzierungspraxis nach dem Schweizerischen Accountingstandard Swiss GAAP FER möglich– hält das IASB weiterhin für nicht sachgerecht.

Ein Vergleich des IASB-Diskussionspapiers mit der Invitation to Comment (ITC) des US-amerikanischen FASB zeigt, dass viele zur Diskus sion gestellte Positionen in beiden Dokumenten zu finden sind. Ein wesentlicher Unterschied liegt in der Vorgehensweise. Während das FASB Goodwill-Aspekte ergebnisoffen zur Diskussion stellt, veröffentlichte das IASB eine eigene, vorgefestigte Meinung (preliminary views). Ein weiterer Unterschied ist im Zeitfenster der Durchführung begründet. Da die Kommentierungsfrist in den USA bereits am 7.10.2019 endete, lassen sich die eingegangenen Kommentare bereits auswerten und können als Indikationen für die zu erwartenden Stellungnahmen zum Diskussionspapier des IASB verwendet werden. So spricht sich bspw. eine Mehrheit der US-Kommentierenden für einen Wechsel vom Modell des IOA zum Modell der planmässigen Abschreibung aus. Inwieweit IFRSAnwender, -Prüfer und -Adressaten anders urteilen als die US-amerikanischen Kollegen und die erst 2020 einsetzende Corona-Krise eine Auswirkung auf die Beurteilung der bestehenden IFRS-Vorschriften zur Goodwill-Folgebewertung hat, bleibt indes abzuwarten. Wahrscheinlich ist dennoch, dass die IFRS-Vorschriften zur Goodwillbilanzierung in naher Zukunft eine Anpassung erfahren werden. Ob lediglich in Form von kleineren Erleichterungen oder ob es gar zu einem Paradigmenwechsel durch die Wiedereinführung der planmässigen Abschreibung auf den Goodwill kommt, ist heute noch nicht absehbar. Eine häufig mit einem gewissen Zeitverzug zu beobachtende Annäherung der Schweizer Regelwerke an die internationalen Rechnungslegungsvorschriften, die in der Regel mit einer «Verkomplexisierung» der CH-Vorschriften einhergeht, ist in Bezug auf die Folgebewertung des Goodwill jedoch nicht zu erwarten. Vielmehr haben sich die Vorschriften der Schweizer Regelwerke zum Goodwill in der Vergangenheit als pragmatisch und sehr robust erwiesen.

FUSSNOTEN
1 Gelegentlich ist zu beobachten, dass ein negativer Goodwill vom Substanzwert zur Berechnung des Kaufpreises abgezogen wird. Zu begründen ist dieser entweder mit einem günstigen Kauf (sog. «Lucky Buy») oder mit negativen Zukunftsaussichten (sog. «Badwill»). Letztere liegen bspw. vor, wenn die Marke eines Unternehmens durch einen Gerichts- oder Medienfall stark beeinträchtigt wurde und möglicherweise juristische Entscheide noch ausstehend sind.
2 Vgl. www.weka.ch/themen/finanzen-controlling/finanzmanagement/unternehmens-bewertung/article/goodwill-nach-ifrs-swiss-gaap-fer-und-or/(Abruf: 31.08.2020).
3 Die Invitation to Comment (ITC) des FASB «Identifiable Assets and Subsequent Accounting for Goodwill» ist abrufbar unter www.fasb.org/jsp/FASB/Document_C/DocumentPage?cid= 1176172950529&acceptedDisclaimer=true (Abruf: 31.08.2020).
4 Das Diskussionspapier ist abrufbar unter www.ifrs.org/projects/work-plan/goodwill-and-impairment (Abruf: 31.08.2020).
5 Vgl. Tettenborn/Canipa-Valdez/Höltken, Zukunft der IFRS-Goodwill-Folgebewertung vor dem Hintergrund aktueller Diskussionspapiere, in: BetriebsBerater 2020, S. 1770-1774.
6 US-GAAP verlangt, dass der Goodwill-Impairmenttest auf Ebene der Berichtseinheit durchgeführt wird, während IFRS das Bilanzierungsobjekt als ZGE definiert.
7 Der Goodwill war planmässig abzuschreiben und durfte einen Abschreibungszeitraum von max. 20 Jahren nicht überschreiten. Gemäss IFRS für KMU gilt noch heute, dass die Nutzungsdauer zu schätzen ist. Wenn dies nicht möglich ist, ist der Goodwill über einen Zeitraum von max. zehn Jahren abzuschreiben.
8 Vgl. Canipa-Valdez/Hüttche, in: Mathis/Nobs (Hrsg.), Treuhand und Revision – Jahrbuch, 2016, S. 103– 137.

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