03.08.2020

Wirtschaftskriminalität: Finanz- und Rechnungswesen im Fokus

Vorhang auf für die Wirtschaftskriminalität: Was sich wie ein schlechtes Theaterstück liest, kommt auch im Schweizer Wirtschaftsleben leider viel zu oft vor – mit dem Finanz- und Rechnungswesen in einer zentralen Rolle.

Von: Susanne Grau  DruckenTeilen 

Susanne Grau

Susanne Grau, MLaw, MAS ECI, CFE, Expertin R&C. Sie ist Inhaberin der SUSANNEGRAU Consulting GmbH und berät Unternehmen in sämtlichen Belangen rund um das Thema Wirtschaftskriminalität.

Bilanzbetrug

Willkommen in diesem Theater

Für einmal spielen sich tragische Momente nicht auf der Bühne ab. Ein über sechsjähriger Gerichtsprozess des Wiener Burgtheaters endete im Januar 2020 mit der Verurteilung der ehemaligen Geschäftsführerin wegen Untreue und Veruntreuung. Vom Vorwurf der Bilanzfälschung wurde sie mangels «subjektiver Tatseite» freigesprochen. Was war geschehen? Die Geschäftsführerin stand allem Anschein nach unter grossem psychischem Druck, weil sie die von den Vorgesetzten geforderte «schwarze Null» im Jahresabschluss erreichen musste. Sie schönte die Bilanz, indem sie Bühnenbilder bereits abgespielter Stücke werthaltig in der Bilanz stehen liess und nicht abschrieb. Im Weiteren verwendete sie Honorare, die den Künstlern zustanden, missbräuchlich, um einerseits Löcher im Budget des Burgtheaters zu stopfen, andererseits aber auch, um ihren privaten, luxuriösen Lebensstil zu finanzieren. So geht es aus der Anklageschrift hervor. Da sie an einem Burn-out litt, konnte sie anscheinend nicht mehr unterscheiden, welche Gelder dem Theater, Dritten oder ihr selber gehören. Ein als Sachverständiger zugezogener Wirtschaftsprüfer beurteilte ihre Machenschaften als wesentliche Falschdarstellungen in der Bilanz. Da diese Praxis aber schon über Jahre so gehandhabt und von den Wirtschaftsprüfern genehmigt wurde und der Staat Österreich nicht geschädigt, sondern «nur» Vermögenswerte zu hoch dargestellt wurden, geschah hier strafrechtlich nichts. Nicht immer läuft es so glimpflich ab, aber immer spielt das Finanz- und Rechnungswesen eine zentrale Rolle.

Wirtschaftskriminelle Verhaltensweisen

Wenn sich die schädigenden Handlungen gegen das Unternehmen richten und die Täter aus den Reihen der Mitarbeitenden, Manager oder der Organe/Inhaber stammen, spricht man von Occupational Fraud (Kriminalität im Rahmen eines Anstellungsverhältnisses). Von Corporate Fraud ist die Rede, wenn die Handlung vom Unternehmen ausgeht und dadurch Dritte geschädigt werden. Schliesslich kann das Unternehmen auch von aussen durch in der Regel unbekannte Personen gefährdet werden. Diese Abbildung zeigt dies im Überblick.

Bei Occupational Fraud handelt es sich um Delikte, die durch Angestellte und Organe im Unternehmen gegen das Unternehmen begangen werden, mit dem Ziel der persönlichen Bereicherung. Geschädigt wird das Unternehmen. Die typischen Vorgehensweisen sind die Vermögensveruntreuung durch Bargeld, Buchgeld oder Sachwerte, die passive Bestechung durch Entgegennahme von Geldern, Geschenken oder anderen Vorteilen sowie die interne Bilanzfälschung, wenn beispielsweise die persönlichen Spesen mit fiktiven Belegen abgerechnet und verbucht werden.

Bei Corporate Fraud wird das Unternehmen selbst zum Täter, geschädigt werden Dritte wie beispielsweise Geschäftspartner, Kunden oder der Staat. Ein typisches Delikt ist die externe Bilanzfälschung, indem beispielsweise der Bank eine gefälschte Bilanz vorgelegt wird, um auf betrügerische Art und Weise Kredite zu erlangen. Eine Besonderheit bei Corporate Fraud stellt die Strafbarkeit des Unternehmens dar. Unternehmen werden gebüsst, wenn bei ihnen ein Verbrechen oder Vergehen begangen wird, welches wegen mangelhafter Organisation keiner Person zugerechnet werden kann (Organisationsmangel). Wenn es sich um besonders schwere Straftaten handelt, macht sich das Unternehmen in jedem Fall strafbar, unabhängig davon, ob die handelnde Person ausfindig gemacht werden kann. Das gilt allerdings nur für einen genau bezeichneten Katalog an schweren Straftaten, wozu die Geldwäscherei und die aktive Bestechung gehören.

Bei den Angriffen von aussen werden Unternehmen durch externe Täter geschädigt. Der Angriff geschieht in der Regel unter Zuhilfenahme von Täuschung, List und digitaler Mittel. Die Täter sind in der Regel unbekannt, befinden sich meistens im Ausland und sind unauffi ndbar. Es können aber auch IT-affine ehemalige Mitarbeitende sein, die frustriert sind und als Gehilfen agieren. Ein typisches Delikt ist der CEO-Fraud. Mit einer gefälschten E-Mail, welche typischerweise an einen Mitarbeitenden im Rechnungswesen gesandt wird, gibt sich die Täterschaft als Geschäftsführer aus und verlangt die Zahlung eines grösseren Geldbetrags auf ein Bankkonto im Ausland. Es wird vorgegaukelt, es handle sich dabei um ein sehr wichtiges und daher geheimes Projekt.

Bei den vorstehend erwähnten Unternehmen kann es sich auch um Stiftungen, Verbände oder Organisationen der öffentlichen Hand handeln.

Vermögensveruntreuung

Vermögensveruntreuung geschieht zum Schaden des Unternehmens und zeigt sich darin, dass Bargeld oder andere Vermögenswerte durch unrechtmässige Bezüge von Mitarbeitenden, leitenden Angestellten oder Geschäftsführern sowie Organen oder Inhabern wegkommen. Es werden dabei Kompetenzen überschritten und nicht selten auch Belege gefälscht. Gerade in Zeiten der Digitalisierung und der Automatisierung von Buchungs- und Kontrollprozessen muss in Betracht gezogen werden, dass elektronische Belege und Daten falsch sind beziehungsweise der ihnen zugrunde liegende Sachverhalt oder Geschäftsvorfall nicht stimmt. Im eingangs erwähnten Beispiel des Burgtheaters hat die Geschäftsführerin Honorare, welche den Künstlern zustehen, für das Burgtheater und für sich persönlich verwendet. Hätte man dies erkennen können? Wirtschaftsermittler beurteilen solche Handlungen jeweils unter drei Aspekten:

  • Motiv
  • Gelegenheit
  • Rechtfertigung

Die Geschäftsführerin handelte allem Anschein nach aus der Not heraus, um im Burgtheater die von den Vorgesetzten geforderte «schwarze Null» erzielen zu können. Sie bezweckte aber auch eine persönliche Bereicherung. Die Gelegenheit bot sich ihr im Zusammenhang mit ihrer Funktion und dem Zugang zu den Künstlerhonoraren. Die Rechtfertigung fand sie wohl darin, zum Wohle des Burgtheaters zu handeln. Vorliegend hätte man dies eventuell durch eine Änderung im Prozessablauf der Honorare verhindern können. Diese wurden allem Anschein nach, wie in der Künstlerwelt traditionell nicht unüblich, in bar bezahlt.

Bei der Vermögensveruntreuung kann es sich im Weiteren auch um Diebstahl beispielsweise von Lagerbeständen handeln, oder eine Geschäftswohnung wird dem Geschäftsführer zu einem viel zu günstigen Mietpreis vermietet.

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Bestechung

Bestechungszahlungen können privater Natur sein oder Amtsträger betreffen. Die Handlungen sind beidseits strafbar, d.h., es betrifft jeweils die Person, die aktiv besticht, und die Person, welche die Bestechung annimmt.

Viele Unternehmen sind sich immer noch nicht bewusst, dass die Privatbestechung als Offizialdelikt strafbar ist und der Staat handeln muss, wenn er davon Kenntnis erhält. Allerdings kommt es mangels Anzeigen selten zu Strafverfahren. Unabhängig davon wirkt sich die Privatbestechung in der Regel negativ auf das Geschäftsergebnis aus. Der Einkaufssachbearbeiter schädigt beispielsweise das Unternehmen, indem er vom Lieferanten Geld oder Geschenke entgegennimmt und in der Folge die Ware zu teuer einkauft (passive Privatbestechung). Die Mitarbeitende des Lieferanten, welche die Bestechung aktiv anbietet, schädigt wiederum ihren Arbeitgeber, indem sie das unrechtmässig bezahlte Bestechungsgeld beispielsweise mit einem gefälschten Beleg über ihre Spesen verarbeiten lässt. Hier kommt das Finanz- und Rechnungswesen wieder ins Spiel, denn es ist der Ort der Beweise.

Bilanzfälschung

Der Bilanz kommt im Geschäftsverkehr eine wichtige Informationsfunktion zu. Teilhaber, Investoren, Kunden sowie Kredit gewährende Gläubiger verlassen sich darauf. Sie dient der Erfüllung der Rechenschaftspflicht, welche die leitenden und obersten Organe gegenüber Shareholdern und Stakeholdern zu erfüllen haben. Die Jahresrechnung muss wahr sein, d.h., sie muss ein möglichst getreues Abbild der tatsächlichen wirtschaftlichen Lage des Unternehmens vermitteln. Sie darf diese nicht günstiger darstellen, als sie ist. Gleichzeitig haben die Bilanz und ihre Bestandteile auch intern eine Informationsfunktion. Das Finanz- und Rechnungswesen sorgt dafür, dass das Unternehmen seine vielfältigen Verpflichtungen erfüllen kann.

Im Schweizer Rechnungslegungsrecht finden wir keine Strafnorm, welche die Bilanzfälschung explizit unter Strafe stellt. Zur Anwendung kommt die Urkundenfälschung beziehungsweise die Falschbeurkundung, wonach bestraft wird, wer die Bilanz – und alle zugehörigen Bestandteile – inhaltlich falsch darstellt, mit Vorsatz sowie Täuschungs- oder Vorteilsabsicht. Massgebend für die Beurteilung der inhaltlichen Falschdarstellung sind die Rechnungslegungsvorschriften, wobei der Übergang von der erlaubten Bilanzkosmetik zur strafbaren Bilanzfäslchung fliessend ist und in der praktischen Beurteilung vieles unklar ist. Leider gibt es in diesem Bereich nur wenig Rechtsprechung.

Bei der externen Bilanzfälschung werden Zahlen geschönt, um beispielsweise einen Bankkredit zu erhalten oder den Konkurs herauszuzögern. Hier ist Aufmerksamkeit und Vorsicht geboten. Die Mitarbeitenden im Finanz- und Rechnungswesen laufen sonst Gefahr, selber zu Tätern oder Gehilfen zu werden.

Bei der internen Bilanzfälschung werden beispielsweise Aufwendungen von Mitarbeitenden oder Managern nicht verbucht, um die persönlichen Jahresziele erreichen zu können. Es kann ein persönlicher Bonus oder eine Beförderung damit verbunden sein. Lassen sich solche Handlungen erkennen? Wirtschaftsermittler unterteilen bilanzbetrügerische Aktivitäten wie folgt:

  • fiktive Erträge
  • unerlaubte zeitliche Abgrenzungen
  • unerlaubte Bewertungen von Aktiven
  • verheimlichte Schulden und Aufwendungen
  • unvorschriftsmässige Offenlegungen

Wirtschaftskriminalität im Finanz- und Rechnungswesen

Wirtschaftskriminalität ist facettenreich. Jeder Fall hat seine Eigenheiten. Immer nimmt das Finanz- und Rechnungswesen eine zentrale Rolle ein. Prävention, Entdeckung und Untersuchung laufen hier zusammen. Was gilt es zu beachten?

Gelegenheit macht Diebe. Basierend auf einem Fraud Risk Assessment sollte das Unternehmen konkrete Risiken für wirtschaftskriminelle Verhaltensweisen und die Folgen daraus definieren. Beispielsweise sollte ganz konkret in Betracht gezogen werden, dass Arbeitszeitkontrollen, Spesenabrechnungen oder Lieferantenrechnungen gefälscht sind. Ebenso ist es wichtig, Kompetenzüberschreitungen leitender Angestellter oder Organe in Bezug auf ihre möglichen negativen finanziellen Auswirkungen im Auge zu behalten. Sollte es zu einem Strafverfahren kommen, ist es plötzlich von grösster Wichtigkeit, wer beispielsweise eine Zahlung gefordert, kontrolliert, genehmigt und ausgeführt hat.

Der Vorhang ist gefallen: Das Theaterstück am Burgtheater mit der Geschäftsführerin in der Hauptrolle hat vorläufig sein Ende genommen.

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