18.10.2017

Rechnungsvoraussetzungen: In der Schweiz und in der EU

Wer sich mit der Mehrwertsteuer auseinandersetzen m├Âchte oder muss, kommt nicht umhin, sich mit dem Thema der mehrwertsteuerlich korrekten Rechnungsstellung zu befassen (dies umso mehr, wenn das eher formalistische Recht der EU Mitgliedstaaten betroffen ist). Dieser Artikel soll in knapper Form die wesentlichen Aspekte der Rechnungsstellung aus Sicht des Schweizer Rechts einerseits und aus Sicht der europarechtlichen Vorgaben andererseits darstellen.

Von: Christoph Drexl, Fiona-Jean Stabinger   Drucken Teilen   Kommentieren  

Christoph Drexl

Rechtsanwalt (Deutschland), in Ausbildung zum MAS in VAT. Christoph Drexl, Manager Indirect Tax Services, wechselte 2011 nach erfolgreich abgeschlossener Ausbildung zum Fachanwalt f├╝r Steuerrecht aus Deutschland zu EY in Z├╝rich. Bereits in Deutschland war Christoph Drexl bei EY insbesondere mit der Betreuung komplexer internationaler Mehrwertsteuersachverhalte und nationaler Mehrwertsteuerfragen betraut. In der Schweiz hat Christoph Drexl sein europarechtliches Spezialwissen im Bereich internationaler Supply-Chain-Optimierung weiter ausbauen uns sich vertiefte Kenntnisse im Schweizer Mehrwertsteuerrecht aneignen k├Ânnen.

Fiona-Jean Stabinger

Arbeitet seit Anfang 2012 als Senior Consultant Indirect Tax Services bei EY in Z├╝rich. Fiona Stabinger hat breite Erfahrung im Schweizer Mehrwertsteuerrecht und auch in internationalen Mehrwertsteuerfragen. Sie arbeitet schwerpunktm├Ąssig an internationalen Supply-Chain-Projekten mit. Fiona Stabinger ist seit 2013 auch Mitglied des EY-internen Zollteams und betreut regelm├Ąssig Projekte in diesem Themengebiet. Ausserdem arbeitet sie bei internen und externen Schulungen mit.

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Die formal korrekte Rechnung

Rechnungen kommt im Gesch├Ąftsverkehr eine hohe Bedeutung zu: Befreiungen k├Ânnen an eine formal korrekte Rechnung gekn├╝pft sein, der Vorsteuerabzug versagt werden, wenn die Rechnung nicht den entsprechenden Vorgaben entspricht. W├Ąhrend in der Schweiz eine steuerpflichtige Person nur auf Verlangen des Leistungsempf├Ąngers eine Rechnung auszustellen hat, gelten in der EU wesentlich strengere Vorgaben. Zudem gilt in der Schweiz der Grundsatz der freien Beweisw├╝rdigung: das Vorliegen einer formell korrekten Rechnung ist keine zwingende Voraussetzung, damit dem Leistungsempf├Ąnger der Vorsteuerabzug aus dem Bezug der jeweiligen Leistung gew├Ąhrt werden kann. Gleichwohl ist auch in der Schweiz die formal korrekte Rechnung die f├╝r alle Beteiligten einfachste Form, die mehrwertsteuerrelevanten Tatsachen eines Leistungsaustausches zu dokumentieren. Daher sollen hier zun├Ąchst die Schweizer Grundlagen dargestellt werden, um anschliessend auf die europarechtlichen Vorgaben einzugehen.

Form und Inhalt der Rechnung im Schweizer Mehrwertsteuerrecht

Das Mehrwertsteuergesetz benennt 6 Elemente, welche ein Dokument aufweisen muss, um als formal korrekte Rechnung anerkannt zu werden. Demnach muss eine Rechnung grunds├Ątzlich die nachfolgenden Elemente enthalten:

  1. den Namen und Ort des Leistungserbringers oder der Leistungserbringerin, wie er oder sie im Gesch├Ąftsverkehr auftritt, den Hinweis, dass er oder sie im Register der steuerpflichtigen Personen eingetragen ist, sowie die Nummer, unter der er oder sie eingetragen ist;
  2. den Namen und Ort des Leistungsempf├Ąngers oder der Leistungsempf├Ąngerin, wie er oder sie im Gesch├Ąftsverkehr auftritt;
  3. Datum oder Zeitraum der Leistungserbringung, soweit diese nicht mit dem Rechnungsdatum ├╝bereinstimmen;
  4. Art, Gegenstand und Umfang der Leistung;
  5. das Entgelt f├╝r die Leistung;
  6. den anwendbaren Steuersatz und den vom Entgelt geschuldeten Steuerbetrag; schliesst das Entgelt die Steuer ein, so gen├╝gt die Angabe des anwendbaren Steuersatzes.

Form und Inhalt der Rechnung im EU Mehrwertsteuerrecht

Die Rechnungsvoraussetzungen in der EU gehen weiter als die der Schweiz. Um weitgehend einheitliche Anforderungen zu schaffen, wurde mittels der MWST-Systemrichtlinie (Richtlinie 2006/112/EG vom 28. November 2006) die Rechnungsstellung in der EU weitgehend harmonisiert. Demnach muss eine Rechnung in der EU grunds├Ątzlich zwingend folgende Angaben enthalten: Neben den Voraussetzungen in der MWST-Systemrichtlinie wurden die spezifischen Rechnungsrichtlinien (2001/115/EC sowie 2010/45/EU) erlassen, welche weitergehende Informationen zur Rechnungsstellung enthalten. Neben diesen Voraussetzungen gelten spezielle Vorschriften f├╝r den Fall der Anwendung spezieller Sachverhalte (Differenzbesteuerung, Handel mit Kunst und Antiquit├Ąten etc.)

  1. den vollst├Ąndigen Namen und die vollst├Ąndige Anschrift des Leistungserbringers oder der Leistungserbringerin sowie des Leistungsempf├Ąngers oder der Leistungsempf├Ąngerin;
  2. die dem Leistungserbringer oder der Leistungserbringerin erteilte Mehrwertsteuer-Identifikationsnummer (MWST-ID);
  3. das Ausstellungsdatum;
  4. eine fortlaufende Nummer mit einer oder mehreren Zahlenreihen, die zur Identifizierung einmalig vergeben wird (Rechnungsnummer);
  5. die Menge und die Art (handels├╝bliche Bezeichnung) der gelieferten Gegenst├Ąnde oder den Umfang und die Art der Dienstleistung;
  6. den Zeitpunkt der Lieferung oder Dienstleistung oder der Vereinnahmung des Entgelts oder eines Teils des Entgelts (sofern die Leistung noch nicht ausgef├╝hrt ist), sofern dieser Zeitpunkt feststeht und nicht mit dem Ausstellungsdatum der Rechnung identisch ist.
  7. das nach Steuers├Ątzen und den einzelnen Steuerbefreiungen aufgeschl├╝sselte Entgelt f├╝r die Lieferung oder Dienstleistung, den Preis pro Einheit sowie jede im Voraus vereinbarte Minderung des Entgelts, sofern sie nicht bereits im Entgelt ber├╝cksichtigt ist;
  8. den anzuwenden Steuersatz;
  9. f├╝r den Fall, dass der Leistungsempf├Ąnger oder die Leistungsempf├Ąngerin die Rechnung ausstellt der Vermerk ┬źSelf-Billing / Rechnungsersetzende Gutschrift┬╗
  10. den auf das Entgelt entfallenden Steuerbetrag;
  11. im Fall einer Steuerbefreiung: Hinweis darauf, dass f├╝r die Lieferung oder Dienstleistung eine Steuerbefreiung gilt;
  12. wenn der Leistungsempf├Ąnger oder die Leistungsempf├Ąngerin SteuerschuldnerIn ist: Hinweis auf die Steuerschuldnerschaft des Leistungsempf├Ąngers oder der Leistungsempf├Ąngerin

Zudem besteht in der EU, im Gegensatz zur Schweiz, gem├Ąss Art. 220 der MWST-Systemrichtlinie die Pflicht zur Rechnungsstellung. Diese Pflicht kann entfallen, wenn nur von der Mehrwertsteuer ausgenommene Leistungen in Rechnung gestellt werden. Zudem ist zu beachten, dass im Falle von von der Steuer befreiten innergemeinschaftlichen Lieferungen, bei an Unternehmen erbrachten grenz├╝berschreitenden Dienstleistungen und generell in den F├Ąllen, in denen der Empf├Ąnger f├╝r die Abrechnung der Steuer zust├Ąndig ist, gem├Ąss Art. 222 MWST-Systemrichtlinie entsprechende Rechnungen bis zum 15. Tag nach Ende des Monats, in welchem die Steuer entstanden ist, gestellt werden m├╝ssen. F├╝r andere Lieferungen und Leistungen gelten regelm├Ąssig andere Fristen, welche von Mitgliedstaat zu Mitgliedstaat verschieden sind.

Zus├Ątzliche Anforderung einer Rechnung im EU Mehrwertsteuerrecht

Die Richtlinie 2006/112/EG sieht ├╝berdies vor, dass die einzelnen Mitgliedstaaten von den Steuerpflichtigen zu den obengenannten Anforderungen weitere Angaben verlangen k├Ânnen. Beispielsweise haben sie auch die M├Âglichkeit, Spezialausnahmen von oberstehender Ausnahme der Rechnungsstellung bei von der Steuer ausgenommenen Leistungen zu erlassen.  

Nachstehend findet sich eine ├ťbersicht ├╝ber die zus├Ątzlichen Anforderungen, die die einzelnen Mitgliedstaaten verlangen k├Ânnen, aufgeteilt nach Thema.

├ťbersicht zu den Rechnungsvoraussetzungen

Angaben zum Leistungserbringer

  • Vollst├Ąndiger Name und Anschrift (in dem Land, in welchem das Unternehmen seinen Sitz hat)
  • MWST-Nummer im T├Ątigkeitsland
  • MWST-Nummer in dem Land, in welchem das Unternehmen seinen Sitz hat
  • Allgemeine Steuernummer
  • Adresse des Fiskalvertreters (falls bestellt)
  • MWST-Nummer des Fiskalvertreters (falls bestellt)
  • Rechtsform
  • Handelsregisternummer

Angaben zum Leistungsempf├Ąnger

  • Daten gem├Ąss dem Handelsregister (z.B. Gerichtsstand, Adresse der Handelskammer)
  • Sitz des Unternehmens
  • Grundkapital
  • Name(n) der Direktor(en)
  • Unterschrift
  • Vollst├Ąndiger Name und Anschrift des Leistungsempf├Ąngers
  • MWST-Nummer im T├Ątigkeitsland
  • Name des Fiskalvertreters (falls bestellt)
  • MWST-Nummer des Fiskalvertreters (falls bestellt)

Transaktionsdaten

  • Rechnung in der Landessprache des Landes, in dem die Transaktion stattfindet
  • Rechnungsdatum
  • Fortlaufende Rechnungsnummerierung
  • Waren- oder Dienstleistungsbeschreibung
  • Transaktionsdatum/Datum oder Zeitraum der Lieferung
  • Menge der Waren/Umfang der erbrachten Leistungen
  • Masseinheit
  • Beschreibung ┬źOriginal┬╗ oder ┬źKopie┬╗

Finanzdaten

  • Nettobetrag pro St├╝ck (Nettoeinheitspreis)
  • Mehrwertsteuersatz
  • Erm├Ąssigungen/Rabatte
  • Gesamtnettobemessungsgrundlage je Steuersatz oder Steuerbefreiung / Steuerausnahme
  • Gesamtsteuerbetrag
  • Gesamtbruttobetrag
  • Landesw├Ąhrung in dem Land, in dem die Transaktion stattfindet
  • Gesamtsteuerbetrag in der Landesw├Ąhrung des Landes, in dem die Transaktion stattfindet
  • Wechselkurs f├╝r die lokale W├Ąhrung
  • Zahlungsbedingungen
  • IBAN oder BIC des Leistungserbringers
  • Bezeichnung ┬źRechnung┬╗
  • Nettover├Ąusserungswert (Nettowert der verkauften Waren oder erbrachten Dienstleistungen)
  • Gesamtbruttobetrag pro Steuersatz, Befreiung oder ausserhalb des Geltungsbereichs der MWST
  • Rechnungsbetrag und Steuerbetrag, in Zahlen als auch in Worten
  • Rechtsgrundlage, wenn die Leistung einem reduzierten Steuersatz unterliegt
  • Rundungsregeln (Betr├Ąge unter 0.5 Euro-Cent sind auf 0 abzurunden und Betr├Ąge von ├╝ber 0.5 Euro-Cent sind auf 1 aufzurunden)

Zus├Ątzliche Informationen bei Leistungen, die dem Reverse-Charge unterliegen

  • Verweis auf die entsprechende Bestimmung in der Neufassung der EU Mehrwertsteuerrichtlinie, oder Verweis auf die entsprechende Bestimmung im lokalen Mehrwertsteuergesetz oder ein anderer Hinweis darauf, dass die Leistung von der Mehrwertsteuer befreit ist oder dem Reverse-Charge unterliegt.
  • Rechtsgrundlage f├╝r die Anwendung der Mehrwertsteuerbefreiung bei Lieferungen, welche von der Mehrwertsteuer befreit ist.

Zus├Ątzliche Informationen bei innergemeinschaftlichen Lieferungen

  • MWST-Nummer des Leistungserbringers im Versendestaat
  • MWST-Nummer des Leistungsempf├Ąngers im Ankunftsland
  • Hinweis darauf, dass die Leistung von der Mehrwertsteuer befreit ist/Nullsatz oder Verweis auf die entsprechende Bestimmung in der Neufassung der EU Mehrwertsteuerrichtlinie, oder Verweis auf die entsprechende Bestimmung im lokalen Mehrwertsteuergesetz f├╝r die innergemeinschaftliche Lieferung.

Zus├Ątzliche Informationen beim Warenexport

  • Hinweis darauf, dass die Leistung von der Mehrwertsteuer befreit ist/Nullsatz oder Verweis auf die entsprechende Bestimmung in der Neufassung der EU Mehrwertsteuerrichtlinie, oder Verweis auf die entsprechende Bestimmung im lokalen Mehrwertsteuergesetz f├╝r die Ausfuhr von G├╝tern.

Credit notes / Gutschriften

  • Bezugnahme auf die Original-Rechnung
  • Separate fortlaufende Rechnungsnummer
  • Beschreibung ┬źGutschrift┬╗ oder ┬źKorrekturrechnung┬╗
  • Grund f├╝r die Gutschrift
  • Die in der Originalrechnung enthaltenen Daten (Rechnungsnummer, Name und Anschrift des Leistungserbringers und Leistungsempf├Ąngers, MWST-Nummer des Leistungserbringers und K├Ąufers, Ausgabedatum, Buchungsdatum).
  • Gutschriften (Korrektur von Rechnungen), welche im Falle von Fehlern in der Originalrechnung ausgestellt werden, sollten sowohl alle f├╝r Gutschriften erforderlichen Daten enthalten, wie auch die falschen Daten aus der Originalrechnung.

Zus├Ątzliche Informationen beim Verbringen eigener Ware (Movement of own goods)

  • Eine Pro-forma-Rechnung mit Transaktionsdaten und Zusatzinformationen f├╝r die innergemeinschaftliche Lieferung.

Zusammenfassung

Die Erf├╝llung des recht ├╝berschaubaren Katalogs inhaltlicher Anforderungen an mehrwertsteuerkonforme Rechnungen in der Schweiz reicht leider in den meisten F├Ąllen nicht hin, sobald das europ├Ąische Mehrwertsteuersystem einschl├Ągig ist. Bedauerlicherweise war es auch im harmonisierten Mehrwertsteuersystem der Mitgliedstaaten bis anhin nicht m├Âglich, sich auf einen europ├Ąischen Standard f├╝r innereurop├Ąische Waren- und Dienstleistungsstr├Âme zu einigen ÔÇô zu unterschiedlich sind die Anforderungen von Land zu Land. Die Vielfalt der Anforderungen an den Inhalt einer formal korrekten Mehrwertsteuerrechnung in der EU zeigt, welchen Grad an Harmonisierung das Mehrwertsteuersystem der EU zum heutigen Zeitpunkt erreicht hat. Im Sinne eines Abbaus administrativer H├╝rden im EU-Binnenmarkt bleibt zu hoffen, dass die Mitgliedstaaten sich hier bald auf einen ÔÇô praxistauglichen ÔÇô gemeinsamen Katalog einigen.

Quelle: Dieser Beitrag stammt aus der Online-L├Âsung MehrwertsteuerPraxis.

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